Das Relief von Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kuhrt heißt weder "Aufbruch" noch "Aufbau", sondern: "Karl Marx und das revolutionäre weltverändernde Wesen seiner Lehre"
Lesen Sie auch:
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 4. Mai 2010 (Printausgabe - Kulturseite 10)
© Leipziger Volkszeitung
"Aufrecht stehen" Reinhard Minkewitz und Erich Loest
Größer und deutlicher in seiner Botschaft: der zweite Entwurf eines Bildes für die Opfer des DDR-Regimes
Er ist Schriftsteller, Leipziger Ehrenbürger, Kunstmäzen - Erich Loest kämpft weiter, dass die Opfer des DDR-Regimes nicht vergessen werden. Jetzt ist der zweite Entwurf zum von ihm in Auftrag gegebenen monumentalen Wandbild "Aufrecht stehen" fertig gestellt.
Von Thomas Mayer
"Das Bild ist fertig. Besteht Interesse daran?", sandte Erich Loest, die Mailkommunikation noch immer verweigernd, ein Fax. "Das Bild" ist 410 Zentimeter lang und 84 Zentimeter hoch. Es wurde in Mischtechnik auf Leinwand gemalt. Sein Titel lautet: "Aufrecht stehen - für Ernst Bloch, Werner Ihmels, Wolfgang Natonek, Siegfried Schmutzler". Der Maler des Entwurfs für ein Wandbild heißt Reinhard Minkewitz. In dessen Atelier im Leipziger Musikviertel steht das einnehmende Gemälde. Loest, der es in Auftrag gab und das Werk laut Künstler ordentlich honorierte, ist "sehr angetan".
Im Vergleich zum ersten, kleineren Format sind die Personen, um die es geht, stärker konturiert, ja beinahe fotografisch hervorgehoben. Links, als einziger in voller Körpergröße stehend, der Student Werner Ihmels, der vor 60 Jahren sein Eintreten für ein demokratisches Deutschland mit dem Tod im Zuchthaus Bautzen bezahlen musste. Loest geht Ihmels Schicksal besonders nahe. Denn der Autor selbst saß bekanntlich nur wenige Jahre später in Bautzen im Gefängnis.
Die weiteren Protagonisten des Gemäldes für die Opfer des Regimes an der Leipziger Universität sind der Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler, der liberale Vorsitzende des Studentenrates Wolfgang Natonek, der Philosoph Ernst Bloch und der Germanist und Literaturwissenschaftler Hans Mayer.
Loest hatte vor Jahren das Gemälde bei Reinhard Minkewitz in Auftrag gegeben und sich damit mit der Leitung der Alma Mater angelegt. Seine Beweggründe: Er wollte nicht einsehen, dass DDR-Staatskunst seiner Auffassung nach hofiert wurde und damit ein System, unter dem er und genannte Opfer zu leiden hatten. So plante der Schriftsteller seinen Protest künstlerisch zu formulieren - mit einem bildhaften Gedenken an den zu Tode gekommenen Ihmels, an Schmutzler und Natonek, die in Haft saßen, und an Bloch und Mayer. Beide litten freilich vergleichsweise komfortabel. Sie konnten in den Westen gehen und machten dort weiter Karriere.
Mit dem ersten Entwurf hatte Loest polarisiert, was Minkewitz gar nicht Recht war. Denn trotz vieler Gegenreden war der Begriff des "Gegenbildes" zu einem Wandbild von Werner Tübke nicht aus der Welt zu schaffen.
Minkewitz sagt noch heute: "Ich habe nie und nimmer vorgehabt, ein Gegenbild zu dem von Werner Tübke zu schaffen. Was aber nicht ausschließt, dass ,Aufrecht stehen' im Kontext des Tübke-Wandbildes ,Arbeiterklasse und Intelligenz' begriffen werden kann. Die Bilder zu malen, war eine spannende Aufgabe, weil ich als Nachgeborener in jene Zeit hinein schauen konnte." Auch Loest bleibt sich treu: "Das Wandbild von Tübke, auf dem mit Paul Fröhlich sogar ein Hardliner der SED, dem wir zudem die Sprengung der Paulinerkirche zu verdanken haben, gehört ins Bildermuseum, aber nicht in eine demokratisch aufgestellte Universität."
Den ersten Entwurf von "Aufrecht stehen" vermachte Loest, weil es für ihn in Leipzig keine Lobby gab, seiner Geburtsstadt Mittweida. Hier hängt es schon mal im künftigen Erich-Loest-Museum. Noch ist das Haus nicht öffentlich, weil der Stadt die Mittel fehlen, Loest sein Museum zu stiften. Der fast 85-Jährige nimmt diese Verzögerung mit bemerkenswerter Gelassenheit zur Kenntnis: "Ich habe das getan, was ich tun musste. Alles weitere wird die Zeit zeigen."
Alles weitere heißt vor allem, dass dieses Gemälde in voller Gestaltung, zweieinhalb Mal so groß wie der erste Entwurf und damit den in Bautzen zu Tode gekommenen Werner Ihmels lebensgroß zeigend, doch noch seinen Platz als Wandbild in der Leipziger Universität finden soll. Maler wie Mäzen haben nicht aufgegeben, daran zu glauben. Sie hoffen auf einen Sinneswandel der Alma Mater, zumal die Leitungsgremien bald neu besetzt sein werden.
Loest, gegenwärtig froh, die Herzbeschwerden im Griff zu haben, möchte mit dem neuen Entwurf eines auf keinen Fall: neuen Streit. Im September wird sein Bild in der Medienstiftung der Sparkasse seinen Platz finden. Leipzigs Ehrenbürger schenkt "Aufrecht stehen" unter zwei Bedingungen: Es wird aufgehängt und bleibt zehn Jahre sichtbar an der Wand.
Reinhard Minkewitz: Die Bilder zu malen, war eine spannende Aufgabe, weil ich als Nachgeborener in jene Zeit hinein schauen konnte.
"Aufrecht stehen" (Entwurf zu einem Wandbild), Mischtechnik auf Leinwand, 2010, von Reinhard Minkewitz mit den Akteuren Werner Ihmels, Siegfried Schmutzler, Wolfgang Natonek, Ernst Bloch, Erich Loest (von hinten), Hans Mayer (von links). Foto: Marion Wenzel
Quelle: Welt online 25.8.2009
© WELT.de - 25. August 2009, 04:00 Uhr
Vierzehn Meter DDR
Von Uta Baier
Der Streit ist entschieden: Werner Tübkes Propaganda-Gemälde "Arbeiterklasse und Intelligenz" wird wieder in der Leipziger Uni aufgehängt
Wenn einer Bescheid weiß über das monumentale Gemälde "Arbeiterklasse und Intelligenz", dann ist es der Kustos der Universität Leipzig. Ein ganzes Buch hat Rudolf Hiller von Gaertringen vor drei Jahren über das programmatisch-propagandistische Bild von Werner Tübke herausgegeben. Und für Hiller steht seitdem fest: Dieses Gemälde war ein "Türöffner" für Tübke. Nachdem dieser den Auftrag, ein propagandistisches Werk für die Leipziger Uni zu schaffen, zwischen 1970 und 1973 zur Zufriedenheit von Partei und Staatsführung ausgeführt hatte, durfte er nach Italien reisen. "Bei dieser Reise fand er wohl auch seinen Galeristen in Mailand", sagt Hiller, "und ohne dieses Bild ist der Nachfolgeauftrag für das Revolutionsgemälde in Bad Frankenhausen ebenfalls nicht denkbar." Tübke hatte mit dem 14 Meter breiten und drei Meter hohen Wandbild für die Leipziger Uni eines der wichtigsten Propagandabilder überhaupt gemalt. Denn es wurde nicht nur für den Uni-Neubau gemalt, der anstelle der 1968 gesprengten Paulinerkirche errichtet wurde, sondern hing Rücken an Rücken mit dem Bronzerelief "Aufbruch" - einem Bildwerk mit Arbeiterfiguren und riesigem Karl-Marx-Kopf.
"Beide Werke befanden sich an exakt identischer Position, bildeten daher gewissermaßen Vorder- und Rückseite derselben Medaille und sollten nach dem Willen der Auftraggeber die Innen- und Außenwirkung des Sozialismus für Universität und Gesellschaft repräsentieren", schreibt Hiller.
So nah werden sich die beiden Propagandawerke künftig nicht mehr kommen. Das Relief ist bereits wieder aufgestellt, allerdings auf einem Campus außerhalb der Innenstadt, und Tübkes Gemälde wird in einem Gang im Hörsaalgebäude hängen. Attraktiv sei der neue Ort also gar nicht. "Man hat höchstens fünf, sechs Meter Abstand, um es betrachten zu können", sagt Hiller. So wenig ist das aber auch nicht, zumal viele kleinere Menschengruppen dargestellt sind. Außerdem wird es jetzt öffentlich zugänglich sein. Früher hing es in den Räumen des Rektorats.
Von Verherrlichung oder unangebrachter Ehrbezeugung für den Staatskünstler oder den von ihm dargestellten Paul Fröhlich, der einst die Sprengung der Universitätskirche befahl, will der Kunsthistoriker Hiller nichts wissen. "Eine Präsentation des Bildes ist nicht zwangsläufig ein inneres Bekenntnis." Und gerade deshalb hielte er es für "Bilderstürmerei", würde die Universität das riesige Gemälde nicht wieder aufhängen. Schließlich sei es ein historisches Dokument und sollte Anlass für eine kritische Auseinandersetzung mit der DDR sein. Von Bildersturm spricht auch der Vorsitzende der Leipziger Linkspartei Volker Külow. Wenn das Bild mit all den SED-Größen nicht wieder aufgehängt werden würde, wäre es doch jetzt "wie zu unseligen DDR-Zeiten", sagt Külow. In diesen war der Historiker inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, wie er selbst in seinem offiziellen Lebenslauf vermerkt. Einfluss auf die Uni-Entscheidung hatte die Partei nicht, aber "dass das Bild wieder gezeigt werden wird, ist ein positives Signal, dass die DDR endlich differenzierter betrachtet wird", sagt Külow, der nach den Wahlen am kommenden Sonntag in Leipzig gern ein führender Kulturpolitiker wäre.
Die Universität hat also ganz im Sinn der Linkspartei entschieden. Ein Zufall, sagt Kustos Hiller: "Wir sind die Universität und appellieren an den denkenden Menschen." Als solchen muss man den Schriftsteller Erich Loest beschreiben. Doch Loest kann diese Argumente nicht verstehen und fühlt sich - sehr zum Unverständnis der Universität - düpiert durch den Plan, das Bild wieder aufzuhängen. Selbst seine Drohungen, nach Sachsen-Anhalt zu ziehen und die Uni nie mehr zu betreten, haben nichts bewirkt. "Das ist eine unglaubliche politische Dummheit, aber mein Pulver ist verschossen", sagte Loest dieser Zeitung. Im neuen Leipzig kann man offenbar auf einen wie Loest verzichten, der fast acht Jahre als Staatsfeind in Bautzen saß, rundum von der Stasi bewacht wurde und 1981 in den Westen ausreiste.
Andere Kritiker halten sich zurück, es gibt zu viel zu tun in Leipzig. "Ich kämpfe für die Paulinerkirche", sagt der emeritierte Theologieprofessor Christoph Michael Haufe. "Aber ich hoffe zumindest, dass das Gegenbild zu Tübke auch aufgehängt wird." Erich Loest hatte 2007 den Leipziger Maler Reinhard Minkewitz beauftragt, ein Gegenbild mit den in der DDR verfolgten Opfern der Universität zu schaffen. Minkewitz malte die Ex-Professoren Ernst Bloch und Hans Mayer, ermordete Studenten und einen Pfarrer. "Ich habe lange nach einem Maler gesucht und viele Absagen bekommen", sagt Loest. Es war offenbar nicht leicht, einen zu finden, der sich mit Tübke, dem viel bewunderten Neo-Manieristen, messen wollte und auch noch dem vorgegebenen Thema folgen konnte. Vielleicht haben die meisten Künstler auch einfach keine Lust mehr auf die alten Geschichten und Kämpfe. Die Uni wird Minkewitz' Bild nicht aufhängen, was nicht sehr überraschend ist. Aber auch mit Tübkes Gemälde gibt es Probleme. Der Flur im dritten Obergeschoss des Hörsaalbaus ist für so ein Kunstwerk zu warm, und die Uni hat momentan nicht genug Geld, um dieses Klima-Problem zu lösen. Deshalb wird das Bild in diesem Jahr, in dem die Uni ihren 600. Geburtstag feiert, auf keinen Fall mehr aufgehängt.
Während Leipzig 20 Jahre nach dem Mauerfall als Zentrum des Widerstands gefeiert wird, entwickelt es sich gleichzeitig zum Mekka für die Liebhaber typischer DDR-Kunst. So überrascht es nicht, dass das Ludwig-Museum in Oberhausen in der vergangenen Woche entschied, 160 Gemälde und Skulpturen aus seiner DDR-Kunst-Sammlung ins Leipziger Museum der Bildenden Künste zu geben. Der Aachener Sammler Peter Ludwig hatte die Sammlung 1983 nach Oberhausen gebracht und ein "Ludwig-Institut für Kunst der DDR" gegründet. Die Oberhausener Museumsdirektorin Christine Vogt erklärte nun, dass die Sammlung nicht mehr zum Profil des Hauses passe. In Leipzig sei das Interesse an DDR-Kunst größer.
_________
Quelle: http://www.welt.de/die-welt/debatte/article4413641/Leserbriefe.html
Leserbriefe
Von PD Dr. phil. habil. Rudolf Freiherr Hiller von Gaertringen, Leiter der Kustodie der Universität Leipzig
Unbequemer Stachel
Zwar kommt die Universität mit der Wiederaufstellung des Wandbildes zu einem auch von der Linkspartei gewünschten Ergebnis, doch geschieht dies aus diametral entgegengesetzten Gründen: Das Wandbild soll aus Sicht der Universität Anlass sein, über die diktatorischen Verhältnisse in der DDR zu sprechen. Dazu gehört an zentraler Stelle die schändliche Sprengung der Universitätskirche auf Geheiß der SED im Mai 1968 und die Rolle, die Ulbrichts Statthalter Paul Fröhlich dabei spielte. Mit Erich Loest besteht vollkommene Übereinstimmung hinsichtlich des Ziels der kritischen Auseinandersetzung mit der DDR und der SED, nur über die Frage, wie diese zu erreichen sei, divergieren die Ansichten. Kunst ist hier meines Erachtens der "unbequeme Stachel". Dass diese Auseinandersetzung den Zielen der Linkspartei zuarbeitet, wie der Artikel nahelegt, halte ich für falsch, das Gegenteil ist meines Erachtens der Fall. Das Minkewitz-Gemälde hingegen lässt eine kritische Auseinandersetzung insbesondere mit Bloch und Mayer vermissen, die lange recht bequem in der DDR gelebt haben, bis sie in den Westen emigrierten.
Die größte Gefahr für die Demokratie geht von gedanklicher Bequemlichkeit aus. Vor diesem Hintergrund ist die Debatte um das Tübke-Bild ausdrücklich zu begrüßen - genau diese Diskussion soll die Wiederaufstellung ja anstoßen.
Quelle: http://www.welt.de/die-welt/debatte/article4437726/Leserbriefe.html
Leserbriefe
Von PD Dr. rer. nat. habil. Eckhard Koch, Dresden
Leipziger Bilderstürmer
Das 33 Tonnen schwere Bronzerelief "Leninismus - der Marxismus unserer Epoche", dieses Siegesmal über die bürgerlich-christliche Kultur, wurde in Leipzig schon wieder öffentlich aufgestellt, versehen mit einem Begleittext, der die Rolle verharmlost, welche die Universität 1968 bei der Vernichtung der Universitätskirche St. Pauli gespielt hat. Jetzt will die Universität auch noch das monumentale Wandgemälde von 1973 aufhängen, auf dem auch führende SED-Funktionäre dargestellt sind, die für diese Kulturschande mitverantwortlich sind.
Die Universität täte gut daran, die Bilderstürmerei von 1968 wieder rückgängig zu machen, anstatt Marx und SED-Bonzen zur Schau zu stellen. Rücken an Rücken zum Paulineraltar befand sich bis zur Sprengung 1968 die von Roßbach geschaffene neogotische Ostfassade der Universitätskirche, die nach der Sprengung durch das Marxismusrelief ersetzt wurde. Der Ostgiebel des jetzt entstehenden Baus hat die geometrischen Maße der Roßbachfassade. Ihre Wiedererrichtung würde den zeitgeschichtlichen Bezug herstellen. Sie würde ein würdiges Denkmal für Freiheit und Einheit in Leipzig darstellen.
____
«Und in der Leipziger Universität. Dort hat alles begonnen mit ihrer Fotoserie „Die verschwundenen Bilder". Hoppe war ins Rektoratsgebäude der Uni geraten, weil sie während ihres Fotografiestudiums an der Hochschule für Grafik und Buchkunst ein Referat über das Gebäude halten sollte, das zum Abriss stand. Damals hing es noch im Foyer, das riesengroße Tübke-Bild „Arbeiterklasse und Intelligenz". Einfach nur „wow" habe sie gedacht, als sie vor dem realistischen, fast 14 Meter langen Gemälde mit dieser „Wahnsinnsgeschichte" stand, von dem sie bis zu diesem Moment nichts gewusst hatte.
Hoppe hat es fotografiert, „und dabei wurde mir klar, dass es ja bald nicht mehr da sein würde, weil das Haus abgerissen wird". Das war die Initialzündung zu ihrer Fotoserie. „Damals wurde in der Hochschule viel über den Umgang mit Geschichte und Erinnerung diskutiert, und ich dachte sofort, das hier ist mein Projekt zu diesem Thema, hier wird etwas unsichtbar, und dafür sollen meine Fotos stehen. Nicht dokumentarisch, sondern als Bild für ein Bild." Hoppe begann zu recherchieren, über Bilder, die in der DDR „Sinn stiften" sollten an öffentlichen Orten - also Auftragskunst -, über deren Verschwinden nach der Wende, ihren Verbleib, über Depots und den Umgang mit DDR-Kunst, auch in Ausstellungen. Sie verbiss sich so sehr in das Thema, dass ihre theoretische Diplomarbeit „Zur Wahrnehmung der Kunst der DDR" daraus wurde. Als der Teilabriss der Leipziger Uni anstand und Tübkes „Arbeiterklasse und Intelligenz" abgenommen werden sollte, bat sie um eine Foto-Genehmigung. Die wurde ihr verweigert, es könne „ein falsches Licht auf die Situation werfen" . Erst als sich ihr Professor einschaltete, konnte Hoppe bei der Abnahme dabei sein - als Einzige mit Fotoapparat. „Für mich war die Situation sehr bewegend, weil Leute kamen und 'Endlich kommt dieses Scheißding weg.' sagten und am liebsten die zwölf Tafeln zertreten hätten, als sie auf dem Boden lagen ." Ihr Foto allerdings ist nüchtern und objektiv: Einige der Bildtafeln liegen verpackt vor der leeren unverputzen Wand mit den Bildbefestigungen, nur ein Gemäldeteil lehnt noch sichtbar an der Seite - nach 33 Jahren nicht mehr im Mittelpunkt - wie ein Symbol für das Ende seines Auftrags: „Die Arbeiterklasse mit der SED an der Spitze leitet die Entwicklung der gesamten sozialistischen Gesellschaft, auch die Entwicklung der Wissenschaft; die Einheit von Geist und Macht ist hergestellt..." so hatte die Vorgabe an Tübke für sein Bild geheißen. „Nach diesem Vorgang", sagt Hoppe, „habe ich mich intensiv auf die Suche nach verschwundenen Bildern gemacht." Gleich in der Universität gab es noch ein Beispiel. Hartwig Ebersbachs acht Meter lange Gemäldeinstallation „Antiimperialistischer Widerstandskampf und internationale Solidarität" von 1977, von Studenten „Fledermaus" genannt. Die war schon entfernt worden. Hoppe spürte die Holztafeln in einem heruntergekommenen privaten Haus in Altenhain bei Leipzig auf und fotografierte sie dort - eingepackt in Noppenfolie, wie zufällig abgestellt zwischen Türöffnung und Wand.»
© KulturSPIEGEL 9/09
Quelle: http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1250743072667
© Mitteldeutsche Zeitung - 20.08.09
Tübke kehrt heim in Leipzigs Uni
Das Monumentalbild «Arbeiterklasse und Intelligenz» erhält Platz auf dem Campus
erstellt
LEIPZIG/MZ. Dieses Bild ist ein Streitobjekt von Format: Knapp drei Meter hoch, fast 14 Meter lang. "Arbeiterklasse und Intelligenz" heißt das Werk des Leipziger Großmalers Werner Tübke (1929-2004), entstanden von 1970 bis 1973 für die Karl-Marx-Universität in Leipzig. Bestellt hatte es die SED.
Als es vor drei Jahren ernst wurde mit der Sanierung der Universitätsgebäude, musste das Tübke-Bild abgehängt werden und wurde ins Bildermuseum der Stadt Leipzig gebracht. Dass es zurückkehren würde, galt dabei jedoch von Anfang an als beschlossene Sache. Und so wird es nun auch kommen, zum Ende dieses Jahres noch werden "Arbeiterklasse und Intelligenz" wieder zu bewundern sein, bestätigte gestern Uni-Sprecher Tobias D. Höhn. Gleich am Augustusplatz, der früher (auch schon einmal zu Zeiten der Weimarer Republik) Karl-Marx-Platz hieß.
Warum aber gibt es Streit um das monumentale, magisch-realistische Bild des gebürtigen Schönebeckers Tübke? Weil es den agitatorischen Auftrag der Einheitssozialisten im Titel trägt, Arbeiter und Intelligenz vor den real-sozialistischen Karren zu spannen. Und weil es den Parteimann Paul Fröhlich zeigt, auf dessen Kappe die Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli im Jahr 1968 geht. Kritiker wie der nach 1990 wieder in Leipzig ansässige Schriftsteller Erich Loest sehen in der Rückkehr des Bildes deshalb einen Affront gegen die Werte bürgerlicher Bildung. Loest, inzwischen Nationalpreisträger, hat für seine regimekritische Haltung mehr als sieben Jahre im Stasi-Knast Bautzen gesessen, beim Thema SED, die dem DDR-Repressionsapparat ja vorstand, versteht er keinen Spaß. In Loests Augen kommt die Rückkehr des Tübke-Bildes einer Verhöhnung der SED-Opfer gleich.
Die Universität sieht das anders, das Bild wird seinen Platz am zentralen Campus am Augustusplatz erhalten, "vor dem großen Hörsaal 13", sagt der Uni-Sprecher. "Es ist ein bedeutendes Gemälde, wir wollen es sehr gern wieder zeigen." Wenn es sich dabei auch, dessen sei man sich bewusst, um "Staats- und Propagandakunst" handele. Aber Geschichte dürfe man nicht verschweigen, im Übrigen soll eine erklärende Tafel auf die Zusammenhänge hinweisen. "Wir wollen die Geschichte mitnehmen und zeigen, was sie uns gelehrt hat."
Proteste befürchtet man an Leipzigs Uni nicht. Und wenn es welche geben sollte: "Protest gehört dazu, das bringt uns voran". Das Gemälde selbst ist "in einem guten Zustand, etwas Kosmetik müssen wir aber noch betreiben", meldet das Bulletin.
Kommentar: Besser ins Museum
BILD Leipzig vom 20.4.2009
"FÜR MICH UNWÄHLBAR"
Loest rechnet mit Sachsen-SPD ab
VON JACKIE RICHARD
Als die Mauer noch stand, vertrieben SED-Parteibonzen den Schriftsteller Erich Loest (83) aus Leipzig in den Westen. Jetzt, 20 Jahre nach der Wende, würde er vor ihren wiedererstarkten Nachfolgern am liebsten wieder aus der Stadt flüchten. Schuld sei ausgerechnet seine alte Stammpartei, die SPD.
In der renommierten "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieb sich Loest jetzt unter der Überschrift "Warum ich nach Halle emigriere" in einer kritischen Analyse seinen Frust über Verharmlosung und Verklärung der DDR von der Seele. Das zeige sich nicht nur im Umgang mit Marx-Relief und dem Tübke-Werk "Arbeiterklasse und Intelligenz".
Insbesondere die Leipziger und die sächsische SPD spielten zunehmend den Steigbügelhalter für die Linkspartei. Loest über den gescheiterten Antrag, eine Zusammenarbeit der Landes-SPD mit der Linken auszuschließen: "Seit meiner Ankunft in der Bundesrepublik 1981 stimme ich für die SPD. Wenn ich sie diesmal wähle, leiste ich Vorschub für einen kommunistischen Ministerpräsidenten. Kultusminister könnte Volker Külow werden, ein ehemaliger Stasi-Spitzel." Sein Fazit: "Für mich ist die sächsische (...) SPD unwählbar."
Zumal sich auch die Leipziger SPD-Fraktion bei der Suche nach einem neuen Kulturbürgermeister "vorauseilend zum Juniorpartner" der Linken "degradiert" habe.
Loest: "Ich versuche mir die Rede eines Linksbürgermeisters zum 9. Oktober 1989 vorzustellen - so viel Phantasie bringe ich beim schlechtesten Willen nicht auf."
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
© Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.04.2009
Erich Loest: Warum ich von Leipzig nach Halle emigriere
In Leipzig, der Heldenstadt von 1989, triumphieren heute wieder Marx und Co.
In der Kulturpolitik wird die Verharmlosung und Verklärung der DDR vorweggenommen.
Von Erich Loest:
Überall in der Bundesrepublik Deutschland werfen die Wahlen von 2009 ihre Schatten voraus. Besonders diffizil ist es in Leipzig, denn hier wird alle Welt des Oktobers von 1989 gedenken, den Sturz der DDR und der SED feiern. Gleichzeitig will die Linkspartei zur stärksten Fraktion im Stadtparlament aufsteigen. Vermutlich bereite ich mich am besten auf die Schlammschlachten vor, indem ich mich mit drei jüngeren Niederlagen beschäftigte.
Die erste: Franz Häuser, der aus Limburg zugezogene Rektor unserer Universität, stand vor einigen Jahren öffentlich über sein Wirken Rede und Antwort. Vom Masterstudium war die Rede, vom Ausländeranteil unter den Studenten und vielem mehr. Dann wurde er gefragt, wann wohl endlich das mächtige Marx-Relief an der Frontseite des Hauptgebäudes demontiert werden würde. Häuser behauptete, das dürfe man keinesfalls abnehmen, sonst falle das Haus, an dem es hinge, zusammen; beim ins Auge gefassten Neubau werde man das Problem lösen. Ich stürzte ans Mikrofon, ohne dass mir das Wort erteilt worden wäre, erklärte, das Monstrum hinge nicht, sondern stünde fest auf eigenen Stützen, und was Häuser da verkündet habe, sei übel und dreist. Magnifizenz blickten ungerührt. Später schrieb ich, Häuser habe gelogen. (Später schrieb mir Häuser, er sei von Fachleuten getäuscht worden - beiderseits sorry.)
Die Bronze blieb, Demontage-Termine, so die Fußballweltmeisterschaft mit ausländischen Gästen auch in Leipzig, verstrichen. Kurz vor dem Abriss des Plattenbaus wurden die 33 Tonnen in drei Teile zerschnitten, um sie transportieren zu können, und von der Universitätsleitung an einem nahezu geheimen Ort zwischengelagert. Ich schlug vor, die Bruchstücke dort abzulegen oder aneinanderzulehnen, wo die Trümmer der 1968 gesprengten Universität und ihrer Kirche in eine Kiesgrube geschüttet worden waren, am Stadtrand nahe dem Völkerschlachtdenkmal. Andere Ideen reichten vom Einschmelzen bis zur Montage an der Moritzbastei im Stadtzentrum; das lehnte die Verwaltung ab. Mit zweien der drei Schöpfer der Großbronze fetzte ich mich in der Aula der Nikolaischule. Linksparteiliche Leserbriefschreiber fanden in der "Leipziger Volkszeitung" freie Räume, einer stellte zutreffend fest, Marx sei berühmter als Loest. Dem Argument, Marx werde in seiner Geburtsstadt durch ein Museum geehrt, setzte ich entgegen: Trier und die Pfalz wären ja auch nicht durch vierzig Jahre kommunistischer Wirtschaft in den Ruin getrieben und die Porta Nigra keineswegs im Geiste des Klassenkampfs gesprengt worden.
Eines Tages stand in der Zeitung, die drei Teile seien in einer Nachtaktion aus ihrem Verlies auf das Gelände der ehemaligen Hochschule für Körperkultur gebracht worden, dort sollten sie aufgestellt werden, die Dresdner Wissenschaftsministerin Stange, SPD, habe dafür 300 000 Euro bewilligt. Wütend schrieb ich einen offenen Brief an sie und Oberbürgermeister Jung, ebenfalls SPD, und forderte sie auf, diesen Plan zu vereiteln und so Schande von der Stadt der friedlichen Revolution von 1989 abzuwenden. Tagelang schien Jung auf meiner Seite zu sein, stolperte in Formfehler, zäh wurde offen und in Politzimmern gefeilscht. In der ideologischen Tiefprovinz Leipzig vollzog sich eine Politposse von letztem Rang.
Schließlich siegte Franz Häuser, der Beharrliche, der Aussitzer. Von ganzem Herzen frohlockte die Linkspartei. Im vergangenen Oktober verkündete die Lokalzeitung: "Marx ist wieder da." Nach hitzigen Debatten sei das Bronzerelief am neuen Standort der Öffentlichkeit übergeben worden. Reden habe es nicht gegeben und Sekt schon gar nicht. Eine aus Edelstahl gefertigte Tafel erläutere Geschichte und Funktion des Kunstwerks. Von Vernichtungsaktion und Gewalttaten der SED sei auf dieser Tafel die Rede. "Während der Übergabe stürmt es. Der Wind verfängt sich in der Bronze. Es rumpelt in ihr. Das werden doch nicht Signale aus dem Jenseits sein?, fragt Häuser." Die Lokalzeitung abgründig: "Warum nicht?"
Die zweite Niederlage: Der Maler Werner Tübke hatte im Auftrag der SED ein Riesengemälde geschaffen, "Arbeiterklasse und Intelligenz", das den Sieg des Kommunismus über Aufklärung und Humanismus an der Leipziger Universität feierte. Es hing schlecht im alten Plattenbau - quasi Rücken an Rücken mit der Marx-Bronze -, mit dem Abriss fand es ans Licht und wurde im Museum der bildenden Künste mit Pomp ausgestellt. Der Kustos der Universität, Rudolf Hiller von Gaertringen: "Es gibt den konkreten Vorschlag, das Gemälde am rekonstruierten Seminargebäude vor den Hörsälen zu plazieren." Franz Häuser: "Das Bewusstsein für die Licht- und Schattenseiten der Vergangenheit ist unabdingbare Voraussetzung für eine entschlossene Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, was eine Auseinandersetzung mit der sozialistischen Vergangenheit der Universität einschließt. Dieser in vieler Hinsicht auch schmerzhafte Prozess der Aufarbeitung steht noch am Anfang. Die Beschäftigung mit einem so bedeutenden Werk wie Werner Tübkes ,Arbeiterklasse und Intelligenz` könnte ein guter Ansatz sein, diese Arbeit zu intensivieren."
Dem Manne könnte geholfen werden, meinte ich und wendete mich der Person Paul Fröhlichs zu, den Tübke in seine Ruhmes-Bildpersonnage aufgenommen hatte. "Die Krake lacht", schrieb ich. "Ohne Zweifel: Paul Fröhlich hat zu DDR-Zeiten der Stadt Leipzig und seiner Universität geschadet wie kein Zweiter. Er schaffte es, die bürgerlich-humanistische Universität zu zerschlagen und zu einer marxistisch-leninistischen umzubauen. Er vertrieb die Professoren Ernst Bloch und Hans Mayer und schickte Studentenpfarrer Schmutzler ins Zuchthaus. Er war maßgeblich beteiligt, den Befehl Walter Ulbrichts umzusetzen, die klassizistische Universität, in vielen Teilen benutzt, in den beschädigten ausbaufähig, zu sprengen. Als erster Akt sank die Paulinerkirche, eine Barbarei ohnegleichen. Mit Malern und Nichtmalern saß ich neulich zusammen, wir machten uns Gedanken, wie man Paul Fröhlich malen könnte. Wir erwogen, ihn als klassenkämpferische Krake darzustellen, vielarmig. Wie er Köpfe widerborstiger Studenten und Professoren abbeißt und nach Bautzen spuckt, woher er gekommen, wie er Dächer von Bürgerhäusern abnagt und an die Grundmauern pisst, wie er und Hans Vogelsang, sein oberster SED-Richter, mit Schädeln aus den Paulinergrüften Kegeln spielen - vom Wehrmachtskoch zum Stadtsadisten."
Jahrelang suchte ich nach einem Maler, der nicht die Sieger der Karl-Marx-Universität, sondern ihre Opfer darstellen wollte. Nach mancherlei Absagen kam ich mit Reinhard Minkewitz ins Gespräch. Die Professoren Bloch und Hans Mayer, Pfarrer Schmutzler, Studentenratsvorsitzender Natoneck und der Student Ihmels, der in Bautzen umkam, sollten für viele stehen. Format wie bei Tübke, viel kleiner freilich, eine ausbaufähige Studie. Die alte Universität. Gebrochene Schollen davor. Als das Gemälde mit einigen Vorstudien im Galerie-Hotel nahe der Eisenbahnstraße vom Hausherrn Klaus Eberhard gezeigt wurde, war das Haus berstend voll. Schulterklopfen. Ich dachte: Daran kann eine Universitätsleitung doch nicht vorübergehen! Aber Häuser und Hiller von Gaertringen blieben beinhart. Vier Monate lang hing das Minkewitz-Bild in der Galerie, ebenso lange stand es bei mir im Keller. Unterdessen schenkte ich es dem Museum in Mittweida. In der neuen Universität werden Paul Fröhlich und seine Kumpane zu sehen sein, aber niemals Ihmels, Schmutzler, Bloch und Mayer.
Die dritte Niederlage: Die sächsische SPD beschließt, sich für die Landtagswahl 2009 jeder Koalitionsaussage zu enthalten. Vorher war ein Antrag von fünf Leipzigern, die Zusammenarbeit mit der Linkspartei auszuschließen, gescheitert. Der Landesparteitag erklärt es als Hauptziel, eine schwarz-gelbe Koalition zu verhindern. Das bedeutet: Wenn ich die Sozialdemokraten ankreuze, wähle ich die Linken mit. Seit meiner Ankunft in der Bundesrepublik 1981 stimme ich für die SPD. Wenn ich sie diesmal wähle, leiste ich Vorschub für einen kommunistischen Ministerpräsidenten. Kultusminister könnte Volker Külow werden, ein ehemaliger Stasi-Spitzel. Auf den Straßen der untergehenden Weimarer Republik skandierten Rotfrontkämpfer: "Wer hat uns verraten - Sozialdemokraten!" Das könnte zum Slogan für die Bürgerrechtler von 1989 werden. Für mich ist die sächsische wie die Leipziger SPD unwählbar.
Als die Dienstzeit unseres Kulturbürgermeisters Georg Girardet zu Ende ging, vermasselte Oberbürgermeister Jung die Kandidatur eines Nachfolgers, indem er sowohl den Grünen als auch der Linkspartei Avancen machte. Girardet, amtsmüde, musste bleiben. Nun suchte keineswegs die SPD-Fraktion nach einem Nachfolger, vielmehr bat sie die Linksfraktion, dies zu übernehmen, und sichert blanko zu, sich dann ihrem Urteil anzuschließen. Die Kandidatur fähiger Leute von außerhalb war damit praktisch ausgeschlossen und fand nicht statt. Die SPD-Fraktion degradierte sich vorauseilend zum Juniorpartner. Ich versuche mir die Rede eines Linksbürgermeisters zum 9. Oktober 1989 vorzustellen - so viel Phantasie bringe ich beim schlechtesten Willen nicht auf.
Fazit: Wenn die Linkspartei 2009 zur stärksten Fraktion im Leipziger Stadtrat wird, sollte sie honorieren, in welch enormer und hartnäckiger Weise sich Franz Häuser für ihre ideologische Rehabilitierung und Mobilmachung eingesetzt hat. Es wäre nur gerecht, würde sie ihn zum Ehrenbürger vorschlagen. Bis dahin bin ich konsequenterweise nach Halle emigriert.
__________
Text: F.A.Z., 09.05.2009, Nr. 107 / Seite 40
© Frankfurter Allgemeine Zeitung
Leserbrief
Bedenklich
Im Leserbrief "Kein Anti-Tübke-Bild in Halle" (F.A.Z. vom 2. Mai): Rektor und Kustos der Leipziger Universität haben es abgelehnt, das von Erich Loest in Auftrag gegebene und vom Maler Reinhard Minkewitz realisierte Bild "Aufrecht stehen" auszustellen. Loest wollte es Tübkes im Auftrag der SED geschaffenem Panoramagemälde "Arbeiterklasse und Intelligenz" gegenüberstellen. Zur Begründung verweisen die Leserbriefschreiber auf die gebrochenen Biographien des Philosophen Ernst Bloch und des Literaturwissenschaftlers Hans Mayer. Man könne diese mit malerischen Mitteln nicht erfassen und nicht auf eine Stufe mit dem heldenhaften studentischen Widerstand stellen. Im Interview mit einer Regionalzeitung sagte Loest über die Ablehnung des Minkewitz-Bilds durch die Universität: "Es wäre nicht geeignet für eine Auseinandersetzung, hieß es. Sie hätten Bloch und Mayer längst gewürdigt. Mehr wäre nicht nötig." Rektor und Kustos lassen unerwähnt, dass Mayer und Bloch als Juden gezwungen waren, Deutschland während der NS-Diktatur zu verlassen, wollten sie am Leben bleiben. In der DDR waren sie den Schikanen von SED und Stasi-Spitzeln an einer in dieser Hinsicht übelsten Universitäten ausgesetzt, so dass sie wieder aus Deutschland flüchten mussten. Mayer ist Ehrenbürger Leipzigs und Ehrendoktor der Universität Leipzig. Es mag die Vorstellungskraft des Bankenrechtlers Professor Häuser übersteigen, dass man solche Biographien auch malerisch darstellen kann. Wenn ein Kustos einer Universität Derartiges unterschreibt, ist das bedenklich.
Klaus Plätzsch, Leipzig
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 22. Februar 2009 (Printausgabe - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung
Universität
Rektor reagiert auf erneute Loest-Kritik
Leipzigs Uni-Rektor Franz Häuser will die Kritik von Erich Loest nicht auf sich sitzen lassen. Wie berichtet, hatte der Schriftsteller am Wochenende in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verbal die Alma mater und ihren Umgang mit Kunstwerken aus DDR-Zeiten attackiert. Häuser wies die Äußerungen gestern im LVZ-Stadtbüro „als nicht neu“ zurück. „Was mich irritiert, ist die Personalisierung im Sinne eines Siegers und eines Verlierers. Meine Position resultiert aus der in einer demokratisch organisierten Diskussion an der Uni herausgebildeten Meinung, sachverständig beraten durch eine Kunstkommission. Und die Debatte wurde auch außerhalb der Uni geführt, und da gab es sowohl Gegner als auch Befürworter“, so Häuser. „Mich irritiert zudem die Parteipolitisierung, die den Eindruck erweckt, als werde die Entscheidungen der Uni zu Marx-Relief und Tübke-Bild das Ergebnis der Kommunal- und Landtagswahl beeinflussen! Störend finde ich, dass jemand, wenn etwas nicht so läuft, wie er es sich vorstellt, Land und Leute und die Stadt schlecht macht. Und peinlich berührt bin ich, dass ein angesehener Schriftsteller suggeriert, er werde meinetwegen Leipzig verlassen. Doch ich bleibe gelassen – seine formulierte Bedingung hierzu ist irreal, offenbar also ein literarisches Stilmittel, um die Verärgerung zu verdeutlichen.“
Zur gestern in der Boulevardpresse berichteten Klage-Androhung der Uni gegenüber dem Paulinerverein wegen „beleidigender Äußerungen“ im Internet wollte Häuser indes nichts sagen. „Wir haben mit der Generalbundesanwältin vereinbart, unsere Auseinandersetzung nicht öffentlich zu führen – und wir halten uns daran“, so Häuser.
A. Rau.
BILD Leipzig vom 21. April 2009
Uni droht Pauliner-Verein mit Klage
Von Jackie Richard
Leipzig - Neuer Höhepunkt im Dauer-Zoff zwischen Uni und Paulinern: Jetzt droht der Rektor dem Verein mit einer Klage!
Auslöser sind böse Worte, die Ende letzten Jahres bei einem Vermittlungsgespräch mit Generalbundesanwältin Monika Harms (62) gefallen sein sollen. Angeblich beschimpfte Uni-Rektor Franz Häuser den Pauliner-Sympathisanten und Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff (55) dabei indirekt als "Klerikalfaschisten". Der Vorgang landete auf der Internetseite der Pauliner. Die Uni forderte Unterlassung - und will bei Zuwiderhandlung 10.000 Euro. Die Pauliner haben den Beitrag zwar vorläufig entfernt, wollen sich aber nicht beugen.
Christian Wolff zu BILD: "Es gibt keinen Zweifel, dass die Äußerung so gefallen ist. Dafür gibt es mindestens drei Zeugen und dazu stehe ich auch."
Die Uni wollte sich zum laufenden Verfahren gestern nicht äußern.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 20. Februar 2009 (Printausgabe - Seite 10)
© Leipziger Volkszeitung
Loest oder: Marxrelief, Rektor und LVZ im "Wäschekorb"
"...
Ja, sie hatten in der Volkszeitung gelesen, das Marx-Monument der alten Uni wurde wieder aufgestellt. In der Innenstadt wäre der beste Platz gewesen, aber es hätte weit schlimmer kommen können. Der Rektor hatte glänzend agiert, behauptete jahrelang, man könne Marx und die Seinen nicht vom Plattenbau nehmen, an dem es hing, ohne dass dieser einstürzte. In Wirklichkeit standen die 33 Tonnen davor auf strammen Stützen. Guter Trick. Obwohl der Mann aus dem Westen kam. Der Oberbürgermeister, las Kielmann vor, wollte das Marxmal mit dem an die gesprengte Paulinerkirche erinnernden Dreieck kombinieren, das aber lehnte der Konstrukteur eben dieses Dreiecks ab, und so fiel das Plänchen ins Wasser. Jahrelang hatten Pfarrer und Hysteriker eines reaktionären Vereins das Mahnmal angegiftet, denen war nun endgültig das Maul gestopft worden. Siegrid Lohse ereiferte sich bei der Idee, in der sollte es eine spezielle Ecke für dieses Gesindel geben, dort müssten knallrot gekleidete Teufel dem Pack von früh bis abends die gesammelten Werke von Marx, Lenin und Stalin um die Ohren klatschen. „Und die von Walter Ulbricht auch!“, schrie Suse.
„Weißt du, was ich mir schon seit langem denke? Der Redakteur, der die Leserbriefe zum Druck auswählt, ist einer von uns.“ Kielmann breitete seine Vermutung aus, die Volkszeitung, nahe oder schon unter der Rentabilitätsgrenze, lege größten Wert darauf, keine linken Abonnenten zu vergrätzen. Deshalb ein Leserbrief dafür, einer dagegen.
„Na“, widersprach seine Frau, „meistens zwei für uns!“
..."
(Erich Loest, Wäschekorb, in: LVZ v. 20.02.2009, S. 10)
Presseerklärung des Paulinervereins
Leipzig, 27. Februar 2008
Zur Wiederaufstellung des Marx-Monuments
Eine Wiederaufstellung des Propaganda-Reliefs "Karl Marx und das revolutionäre weltverändernde Wesen seiner Lehre" wird von der Bevölkerung mit übergroßer Mehrheit abgelehnt. Dies sollte von den politischen Entscheidungsträgern wahrgenommen und anerkannt werden.
Folgt man der Auffassung des Leipziger Oberbürgermeisters, so ist eine Verbringung in die Etzoldsche Sandgrube unvorstellbar, da das Symbol des beabsichtigten Sieges über den Geist der Humanität und die christliche Religion nicht auf den Trümmern der Universitätskirche stehen kann.
Die Bauschuttdeponie in Probstheida kann und darf nicht das letzte Wort sein. Sie bedarf der archäologischen Erkundung und Erschließung, denn in ihr sind die Steine der Universitätskirche, des Augusteums und des Albertinums einschließlich der nicht geborgenen Kunstwerke und der verbliebenen Gräber verkippt. Sowohl die Gewinnung von originalen Werksteinen als auch - vor allen Dingen - eine würdige Verwahrung der Reste aus achthundert Gräbern bleibt als unmittelbare Aufgabe.
Deshalb kann es kein "Kirchengrab" als Erinnerungspark geben. Das Symbol einer Politik, die unersetzbares Kulturgut vernichtete, darf nicht als Grabstein dienen. Erst nach einer Öffnung der Etzoldschen Sandgrube und erfolgter vollständiger archäologischer Erschließung und Bergung könnte eine Verbringung des Monuments in die verbleibende offene Grube - nach einer Zwischenlagerung - eine denkbare Lösung sein.
Es mutet schon seltsam an, dass über ein reines Propagandarelief soviel diskutiert wird und dafür so viel Geld ausgegeben werden soll, während gleichzeitig die wertvolle gerettete originale Kunst am Bau aus Jahrhunderten eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt. Der Pauliner-Altar soll nach den Vorstellungen der Universitätsleitung nicht wieder an seinen Platz. Für die Restaurierung der Epitaphien und der Kanzel wären 300 000 € ein traumhaftes Budget.
Wie auch immer der Disput um das Marx-Monument ausgehen wird: Die Vergangenheit und die Zukunft der Universitätskirche liegen am Augustusplatz. Die Antwort auf das Verbrechen kann nur ihre Wiedergewinnung als geistliches Zentrum am historisch begründeten Ort sein. Keinen Gedächtnispark am Rande der Stadt als bloßen Ort der Erinnerung an Verlorenes, sondern eine lebendige Universitätskirche St. Pauli im Inneren der Stadt und der Universität!
___________________
Presseerklärung des Paulinervereins
Leipzig, 20. Februar 2008
Zur Debatte um das Marx-Monument
Bei der gegenwärtigen Debatte um die Wiederaufstellung des Marx-Monuments wird vergessen, dass die Plastik genau an der Stelle platziert wurde, wo vor der Sprengung der Universitätskirche der Altar gestanden hatte. Dies geschah nicht ohne Absicht und war symbolisch gemeint. Es sollte der neue Altar sein, auf dem die Kirche geopfert worden war.
Die Bürger dieser Stadt haben 45 Jahre lang unfreiwillig Marxismus-Leninismus studieren und leben müssen. Sie haben eine Wiederaufstellung des Denkmals mehrheitlich und eindeutig abgelehnt.
Das Monument "Karl Marx und das revolutionäre weltverändernde Wesen seiner Lehre" gehört der Universität. Für die Restaurierung der geretteten reichen und kunsthistorisch äußerst wertvollen Ausstattung der Universitätskirche gibt es kein Budget. Eine Wiederaufstellung des Pauliner-Altars in der neu gebauten Universitätskirche ist nicht vorgesehen.
Die Vergangenheit und die Zukunft der Universitätskirche liegen am Augustusplatz. Die Antwort auf das Verbrechen kann nur ihre Wiedergewinnung als lebendiges geistliches Zentrum am historisch begründeten Ort sein.
Dr. Ulrich Stötzner
Vorsitzender des Paulinervereins
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 18./19. Oktober 2008 (Printausgabe - Seite 3)
© Leipziger Volkszeitung
Marx ist wieder da
Leipzigs Universität bekennt sich mit monumentaler Plastik zu ihrer Geschichte
Leipzig. Die Stadt hat ihren Marx wieder. Nach vielen zum Teil hitzigen Debatten wurde gestern das Bronze-Relief, das am Hauptgebäude der Universität angebracht war, am neuen Standort übergeben.
Von THOMAS MAYER
Nein, die „Internationale“ wird nicht gesungen, obwohl die Worte „Völker, hört die Signale“ schon einen Kommentar zur aktuellen Krise auf Erden abgeben könnten. Es gibt keine Reden und Sekt schon gar nicht. Demos, von welcher Seite auch immer, finden auch nicht statt. Nein, kein Skandal. Was ist nur aus der „Heldenstadt“ geworden?
Dabei hatte doch die Wiederaufstellung des ideologiebehafteten Kunstwerkes, das einst die Karl-Marx-Universität zierte und dem Neubau der Universität am Augustusplatz weichen musste, zu heftigen Debatten geführt. Manch einer fürchtete um den Ruf der friedlichen Revolution. Es gab Streit, bei dem sich Schriftsteller Erich Loest – er wollte den Marx aus Bronze auf den Müll der Geschichte verbannt sehen – und Plastik-Mitschöpfer Frank Ruddigkeit – er benannte im Gegenzug Loests Bücher als null und nichtig – ordentlich in die Haare kriegten. Die einen forderten die Einschmelzung der schwergewichtigen Bronze. Andere sahen gerade darin eine Missachtung des eigenen (DDR)-Lebens.
Für die zwischen 1972 und 1975 fertiggestellten Neubauten der 1953 in Karl-Marx-Universität umbenannten Hochschule hatte ein Wettbewerb einen programmatischen Bauschmuck vorgesehen. Als Resultat wurde 1974 das 14,40 mal sechs mal drei Meter messende Bronzerelief „Karl Marx und das revolutionäre, weltverändernde Wesen seiner Lehre“ von den Leipziger Künstlern Rolf Kuhrt, Klaus Schwabe und Frank Ruddigkeit vollendet und über dem Haupteingang des neuen Rektoratsgebäudes der Universität installiert.
Nun hat dieses Kunstwerk auf dem Campus der Universität in der Jahnallee seinen vermutlich endgültigen Platz gefunden. Damit der Betrachter auch weiß, warum das so ist, ziert eine aus Edelstahl gefertigte Bild-Text-Tafel die riesige Bronze. Eine Arbeitsgruppe, der unter anderen Universitäts-Rektor Franz Häuser, der Historiker Rainer Eckert, der Kunstwissenschaftler Frank Zöllner und der Pfarrer i.R. Christian Führer angehörten, verfasste einen Text, in dem es unter anderem heißt: „Am 30. Mai 1968 ließ die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die Universitätskirche St. Pauli sprengen, nachdem sie entsprechende Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Leipzig und universitärer Gremien veranlasst hatte. Damit war der letzte, noch aus dem Mittelalter stammende und vollkommen intakte Traditionsbau der Universität Leipzig vernichtet worden. Wenig später fiel das kriegsbeschädigte Augusteum, das Hauptgebäude der Universität, derselben Vernichtungsaktion der sozialistischen Diktatur zum Opfer. Mit beiden Gewalttaten schuf das SED-Regime trotz mutiger Proteste Platz für einen neuen Universitätscampus nach marxistisch-leninistischen Vorstellungen ...“
Rektor Häuser sagt in Erinnerung an die Debatten zum Text: „Als er einstimmig beschlossen war und wir auseinandergingen, hieß es: Wir haben voneinander gelernt. Das sagen zu können, ist doch wunderbar.“
Schwebte der Leipziger Marx früher über dem Eingang und damit sinnbildlich über den Köpfen der Leute, so ist er jetzt auf den Boden (der Tatsachen) zurückgeholt. Erstaunlich die monumentale Wirkung, erstaunlich ebenso, dass einzelne Figuren nun sogar besser zu deuten sind. Links oben der Rufer in der Wüste, rechts die Jugendlichen, die diskutieren. Was mögen die Künstler sich gedacht haben, zwei mit dem Rücken zum Betrachter – oder gar zum Sozialismus? – zu platzieren.
Während der Übergabe stürmt es. Der Wind verfängt sich in der Bronze. Es rumpelt in ihr. „Das werden doch nicht Signale aus dem Jenseits sein?“, fragt Häuser. Warum nicht? Marx meldet sich doch in diesen Tagen ohnehin öfter als je geglaubt zu Wort. „Das Kapital“ hat Konjunktur auf dem Buchmarkt.
Auch Rolf Kuhrt muss sich übrigens belehren lassen. Als Marx vom Universitätgebäude verschwand, glaubte er, das sei es für ihn gewesen. Nun steht er aber wieder da. Dazu noch mal Häuser: „Die Universität ist eine Einrichtung für den Diskurs und für die Auseinandersetzung gerade über schwierige Zeiträume ihrer Geschichte.“
________
Der komplette Text der Schautafel: www.lvz-online.de/download
Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/76235.html
© LVZ-Online, 17.10.2008, 15:27 Uhr
Aufbau des umstrittenen Marx-Reliefs an neuem Standort abgeschlossen
Marx-Reliefs am neuen Standort ist abgeschlossen. Mit der Installation einer Schautafel setzte die Universitätsleitung am Freitag den Schlusspunkt. „Das Projekt ist damit zu Ende“, sagte Rektor Franz Häuser. Die Schautafel soll dem Betrachter eine geschichtliche Einordnung erleichtern. Während der Streit um das Monument beigelegt scheint, erhitzen sich kurz vor dem 600-jährigen Universitätsjubiläum die Gemüter an der Gestaltung des Paulinums - des Zentralpunktes des Campus-Neubaus.
Das Relief hing von 1974 bis 2006 über dem Hauptportal der Universität, die bis 1990 Karl-Marx-Universität hieß und nach der Wende den Namen ablegte. Der 33 Tonnen schwere Koloss musste der Neugestaltung des Innenstadt-Campus weichen. Er steht jetzt auf dem Sportcampus. Das Bronzemonument aufzustellen, und nicht mehr als hängendes Relief zu installieren, sei eine Forderung der Kunstkommission der Universität gewesen, sagte der Rektor. „Man wollte die Ideologie etwas mehr auf den Boden bringen.“
Seit der Demontage war das von den Künstlern Rolf Kurth, Klaus Schwabe und Frank Ruddigkeit geschaffene Monument umstritten. Es gilt als eines der monumentalsten Beispiele politischer Auftrags- und Propagandakunst in der DDR. Befürworter eines Wiederaufbau sehen das Werk als Zeitzeugnis. Kritiker empfanden eine Wiederaufstellung als Schlag ins Gesicht der mutigen Montagsdemonstranten aus dem Wendejahr 1989. Sogar im Landtag in Dresden war das Relief Thema einer Debatte.
„Die Universität versteht es nicht als ein Denkmal, sondern als ein Mahnmal“, stellte Rektor Häuser klar. „Man soll Zeitdokumente nicht wegwerfen und sich dem Eindruck aussetzen, man biege sich Geschichte zurecht“, sagte Frank Zöllner vom Institut für Kunstgeschichte. Er gehörte zu der Kommission, die den Text für die Schautafel erarbeitet hat. Sie setzt ein im Jahr 1968 und erinnert an die Sprengung der Paulinerkirche. Die Universitätskirche war auf Geheiß der DDR-Oberen zerstört worden. Genau an dieser Stelle wurde das neue Universitätsgebäude gebaut - mit dem Marx-Relief. Auf dem bis zum Universitätsjubiläum im kommenden Jahr neuentstehenden Campus soll das Paulinum mit Andachtsraum und Aula an die zerstörte Universitätskirche erinnern.
Die in den Entwürfen des niederländischen Architekten Erick van Egeraat zwischen beiden vorgesehene Trennwand aus Plexiglas sorgt derweil für Zündstoff in der Sachsenmetropole. Während die Universität zu dieser Gestaltung steht und sich in ihrer Autonomie angegriffen fühlt, wollen Kritiker - darunter Prominente wie Star- Trompeter Ludwig Güttler und Thomaskantor Georg-Christoph Biller - die Trennung in geistlichen und weltlichen Bereich verhindern. Am 21. Oktober ist Richtfest.
dpa
Quelle: http://www.lvz.de/
© LVZ-Online, 15.10.2008, 18:18 Uhr
Marx-Relief auf Campus Jahnallee ab Freitag mit Schautafel
Leipzig. Auf dem Campus Jahnallee wird am Freitag die Installation des so genannten Marx-Reliefs mit der Aufstellung einer Schautafel abgeschlossen. Wie die Universität Leipzig am Mittwoch erklärte, soll die Informations- und Bildtafel dem Betrachter helfen, die rund 33 Tonnen schwere Plastik in den geschichtlichen Kontext einzuordnen. Das Bronzerelief, das von 1974 bis 2006 über dem Haupteingang der Universität hing, war seit August am neuen Standort an der Jahnallee aufgebaut worden.
Eine Arbeitsgruppe hatte sich auf einen Text für die aus Edelstahl gefertigte Schautafel geeinigt. Ihr gehörten unter anderem der Universitätsrektor Franz Häuser an, der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums sowie der Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Volker Rodekamp.
Der Text wird durch Fotos von der Universitätskirche St. Pauli vor 1968, der Sprengung der Kirche am 30. Mai 1968, vom Hauptgebäude der Karl-Marx Universität (1975), von der Montagsdemonstration im Oktober 1989, vom Hauptgebäude der Universität Leipzig mit der Installation „Paulinerkirche“ (2000) und vom Entwurf des Neuen Campus von Erick van Egeraat ergänzt.
Die Tafel soll auf einem Fundament vor dem Relief platziert werden. "Das Marx-Relief ist ein zeitgeschichtliches Zeugnis, mit dem man sich aktiv auseinandersetzen muss", erklärte Universitätsrektor Franz Häuser. Mit der Wiederaufstellung wolle die Hochschule zeigen, dass sie sich dieser notwendigen Aufgabe stelle. Von 1953 bis 1991 trug sie den Namen 'Karl Marx'.
nle, LVZ-Online
Der Text der Schautafel im Wortlaut
"Am 30. Mai 1968 ließ die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die Universitätskirche St. Pauli sprengen, nachdem sie entsprechende Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Leipzig und universitärer Gremien veranlasst hatte. Damit war der letzte, noch aus dem Mittelalter stammende und vollkommen intakte Traditionsbau der Universität Leipzig vernichtet worden. Wenig später fiel das kriegsbeschädigte Augusteum, das Hauptgebäude der Universität, derselben Vernichtungsaktion der sozialistischen Diktatur zum Opfer. Mit beiden Gewalttaten schuf das SED-Regime trotz mutiger Proteste Platz für einen neuen Universitätscampus nach marxistisch-leninistischen Vorstellungen.
Für die zwischen 1972 und 1975 fertiggestellten Neubauten der 1953 in Karl Marx-Universität umbenannten Hochschule sah ein 1970 ausgelobter Wettbewerb einen programmatischen Bauschmuck vor. Als Resultat dieses Wettbewerbs wurde 1974 das 14,40 x 6 x 3 Meter messende Bronzerelief "Karl Marx und das revolutionäre, weltverändernde Wesen seiner Lehre" von den Künstlern Rolf Kurth, Klaus Schwabe und Frank Ruddigkeit vollendet und über dem Haupteingang des an der Stelle der gesprengten Kirche errichteten neuen Rektoratsgebäudes der Universität installiert. Das Relief, eines der monumentalsten Beispiele politischer Auftrags- und Propagandakunst der DDR, thematisiert die vorwärtsstrebenden, um den Kopf ihres Vordenkers gescharten gesellschaftlichen Kräfte in Vergangenheit und Gegenwart.
In der Folge der in Leipzig entschiedenen Friedlichen Revolution, deren Demonstrationen im Herbst 1989 auch den Augustusplatz passierten, hat sich die Universität sowohl von der sozialistischen Staatsdoktrin als auch von dem Namen Karl Marx gelöst. Auch die nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1990 konzipierte Erneuerung der universitären Bauten ist Ausdruck dieser Veränderung. Die durch die wachsende Zahl der Studierenden notwendige Neugestaltung der Universitätsbauten am Augustusplatz mündete schließlich in die Demontage des sogenannten "Marx Reliefs" im Jahre 2006 und den Abriss des Rektoratsgebäudes im Frühjahr 2007. Als Ergebnis zweier Architekturwettbewerbe und öffentlicher Debatten entstand in den Jahren bis 2009, zum 600-jährigen Jubiläum der Universität, nach den Entwürfen des niederländischen Architekten Erick van Egeraat ein Neubau, der mit seiner Kubatur und seinen historisierenden Elementen die Erinnerung an die 1968 gesprengte Universitätskirche und
das Augusteum wach hält.
Das Bronzerelief fand im Sommer 2008 als historisches Zeugnis eine Neuaufstellung am heutigen Standort. Sie dokumentiert durch ihre räumliche Distanz zum ursprünglichen Kontext Verantwortung und Abstand zugleich: Verantwortung für und Abstand zu jenem Teil der deutschen Geschichte, der mit dem SED-Regime und dem Namen der Karl Marx Universität verbunden ist."
Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,572440,00.html
SPIEGEL.de - 18.08.2008
LEIPZIGER MARX-RELIEF
Charly ist zurück an der Uni
Von Christoph Titz
Es ist ein Klotz, ein Trumm, ein wahrer Skulpturkoloss - nun hat die Universität Leipzig ihr Marx-Relief zurück, mit dem sie sich so schwer tut. Der Bronze-Kalle, lange in muffige Tücher gehüllt, hat einen neuen Platz, fernab des Zentrums. In voller Absicht.
Der Streit war wurde ausdauernd geführt - auf der einen Seite die Universität Leipzig und ihre Studentenvertreter, auf der anderen Bundestagsabgeordnete, SED-Opfer und ein Orchesterchef. Gegenstand des jahrelangen Zwists: Ein 33 Tonnen schweres Bronzerelief von Karl Marx, politischer Philosoph und Autor des "Manifests der Kommunistischen Partei".
Auf sein Buch beriefen und berufen sich Marxisten und Sozialisten in aller Welt. Titel des 14 Meter breiten und sieben Meter hohen Kolosses aus der Ära des sozialistischen Realismus, mit dem die DDR ihren Staat und Marx' Lehre feierte: "Karl Marx und das revolutionäre und weltverändernde Wesen seiner Lehre".
33 Jahre prangte das riesenhafte Bildnis, das Karl Marx umrahmt von ernst blickenden und tapfer voranstürmenden Sozialistenmenschen zeigt, am Portal der Karl-Marx-Universität am Karl-Marx-Platz in Leipzigs Mitte. Es war also alles Marx - und nach dem Ende der DDR sollte alles weg.
Erst zersägt, dann beinahe geschmolzen
Den Karl-Marx-Platz verlegte die Stadt in die nordwestliche Peripherie zwischen Bahngleisen und Autobahn, die Uni heißt seit 1991 einfach Universität Leipzig. Und die bronzene Heldenplastik zersägten erst Arbeiter in drei Teile und motteten sie dann für die vergangenen zwei Jahre ein.
Am Donnerstag stellte ein Kranführer den Ur-Kommunisten Karl Marx wieder aufrecht hin - eingerahmt von drei großen Betonplatten. Charlys neue Heimat liegt abseits der Innenstadt und unweit des Leipziger Zentralstadions, nämlich auf dem Campus der Deutschen Hochschule für Körperkultur an der Jahnallee, die heute die sportwissenschaftliche Fakultät der Uni ist. Außerdem haben dort auch die Wirtschaftswissenschaftler den Sitz ihrer Fakultät. Vom ehemaligen Hauptgebäude, einer im Jahr 2006 abgerissenen Asbestburg zwischen Universitätsstraße und Augustusplatz, ist es eine Viertelstunde Fußmarsch zum neuen Karl-Marx-Abstellplatz.
Den ehemaligen Namenspatron wieder in der Innenstadt aufzuhängen, hatten sich Uni-Rektor Franz Häuser und der Akademische Rat der Hochschule nicht getraut, angesichts der massiven Kritik (mehr...) an diesem Prachtexemplar realsozialistischer Skulpturkunst. Dass aber Marx geschmolzen oder irgendwo gevierteilt montiert wird, wie es auch zur Debatte stand, wollten sie verhindern. Der Rektor argumentierte mit dem Denkmalschutz, auf dass der Bronze-Kommunist als "wichtiges Zeitzeugnis" erhalten bleiben möge.
Es lohnt tatsächlich, die Geschichte der Universität Leipzig gut zu dokumentieren: Die nach Marx benannte Uni war in der DDR-Zeit streng mit dem diktatorischen SED-System verbunden. In Leipzig versuchte der Arbeiter- und Bauernstaat beispielsweise, am Institut für Publizistik ("Rotes Kloster") regimetreue Journalisten zu formen, zog sich an der geisteswissenschaftlichen Fakultät mit handverlesenen, linientreuen Studenten den Kadernachwuchs. Und sprengte im Mai 1968 die im Krieg wenig beschädigte, 700 Jahre alte Universitätskirche St. Pauli als Zeichen gegen die Bürgerlichkeit und um der strahlenden, sozialistischen Universitätszukunft Platz zu schaffen.
Peripherie steht für "Verantwortung und Distanz"
Damit dieser sozialistische Bildersturm nicht vergessen wird, stellt die Universität in den kommenden Wochen neben den Bronzekoloss eine Gedenktafel auf. Sie soll die Rolle der Universität Leipzig in der DDR und die Sprengung der Paulinerkirche dokumentieren. Der Text auf der Tafel macht deutlich, dass es sich beim Relief-Trumm nicht etwa um verkappte Heldenverehrung handelt, sondern die Betrachter mahnen soll: Das Relief der Künstler Rolf Kuhrt, Klaus Schwabe und Frank Ruddigkeit sei "eines der monumentalsten Beispiele politischer Auftrags- und Propagandakunst der DDR". Erst die "Gewalttaten", also die Sprengung der Kirche und weiterer historischer Uni-Gebäude, hätten die Universität zu einem Campus "nach marxistisch-leninistischen Vorstellungen" gemacht, steht auf der Tafel.
Einer der Kritiker der Plastik hat daran mitgeschrieben. Christian Führer, ehemaliger Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, war eine zentrale Figur des Widerstands gegen die SED-Diktatur in den achtziger Jahren. Er hatte sich auch in anderer Sache mit dem Rektor und der Uni angelegt: Führer plädierte für einen neuen Kirchenbau, anstelle der jetzt geplanten Aula mit Kirchenecke an der Stelle, an der früher die Paulinerkirche stand. Auch der Streit um den Wiederaufbau der Kirche hatte die Stadt entzweit - und die Uni einen Rektor gekostet, ein regelrechter Kulturkampf tobte in Leipzig.
Für die Tafel setzte Christian Führer sich mit den Uni-Verantwortlichen an einen Tisch, um dem Marx-Koloss zu einem entsprechenden Kontext zu verhelfen. Warum die Plastik fernab der Leipziger Besucherströme und der meisten Studenten aufgestellt wurde, erklärt der Text der Schautafel elegant: Durch die "räumliche Distanz" zum "ursprünglichen Kontext" dokumentiere der Standort "Verantwortung und Distanz zugleich". Das neue Domizil des bronzenen Kommunismus-Erfinders ist allerdings historisch auch nicht ohne: Die Hochschule für Körperkultur war in der DDR die Zentrale des staatlichen Dopingsystems - ein weiteres Beispiel also für systematisches Unrecht in der ostdeutschen Diktatur.
Mit Material von ddp
BILD Leipzig vom 15.8.2008
"DER TAG DER SCHANDE"
Gegen den Willen der Leipziger wurde das ungeliebte Marx-Relief gestern am Uni-Campus wieder aufgebaut
Von JACKIE RICHARD
Leipzig - Kaum zehn Minuten hat es gedauert, dann stand der Koloss wieder: Das Marx-Relief Ist zurück!
Unter den Augen einer Hand voll schaulustiger Zaungäste auf dem DHFK-Campus an der Jahnallee hoben zwei Kräne um 10.53 Uhr das 55-Tonnen-Monument an die Haken.
Dabei hatte es im Vorfeld monatelange Debatten gegeben, die Leipziger sich
mehrheitlich gegen die Wiederkehr des Propaganda-Kunstwerks von 1974 namens
"Karl Marx und das revolutionäre, weltverändernde Wesen seiner Lehre" ausgesprochen.
Im Zuge der Campus-Umgestaltung war Marx vor zwei Jahren am Augustusplatz demontiert worden, doch die Uni wollte ihn unbedingt wieder aufstellen. Rektor Franz Häuser (55): "Das Marx-Relief ist ein zeitgeschichtliches Zeugnis, mit dem man sich aktiv auseinandersetzen muss."
Allerdings verweigerte sich der Uni-Chef hartnäckig jeder Diskussion mit Kritikern - obwohl es nicht nur aus ideologischen, sondern auch aus finanziellen Gründen Redebedarf gab, schließlich ist das Comeback sauteuer.
"Über 390000 Euro hätte man sinnvoller ausgeben können, aber das
haben Oberbürgermeister und Karl-Marx-Universität verhindert. Ein schlechter Tag für unsere. Stadt!", wettert CDU-Chef Hermann Winkler (44).
In den nächsten Wochen soll am Relief wenigstens eine begleitende Zeittafel angebracht werden, die den historischen Kontext erklärt und auf der sich die Uni von der sozialistischen Staatsdoktrin distanziert. Ein Feigenblatt, mehr nicht...
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 15. August 2008 (Printausgabe - Hauptseite)
© Leipziger Volkszeitung
Marx-Relief auf dem Campus aufgestellt
Leipzig (epd/ddp/tom). Die Universität Leipzig hat nach monatelangem öffentlichen Streit das Marx-Monument wieder aufgestellt. Arbeiter einer Spezialfirma installierten den 33 Tonnen schweren Koloss gestern auf dem Uni-Campus an der Jahn-Allee außerhalb des Stadtzentrums.
In den letzten Monaten hatte es heftige Debatten darum gegeben, ob das Monument des kommunistischen Theoretikers überhaupt wieder aufgerichtet werden sollte. Prominente Leipziger wie der ehemalige Nikolaipfarrer Christian Führer oder der Schriftsteller Erich Loest reagierten ablehnend bis empört. Ein Marx, gar in dieser Größe, gehöre nicht mehr öffentlich ausgestellt. Doch die Universität, der das Denkmal gehört, setzte sich durch: Das Monument sei ein zeitgeschichtliches Zeugnis, mit dem man sich aktiv auseinandersetzen müsse, argumentierte Uni-Rektor Franz Häuser.
Zur Beruhigung der Kritiker wird das Monument durch eine Texttafel ergänzt, die die Plastik im Kontext der universitären und stadtgeschichtlichen Ereignisse einordnet. Auch Marx und sein Werk sollen erläutert werden.
___________
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 15. August 2008 (Printausgabe - Seite 3)
© Leipziger Volkszeitung
Marx-Streit: Linke-Stadtrat erstattet Anzeige
E-Mail-Schreiber soll 300 Euro wegen Beleidigung zahlen
Leipzig. Das Amtsgericht Leipzig hat Marko Franke einen Strafbefehl geschickt. Grund: Der 35-Jährige bezeichnete einen Stadtrat der Linken als anstands- und gewissenlos, weil dieser für die Wiederaufstellung des umstrittenen Karl-Marx-Reliefs an einem Kirchen-Nachbau plädiert hatte. Wegen Beleidigung soll der Arbeitslose nun 300 Euro bezahlen.
Aus Marko Franke sprudelt es heraus. Über die marxistisch-leninistische Ideologie spricht er, über die gesprengte Leipziger Uni-Kirche, über den älteren Bruder. „1988 unternahm er – ganz spontan nach einer Party – mit zwei Freunden einen Fluchtversuch. Hinter Eisenach hat man sie aufgegriffen. Mein Bruder wurde zu mehr als zwei Jahren Gefängnis verurteilt.“ Als 15-Jähriger ist Marko Franke 1989 über den Leipziger Ring gezogen – auch für den Bruder, dem die Revolution wenig später die Freiheit im doppelten Sinne brachte.
Marko Franke reagiert dünnhäutig, wenn es um die SED-Diktatur geht. Am 10. April 2008 las er im Lokalteil der Leipziger Volkszeitung eine Äußerung von Linke-Stadtrat Siegfried Schlegel. Es ging um das 1974 nahe der 1968 gesprengten Pauliner-Kirche aufgestellte Karl-Marx-Relief. Eine Paulineraula wird künftig am Augustusplatz an das Gotteshaus erinnern. Es stelle sich die Frage, so sinnierte der Leipziger Abgeordnete Schlegel, ob man den Marx nicht mit dem Neubau kombinieren solle. Franke klickte sich im Internet über die Fraktion bis zu Schlegel und nutzte dort das Angebot, ihm eine E-Mail zu schicken. Die Äußerung in der Zeitung, so schrieb er dem Stadtrat sei ein Beweis, dass „Sie ein Mensch ohne Moral, ohne Glaubwürdigkeit, ohne Anstand und ohne Gewissen sind“. Der Schluss des Textes war kaum verständlich. Er sei von einem israelischen Geheimdienstler ausgebildet worden, behauptete Franke.
Siegfried Schlegel reagierte mit einer Strafanzeige. „Ich habe ein raues Fell, aber wenn jemand Gewalt androht, ist die Grenze überschritten“, erklärt er. Und in diesem Zusammenhang empfinde er die Äußerungen zu Moral und Gewissen als beleidigend. Aufgrund der Anzeige wurde Franke zur Polizei einbestellt. Nein, er habe den Abgeordneten nicht bedroht, versicherte der Beschuldigte. Schlegel habe den Text missverstanden. Als Politiker solle er die Meinung anderer ertragen „und sich nicht gleich beleidigt fühlen“, heißt es in Frankes Aussage.
Der Versuch eines Täter-Opfer-Ausgleichs scheiterte. Schlegel zeigte sich mit einer Entschuldigung einverstanden, aber Franke erklärte sich letztlich dazu nicht bereit. Daraufhin schickte Richterin Sabine Hahn vom Amtsgericht Leipzig dem Beschuldigten diese Woche einen Strafbefehl ins Haus. Die angebliche Bedrohung spielt dabei keinerlei Rolle. Franke soll 300 Euro einzig deshalb bezahlen, weil er Schlegel als Menschen „ohne Moral, ohne Glaubwürdigkeit, ohne Anstand und ohne Gewissen“ bezeichnet hat. Der Beschuldigte will gegen den Strafbefehl Widerspruch einlegen – dann kommt es zu einer Gerichtsverhandlung.
„Für den Stadtrat dürfte die E-Mail ein gefundenes Fressen gewesen sein“, vermutet Wolfgang Welsch. Er ist als „Staatsfeind Nummer 1“ fernsehbekannt, hat mehrere Mordanschläge des SED-Regimes überlebt und kann Frankes Zorn über Schlegels Vorschlag verstehen. Schließlich habe Marx seine Doktorarbeit 1841 mit dem Zitat „ganz hass ich all und jeden Gott“ geschmückt. Der Leipziger Bürgerrechtler Uwe Schwabe merkt kopfschüttelnd an: „Vielleicht sollte man Herrn Schlegel als letztes DDR-Relikt in einem Glaskasten vor der Paulineraula ausstellen.“
Im juristischen Sinne sei Frankes E-Mail eine Beleidigung, erläutert Strafrechtsprofessor Christian Schröder von der Uni Halle. „Ich denke jedoch, dass ein Politiker so etwas aushalten sollte. Man muss auch sehen, dass es Angehörige von Opfern gibt, die emotional belastet sind.“ Wenn Schlegel seinen Strafantrag zurücknehme, sei die Sache erledigt. Und Franke, so rät der Jurist, sollte sein Bedauern ausdrücken. „Das ist insgesamt kein Fall für die Justiz.“
Armin Görtz
Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/70590.html
© LVZ-Online vom: Mittwoch, 13. August 2008
Aufbau des Marx-Reliefs beginnt am Donnerstag - Fertigstellung bis Ende September
Leipzig. Das Marx-Relief soll bis Ende September auf dem Campus Jahnallee aufgestellt sein. Das erklärte die Universität Leipzig am Mittwoch. Geplant ist, mit der Montage des rund 33 Tonnen schweren Bronzereliefs am Donnerstag zu beginnen, erklärte Sprecher Tobias D. Höhn gegenüber LVZ-Online.
Nach abschließenden Arbeiten wie dem Verschweißen und Nachpatinieren der Nähte werde das Relief mit einem Korrosions-Schutz überzogen und die Außenanlagen hergerichtet.
Nach einer Vereinbarung zwischen Uni-Rektor Franz Häuser, der sächsischen Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung soll die Plastik um eine Informations- und Bildtafel ergänzt werden. Diese Tafel wird laut Höhn derzeit hergestellt und soll auf einem Fundament vor dem Relief platziert werden. "Besucher stehen dann also davor und können zuerst den Text auf der Tafel lesen und dann nach oben schauen und das Relief betrachten." Es werde am neuen Standort etwas tiefer aufgehängt als am ehemaligen Hauptgebäude der Universität am Augustusplatz. Dadurch werde die Dimension der Plastik noch besser erkennbar.
Die Schautafel soll den Betrachtern helfen, das Objekt in den geschichtlichen Kontext einzuordnen. "Das Marx-Relief ist ein zeitgeschichtliches Zeugnis, mit dem man sich aktiv auseinandersetzen muss", erklärte Uni-Rektor Häuser. Mit der Wiederaufstellung wolle die Universität zeigen, dass sie sich dieser notwendigen Aufgabe stelle. Eine Arbeitsgruppe, zu der Rektor, Kustos Rudolf Hiller von Gaertringen, Kunsthistoriker Frank Zöllner, der Theologe Rüdiger Lux sowie der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, Rainer Eckert (Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums) und Volker Rodekamp (Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums) gehören, haben sich auf einen Text geeinigt.
Er wird auf der Tafel von Fotos von der Universitätskirche St. Pauli vor 1968, die Sprengung der Kirche am 30. Mai 1968, vom Hauptgebäude der Karl-Marx Universität (1975), von der Montagsdemonstration im Oktober 1989, vom Hauptgebäude der Universität Leipzig mit der Installation „Paulinerkirche“ (2000) und des Entwurfs des Neuen Campus von Erick van Egeraat ergänzt.
Das Aufstellen des Reliefs und der dazu gehörigen Informationstafel müsse laut Höhn nacheinander erfolgen, da es auf dem Campus an der Jahnallee sehr beengt zugehe. Aus diesem Grund könne auch nicht abgeschätzt werden, wann genau die Arbeiten abgeschlossen sein werden.
nle, LVZ-Online
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 23. Juni 2008 (Printausgabe - Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung
Henning Kreitz: „Auf den Sportcampus kommt es nicht“
Ideengeber der Paulinerinstallation lehnt Vorschlag von Jung ab
Marx ganz allein auf dem Campus? – Die Hoffnung, das Relief gemeinsam mit der Paulinerinstallation auf dem Uni-Gelände an der Jahnallee aufzustellen, hat Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) zwar noch nicht aufgegeben. Doch den geistigen Vater des Erinnerungsprojektes überzeugte er nicht – und wird er wohl auch nicht.
Groß war Jungs Enttäuschung über Uni-Kanzler Frank Nolden, als dieser jüngst erklärte, dass das 33 Tonnen schwere Bronzerelief ohne die stählerne Kirchensilhouette vor der Mensa an der Jahnallee errichtet wird (die LVZ berichtete). Schließlich, so der Rathauschef, stecke die von Stadt und Universität ins Leben gerufene Expertenkommission noch mitten in der Arbeit. Das Gremium beschäftigt sich seit Wochen mit seinem Vorschlag, das Marx-Monument „mit einer Stahlinstallation, die den Giebel und die Rosette der Universitätskirche stilisiert nachempfindet, untrennbar“ zu verbinden – „ganz ähnlich der in der Stadt sehr akzeptierten Lösung der letzten Jahre auf dem Augustusplatz am ehemaligen Universitätsgebäude“.
Die Idee sorgte zumindest dafür, dass die härtesten Kritiker einer erneuten öffentlichen Präsentation des Reliefs verstummten. Sie hat nur einen Denkfehler. „Bei uns hat sich Herr Jung bis jetzt nicht mal gemeldet“, sagt Jutta Kreitz, die sich seinerzeit für die rund 200 000 Mark teure Installation stark gemacht hatte. Die Urheberrechte daran besitze schließlich ihr Mann Henning. „Die Idee, es so zu machen, stammt von mir“, erklärt der 66-jährige Architekt und zeigt auf eine Kugelschreiber-Skizze, die er 1997, im Jahr vor der Realisierung des Projektes, anfertigte. Sie wurde die Vorlage für das gesamte Projekt.
Jungs Vorschlag lehnt Kreitz kategorisch ab. „Auf den Sportcampus kommt es nicht“, sagt er. „Das wäre doch ein Witz! Die Installation hat einen klaren Zeit- und Ortsbezug. Mit ihr sollte die Erinnerung daran wach gehalten werden, dass an der Stelle mal eine Kirche stand.“ Der aus Stahlträgern stilisierte Giebel der vor 40 Jahren gesprengten Paulinerkirche befand sich von 1998 bis 2006 auf dem Augustusplatz – und zwar über dem Marx-Relief, genau dort, wo einst die Kirche der Universität stand.
Die einzige Möglichkeit, das Stahlgerüst wieder aufzustellen, sieht Kreitz im Freizeitpark Südost. In der einstigen Etzoldschen Sandgrube liegen die Trümmer der Paulinerkirche. „Dort könnte ein Denkmalfriedhof entstehen“, so Henning Kreitz. Seiner Frau Jutta schießen spontan ein paar Ideen durch den Kopf: „Auf dem Augustusplatz gab es ein Stalin-Denkmal, auf dem Markt stand mal ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Irgendwo müssen die doch abgeblieben sein“, sagt sie.
Klaus Staeubert
Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/64703.html
© LVZ-Online vom: Montag, 9. Juni 2008
Uni stellt Marx „oben ohne“ auf
Jungs Kompromiss geplatzt / Paulinerinstallation wird auf dem Campus Jahnallee nicht aufgestellt
Es war der Kompromiss, der die heftigsten Kritiker der Wiederaufstellung des Marx-Reliefs auf dem Sportcampus an der Jahnallee vor zwei Monaten verstummen ließ. Doch geblieben ist von dem Konsensvorschlag von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) nichts. Das Bronzerelief wird bis Ende Juli „oben ohne“ aufgestellt – also ohne die von Jung gewünschte stilisierte Silhouette der Paulinerkirche.
„Die Installation wird nicht hinzukommen, weil der Künstler nicht damit einverstanden ist“, erklärte gestern der Kanzler der Universität, Frank Nolden, gegenüber der Leipziger Volkszeitung. Zwischen 1998 und 2006 stand das von Axel Guhlmann geschaffene, 20 Tonnen schwere Werk aus Stahlträgern vor dem Hauptgebäude der Uni am Augustplatz, an dem das Marx-Relief hing. Die Installation sollte daran erinnern, dass an der Stelle einst die Paulinerkirche der Universität stand. Das völlig intakte Gotteshaus war 1968 auf Beschluss des damaligen Stadtrates gesprengt worden.
Regierungspräsident Walter-Christian Steinbach, Pfarrer Christian Führer, Runde-Ecke-Chefin Regina Schild, CDU-Kreisvorsitzender Hermann Winkler und Schriftsteller Erich Loest hatten Jung in einem offenen Brief aufgefordert, die bloße Wiederaufstellung des Monuments zu verhindern. Daraufhin unterbreitete der Oberbürgermeister diesen Vorschlag: „Das Relief ,Leninismus-Marxismus unserer Tage‘ sollte am geplanten Standort mit einer Stahlinstallation, die den Giebel und die Rosette der Universitätskirche stilisiert nachempfindet, untrennbar verbunden werden, ganz ähnlich der in der Stadt sehr akzeptierten Lösung der letzten Jahre auf dem Augustusplatz am ehemaligen Universitätsgebäude.“ Mit dieser Einfassung des Reliefs in den nachempfundenen Kirchengiebel könnte geradezu ein „Denk-mal“ entstehen, warb Jung für diesen Vorschlag. Dem schloss sich auch die Universität an. Doch die ganze Diskussion, so Uni-Kanzler Nolden, sei eben „nicht in Kenntnis des Umstandes geführt worden, dass der Künstler die Installation nicht wünscht“.
Nach den Worten von Nolden werde es jedoch einen „Erklärungsblock“ neben dem Monument geben, „der klar macht, was mit dem Marx ist, wo das Relief gehangen hat und wie damit umzugehen ist. Es gibt einen Text dazu, der von unserer Kunstkommission erstellt worden ist.“
Nolden hob hervor, dass die Universität keine Bilderstürmerei betreibe. Sie müsse sich in 30 Jahren nicht vorwerfen lassen, dass sie sich „erst in die Arme des Karl Marx geworfen hat und dass sie 30, 40 Jahre später dann einfach den Marx kaputtgeschlagen hat, als es – pointiert gesagt – opportun war“. Das Relief sei ein Kunstwerk und dies stelle die Uni bis zum Ende des Sommersemesters würdig auf.
300 000 Euro kostet die Umsetzung des Reliefs. Nolden: „Es musste demontiert, gelagert, gereinigt und aufgearbeitet werden und es muss ein Fundament für das 33 Tonnen schwere Objekt gegossen werden.“ Außerdem bekomme es auf der Rückseite eine Verschalung, in die eine Revisionstür eingelassen wird. Zum Schluss wird das Relief mit einem Schutzwachs für Graffitis überzogen.
Bezahlt wird das alles vom Freistaat – aus dem Etat für den Neubau des Uni-Campus. Nolden: „Das ist auch gar nicht ungewöhnlich, sonst hätte man den Marx einschmelzen müssen. Und diese Entscheidung wollte man nicht treffen – weder von staatlicher noch von universitärer Seite.“
„Ich bin überrascht von der Karl-Marx-Universität“, sagte gestern CDU-Kreisvorsitzender Winkler auf Noldens Ankündigung. „Ich hatte angenommen, Oberbürgermeister Jung hat das Zepter in der Hand. Ich hoffe, dass er an seinem Vorschlag festhält und dass das Ganze nicht nur ein Trick war, um unsere Initiative ruhigzustellen.“ Klaus Staeubert
_______
STANDPUNKT
Von Klaus Staeubert
Schnellschuss
Was auf dem Augustusplatz acht Jahre lang bestens funktionierte, das muss doch auf dem Uni-Sportcampus an der Jahnallee auch möglich sein - das dachte sich vor zwei Monaten zumindest Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Und in der Tat, seine über Nacht geborene Idee, das umstrittene Marx-Relief einfach durch die Installation der Paulinerkirchen-Silhouette in einen weit sichtbaren Kontext zur Sprengung des Gotteshauses vor 40 Jahren zu stellen, überzeugte selbst die härtesten Marx-Kritiker.
Aber wie das eben mit Blitzideen so ist – weil unausgegoren, lösen sie sich oft ganz schnell wieder in Nichts auf. Und genau das passiert jetzt Jungs Vorschlag. Das Relief wird stehen, die Paulinerinstallation nicht. Jung hatte ganz einfach die Rechnung ohne den Wirt gemacht. In diesem Fall, den Künstler, der die geistigen Rechte an der Stahlkonstruktion auf dem Augustusplatz besitzt, die Jung so gerne an die Jahnallee transferieren wollte. Der Rathauschef hat Zeit gewonnen und ein Streitthema kalt gestellt, als ihm die Nachwehen des Diskokrieges und des misslungenen Stadtwerke-Verkaufes um die Ohren flogen. Aber mehr eben auch nicht. Denn die Endlosdebatte um das Marx-Relief konnte er mit seinem Schnellschuss nicht begraben.
eMail: k.staeubert@lvz.de
_______
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 14./15. Juni 2008 (Printausgabe - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung
LESERBRIEFE
An Missachtung nicht zu überbieten
Zum Beitrag „Uni stellt ,oben ohne’ auf“ am 10. Juni:
Was bitte ist bloß in Leipzig los?! Da soll das Marx-Relief ohne Paulinerinstallation auf dem Campus Jahnallee aufgestellt werden? Die Universität mit Uni-Kanzler Nolden hat sich sehr freudig und schnell dem Veto des Künstlers gegen die Installation angeschlossen. Oberbürgermeister Jung hatte es geschafft, einen Konsens zu vermitteln. Diesen hat die Uni vom Tisch gefegt. Nun hat der Künstler es geschafft, seinem „Machwerk“ einen bleibenden Platz in der Leipziger Geschichte zu sichern.
Wie gehen nur Leipzig und seine Entscheidungsträger mit dem humanistischen Erbe von Jahrhunderten Paulinerkirche um?! Dieses Kunstwerk an dieser Stelle am Augustusplatz verkörperte jahrzehntelang den kommunistischen Sieg der Unfreiheit über die humanistischen christlichen Werte einer Kirche und Universität. Aber es gibt noch Leipziger, die lieber Betonköpfe als brennende Kerzen sehen wollen.
Frank Noack, 04808 Thallwitz
Ein „Erklärungsblock“ – mit oder ohne Axel Guhlmanns stilisierter Paulinerkirchen-Installation – ist offensichtlich nicht nur für den neuen Aufstellungsort des Marx-Reliefs auf dem Campus Jahnallee angezeigt, ja dringend erforderlich. Der Satz „Ich bin überrascht von der Karl-Marx-Universität“ des CDU-Kreisvorsitzenden Hermann Winkler ist an Ignoranz und Missachtung der nicht unkomplizierten Entscheidungsfindung einer öffentlichen Körperschaft kaum zu überbieten.
Hans-Dieter Kern, 04229 Leipzig
Quelle: Zeitschrift "hallo! LEIPZIG" vom 19.4.2008
Seite1:
Klares Votum für Kanzel und gegen Glaswand
77 Prozent der hallo! Leserinnen und Leser sprechen sich für einen Kanzeleinbau und gegen eine Glaswand in der neuen Universitätsaula aus - 23 Prozent sind gegenteiliger Ansicht. Dies ist das Ergebnis unserer Leserumfrage in der Ausgabe vom 5. April. Wegen der Vielzahl der Zuschriften können wir nur einen repräsentativen Teil der Zuschriften zumeist stark gekürzt veröffentlichen. Wir bitten um Verständnis und bedanken uns herzlich für Ihre engagierten Meinungen zu einer der epochalsten Neubaumaßnahmen in unserer Stadt!
und weiter auf Seite 3:
"Zeitgeist erschreckt sogar Atheisten"
Ausgestaltung der neuen Universitätsaula emotionalisiert
"Rektor Häuser hat nachträglich Veränderungen an den Bauplänen vornehmen lassen. Leipzig mit seiner Universität hat die einmalige Chance etwas wiederzugewinnen, was auf verbrecherische und brutale Weise vor 40 Jahren für immer und ewig vernichtet werden sollte. Der Name des Gebäudes sollte deshalb lauten: Universitätskirche St. Pauli/ Universitätsaula."
Charlotte M. Richter, per E-Mail
"Man kann nicht einerseits den Abriss der Universitätskirche verurteilen und andererseits alle Dinge, die an die Kirche erinnern, verstecken oder nicht einbauen. Letzteres ist wie ein weiter Abriss. Also: Keine Glaswand und selbstverständlich eine Kanzel!"
Joachim Reißig, per E-Mail
"Mir ist unklar, wieso sich van Egeraat der Diktatur der jetzigen Demokraten beugt. Würde der Raum so gestaltet, wie man ihn jetzt gestalten will, hätte man die Uni von 1970 stehen lassen können. Diese wurde ja geboren aus dem Gehirn eines greisen Diktators, der mit dem Wort Tradition und Heimatverbundenheit nichts anfangen konnte."
Georg Bühnert, per E-Mail
"Als 'hoch leuchtende universitas' pries Thomas Mann (im Faustus-Roman) Leipzig; wie gut, dass diehiesige Universität - die ja Institution nicht der Gläubigkeit zu sein hat, sondern der Vernunft - diesem würdigen Anspruch gerecht zu werden trachtet. Ich bewundere die Standhaftigkeit Rektor Häusers, der unverdrossen die Toleranz leipzigerischen Bürgersinns beweist."
Peter Gosse, Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste
"Für mich, steht außer Zweifel, dass die Gott sei Dank erhalten gebliebene Kanzel ihren angestammten Platz zurück erhalten muß. Ich lehne jede Installation von Glaswänden und Lichtsimulationen von Säulen in einem Gotteshaus als Gestaltungsmerkmal ab und empfinde dies als Entwürdigung, gar Blasphemie."
em. Univ.-Prof. Dr. Christian Schwokowski, 04288 Leipzig
"Das Ganze zementiert den Mauer-Gedanken von "Beton-Köpfen", als bewährte Demarkationslinie unverzichtbar. Hierzu ist treffend festzustellen: Der Zeitgeist erschreckt sogar Atheisten. Die Universität ist für den Rektor nicht 'sein Wohnzimmer'. Hausherren-Rechte sind nicht immer absolut verbriefte Rechte, Gott sei Dank."
Dieter Päßler, 04209 Leipzig
"Ein durch eine Glaswand getrennter Andachtsraum käme einem Ghetto für Christen gleich. Und wenn der Uni-Kustos Rudolf Hiller von Gaertingen meint, dass die Leipziger kein Recht hätten, in seinem Uni-Campus mitzureden, weil man sich nicht in fremde Wohnzimmer einmischen soll, muss man doch fragen, ob die Universität hier überhaupt noch etwas mit Leipzig zu tun hat."
Günter Neubert, 04229 Leipzig
Der fanatischen kleinen Minderheit, die Glauben mit Wissenschaft verbinden möchte, sollte man nicht folgen. Auch die Kanzel könnte als eine Art Lichtinstallation ihren Platz an der 6. Säule finden. Andachtsräume gibt es in Leipzig mehr als genug. Die Kirchenfanatiker sollten nicht weiter den Raum für Stadtentwicklung einengen. Musik in der Aula finde ich gut, die unsinnige Schöpfungs"lehre" sollte jedoch in der Universitätsaula keinen Raum erhalten.
Dr. Walter Wamrnth, 04105 Leipzig
Die Glaswand ist so überflüssig wie ein Kropf. Es geht auch nicht um die Alternative Sprech-Akustik gegenüber Musik-Akustik. Denn mit Glaswand kann es keine gute Akustik für die (kirchen-) musikalische Nutzung geben. Ohne Glaswand hingegen kann es durchaus, wie in ganz Europa in gotischen Hallen überprüfbar, eine gute Akustik für die Sprache geben,
Johannes Braun, 04179 Leipzig
Zum Schutz der Epitaphien wäre eine Klimaanlage billiger als eine Glaswand und dürfte auch nicht zu Terminproblemen führen. Unverständlich bleibt mir, warum die über 3.000 Unterschriften zum Teil prominenter Persönlichkeiten, die an dem ursprünglichen Entwurf Erick van Egeraats vom März 2004 festhalten, ignoriert werden.
Uta Weise, 04105 Leipzig
Konfrontiert mit den Stellungnahmen der hallo! Leserinnen und Leser antwortete Universitätsrektor Prof. Franz Häuser: "Die Argumente sind nicht neu. Mit ihnen haben sich die Baukommissionen in vielfältiger Weise auseinandergesetzt. Ich bin zuversichtlich, dass das entstehende Bauwerk nach seiner Fertigstellung auch seine Kritiker milder stimmen wird, als dies heute offenbar der Fall ist."
AK
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 15. April 2008 (Printausgabe - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung
"Die Installation gibt es nicht mehr"
Paulinervereins-Chef Ulrich Stötzner staunt über einen Vorschlag von Oberbürgermeister Burkhard Jung
Die vergangenen Tage außer Landes, vernahm Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins, die Idee von Oberbürgermeister Burkhard Jung, die Paulinerkirchen-Installation über dem Marx-Relief auf den Sportcampus der Universität in der Jahnallee aufzustellen, mit gewisser Verwunderung.
Stötzner: "Zunächst sollte auch Herr Jung wissen, dass es die Installation gar nicht mehr gibt. Sie war im Besitz des Paulinervereins. Im Januar 2006 wurden wir aber von der Universität beauflagt, binnen kurzer Zeit die Installation abbauen zu lassen. Das kostete den Verein 8000 Euro. Da es für uns keinerlei Möglichkeit gab, die mächtigen Eisenteilen einzulagern, wurden sie für einen Materialwert von 3000 Euro verschrottet. Der Paulinerverein musste also bei der Aktion 5000 Euro drauf zahlen."
Zu ergänzen wäre in diesem Kontext auch noch: Die Installation war nach einer Idee des Leipziger Künstlers Axel Guhlmann gebaut worden. Sie sollte nur eine temporäre Kunstaktion für 100 Tage sein, um zu einer Zeit optisch auf den Verlust des Gotteshauses aufmerksam zu machen, als vom jetzt entstehenden Neubau noch keine Rede sein konnte und sogar der originale Wiederaufbau nicht unmöglich erschien. Mangels vorhandener finanzieller Mittel für den geplanten Abbau stand dann aber dieses Kunstwerk nie vorgesehene acht Jahre am Augustusplatz und rahmte, mittlerweile selbst zu einem Denkmal geworden, in den originalen Maßen der Rossbach'schen Fassade der 1968 gesprengten Paulinerkirche das mit dem Neubau der Karl-Marx-Universität angebrachte Relief ein.
Mit dem nunmehrigen Neubau der Universität, der äußerlich deutlich an die gesprengte Kirche Bezug nehmen wird, hat für Stötzner die Installation jegliche Symbolik verloren. Jeder Euro, der paradoxer Weise in die Wiederaufstellung des Marx-Reliefs fließe, sollte nun lieber der Ausgestaltung des Kirche-Aula-Baues, den die Pauliner als Universitätskirche benannt haben wollen, zu Gute kommen. Stötzner: "Da gibt es noch viele offene Fragen. Ich denke nur an die Kanzel und daran, wie es der Kustos der Universität ohne große Mittel schaffen will, die aus der Paulinerkirche geretteten Kunstwerke restaurieren zu lassen."
Auch könnten Gelder eher dafür verwandt werden, das so genannte Grab der Paulinerkirche, die Etzoldtsche Sandgrube in Probstheida, frei zu legen und angemessen als einen Erinnerungsort zu gestalten. Im Schuttberg liegen laut dem Paulinervereins-Chef noch "sehr viele zu entdeckende Funde, was eine dankbare Aufgabe für die Archäologen wäre".
Thomas Mayer
Quelle: http://www.volksstimme.de/
© Volksstimme.de 2008 - 14.04.2008 um 06:00:26 Uhr
Neben dem Gedenken an die Sprengung der Universitätskirche streitet Leipzig um ein Uni-Relief aus DDR-Zeiten
Ärger mit dem 33-Tonnen-Marx
Von Steffen Honig
Am 30. Mai 1968 schlug DDRPartei- und Staatschef Walter Ulbricht seiner Heimatstadt Leipzig eine tiefe Wunde : Die intakte Universitätskirche wurde gesprengt, um dem neuen Uni-Komplex Platz zu machen. Den Sieg des Sozialismus symbolisierte ein Marx-Relief an der Fassade. Während der Wiederaufbau der Kirche in den Sternen steht, tobt noch immer die Debatte um das Schicksal des Marx-Denkmals an der Universität.
Künstlerisch ist das einst an der Fassade des Uni-Verwaltungsgebäudes montierte Marx-Relief namens "Aufbruch" keine Offenbarung. Im Gegenteil: Es handelt sich um sozialistischen Realismus in seiner protzigsten und abstoßendsten Form. Gestaltet worden war es Anfang der 1970 er Jahre von drei jungen Künstlern. Pikanterweise waren zwei prominente Vertreter der DDR-Künstler nicht zum Zuge gekommen : Willi Sitte und Bernhard Heisig.
Die Bronzeplastik verkörpert aber auch ein Stück Geschichte der Universität, die 2009 ihr 600-jähriges Jubliäum feiert. Zum 25. Jahrestag der DDR war das Denkmal 1974 an der damaligen Karl-Marx-Universität eingeweiht worden. Fortan schritten die Studenten unter Karl Marx hindurch, wenn sie in der Uni-Verwaltung etwas zu erledigen hatten. Dass sie das unbeschadet überstanden, verdankten sie Stützsäulen, die erforderlich waren, um den 33-Tonnen-Koloss vor dem Absturz zu bewahren.
Nach der Wende besann sich die Alma Mater rasch nach 40-jährigem sozialistischem Zwischenspiel ihrer jahrhundertelangen Historie. Heiß diskutiert wurde der Wiederaufbau der Universitätskirche St. Pauli, die einst neben den beiden christlichen Konfessionen allen offenstand und als geistiges Zentrum der Universität galt. Die Entscheidung fiel letztlich zugunsten des Neubaus des Universitätscampus’ aus, der 2009 fertigestellt sein wird. Ohne Paulinerkirche, denn deren Grundstück wurde von der sächsischen Landesregierung aus dem Campus-Gelände herausgelöst, um einen eventuellen späteren Kirchen-Wiederaufbau zu ermöglichen. Im Zuge des in der Kirchen-Frage kulminierenden Streites um die Neugestaltung des Augustusplatzes trat 2003 fast die komplette Uni-Führung zurück. Der Streit um die Symbole der Universitätsgeschichte war damit nicht ausgestanden.
Er entzündete sich nun am Marx-Relief. Das wurde 2006 abgebaut, in vier Teile zerlegt und eingelagert. Der heutige Uni-Rektor Franz Häuser startete eine Initiative für den Wiederaufbau des Reliefs auf dem Universitätsgelände. Bei vielen Leipzigern biss der gebürtige Hesse auf Granit.
Bekanntester Gegenpol ist der Schriftsteller Erich Loest, der in seinem Roman "Es geht seinen Gang" Leipziger Jugendproteste von 1965 thematisiert. Loest dazu im MDR : "Die Theorie vom Klassenkampf hat eben nicht geklappt, und Marx ist dann mit seinen Ideen 1989 von den Leipzigern davongejagt worden. Heute an ihn mit einem so gro ßen Denkmal zu erinnern, halte ich für abwegig."
Der Leipziger Stadtrat hat entschieden, dass Marx an der DHfK ( Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport ) wieder aufgestellt wird – mit einer einordnenden Erinnerungstafel. Ab Mai soll es losgehen, von der Firma Kunstguss Lauchhammer besorgt. Derselbe Betrieb aus der Lausitz hatte das Relief einst vor die Universitätsfassade gehängt.
Gunter Weißgerber - Mitglied des Deutschen Bundestages
Rainer Fornahl - Mitglied des Deutschen Bundestages
10. April 2008
Pressemeldung
Leninismus-Relief und Paulinerkircheninstallation
Vor dem Hintergrund des fehlenden Willens, das sogenannte Marx-Relief in der Mulde der Etzoldschen Sandgrube zu Füßen des Paulinerhügels zu platzieren, erklären wir, dass der Vorschlag des Leipziger Oberbürgermeisters, die Paulinerkircheninstallation über das Relief an der Jahnallee zu setzen, eine angemessene Kompromisslösung darstellt und umgesetzt werden muss.
Dies nehmen wir zum Anlass, die derzeitige Diskussion vom Kopf auf die Füße zu stellen:
1. Die Reihenfolge der Schritte ist falsch:
Vor einer Relief-Aufstellung muß der Campus-Teil Aula den Namen Paulinerkirche erhalten sowie der Paulinerhügel in Probstheida würdig gestaltet werden. Stadt und Universität sind aufgefordert, bis zum 30. Mai, dem 40. Jahrestag der Kulturschande von Leipzig, eine belastbare Konzeption vorzulegen!
2. Das Relief muß liegend unter der Paulinerkircheninstallation platziert werden! Das so entstandene Ensemble bedarf der Kommentierung in geeigneter Weise.
Das Ziel der zukünftigen Anlage ist schnell umschrieben: Von der Anlage kommt jeder klüger zurück. Zeugnisse barbarischer Akte von Diktaturen haben in Demokratien keinen Platz!
Kirchensprengung
_________________
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 11. April 2008 (Printausgabe - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung
SPD-Politiker fordern Konzept für Paulinergrab
Das Marx-Relief darf nach Ansicht der Leipziger SPD-Bundestagsabgeordneten Gunter Weißgerber und Rainer Fornahl erst dann wieder aufgestellt werden, wenn die derzeit entstehende Universitätsaula am Augustusplatz den Namen Paulinerkirche bekommen und der Hügel mit den Trümmern der Paulinerkirche in Probstheida eine würdevolle Gestaltung erfahren hat. „Stadt und Universität sind aufgefordert, bis zum 30. Mai, dem 40. Jahrestag der Kulturschande von Leipzig, eine belastbare Konzeption vorzulegen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Es wäre doch „eine weitere Schande, vor der Ehrung der Kirchenüberreste die Wiederaufstellung des Leninismus-Reliefs zu diskutieren“, sagte Weißgerber gegenüber LVZ.
Wie berichtet, hatte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) bereits im Februar zusagt, den Park in Probstheida, in dem die Trümmer der 1968 gesprengten Paulinerkirche vergraben sind, in einen historischen Park umzugestalten. Er hatte die Verwaltung beauftragt, einen Umsetzungsvorschlag zu unterbreiten.
Weißgerber und Fornahl unterstützen die von Jung ins Gespräch gebrachte Kompromisslösung zum Marx-Relief. Diese sieht vor, auf dem Sportcampus an der Jahnallee über das Bronzemonument eine Stahlinstallation mit dem stilisierten Giebel der Kirche zu setzen. Allerdings: „Das Relief muss liegend unter der Paulinerkircheninstallation platziert werden“, forderten die Sozialdemokraten.
K. S.
Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/59310.html
© LVZ-Online vom: Dienstag, 8. April 2008
Verschrottet: Arbeiten am Marx-Relief starten ohne Paulinergiebel
Leipzig. Trotz des Vorstoßes von Leipzigs Oberbürgermeisters Burkhard Jung soll das Marx-Relief von Anfang nächster Woche an aufgestellt werden. Das bestätigte eine Sprecherin des Finanzministeriums in Dresden gegenüber LVZ-Online. Ein Unternehmen aus Lauchhammer sei an den Auftrag gebunden, zwischen dem Ministerium und dem Betrieb bestehe ein Vertragsverhältnis, das jetzt auch eingehalten werden müsse. In letzter Minute hatte Jung am Wochenende einen Kompromiss vorgeschlagen. Die Stahlinstallation, die an die vor 40 Jahren gesprengte Pauliner-Universitätskirche erinnerte und bis vor zwei Jahren auf dem Augustusplatz stand, könnte über dem Relief thronen. Der Politiker reagierte damit auf einen offenen Brief von fünf namhaften Leipzigern vom vergangenen Freitag.
Das Problem an Jungs Plan: Der künstliche Pauliner-Giebel liegt nicht mehr vor. "Die Installation wurde verschrottet", sagte Franz Häuser, Rektor der Leipziger Universität. Sie müsste daher wieder gefertigt werden. "Wir stehen den neuen Plänen dennoch positiv gegenüber und wollten nie den Eindruck erwecken, Marx zu verherrlichen", erklärte Häuser. Seiner Meinung nach könne die Stahlkonstruktion auch später noch hinzugefügt werden. Allerdings werde sich die Universität nicht an den zusätzlichen Kosten beteiligen. "Bei uns ist jeder Euro verplant", so der Rektor.
Nach ersten vorsichtigen Schätzungen aus Dresden kostet die Umsetzung von Jungs Idee weitere 100.000 Euro neben den bereits veranschlagten 300.000 Euro für den Aufbau des Reliefs. Eine Summe die möglicherweise nicht ausreicht. Die Leipziger Galeristin Jutta Kreitz hatte 1998 gemeinsam mit ihrem Mann die Giebel-Silhouette aus Stahlträgern entwerfen und aufstellen lassen. Das Projekt kostete damals insgesamt rund 140.000 DM und wurde durch eine Privatinitiative finanziert. Inzwischen sind die Preise für Stahl und Arbeitsleistungen deutlich gestiegen.
Allein der Aufbau und die Stahlkosten beliefen sich laut Kreitz vor zehn Jahren auf rund 65.000 DM. "Ich habe an der Universität studiert und fühle mich Leipzig sehr verbunden", erklärte Kreitz die Beweggründe für ihren Einsatz damals. Das Kunstobjekt sollte ursprünglich nur 100 Tage stehen. Da es unter der Bevölkerung großen Zuspruch fand, wurde die Standzeit immer wieder verlängert, bis die Installation 2006 schließlich abgebaut wurde.
Kreitz begrüßt die Idee des Oberbürgermeisters, eine ähnliche Konstruktion gemeinsam mit dem Marx-Relief aufzubauen und könnte sich vorstellen, an einem neuen Entwurf mitzuwirken. "Wir sind durchaus gesprächsbereit, bisher hat sich aber noch niemand an uns gewandt."
nle/mro, LVZ-Online
__________
Lesen Sie hierzu:
- Der Offene Brief an Jung
- Jungs Antwort auf den Brief
Quelle: LVZ online vom 8. April 2008
__________
Informieren Sie sich:
- Offener Brief läßt Häuser kalt
__________
Lesermeinung in der Leipziger Volkszeitung vom 9. April 2008
Gescheitert beim Versuch der Umsetzung
Zum Streit um die Wiederaufstellung des Marx-Reliefs
Erstaunlicherweise ist einer der wichtigsten Aspekte bei der Diskussion um den Verbleib des Karl-Marx-Reliefs und bei der jüngst wieder um sich greifenden Karl-Marx-Nostalgie völlig außer Acht gelassen worden; nämlich die weltweite Wirkung beziehungsweise Auswirkung der Marxschen Philosophie.
Alle jene, die die Thesen von Karl Marx – mit der Begründung von „Wissenschaftlichkeit“ und „Wahrhaftigkeit“ – so gern als Wegweiser zu einer besseren Welt empfehlen, haben immer noch nicht folgendes zur Kenntnis genommen: Es waren die beiden Kernthesen der Marxschen Philosophie, die beim Versuch ihrer Umsetzung in der Wirklichkeit gescheitert sind.
Es sind die Forderung nach der Diktatur des Proletariats sowie die Forderung der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Die Diktatur des Proletariats hat zum jeweils größten Völkermord in all jenen Ländern geführt, in denen genau diese Diktatur des Proletariats konsequent praktiziert wurde: in der VR China unter Mao Tse tung. in Kambodscha unter Pol Pot, in der Sowjetunion unter Stalin.
Wohlgemerkt: Diese millionenfachen Liquidierungen der jeweils eigenen Bevölkerung fanden statt in Umsetzung einer auf dem Marxismus basierenden Ideologie, waren also nicht durch Kriege mit anderen Staaten bedingt.
Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel wiederum hat, überall dort, wo diese konsequent betrieben wurde, zu allergrößtem massenhaften Elend geführt. So gibt es beispielsweise in Nordkorea, Kuba, Birma und Simbabwe bis zum heutigen Tag gewiss keinerlei Kluft zwischen Armen und Reichen. Nein, die in diesen Ländern herbeigeführte Gerechtigkeit ist von der Art, dass alle Menschen so bettelarm sind, dass sie nicht einmal das Nötigste zum täglichen Leben haben!
Andererseits war und ist in all jenen Staaten ein wirtschaftlicher Aufschwung erkennbar, sobald dort die Vergesellschaftung der Produktionsmitteln rückgängig gemacht wurde: Russland, China, Vietnam.
Wolfgang Thümler,
04509 Delitzsch
__________
Lesermeinungen in der Leipziger Volkszeitung vom 12./13. April 2008.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 8. April 2008 (Printausgabe - Seite 15)
© Leipziger Volkszeitung
„Voll auf der Linie der Universität“
Rektor Franz Häuser begrüßt Vorschlag, Marx-Relief zusammen mit Paulinerinstallation aufzustellen
Im Westen nichts Neues: Auf dem Sportcampus der Uni an der Jahnallee jedenfalls war gestern alles beim Alten. Während Studenten in die Mensa pilgerten, schlummerte das davor liegende Marx-Relief hinter dem inzwischen mit einigen violetten Nelken aufgehübschten Bauzaun. Der für den Tag angekündigte Start des Aufbaus: Fehlanzeige. Und daran dürfte sich erst mal nichts ändern.
„Stanislaw Tillich zieht mit“, frohlockte gestern Leipzigs CDU-Vorsitzender Hermann Winkler nach einem Gespräch mit dem sächsischen Finanzminister. Der hatte zwar schon mal Baustopp angeordnet. Dennoch will das Ministerium trotz neuerlicher Diskussionen offenbar zunächst keinen weiteren Stopp verhängen. „Schließlich ist ja auch eine Firma an den Aufbau gebunden, besteht ein Vertragsverhältnis“, so Sprecher Burkhard Beyer.
„Wir brauchen erst eine Gesamtlösung, bevor das Relief aufgestellt wird“, sagte Winkler. Nach dem Vorstoß von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), das umstrittene Relief nur zusammen mit dem stilisierten Giebel der vor 40 Jahren gesprengten Paulinerkirche zu installieren, habe Tillich seine Unterstützung zugesagt. „Er wird sich einer Mehrheitsentscheidung der Leipziger nicht verschließen“, so der CDU-Politiker. Mit vier anderen prominenten Leipzigern hatte er Jung aufgefordert, eine „Provokation“ durch die Aufrichtung des Monuments auf dem Sportcampus nicht zuzulassen. Jung unterbreitete daraufhin seinen Vorschlag in Anlehnung an die Paulinerinstallation, die acht Jahre auf dem Augustusplatz stand. Er räumte ein, dass die bisherigen Aufbaupläne den Zusammenhang zwischen Relief und Kirchensprengung „noch nicht ausreichend“ verdeutlichten. Aus dem Rathaus hieß es, dass die Uni, der das Relief gehört, und der Freistaat nun die Umsetzung des Vorschlags voranbringen und die Finanzierung sicherstellen müssten. Das bisher eingeplante Budget soll nach ersten vorsichtigen Schätzungen aus Dresden mit der neuen Installation um rund 100 000 Euro überschritten werden. Woher dieses Geld kommen soll, ist offen. Finanzministeriumssprecher Beyer wollte nicht über mögliche Kosten spekulieren.
Uni-Rektor Franz Häuser sprach gestern mit Jung und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) über den neuen Gestaltungsvorschlag. Gegenüber der LVZ wies Häuser darauf hin, dass eine Kommission bereits an einem Erläuterungstext für eine Tafel zum Relief arbeite. „Wenn diese Information noch eine Symbolik braucht, dann liegt das voll auf der Linie der Universität. Nichts liegt uns ferner, als die sozialistische Zeit zu verherrlichen.“ Er werde Jungs Vorschlag in der Kunstkommission der Uni zur Diskussion stellen.
K. S.
Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/59147.html
© LVZ-Online vom: Montag, 7. April 2008
Paulinerinstallation soll über Bronzemonument thronen
Montage: Mike Espenhain - Bilddarstellung: © Leipziger Volkszeitung
Marx-Relief: Fünf Leipziger ändern Jungs Meinung
Oberbürgermeister reagiert auf offenen Brief: Paulinerinstallation soll über Bronzemonument thronen
Überraschende Wende im Tauziehen um den Wiederaufbau des Marx-Reliefs: Heute beginnt die umstrittene Aufstellung des tonnenschweren Bronzemonuments auf dem Uni-Campus an der Jahnallee beginnen. Zumindest war es so geplant. Doch in letzter Minute unterbreitete Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am Wochenende noch einen Kompromiss-Vorschlag. Die Stahlinstallation, die an die vor 40 Jahren gesprengte Pauliner-Universitätskirche erinnerte und bis vor zwei Jahren auf dem Augustusplatz stand, könnte über dem Relief thronen. Der SPD-Politiker reagierte damit auf einen offenen Brief von fünf namhaften Leipzigern (die LVZ berichtete).
Die Sorge der Unterzeichner um Regierungspräsident Walter Christian Steinbach und Ex-Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer vor einem Verlust des Ansehens der Stadt der friedlichen Revolution hätten ihn dazu veranlasst, schrieb Jung binnen eines Tages zurück, noch einmal den Wiederaufbau zu überdenken. Das Monument sei „untrennbar mit dem barbarischen Akt der Sprengung“ der Universitätskirche verbunden, sollte „einen ideologischen Anspruch und einen Sieg markieren“. Dieser Zusammenhang werde „in der jetzt geplanten Aufstellung noch nicht ausreichend verdeutlicht“. Jung: „Deshalb mache ich folgenden Vorschlag: Das Relief ,Leninismus-Marxismus unserer Tage‘ sollte am geplanten Standort mit einer Stahlinstallation, die den Giebel und die Rosette der Universitätskirche stilisiert nachempfindet, untrennbar verbunden werden, ganz ähnlich der in der Stadt sehr akzeptierten Lösung der letzten Jahre auf dem Augustusplatz am ehemaligen Universitätsgebäude.“ Mit dieser Einfassung in den nachempfundenen kirchlichen Giebel könnte ein „Denk-mal“ entstehen, dessen Aussage weit über die vorgesehene Tafel mit Erläuterungen zum Relief hinausgehe. Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) habe ihm Unterstützung zugesagt. Sie wolle bei der Uni für die Lösung werben und „umgehend eine bauliche Realisierung prüfen lassen“.
Regierungspräsident Steinbach zeigte sich gestern zufrieden mit Jungs Initiative. „Unsere Fünfergruppe hat die Tür noch einmal aufgemacht.“ Wie berichtet, konnte sich Jung im Februar mit seinem Vorschlag, das Relief flach in den Boden des Uni-Geländes einzulassen und mit einer Glasplatte abzudecken, gegen Stange und Uni-Rektor Franz Häuser nicht durchsetzen. Offizieller Grund: Die Version koste 650 000 Euro, also doppelt so viel wie vorgesehen, und sei nicht finanzierbar. Danach war für Jung das Thema abgehakt. Noch vor anderthalb Wochen erteilte er CDU-Kreisvorsitzendem Hermann Winkler, der die Einberufung eines Runden Tisches zur Zukunft des Reliefs angeregt hatte, eine Abfuhr. Es sei alles „abschließend diskutiert“, ließ der Rathauschef wissen.
„Es ist wichtig, dass der Zusammenhang zur gesprengten Universitätskirche deutlich wird, damit das Relief nicht als Siegesmonument übrig bleibt“, lobte gestern Pfarrer Führer Jungs Vorstoß. Dem Vernehmen nach war es besonders die Mitwirkung des Geistlichen, die den Oberbürgermeister dazu bewogen habe, seine Basta-Einstellung zu ändern. Jung, heißt es, sieht in dem engagierten Pfarrer die „personifizierte Revolution“. Der Vater der Leipziger Montagsgebete, der vor kurzem aus dem aktiven Kirchendienst ausgeschieden ist, wies darauf hin, dass es nicht „um Marx, einen klugen Philosophen“ gehe. Führer: „Das Relief heißt ,Leninismus-Marxismus unser Tage‘. Diese Ideologie steht für Unrechtsstaat, Mauer, Stacheldraht und Stasi.“ Er habe mit dem Oberbürgermeister über eine Einfassung des Reliefs durch die Paulinerinstallation gesprochen. „Die Idee halte ich für sehr gut“, sagte Führer, „die Ausführung muss nun so gut sein wie die Idee.“ Die Paulinerinstallation, die 1998 in Erinnerung an die 30 Jahre zuvor gesprengte Kirche errichtet worden war, wurde 2006 wieder vom Augustusplatz entfernt. Die Galeristin Jutta Kreitz hatte die Giebel-Silhouette aus Stahlträgern entwerfen lassen, finanziert und später dem Paulinerverein geschenkt. „Wegen des Uni-Neubaus wurde sie dann meines Wissens nach zum Materialpreis abgebaut und eingeschmolzen“, sagte sie.
Steinbach hält eine 1:1-Kopie aus Bronzerelief und alter Installation ohnehin für „zu provinziell“. „Es muss einen internationalen Architektenwettbewerb geben“, sagte er. Auch der Standort sei zu überdenken. Das Gesamtwerk jedenfalls müsse „den Sozialismus entlarven“. In den nächsten Tagen soll es ein Gespräch der Fünfer-Gruppe mit Jung, den zuständigen Ministerien und der Uni-Leitung geben.
Rektor Häuser habe stets gesagt, das wieder aufgestellte Relief soll der Auseinandersetzung mit dem Sozialismus dienen. „Wir nehmen ihn beim Wort“, erklärte der Schriftsteller und Leipziger Ehrenbürger, Erich Loest, „das Rote Dreieck ist eine Auseinandersetzung.“ Doch zunächst einmal, so CDU-Chef Winkler, muss der Freistaat wieder einen Aufbaustopp verhängen. Klaus Staeubert
KOMMENTAR
Von Klaus Staeubert
Spät erkannt
Eines hätten auch Oberbürgermeister Jung, Wissenschaftsministerin Stange und Uni-Rektor Häuser wissen müssen: Das gigantische Marx-Relief vom Augustusplatz unkommentiert an die Jahnallee zu stellen, wirkt als Schlag ins Gesicht all derer, die 1989 auf Leipzigs Straßen demonstrierten. Denn das 33 Tonnen schwere Monument symbolisiert nichts anderes als den in Bronze gegossenen Sieg über den Geist der Freiheit. Dafür wurde auch die fast 700 Jahre alte Paulinerkirche in die Luft gesprengt. Diese Schande jährt sich in wenigen Wochen zum 40. Mal.
Wenngleich unter wachsendem öffentlichen Druck und sehr spät, so hat Jung nun doch immerhin erkannt, dass es – unabhängig davon, was es kostet – ohne eine Darstellung dieses Zusammenhangs keine Zukunft für das Relief geben kann und darf. Jungs Idee, einen aus Stahlträgern stilisierten Kirchengiebel über das Relief zu stülpen, ist zwar überlegenswert. Doch eigentlich gehört das Propagandawerk dorthin, wo auch die Reste der Kirche liegen – in den Park, der in der einstigen Etzoldschen Sandgrube in Probstheida entstanden ist. Allerdings nicht auf dem Hügel mit den Kirchentrümmern, sondern demütig ihm zu Füßen.
k.staeubert@lvz.de
BILD Leipzig vom 7.4.2008
RUNDER TISCH GEGEN DAS SED-RELIEF
Stoppen diese 4 das Marx-Comeback?
Von M. KURTZ
und J. RICHARD
Schriftsteller
Erich Loest (82):
»Mit dem Aufbau des
Marx-Reliefs werden die
Würde und das Andenken
der friedlichen Revolution
von 1989 dauerhaft
gefährdet. «
Regierungspräsident
Walter Christian
Steinbach (63, CDU):
»Das Marx-Relief
hat die Uni nicht nach
vorn gebracht
– sondern Intellektuelle
vertrieben. «
CDU-Chef
Hermann Winkler (44):
»Schon jetzt hat
das Marx-Relief dem
Bild unserer
Stadt nach außen
Schaden zufügt. «
Wende-Pfarrer
Christian Führer (65):
»Der Koloss steht nicht
für den Philosophen
Karl Marx, sondern
für Stacheldraht und
Stasi-Knast. «
Leipzig – Es sind nur sechs
knappe Zeilen – aber sie
könnten die Uni-Pläne zur Wiederkehr
des Marx-Reliefs jetzt
doch noch kippen!
Heute sollten am Uni-Campus
an der Jahnallee die Bautrupps
anrücken, den Koloss wieder
aufrichten (BILD berichtete).
Doch mit einem offenen Brief
erreichten Regierungspräsident
Walter Christian Steinbach
(63, CDU) und seine Mitstreiter
jetzt die sensationelle
Wende!
Der Regierungspräsident hatte
am Freitag den Leipziger Ehrenbürger
und Schriftsteller
Erich Loest (82, „Nikolaikirche“)
gebeten, die entscheidenden
Zeilen an OB Burkhard Jung (50,
SPD) zu formulieren. Und er traf
den richtigen Ton: „Wir bitten
Sie, sich eindeutig gegen diese
Provokation zu erklären.“
Vorausgegangen war eine Woche reger Telefonate
zwischen Steinbach und
Jung. Steinbach: „Ich hatte
mich wegen meines öffentlichen
Amtes bisher zurück
gehalten, aber nun konnte
ich nicht länger schweigen.“
Der OB antwortete sofort
mit einem neuen Kompromiss-
Vorschlag (s. unten).
Steinbach: „Das Argument,
es ließe sich am Marx-
Comeback nichts mehr ändern,
ist damit vom Tisch.“
Mitunterzeichner Christian
Führer: „Es muss sofort
einen neuen Baustopp geben.“
CDU-Chef Hermann
Winkler will deshalb heute
mit Finanzminister Stanislaw
Tillich telefonieren: „Es
muss ein internationaler Architekten-
Wettbewerb ausgeschrieben
werden. Daran
wollen wir maßgeblich
beteiligt werden.“ Sie appellieren
nun an OB Jung, den neuen Kompromiss zu moderieren - und Uni-Rektor Franz Häuser (61) zum Einlenken zu bringen. Gegen den erklärten Willen der Leipziger positionierte er sich bisher als größter Befürworter des Marx-Comebacks.
Neuer Kompromiss-Vorschlag
Ob-Jung will Marx mit Kirchengiebel
Unmittelbar nach dem Offenen Brief der Vier
reagierte Leipzigs OB
Burkhard Jung mit einem
neuen Kompromissvorschlag:
Das Relief
solle nun am geplanten
Standort mit einer
Stahlinstallation, die
den Giebel und die Rosette
der Universitätskirche
nachempfindet, verbunden
werden.
Eine ähnliche Installation
hatte der Paulinerverein
bereits über mehrere
Jahre am Augustusplatz
aufgestellt.
Jung: „Das Relief ist
untrennbar mit dem barbarischen
Akt der Sprengung
verbunden. Es sollte
einen ideologischen
Anspruch und einen Sieg
markieren.“ Eine Erläuterungstafel
- wie bisher
vorgesehen - könne „emotional nur begrenzt diesen Zusammenhang
veranschaulichen.“
Quelle: http://www.hallo-leipzig.de/
© hallo Leipzig - Ausgabe vom 04. April 2008
Abgekanzelt und gläsern getrennt?
hallo! möchte Ihre Meinung zur neuen Universitäts-Aula wissen
Es hat schon eine gehörige Pikanterie, einem Hausherrn aufzuerlegen, wie er sein Wohnzimmer einzurichten hat. Prof. Franz Häuser, Rektor der Universität Leipzig, wird sich seit geraumer Zeit wie ein gegängelter Hausherr vorkommen. Er fühlt sich unverstanden, weil zwei wichtigen gesellschaftlichen Kräften das geplante Erscheinungsbild der neuen Aula am Augustusplatz - in den Ausmaßen der am 30. Mai 1968 gesprengten Universitätskirche - nicht weit genug geht: Rautenstruktur der Decke, immerhin neun von zehn Säulenpaaren architektonisch be-rücksichtigt, und nicht zuletzt: ein Andachtsraum. Die Evangelische Landeskirche Sachsens und in ihrem Schweife der Leipziger Paulinerverein gingen nun diese Woche vehement an die Öffentlichkeit, da sie vor allen Dingen die Glaswand vor dem Andachtsraum und die Nicht-Berücksichtigung der historischen Kanzel ablehnen.
"Ich erkenne keine Gründe für den Einbau einer Trennwand, die letztlich die Botschaft transportieren würde, dass die Sphäre der Wissenschaft von der des Glaubens getrennt gehört", so Landesbischof Jochen Bohl am Montag in Leipzig. Allein schon aus akustischer Warte ist eine Glaswand unsinnig, weil beim Orgelspiel die volle Akustik bis zum Gottesdienstraum zerstört wird.
Prof. Häuser argumentierte zuvor uns gegenüber, dass ohne eine Glaswand beim gesprochenen Wort große Hallprobleme entstehen würden", so Thorsten Reich vom Paulinerverein gegenüber hallo! Was ist also wichtiger, das gesprochene Wort oder der gespielte Ton? Ebenso emotionalisierend stellt sich für Universität und Öffentlichkeit die Sachlage bei der historischen Kanzel dar. "Im lutherischen Sinn ist die Kanzel nicht allein der geistlichen Rede vorbehalten, sondern symbolisiert überhaupt die Bedeutung des 'freien Wortes' und kann daher auch für Vorträge genutzt werden", argumentierte Bohl für einen Aufbau am 4. Säulenpaar (Skizze). "Erick van Egeraat hat in seinem Siegerentwurf die Kanzel an der 4. Säule vorgesehen", echauffiert sich Thorsten Reich. Prof. Häuser lehnt die Kanzel im von ihm bezeichneten Paulinum ab, möchte keine weiteren Zugeständnisse gegenüber der Geschichte machen. Eine Kanzel-Installierung an der 1. oder 2. Säule im Andachtsraum? "Die Universität Leipzig hatte eine Platzierung der Kanzel im Gottesdienstraum vorgeschlagen, entweder als liturgischen Gegenstand oder als Kunstwerk. Dies haben die Theologen abgelehnt", so Häuser auf Anfrage. "Alles Alte da hinein zu bauen, wo der 'Rückzugsbereich' Kirche sein soll, ist nicht unser vorgeschlagenes Konzept der gemeinsamen Nutzung. Predigt im Aquarium wäre mal was Neues", so Bohls Sprecher Matthias Oelke zu unserer Zeitung.
Liebe Leserinnen und Leser, wir möchten Ihre Meinung zur Ausgestaltung der Universitäts-Aula wissen:
Warum sind Sie für oder gegen eine Glaswand am Andachtsraum und warum für oder gegen den Kanzeleinbau.
Bitte schreiben Sie uns bis 15. April mit dem Betreff "Leserumfrage":
per Post an hallo!,
Gutenbergplatz 1 E,
04103 Leipzig,
per Fax: 0341 2693232, oder per E-Mail an: redaktion@hallo-leipzig.de
________
Date: Sun, 06 Apr 2008 20:02:18 +0200
Subject: Kanzel
From: "WurlitzerM@t-online.de"
To: redaktion@hallo-leipzig.de
Zur Kanzel Uni-Kirche
Ob sich Herr Häuser selbst genügend über die Geschichte der Universität und dem Umfang des gesamten Kunstgutes der Universität informiert hat, wie es gegenwärtig seiner historischen Verantwortung zukäme, vermag ich nicht einzuscxhätzen. Wenn ja, gibt es berechtigte Zweifel an der Sachlichkeit seiner Argumentation.
Die Universität trägt die Verantwortung über den Umgang mit dem Kunstgut, das trotz erheblichen Widerstandes der Verantwortlichen und unter maximalem körperlichen Einsatz im Jahre 1968 von Personen geborgen wurde, die zur Demontage abkommandiert worden waren. Der verstorbene Experte für Denkmalpflege, Prof. Dr. Hans Nadler, schrieb schon im Jahre 1982 an die Leipziger Universität: "...wir bitten Sie noch einmal um Auskunft, was mit den für die Denkmalpflege wichtigsten Ausstattungsstücken, nämlich dem Altar und der Kanzel, geschehen soll. An der Wiederverwendung dieser Stücke ........ ist uns ja besonders gelegen." (Kopie s. Anhang)
Der Altar wurde, wie wir alle wissen, vor weiterem Zerfall bewahrt und ziert inzwischen die Thomaskirche als Hauptaltar. Die Einzelteile der Kanzel (recht gut erhalten) lagern immer noch in einem Depot der Universität. Im Kunstkonzept der Universität rangiert dieses bedeutende Kunstobjekt inzwischen unter "ferner liefen", hinter Gegenständen geringerer kunsthistorischer Bedeutung, obwohl 18 Jahre nach dem Ende der DDR vergangen sind. Die Hilflosigkeit gipfelt darin, dass (wie bereits von den Machthabern 1968 versucht wurde) die Bedeutung der Kanzel "heruntergeredet" wird.
Natürlich muss die Kanzel wieder aufgestellt werden, wenn sich die Universität zu ihrem künstlerischen Erbe bekennen will. Ein Erbe ist nun einmal nicht willkürlich teilbar. Bei einer Begehung des Egeraat-Baus wird jeder Kundige nach dem Altar und der Kanzel fragen. Die Dinge jetzt erst zu diskutieren, und nicht im Rahmen des mit vielen Mängeln behafteten Architektenwettbewerbes, beweist natürlich, wie oberflächlich und unsystematisch die gesamte Planung ablief.
Dr. Manfred Wurlitzer
wiss. Mitarbeiter der Uni von 1962-99

BILD Leipzig vom 2.4.2008
SCHWARZER TAG FÜR DIE STADT DER WENDE-HELDEN
Marx-Ministerin kriegt ihr Relief!
TROTZ ALLER PROTESTE WIRD DAS SED-DENKMAL AUFGESTELLT
Leipzig - Es ist ein Comeback, bei dem es nichts zu feiern gibt: Das Marx-Relief wird am Uni-Campus Jahnallee aufgebaut!
Wie BILD erfuhr, wird der am 22. Februar verhängte Bau-Stopp heute wieder aufgehoben. Wissenschafts-Ministerin Eva-Maria Stange (51, SPD) hat sich durchgesetzt: Gegen den Willen von 80 Prozent der Leipziger muss das verhasste SED-Denkmal nun wieder aufgestellt werden.
Wer traf diese Entscheidung?
Das Finanzministerium. Denn: "Vom Leipziger Rathaus kamen keine weiteren Überlegungen zum Umgang mit dem Karl-Marx-Relief", heißt es aus Dresden. "Ohne Alternative kann der Bau-Stopp nicht aufrechterhalten werden."
Wann können die Arbeiten weitergehen?
Das Finanzministerium: "Theoretisch heute. Aber einen Termin gibt es nicht."
Wie viel kostet das Aufstellen?
Anfangs hieß es immer .."nur" 12000 Euro. Die wahre Summe - 300 000 Euro(!)- hatte erst BILD recherchiert.
Kam eine andere Variante in Frage?
Ja! Nach einem Vorschlag von OB Burkhard Jung (50, SPD) sollte das monströse Werk flach hingelegt werden.
Warum scheiterte Oberbürgermeister Jung?
Das Finanzministerium: "Eine Option mit Beton-Wanne, in der das Relief eingelassen und mit einer durchsichtigen Platte abgedeckt wird, hätte 650 OO0 Euro gekostet."
Hatte der OB wirklich für den Willen der Leipziger gekämpft?
Offenbar nicht! Eileen Mägel (38), Sprecherin des Wissenschaftsministeriums: "In einer Gesprächsrunde am 29. Februar einigten sich OB Jung, Uni-Rektor Häuser und Ministerin Stange, dass das Relief aufgestellt wird. Danach gab es keine weiteren Gespräche über eine Alternative."
"Ein Affront gegen die Leipziger"
CDU-Kreischef Hermann Winkler (44): "Jetzt ist die politische Verantwortlichkeit klar -OB Jung hatte kein Interesse an einer Kompromiss-Lösung. Nachdem er sich mit Uni-Rektor Häuser und Ministerin Stange getroffen hatte, waren für ihn alle Argumente ausgetauscht und der Fall erledigt."
Schriftsteller Erich Loest (82): "Ein Affront gegen alle, die 1989 den marxistisch-leninistschen Ungeist der DDR abgeschafft haben. Dass ein Monument mit demTitel "Leninismus - Marxismus unserer Tage" eine Wiederauferstehung erlebt, ist ein Skandal."
FDP-Kreischef Sven Morlok: "Dass die Ministerin und unser OB jetzt Tatsachen
schaffen statt den Dialog weiterzuführen, wundert mich nicht. Mit dem Bauvollzug setzt Stange Tatsachen, ganz in sozialistischer Manier - bloß keine Zeit verlieren. So ist damals auch das Relief an die Stelle der Paulinerkirche gekommen".
Nikolaikirchenpfarrer i.R. Christian Führer (65): "Das Relief trägt den offiziellen Titel "Leninismus - Marxismus unserer Tage". Unmöglich es in der heutigen Zeit einfach wieder aufzustellen! Es wäre gut, wenn sich die Uni mit dem selben Eifer auch um die Universitätskirche kümmerte".
Quelle: http://www.kreuzer-leipzig.de/magazin/385
© KREUZER Leipzig - 02.04.2008 | 11:56 Uhr
Der Untote
Das Marx-Relief ist städtisches Wahrzeichen, Siegestrophäe des Sozialismus und Kindheitserinnerung für viele Leipziger zugleich. Warum es weder die eine richtige Geschichtsauffassung noch den einen expliziten Umgang mit dieser geben kann
Informieren Sie sich.
Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/58751.html
© LVZ-Online vom: Mittwoch, 2. April 2008
Marx-Relief soll ab kommender Woche aufgebaut werden
Leipzig. Mit dem Aufbau des umstrittenen Marx-Reliefs wird voraussichtlich am kommenden Montag begonnen. Das kündigte Ullrich, Kühne, Geschäftsführer der damit beauftragten Firma Kunstguss Lauchhammer gegenüber LVZ-Online an. "Wir haben bereits einen Anruf von der Uni bekommen, können aber nicht sofort loslegen, da wir erst andere Aufträge beenden müssen", sagte Kühne.
Der vom Finanzministerium am 22. Februar verhängte Baustopp wurde zum 2. April wieder aufgehoben. Die Arbeiten waren unterbrochen worden, da noch heftig darüber diskutiert wurde, ob das Denkmal überhaupt wieder aufgestellt werden soll und an welchem Standort. Im Gespräch waren neben dem Campus Jahnallee auch das Gelände der früheren Etzoldschen Sandgrube in Probstheida, unter dem bereits die Überreste der 1968 gesprengten Paulinerkirche liegen. Die Einlagerung war ebenfalls diskutiert worden, damit spätere Generationen über das Denkmal entscheiden könnten. "Es war ja in Leipzig eine kontroverse Diskussion im Gange, die wir erst einmal abwarten wollten", begründet Burkhard Beyer, Sprecher des sächsischen Finanzministeriums, die Entscheidung für einen Baustopp.
In einem Gespräch von Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) mit dem Rektor der Universität Franz Häuser und dem Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) wurde im März beschlossen, das Kunstobjekt wie geplant auf dem Uni-Campus an der Jahnallee zu installieren. Eine zunächst von Jung favorisierte Variante, bei der das Relief in den Boden eingelassen und von einer Glasplatte bedeckt werden sollte, wurde mit veranschlagten 650.000 Euro als zu teuer abgelehnt. "Letztendlich mussten wir feststellen, dass die Diskussion dann nicht weitergeführt wurde und es war ja klar, dass der Baustopp nicht unbegrenzt aufrecht erhalten werden konnte", so Beyer.
Den am Mittwoch in einer Mitteilung geäußerten Vorwurf der Wissenschaftsministerin, Finanzminister Stanislaw Tillich (CDU) habe entgegen anderslautender Ankündigung kein zusätzliches Geld für die Jung-Variante zur Verfügung stellen wollen, kann Beyer nicht verstehen: "Der Finanzminister hatte gesagt, dass er einer Lösung, die von der Mehrheit getragen wird, nicht im Weg stehen würde. Aber auch in dieser Richtung hatte sich ja nichts bewegt und uns liegen keine Anträge vor. Es gibt keine Grundlage, die uns veranlassen würde, für irgendwas mehr Geld zu geben."
Finanziert wird die Aktion aus dem Haushalt des Wissenschaftsministeriums. "Die Universität Leipzig hatte für die komplette Maßnahme - Demontage am früheren Hauptgebäude, Reparatur und Wiederaufstellung des Reliefs - 300.000 Euro beantragt", erklärte Stange. Diese Summe habe ihr Ressort, das zur ordnungsgemäßen Unterbringung seiner Kunstwerke verpflichtet ist, bewilligt. Für Baustopp war dagegen das Finanzministerium zuständig, da laut Beyer der projektbeauftragte Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) diesem Ressort unterstellt ist.
"Das Mahnmal wird jetzt dort aufgestellt, wo es sich derzeit befindet", sagte Uni-Rektor Häuser gegenüber LVZ-Online. Von der Jahnallee kommend liegen die Teile links neben der Mensa. An dem Objekt soll eine Erklärung angebracht werden. "Jeder, dessen Blick auf das Mahnmal fällt, dessen Blick soll auch auf die Gedenktafel fallen", sagte Häuser. In "kürzester Zeit" werde eine Kommission mit Vertretern der Universität und städtischer Institutionen zusammenkommen, um über einen erläuternden Text zu entscheiden, so Häuser weiter.
Kühne und seine Kollegen aus Lauchhammer müssen kommende Woche zuerst ein Fundament gießen und eine Stützwand betonieren. Dann kann das Relief mit dem Titel "Leninismus - Marxismus unserer Tage" an dem Betonsockel befestigt und von der Rückwand gestützt werden. Außerdem müsse das Werk gegen Vandalismus geschützt und konserviert werden. Der in den zwei Monaten Baustopp angesetzte Rost müsse ebenfalls noch entfernt werden. Kühne schätzt, dass die Arbeiten im Sommer abgeschlossen sind.
Nora Leisebein, LVZ-Online
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29./30. März 2008 (Printausgabe - Seite 1)
Marx-Relief: CDU-Chef für Runden Tisch
Leipzig (K. S.). Über den Umgang mit dem umstrittenen Marx-Relief sollte nach Ansicht des Leipziger CDU-Vorsitzenden Hermann Winkler ein Runder Tisch entscheiden. Diesen Vorschlag unterbreitete er jetzt Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Dieser könnte die „wichtigsten Entscheidungsträger“ zusammenbringen, um zu verhindern, dass das Monument auf dem Uni-Campus in der Jahnallee aufgestellt wird.
__________
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29./30. März 2008 (Printausgabe - Seite 17)
Runder Tisch ist Winklers letzte Hoffnung
CDU-Vorsitzender regt neue Debatte zum Marx-Relief an / Oberbürgermeister Jung lehnt Initiative ab
Es war ein Runder Tisch, der nach dem Zusammenbruch der DDR bis zur ersten freien Volkskammerwahl ein politisches Chaos im Lande verhinderte. Genau ein solcher Runder Tisch, so die Idee von CDU-Kreisvorsitzendem Hermann Winkler, sollte nun auch über den Umgang mit dem Marx-Relief entscheiden. Es ist vermutlich der letzte Versuch, den Wiederaufbau des umstrittenen DDR-Relikts auf dem Sportcampus der Universität in der Jahnallee zu verhindern. „Es müsste nur schnell gehen“, sagte Winkler gestern gegenüber der LVZ, „denn der verhängte Baustopp lässt sich nicht unbegrenzt aufrecht halten“. Wie berichtet, wurde der Aufbau wegen der Standortdiskussionen unterbrochen.
Den Vorschlag zur Einberufung eines Runden Tischs habe er in einem persönlichen Schreiben an Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) unterbreitet. Die Universität, die Eigentümerin des 33 Tonnen schweren Bronzereliefs ist, will das Werk auf ihrem Gelände in der Jahnallee bis zum Sommer aufstellen lassen. „Ich halte das für falsch“, sagte Winkler. „Will die Stadt der friedlichen Revolution wirklich mit Marx nach außen glänzen?“ Seine letzte Hoffnung setzt er deshalb in Jung. Dieser hatte selbst angeregt, das Monumentalwerk, dessen Orginaltitel übrigens nicht etwa wie bisher verbreitet „Aufbruch“, sondern „Leninismus – Marxismus unserer Tage“ lautet, liegend in den Boden einzulassen und mit einer Glasplatte abzudecken. Doch der Oberbürgermei- ster konnte sich damit nicht durchsetzen.
Jung sollte die „wichtigsten Entscheidungsträger“ am Runden Tisch zusammenbringen, empfahl Winkler – so Vertreter des sächsischen Wissenschafts- und Finanzministeriums, der Uni, der Stadtverwaltung, des Stadtrates, den Bundestagsabgeordneten Gunter Weißgerber (SPD) und den Ehrenbürger Erich Loest.
Gestern Nachmittag ließ Jung jedoch eine Absage an Winkler verbreiten. Die Argumente „sind in Leipzig und darüber hinaus hinlänglich bekannt“, schrieb Rathaussprecher Steffen Jantz an den CDU-Chef, „und nach unserer Kenntnis auch abschließend diskutiert.“
Klaus Staeubert
BILD Leipzig vom 13.3.2008
DER STREIT UMS MARX-RELIEF
BILD fand den Bau-Befehl der SED
Hier lesen Sie, warum das "Kunstwerk" nichts als plumpe Propaganda ist
Von JACKIE RICHARD
Leipzig - Seit Wochen streitet die Stadt über den Wiederaufbau des ungeliebten Marx-Reliefs an der Jahn-Allee. Die Mehrheit der Leipziger ist klar dagegen - und wird doch von den Marx-Befürwortern um Uni-Rektor Franz Häuser (61) heftig attackiert. Sogar von "Bilderstürmerei" ist da die Rede...
Aber ist das Marx-Relief wirklich ein Kunstwerk? Oder bloß in Bronze gegossene
SED-Propaganda?
BILD liegt jetzt die Konzeption des Reliefs vor. Knapp 40 vergilbte Seiten, die ein ehemaliger Uni-Mitarbeiter in den Archiven fand. Datiert vom Mai 1969 und erarbeitet von der "Stabsgruppe Neubau".
Es ist der Baubefehl zum Marx-Relief. BILD druckt die wichtigsten Auszüge:
"Durch eine oder mehrere sozialistische Menschengruppen ist auszudrücken:
- das von kapitalistischer Ausbeutung befreite Volk der DDR ist unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei, der SED, die geschichtsbildende Kraft in der Epoche des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus!
- unter Führung der Partei hat sich der Mensch seine Umwelt erobert und gestaltet sie schöpferisch, die sozialistische Gemeinschaft der Menschen beherrscht Wissenschaft und Technik
- die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten gestalten (...) den Sozialismus-Kommunismus
- das Werden und Wachsen des ersten sozialistischen Staates in Deutschland ist ein Sieg des Marxismus-Leninismus, der Arbeiterklasse und ihrer Partei,"
Auf dem beigefügten "Formblatt Nr. 2 A" steht dann noch einmal in Kurzform: "Die bildstoffliche Vorgabe ist der sozialistischen studierenden Jugend zu widmen." Und auch der Preis ist vorgegeben: "Orientierungssumme: ca. 250 000 Mark."
________
Lesen Sie hierzu auch:
Bemerkungen zur Gegnerschaft des Wiederaufbaus der Universitätskirche Leipzig
JUNGE FREIHEIT Nr. 12/08 vom 14. März 2008
Karl-Marx-Relief am ehemaligen Hauptgebäude der Universität Leipzig:
Das 1973 angebrachte Bronze-Relief gilt als eines der bekanntesten Relikte
aus DDR-Zeiten. Im August 2006 wurde es demontiert und in Einzelteile zerfegt.
Jetzt soll es hinter der ehemaligen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK)
wiederaufgebaut werden.
Von Grabräubern und eitlen Träumen
Bericht aus Schlida: Wie das Leipziger Karl-Marx-Relief zum Fetisch eines knallharten Kulturkampfes wurde
Das Karl-Marx-Relief, das bis 2006 das Hörsaalgebäude der Leipziger Universität verzierte,
ist sieben Meter hoch, 14 Meter breit und 33 Tonnen schwer. Zu DDR-Zeiten wog es noch eine Tonne mehr - vom Taubenkot, der sich darauf abgelagert hatte. Doch nicht einmal der reichte aus,
dem Monstrum seine einschüchternde Wirkung zu nehmen. Diese Wirkung war beabsichtigt. Das Relief wurde genau an der Steile des Ostgiebels der 1968 gesprengten Universitätskirche installiert - als "eine gewalttätige Blasphemie perfidester Alt" und "ein monströses Kampfinstrument des SED-Staates" so Pfarrer Christian Wolff von der Thomaskirche.
Selbst die Staatsfrömmsten empfanden bei seinem Anblick nur Bedrückung und Peinlichkeit, Trotzdem wurde es erst 2006 entferne, und das auch nur, weil der gesamte, aus den siebziger Jahre stammende Gebäudekomplex abgerissen wurde.
Zeit genug, um den Fetisch eines Kulturkampfes daraus zu machen. Die Universitätsleitung wollte das Relief an zentraler Stelle, am neu zu errichtenden Universitätscampus in der Innenstadt aufstellen. Eine "exponierte Stellung" in der Stadt hatte auch die PDS gefordert. Der Meinungskampf war und ist heftig.
Selbst den Staatsfrommsten war das Monstrum peinlich
Der Dirigent Kurt Masur, "eine Jahrhundertfigur aus Deutschland, ein Dirigent, der im großen Weltenumschwung von Leipzig aus mit Autorität, Klugheit und Menschlichkeit Geschichte gemacht
hat, ein Musikmeister in New York, in Paris, in London, der doch in Leipzig im Gewandhaus (",) seinen emotionalen Urboden hat" (in der unübertrefflichen Formulierung des Historikers Michael
Stürmer), wurde in der Auseinandersetzung der "Weltfremdheit" und "Unwissenheit" geziehen, "Man merkt, daß diese Leute am Parteilehrjahr nicht teilgenommen haben, sonst wüßten sie wenigstens etwas über die Marxsche Analyse der menschlichen Gesellschaft", giftete ein Leserbriefschreiber in der Leipziger Volkszeitung (LVZ). Eine Skurrilität, sicher, die in ihrer Mischung aus Ressentiment und Provinzialitär aber für eine starke Tendenz sieht.
Unter Mitwirkung der sächsischen Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD, bis 1988 SED) wurde beschlossen" das Relief auf einem Universitätscampus außerhalb des Zentrums aufzustellen, Die Kosten beiragen 300,000 Eure. Möglicherweise ist auch das noch
nicht das letzte Wort, denn Finanzminisier Stanislaw Tillich (CDU), die Argumente der Relief-Gegner aufnehmend, hat vorgeschlagen, das Monstrum flachzulegen und mit einer Decke aus Plexiglas zu versehen. Zusätzliche Mittel könnten durch Uni seh ich tungen im Haushalt freigemacht werden.
Wer für das Relief eintritt, will die Kirche verhindern
Wenn es nur um ein Artefakt aus überwundenen Zeiten ginge! Doch der Bericht aus Schilda erzählt von einem knallharten symbolpolitischen Konflikt.
Die Auseinandersetzung um das Marx-Relief ist unauflöslich mit dem Streit um den originalgetreuen Wiederaufbau der 1968 gesprengten Universitäts- bzw. Paulinerkirche verklammert(JF4/08). Wer für das Relief eintritt, will in der Regel die Kirche verhindern. Der Paulinerverein konstatiert: "Der Pauliner-Altar soll nach den Vorstellungen der Universitärsleitung nicht wieder an seinen Platz. Für die Restaurierung der Epitaphien und der Kanzel wären 300.000 Euro ein traumhaftes Budget".
Doch die Verhältnisse sind andere. Der Bürgerrechtler und heutige Dresdner CD U-Bundesabgeordnete Arnold Vaatz hat in einem Leserbrief an die Leipziger Volkszeitung die Schwäche der einstigen DDR-Revolutionäre hingewiesen. Ihr Defizit an "Herrschaftswissen, Führungserfahrung, Personalkenntnis, materieller Ausstattung, Frechheit und Dreistigkeit" habe ihren Gegner ermöglicht, "Komplizen aus den westdeutschen Apparaten (zu rekrutieren).
Diese halfen ihnen zunächst, sie zu adaptierten. Als Dank durften sie sich die LEBENSTRÄUME ihrer Eitelkeit erfüllen und in Ostdeutschland Führungspositionen übernehmen, die sie im Westen nie erlangt hätten. Dort nahmen sie (...) in feiner Witterung die Herzensanliegen der alten ostdeutschen Eliten auf und setzten sie mit dem Eifer verspäteter Helden der Arbeit um." Die Zeit sei nun reif, nach der Sanierung der Machtpositionen diese auch zur Schau stellen, so der Sprecher der Kommission Aufbau Ost der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. "Daß sich möglichst viele Protagonisten der Revolution von 1989 durch dieses Zur-Schau-Stellen von Macht beleidigt und gedemütigt fühlen ist beabsichtigt."
Der Leipziger StudentInnenenrat adaptiert und reproduziert die Machtverhältnisse. Als Dresden 2005 seine wiedererrichte Frauenkirche feierte, wurde über dem Marx-Relief ein Transparent entrollt: "Leipzig ist nicht Dresden. Gott sei Dank."
So notwendig, aufschlußreich und repräsentativ diese politische, mehr oder
weniger in Links-Rechts-Fron [Stellung geführte Auseinandersetzung auch ist -
ihre zweite, verborgene Funktion scheine darin zu liegen, eine andere, nicht minder brisante gar nicht erst aufkommen zu lassen. Im Sommer 2007 stieß man bei den Schachtarbeiten auf dem Geländer der Universitätskirche auf zum Teil mittelalterliche Mauerreste. Die Bauarbeiten wurden dennoch fortgesetzt,
Der Grund für die unterlassene archäologische Erschließung liegt möglicherweise ganz woanders als im Terminzwang. Im September 2007 erschien in der Wochenendbeilage der Berliner Zeitung ein langer Artikel über eine Streng geheime Kommandoaktion, die sich unmittelbar vor der Sprengung in der Paulinerkirche abgespielt hatte. Er stützte sich auf die Nachforschungen des Leipziger Physiker Manfred Wurlitzer, der einen Beteiligten der Aktion
ausfindig gemacht hatte.
In der Kirche befanden sich 800 alte Gräber der städtischen Oberschicht. Nach Aussage des Zeugen wurden Knochen, Kleiderreste und Grabschmuck aus den Sarkophagen geklaubt. Der
Schmuck wurde an Aufpasser übergeben, der Rest aber in Särge gestopft. Der Zeuge erinnert sich an "goldene Rosen" und an große verzierte Teller, darauf eingraviert Name, Geburts- und Sterbedatum des Verstorbenen. Niemand weiß, wo die wertvollen Preziosen geblieben sind, keinerlei Akten existieren über den Grabraub - erstaunlich in der aktenversessenen DDR.
Nun gibt es eine interessante Koinzidenz: Ende 1966 war die Behörde "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) des Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski gegründet worden, die einen Teil ihrer Erlöse durch den Verkauf von Kunst und Antiquitäten im Westen erzielte. Die Kirchensprengung erfolgte am 30. Mai 1968. Unmittelbar darauf, im Juni 1968, trat
eine geänderte "Verordnung zum Schutze des deutschen Kunstbesitzes" in Kraft, welche die Ausfuhr von Kunst mit "besonderer historischer Bedeutung" aus der DDR erlaubte. Ist das wirklich nur Zufall oder ein Hinweis auf eine deutsch-deutsche Hehlerei? Die Bundesrepublik
hätte sich dann nicht bloß an den unterdrückten "Brüdern und Schwestern", sondern auch am Kulturgut der Nation vergangen. Der Schweigeverpflichtung, die den Beteiligten der Kommandoaktion 1968 auferlegt wurde, folgte 1990 eine Schweigevereinbarung.
Geheime Kommandoaktion vor der Sprengung
Der Bericht über den Grabraub und den möglichen Zusammenhang mir der KoKo wurde in lokalen und regionalen Medien aufgegriffen, jedoch nicht überregional. Eine wiederrichtete Universitätskirche implizierte somit die Frage, wie die Deutschen es in Zeiten der
Teilung miteinander gehalten haben. Jene aber, die sich heute aufgeklärt und modern wähnen, die deshalb einen Säkular- statt einen Sakralbau wünschen, am besten mit einem Marx-Relief daran, sollten von Marx, dem Dialektiker, lernen und die Möglichkeit prüfen, ob sie, indem sie den großen Denker zum Fetisch herabwürdigen, nicht eine weitere, gegen sich selbst gerichtete Blasphemie begehen - und für diejenigen, die Kultur und Geschichte wie Immobilien in Ware verwandeln, nützliche Idioten abgeben.
THORSTEN HINZ
BILD Leipzig vom 11.3.2008
Uni bettelt um Pauliner-Spenden
Fürs Marx-Relief ist genug Geld da
Für alte Kirchenschätze leider nicht
Von JACKIE RICHARD
Leipzig - Die Uni weiß, was sie will: Für Marx ist genug Campus-Kohle da, für die Schätze von St. Pauli nicht. Um die zu restaurieren, wird sogar um Spenden gebettelt...
Für schlappe 140 Mio. Euro soll der Uni-Campus zum 600. Jubiläum im nächsten Jahr aufgehübscht werden - die 300 000 Euro fürs Marx-Comeback an der Jahnallee sind da schon eingeschlossen.
Dabei gäbe es noch ein anderes Projekt, das eine Finanzspritze gut gebrauchen könnte: die wertvollen Epithaphien aus der 1968 gesprengten Paulinerkirche. Die wurden damals in einer Nacht-und-Nebelaktion vorm Untergang gerettet - an ihre Stelle trat später das Marx-Relief.
Jahrzehntelang lagen die Pauliner-Schätze im Keller des Dimitroff-Museums, kamen erst 2004 in ein Kunstdepot. Viele sind vom Holzwurm zerfressen, auch das feuchte Klima hat ihnen zugesetzt. Auch die Restaurierung der wertvollen Grabplatten von Uni-Honoratioren wird rund 300 000 Euro kosten - doch um sie zu wieder fit zu machen, werden noch zusätzliche Spenden gesucht.
Uni-Kustos Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen (46): "Viele Privatleute haben Geld dazugegeben, 20 000 Euro sind so schon zusammengekommen."
Leipzigs CDU-Kreischef Hermann Winkler (44): ..Ich finde, die Uni setzt ihre Prioritäten falsch."
Quelle: DER SONNTAG vom 9. März 2008
Die offenen Wunden
Der Streit um angemessenen Umgang mit DDR Geschichte erregt die Leipziger Gemüter
Das Vergangene ist nicht vorüber. Das wurde in den letzten Wochen in Leipzig deutlich. Wie soll man mit dem Erbe der SED-Diktatur umgehen? Diese Frage entzündete sich an dem
tonnenschweren Marx-Relief, das einst am Universitäts-Hauptgebäude am Leipziger Augustusplatz prangte.
Im Zuge des gegenwärtigen Neubaus der Universität war es plötzlich übrig. Vor anderthalb Jahren wurde es abgenommen und zwischengelagert. Der Universitäts-Senat beschloss, es wieder
öffentlich zugänglich zu machen. »Das Marx-Relief ist ein zeitgeschichtliches Dokument, mit dem man sich aktiv auseinandersetzen muss«, sagte Universitätsrektor Franz Häuser.
Und so erkor man den Innenhof der Sportfakultät an der Jahnallee als neuen Standort des Bronzereliefs. Der Freistaat Sachsen genehmigte dafür 300000 Euro. Doch diese Pläne kamen Ende Januar ins Schleudern. Der Schriftsteller Erich Löest stellte sich gegen die Wiedererrichtung des Reliefs. »Das Monument ist eine Schande für die Stadt des freiheitlichen Aufbruchs
von 1989«, schrieb Loest in einem offenen Brief und forderte, es einzulagern.
Als Kompromiss schlug daraufhin der Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber (SPD) vor, das Marx-Relief dem »Grab der Paulinerkirche« in der Etzoldschen Sandgrube beizugesellen
und eihe Art Gedenkpark zu entwickeln. »Damit bekäme die Kirche einen Grabstein mit Marx«, sagte Oberbürgermeister Burkhärd Jung (SPD) und wies den Vorschlag entschieden zurück.
An dem Trümmergrab der einstigen Universitätskirche St. Pauli in Leipzig-Probstheida erinnert lediglich ein verwittertes Holzkreuz an die 1968 auf Geheiß von Walter Ulbricht
geprengte Kirche. Die Ansiedlung des Marx-Monuments löste Empörung aus. »Sollten etwa künftige Erinnerungsgottesdienstevor dem Marx-Relief stattfinden?«, heißt es in einer Erklärung des
Vereins »Pro Universitätskirche«.
Das konnte nun abgewendet werden. Am 28. Februar wurde zwischen Stadt, Universität und Kultusministerium vereinbart, das umstrittene Relief wie geplant an der Sportfakultät
zu errichten. Allerdings soll eine Erklärungstafel hinzugefügt werden, die auf die Geschichte des Reliefs und auf die Sprengung der Paulinerkirche eingeht. Gleichzeitig kündigte Jung an, für
die gesprengte Universitätskirche einen »würdigen Gedenkort« zu schaffen. »Keinen Gedächtnispark am Rande der Stadt als bloßen Ort der Erinnerung an Verlorenes«, fordert dagegen der Paulinerverein, »sondern eine lebendige Universitätskirche St. Pauli im Inneren
der Stadt!«
Stefan Seidel
Beteiligen Sie sich an der Diskussion
BILD Leipzig vom 8.3.2008
Also doch! Ministerin lässt Marx (erstmal) liegen
Von JACKIE RICHARD
Leipzig - Liegen und liegen lassen...
Endlich sieht es so aus, als ob der Traum der Leipziger wahr und das Marx-Relief doch nicht aufgestellt wird! Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50, SPD) will den Aufbau-Befehl jetzt überdenken!
Die sensationelle Wende erreichte gestern Leipzigs CDU-Chef Hermann Winkler (44) im Vier-Augen-Gespräch mit der Ministerin. Winkler: "Ein gutes Gespräch!"
Der erste Schritt zum Kompromiss: Stange holt jetzt den Taschenrechner raus! Und lässt prüfen, was es wirklich kostet, den Koloss nur in der Horizontalen am Campus Jahnallee zu präsentieren - so wie von Oberbürgermeister Burkhard Jung (50, SPD) und vielen Leipzigern gewünscht.
Diese Variante hatte die Ministerin mit dem Totschlag-Argument "zu teuer" abgebügelt - und vage behauptet, diese Lösung koste doppelt so viel wie die ohnehin veranschlagten 500 000 Euro (BILD berichtete).
Daraufhin sprach sogar Finanzminister Stanislaw Tillich (48, CDU) ein Machtwort - er wollte notfalls sogar Geld dazuschießen, damit eine akzeptable Alternative gefunden wird. Schließlich wollen die meisten Leipziger - nach einer BILD-Umfrage 80,2 Prozent - das SED-Denkmal gar nicht mehr sehen.
Winkler: "Am Geld darf es jetzt nicht scheitern." Noch in der nächsten Woche könnten Fachleute vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement fundierte Finanzierungsexpertisen vorlegen. Und Eva-Maria Stange kann beweisen, dass sie die Wünsche der Leipziger ernst nimmt.
BILD Leipzig vom 7.3.2008
Dresdner Ministerin klebt am Marx-Relief
Kompromiss abgelehnt! Finanz-Hilfe abgelehnt! Leipziger werden weiter bevormundet!
"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann."
Francis Picabia, Künstler
Auf Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50, SPD) trifft der kluge Künstler-Satz offenbar nicht zu. Denn obwohl sich Finanzminister Stanislaw Tillich (48, CDU) gestern bereit erklärt hatte, eine Relief-Lösung nach dem Willen der Leipziger zu bezahlen, weigert sich die "Marx-Ministerin", ihren Aufbau-Befehl zu überdenken.
"Wir brauchen darüber nicht mehr zu diskutieren", ließ Stanges Sprecherin Eileen Mägel (38) gestern ausrichten. "Die Entscheidung ist gefallen. Der Standort ist die Jahnallee. Das Marx-Relief wird aufgestellt!" Ob das die Leipziger wollen oder nicht...
Dabei hätte nach Tillichs Finanzierungs-Zusage endlich Frieden im Relief-Streit einkehren können. Stange hätte lediglich einen so genannten förmlichen "Umschichtungsantrag" an den Finanzminister stellen müssen, und schon wäre den Leipzigern Marx erspart geblieben.
CDU-Chef Hermann Winkler (44): "Die Weichen sind gestellt, die Initiative muss nun von Frau Stange ausgehen." Der Baustopp für Marx an der Jahnallee bleibt so lange bestehen.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 6. März 2008 (Printausgabe - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung
„Erbärmliches politisches Versagen“
DSU kritisiert CDU und SPD zum Relief
Die Leipziger DSU hat der Regierungskoalition von CDU und SPD sowie deren Leipziger Landtagsabgeordneten „erbärmliches politisches Versagen“ vorgeworfen. DSU-Stadtrat Karl-Heinz Obser begründete seinen Vorwurf mit der Wiedererrichtung des Karl-Marx-Reliefs. Diese hatte, wie berichtet, Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) nach einem Gespräch mit Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und Universitätsrektor Franz Häuser entschieden. Obser sprach von einem „unerhörten Akt der Ignoranz gegenüber dem erklärten Willen eines Großteils der Leipziger Bürgerschaft“.
Nach Ansicht des DSU-Politikers müssen sich die politischen Repräsentanten von CDU und SPD im Freistaat bescheinigen lassen, die Chance des Wiederaufbaus der vom SED-Regime im Mai 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli vertan zu haben. Jeder auf seine Weise: Durch Kapitulation einerseits und durch ungenierte Verhinderungspolitik andererseits. Stattdessen hätten beide Parteien den Leipzigern den Wiederaufbau des „Marx-Propagandareliefs aufgedrängt“. Die Botschaft von Union und SPD laute ganz offensichtlich: Nein zur Uni-Kirche, Ja zu Marx.
Angesichts dieser kollektiven Entscheidung erscheine die gegenwärtig geführte Diskussion in Leipzig zu Erinnerungsstelen, Straßen- und Platzumbenennungen an Orten der friedlichen Revolution, gar zu Freiheitsdenkmälern „zur Lebenslüge dieser Stadt zu verkommen“. Da aber die Bürgerstadt Leipzig noch nicht verloren sei, regte Obser an, die Gedenkveranstaltungen zum 17. Juni 1953 und zum Herbst 1989 „vor der manifestierten Schande von SED-Diktatur und aktueller Politik“ durchzuführen: Auf dem Sportcampus der Uni in der Jahnallee, wo das Relief stehen soll.
____________
Zu "Grüne kritisieren DSU-Stadtrat" vom 10.03.08
Chaotisches Verhalten von Politikern scheint heutzutage nichts Besonderes. Wenn zwischen den öffentlichen Auftritten genügend Zeitraum verstrichen ist, werden Standpunkte, die man erst leidenschaftlich bekämpfte, zu eigen gemacht und im Rahmen einer nicht-informierten Öffentlichkeit als große Weisheit neu präsentiert.
In dem erwähnten Artikel bekennt sich Kasek zu einem Neubau, der an die Universitätskirche erinnert. Was war aber der Standpunkt seiner Fraktion am 16. April 2003?
An diesem Tag befand der Stadtrat über zwei inhaltlich nahezu deckungsgleiche Anträge in namentlicher Abstimmung. Die grüne Fraktion des Leipziger Stadtrats hat geschlossen den Antrag einer Gruppe von Stadträten abgelehnt, der den entscheidenden Passus enthält: Der Nachfolgebau der Paulinerkirche soll " deutlich an die 1968 gesprengte Universitätskirche erinnern". Die Grünen stimmten aber dem konträren Antrag zu (an dem sie mit gebastelt hatten und wo man sich der Mehrheit durch die Stimmen der PDS sicher war), der sich im wesentlichen (außer dem Verbot des Wiederaufbaus) nur durch die verbale Nuance unterschied, dass ein neuer Bau gefordert wird, der "... in angemessener Form an die Sprengung erinnert". Also, es sollte lediglich an die Sprengung erinnert werden, von einer Erinnerung an die Kirche ist darin definitiv nicht die Rede.
Die Realität ging aber letzten Endes eigene Wege. Es kam der Egeraat-Entwurf, der auch von den Grünen lebhaft begrüßt wurde. Dieser ist aber nichts anderes als die Realisierung des von den Grünen abgelehnten Antrags. (Was wohl bis heute niemand bemerkte, denn in dem aufgebauschten Text der Anträge verschwindet schon mal der Kern!)
Die damalige Diskussion um die beiden, mit äußerster Spitzfindigkeit ausgearbeiteten Anträge hatte ein Stadtrat als "Kasperletheater" bezeichnet. Leider hat die Öffentlichkeit von dem, was sich da im Rathaus abspielte, so gut wie nichts mitbekommen. Schade, denn dann wäre vielen, die sich um eine sachliche Auseinandersetzung bemüht haben, klar geworden, auf welchem Niveau sich die schulmeisterlichen Ergüsse bei manchen Volksvertretern bewegen. Begriffe, wie "Erinnerungskultur" und "autonome Entscheidung" sind zwar wunderschöne Worte, die aber im Falle eines hoch politischen Objektes zur Phrase entarten, wenn sie nicht durch nachvollziehbare Argumente und Fakten hinterlegt werden.
Dr. Manfred Wurlitzer
BILD Leipzig vom 6.3.2008
Marx bleibt liegen!
Sensationelle Wende im Relief-Streit!
Finanzminister Stanislaw Tillich gibt sogar neues Geld, damit das verhasste SED-Denkmal nicht in Leipzig aufgebaut werden muss
Von ERIK TRÜMPER
Leipzig - Sensationelle Wende im Streit um das Marx-Relief!
Seit gestern ist klar: trotz des Aufbau-Befehls von Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50, SPD) muss das ungeliebte SED-Denkmal nicht an der Jahnallee aufgebaut werden.
Das ist das Ergebnis eines Vier-Augen-Gesprächs zwischen Leipzigs CDU-Chef Hermann Winkler (44) und Sachsens Finanzminister Stanislaw Tillich (48, CDU).
Die beiden Politiker hebelten jetzt nämlich Stanges Totschlags-Argument aus. Die Ministerin hatte vergangene Woche behauptet, es sei billiger, den Marx für 300 000 Euro aufzustellen, als ihn einfach liegen zu lassen und mit einer Plexiglas-Platte abzudecken. Das war der Wunsch von OB Burkhard Jung (49, SPD) gewesen. Ein Kompromiss, denn die große Mehrheit der Leipziger - laut BILD-Umfrage 80,2 Prozent! -wollten Marx am liebsten nie wieder sehen.
CDU-Chef Winkler attackierte die Ministerin daraufhin umgehend: "Eine mehrheitsfähige Lösung kann nicht am Geld scheitern." Schließlich habe sich Stange über den Willen der Leipziger hinweggesetzt.
Gestern nun das Treffen zwischen Winkler und Finanzminister Tillich in Dresden. Und Tillich entschied klar: "Für eine Lösung, die von den bisherigen Vorstellungen abweicht, die aber dem Willen der Leipziger Bevölkerung entspricht und in der Sache begründbar ist, ist Geld vorhanden."
Heißt: Der Finanzminister würde notfalls sogar Geld nachschießen, damit das Marx-Relief nicht aufgebaut wird!
Winkler: "Jetzt liegt es am OB, noch einmal mit Frau Stange zu reden und eine Leipziger Lösung zu finden. Sollte sie mehr als die 300 000 Euro kosten, braucht die Ministerin nur einen Umschichtungs-Antrag zu stellen und das Geld würde im Finanzministerium bewilligt."
BILD Leipzig vom 4.3.2008
Trotz Marx-Relief und Nordkorea-Vergleich
Warum schweigt die Handelshochschule?
In ihrer Eigenwerbung meistert die Handelshochschule Leipzig (HHL) "Management- Herausforderungen des 21. Jahrhunderts". Doch in der Realität kuscht die Elite-Schmiede der Wirtschaftslenker von morgen ausgerechnet vor Karl-Marx!
Denn die HHL kriegt den ungeliebten Marx-Koloss direkt vor die Tür geknallt. Und das selbst, nachdem Leipzigs Finanzbürgermeisterin Bettina Kudla (45, CDU) in einer Lokalzeitung eine Steilvorlage zum Angriff lieferte. Kudla nannte die ausgewählte Fläche eine "Katastrophe" und fühlte sich an "Nordkorea" erinnert.
In der Handelshochschule guckt man lieber weg. Kommentar gestern: "Kein Kommentar!" Immerhin ist die HHL Mieter auf dem Uni-Gelände - und fürchtet offenbar den Groll von Rektor Franz Häuser (62), der das Marx-Relief ganz dringend aufstellen will.
HHL-Pressesprecher Volker Stößel gestern schmallippig: "Die Geschäftsleitung möchte sich zu dem Thema nicht äußern."
BILD Leipzig vom 1. März 2008
Eva-Maria Stange und ihre merkwürdige Rechnung ums Relief
Hat die Ministerin mit Marx getrixt?
Bildunterschrift:
"Marx-Ministerin" Stange: gegen den Willen der meisten Leipziger lässt sie das monströse SED-Relief (33 Tonnen schwer!) am DHfK-Campus wieder aufstellen, Angeblich ist das die billigste. Doch bei ihrer Rechnung hat sie offenbar getrixt
Von ERIK TRÜMPER
Leipzig - Tag eins nach dem Marsch-Befehl fürs Marx-Relief. Der Zorn der Leipziger richtet sich derzeit gegen eine Person Sachsens: Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50, SPD).
Die ordnete gestern trotz massiver Proteste den Wiederaufbau des monströsen SED-Denkmals an der Jahn-Allee an. OB Burkhard Jung (49, SPD) musste sich beugen, denn Stanges schlagendes Argument war das Geld: der Wiederaufbau für 300 000 Euro sei demnach die billigste Variante. Würde man Marx liegen lassen und mit einer Plexiglas-Scheibe abdecken, würde das "die Kosten verdoppeln", so die Ministerin gestern wörtlich.
600 000 Euro fürs Nicht-Aufstellen? Klingt glaubwürdig. Und tatsächlich: Als sich BILD gestern vom Stange-Ministerium die Summe vorrechnen lassen wollte, musste man passen. Erst nach 5 (!) Stunden erklärte Ministeriums-Sprecherin Eileen Mängel (38): "Das ist doch logisch. Es liegt doch auf der Hand, dass es teurer wird."
Auf die Frage, ob denn jemand nachgerechnet habe - schließlich geht's ja um Steuergelder - mußte Sprecherin Mängel zugeben: Es muß nicht das Doppelte sein, kann es aber. Außerdem ist das doch nicht unsere Aufgabe." Und woher kommen nun die 600 000 Euro? Mägel: "Da müssen Sie im Finanzministerium nachfragen!" Das tat BILD prompt. Und siehe da: Dort kannte man die Summe gar nicht...
Hat die Ministerin den OB und die Leipziger mit ihrer Horror-Rechnung kalt ausgetrixt? Oder hat EX-SED-Mitglied Stange in Sachen Marx-Relief nur ein Rechenproblem...
Fakt ist: Im vergangenen Jahr hatte es immer geheißen, der Marx-Wiederaufbau würde "nur" 12 000 Euro kosten. Die wahre Summe - 300 000 Euro (!) - hatte erst BILD recherchiert.
CDU-CHEF HERMANN WINKLER
So will er die Dresdner Ministerin noch stoppen
Leipzig - Nach dem eiskalten Machtwort der roten Ministerin fragt sich ganz Leipzig: Wer kann den Marx-Wahnsinn jetzt noch stoppen?
Die Hoffnungen der Relief-Gegner - und das sind laut BILD-Umfrage 80 Prozent der Leipziger(!) - ruhen vor allem auf CDU-Stadtchef Hermann Winkler (44). Der war selbst mal Minister unter Milbradt, hat noch immer beste Kontakte nach Dresden. Winkler zu BILD: "Das Ergebnis vom Donnerstag kann so nicht stehen bleiben! Es geht um den Ruf der Stadt - und um den des gesamten Ostens."
Er will nun Finanzminister Stanislaw Tillich (48, CDU) einschalten. "Denn am Geld soll eine mehrheitsfähige Lösung nicht scheitern. Ich würde auch zusammen mit OB Jung nach Dresden fahren,Um noch einmal mit Minister Tillich und Ministerin Stange zu reden. Um Finanzierungsmöglichkeiten zu suchen. Zur Not müsste Geld umgeschichtet werden. Das sollte doch möglich sein."
Beistand bekommt er von FDP-Chef Sven Morlock (45): "Es ist unerträglich, dass Marx den Campus Jahnallee schmücken soll. Sicher würde die FDP-Fraktion im Landtag es unterstützen, wenn die CDU da interveniert."
BILD Leipzig vom 29. Februar 2008
Jung verliert gegen Marx!
Diese fröhlichen Relief-Fans haben uns Leipzigern gerade das SED-Denkmal verpasst
Von M. KURTZ, E. TRÜMPER und J. RICHARD
Leipzig - Es klingt wie ein später Sieg des Marxismus. Gegen den Willen der meisten Leipziger, der Rathausspitze und gegen den Willen so großer Persönlichkeiten wie Erich Loest (82) und Kurt Masur (80) wurde gestern entschieden: Das Marx-Relief wird am Uni-Campus aufgestellt!
Ein schwarzer Tag für die Heldenstadt. Keine 19 Jahre nach der friedlichen Revolution müssen die Leipziger jetzt mit ansehen, wie ihnen das ungeliebte SED-Propaganda-Denkmal wieder vor die Nase gesetzt wird.
Das traurige Ergebnis des Gipfeltreffens zwischen OB Jung (49, SPD), Uni-Rektor Franz Häuser (61) und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50, SPD) gestern im Rathaus. Jung wollte das Aufstellen der monströsen Bronze-Plastik verhindern, sie lieber unter einer Plexiglas-Platte auf dem Campus-Gelände liegen lassen. "Dafür habe ich gekämpft", so der OB zerknirscht.
Doch er hat verloren, gegen Marx, Stange und Häuser.
Die Ministerin "das Werk gehört nun mal zum Kunstbesitz der Uni." Zur Besänftigung soll immerhin eine Tafel die historischen Zusammenhänge erklären - schließlich hing der Koloss über 30 Jahre an der Stelle am Augustusplatz, wo die SED 1968 die Paulinerkirche sprengen ließ.
Jungs Plexiglas-Plan lehnt Stange, früher übrigens selbst SED-Mitglied, strikt ab. "Das würde die Kosten verdoppeln."
Vorgerechnet hat sie das den Journalisten gestern freilich nicht. Gesichert ist nur eins: Wenn Marx Anfang Mai an der Jahn-Alleee steht, hat das den Steuerzahler 300 000 Euro gekostet.
________
"EIN SCHLAG INS GESICHT DER LEIPZIGER"
- Erich Loest (82), Schriftsteller: "Diese Entscheidung ist eine Niederlage all derer, die im Herbst '89 für den Sturz der kommunistischen Diktatur gekämpft haben. Auch der Einsatz unzähliger Leipziger gegen das Monument wird komplett igoriert."
- Gunter Weißgerber (53), SPD-Bundestagsabgeordneter: "Damit bewegen sie sich in der Tradition der SED von vor 30 Jahren. Die hat sich auch nicht um Mehrheiten der Bevölkerung geschert. Die Uni hat sich mal wieder unrühmlich in die Geschichte Leipzigs eingebracht!"
- Hermann Winkler (44), CDU-Stadtchef: "Vom OB habe ich mehr Engagement für die Leipziger Interessen erwartet."
- Robert Clemen (40), CDU-Landtagsabgeordneter: "Das ist ein Schlag ins Gesicht der Leipziger, die 1989 für die friedliche Revolution um den Ring gezogen sind."
- Alexander Achminow (45), CDU-Fraktionschef: "Das zeigt sich erneut, wie arrogant und provinziell die Uni ist - und kein Gespür für Leipzig hat. Der OB hat wieder einmal zu spät reagiert."
- Christian Wolff (58), Thomas-Pfarrer: "Mit dem Marx-Monument an Stelle der Paulinerkirche wurde ein Monstrum an Stelle des Kreuzes gesetzt. Diesen Frevel heilt auch keine Erklärtafel."
Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/56016.html
© LVZ-Online vom: Donnerstag, 28. Februar 2008
Streit um Marx-Relief beigelegt - Tafel soll Hintergrund erläutern
Leipzig. Der Streit um das Leipziger Karl-Marx-Relief ist beigelegt. Die Universität Leipzig, die Stadt und das sächsische Wissenschaftsministerium haben sich am Donnerstag darauf verständigt, das 33 Tonnen schwere Bronzemonument wie geplant am Sportcampus in der Jahnallee aufzustellen. Zudem soll eine Tafel gestaltet werden, auf der der geschichtliche Hintergrund erklärt und eingeordnet wird, erklärte Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD). Die vom Wissenschaftsministerium getragenen Kosten für die Wiederaufstellung des zeitweise eingelagerten Reliefs in Höhe von 300 000 Euro würden eingehalten.
„Das Marx-Relief ist ein zeitgeschichtliches Dokument, mit dem man sich aktiv auseinandersetzen muss. Es einfach einzuschmelzen, ist keine Lösung“, sagte Stange. Eine Kommission aus Vertretern der Universität und des Zeitgeschichtlichen Forums soll nun einen Text erarbeiten, der die Geschichte des Monuments erklärt und auch auf die Sprengung der Paulinerkirche 1968 eingeht. Bis zum Neubau der Universität stand das Marx-Relief an der Stelle des Ostgiebels der zerstörten Kirche.
Uni-Rektor Franz Häuser begrüßte, dass nach 18 Jahren Diskussion endlich eine Einigung gefunden wurde. Die beschlossene Aufstellung des Heroenmonuments sei für ihn der Beweis einer weltoffenen Universität und der akademischen Auseinandersetzung. Die zu gestaltende Tafel liefere die Sicherheit, dass das Kunstwerk von Betrachtern nicht fehlinterpretiert werde. Binnen der nächsten zwei Monate sollen Relief und Tafel stehen.
Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) konnte sich mit seinem Vorschlag, das Monument zu verglasen und auf dem Boden liegend zu präsentieren, nicht durchsetzen. Dies hätte zu einer Verdopplung der Kosten geführt, sagte Stange. Gleichzeitig kündigte Jung an, in der Etzoldschen Sandgrube im Stadtteil Probstheida „eine würdige Form der Erinnerung“ zu schaffen. Dort liegen die Trümmer der gesprengten Universitätskirche.
dpa
_________
Ärger über Marx-Relief reißt nicht ab
Auch nach gestriger Bekräftigung von Land, Uni und Stadt für Standort Jahnallee hagelt es Kritik
Es war alles andere als ein Wunschtermin. Sie hätte in Leipzig lieber zum anstehenden 600-Jahr-Jubiläum der Universität gesprochen, räumte Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) gestern im Rathaus ein. Stattdessen ging es in der Beratung von Vertretern aus Stadt, Land und Uni um die Zukunft des Karl-Marx-Reliefs der Alma mater. Seit Tagen gibt es in Leipzig eine heftige Diskussion über die tonnenschwere Bronzeplastik aus DDR-Zeiten. Die heftigsten Kritiker sind für Einschmelzen, die Uni will es am Campus in der Jahnallee aufstellen. Bei letzterem Vorhaben, so das Ergebnis der Runde im Rathaus, bleibt es. Und: Neben das Relief kommt eine Tafel, die das Monument und dessen Geschichte beschreibt. In gut zwei Monaten soll das Kunstwerk erneut der Öffentlichkeit übergeben werden.">
Das Thema sei sowieso nur hochstilisiert worden, so Oberbürgermeister Burkhard Jung, und das Werk nur Propagandakunst. „Es verdient nicht die Aufmerksamkeit, die es momentan erregt.“ Stange sah dies genauso. Dennoch komme ein Einschmelzen oder Einpacken nicht in Frage, da es sich um ein zeitgeschichtliches Dokument handele, „mit dem wir uns aktiv auseinandersetzen müssen.“ Es sei nun mal „Teil der Uni“. Deren Rektor Franz Häuser meinte, die Propagandakunst der DDR könne gar nicht besser dargestellt werden als mit diesem Monument.
Auch über Alternativen war gesprochen worden. Jungs Vorschlag: Das Relief nicht aufstellen, sondern hinlegen und mit einer Schutzhülle versehen. Stange lehnte ab, weil es die Kosten für das Relief an der Jahnallee verdoppeln würde – von 300 000 auf 600 000 Euro. „Das kann ich nicht verantworten.“ Wenn sich das Land aber eine 2,75 Milliarden-Bürgschaft für die Landesbank leisten kann, wieso dann nicht diese Alternative in Sachen Marx-Relief? „Weil es bei diesem um handfestes Geld geht“, antwortete Stange.
Handfeste Kritik kam von Leipzigs CDU-Vorsitzendem Hermann Winkler: „Dass sich der Oberbürgermeister über die Meinungen der Leipziger hinwegsetzt, daran haben wir uns leider fast schon gewöhnt. Aber dass der Freistaat und die Universität das ebenfalls tun, ist eine neue Qualität.“ Er, so Winkler weiter, hätte sich mehr Kreativität in Sinne der Leipziger gewünscht, „als fantasielos den alten Beschluss einfach umzusetzen“.
Noch schärfere Wortgeschütze fuhr ein Parteigenosse Jungs auf, der Leipziger Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber. Mit der Entscheidung stelle sich „die neue Universitätsleitung in die politische Kontinuität der alten SED-Universitätsleitung.“ Letztere habe „vor 50 Jahren den Vorschlag, die Paulinerkirche zu beseitigen,“ gemacht, „und ließ das marxistisch-leninistische Siegesmahnmal an Stelle der Kirche anbringen.“ Damals wie heute sei „der mehrheitliche Bevölkerungswillen ignoriert“ worden.
Auch Rainer Fornahl, ebenfalls SPD-Bundestagsabgeordneter aus Leipzig, empörte sich über „einen schäbigen Umgang mit einem dunklen Kapitel der Universitätsgeschichte“. Das habe er in seinen schlimmsten Träumen nicht für möglich gehalten. Nun könne sich die Hochschule „ja ab 2009 auch wieder Karl-Marx-Universität nennen“.
Dagegen könne er, so der grüne Stadtrat Roland Quester, „gut mit der Entscheidung leben“. Er finde es gut, dass das Relief nicht verschwinde, weil es „Teil der Leipziger Geschichte“ sei. „Ich halte nichts von dem Ansatz, alles zu vernichten, was nicht mehr politisch populär ist“, sagte Quester.
Volker Külow, Stadtrat der Linken, begrüßte es „außerordentlich, dass Stange, Jung und Häuser bei all dem Kesseltreiben der jüngsten Tage Rückgrat gezeigt haben“. Trotz der heftig geführten Auseinandersetzungen freue er sich „über die lebendige Diskussionskultur, die es in Leipzig weiterhin gibt“, so Külow.
Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins, zeigte sich „verwundert darüber, dass entgegen der Mehrheit der Leipziger gehandelt“ worden sei. „Für unseren Verein ist aber der zügige Aufbau der Paulinerkirche viel wichtiger als diese Frage.“
Weniger gelassen blieb Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff nach Bekanntgabe der Entscheidung. „Die Uni-Leitung bleibt sich treu bei der Geschichtsverdrängung.“ Sie nehme nicht zur Kenntnis, „dass der Umgang mit dem Relief eine gesellschaftliche Frage“ und keine hausinterne sei. „Das Marx-Monster stand an der Stelle des Kreuzes – gegen die freie Meinung. Es sollte bei den Resten der Paulinerkirche stehen.“
Ulrich Milde/Peter Krutsch
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 28. Februar 2008 (Seite 21)
© Leipziger Volkszeitung
„Oben steht das Kreuz, unten das Marx-Relief“
Heute Spitzentreffen zur Zukunft des Bronze-Monuments
Vor dem heutigen Spitzentreffen von Oberbürgermeister, Uni-Rektor und Wissenschaftsministerin zur Zukunft des Marx-Reliefs hat sich der CDU-Stadtrat Stefan Billig gegen die geplante Errichtung des Bronzewerks auf dem Sportgelände der Universität in der Jahnallee ausgesprochen. „Es sollte am Fuße des Trümmergrabes in Probstheida installiert und darauf hingewiesen werden, in welchem Kontext Relief und Unikirche stehen“, sagte er.
Das Monument hing bis vor zwei Jahren am Hauptgebäude der Uni am Augustusplatz. Genau an der Stelle, wo das Gotteshaus bis zu seiner Sprengung 1968 stand. Die Trümmer der Kirche waren in die Etzoldsche Sandgrube in Probstheida gekippt und zu einem Hügel aufgeschüttet worden. „Es ist beschämend, dass man diese Stätte wie ein Aschenputtel behandelt hat“, so Billig. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) lehnte die Aufstellung des Marx-Reliefs dort jedoch ab, weil dies einem zweiten Sieg über die Kirche gleichkäme. Diese Befürchtung teilt Billig nicht: „Oben auf dem Berg steht das Kreuz, unten das Marx-Relief.“
„Es mutet schon seltsam an, dass über ein reines Propagandarelief so viel diskutiert wird und dafür so viel Geld ausgegeben werden soll, während gleichzeitig die wertvolle gerettete originale Kunst am Bau aus Jahrhunderten eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt“, erklärt der Paulinerverein, der sich dem Wiederaufbau der Kirche verschrieben hat. „Für die Restaurierung der Epitaphe und der Kanzel wären 300 000 Euro ein traumhaftes Budget.“ So viel Geld kostet die Umsiedlung des Reliefs in die Jahnallee.
LVZ-Leser Lothar Geppert kam jetzt noch eine ganz andere Idee: Anstatt das Marx-Relief aufzustellen, sollte es „in Einzelteile zerlegt und auf dem Boden verstreut werden, als Zeichen dafür, dass diese Zeit vorbei ist.“
K. S.
BILD Leipzig vom 27.02.2008
Uni verschweigt Sprengung der Paulinerkirche
Von PETRA GEBAUER
Leipzig - Uni-Rektor Franz Häuser (62) und sein merkwürdiges Geschichtsverständnis. Wenn es um den Wiederaufbau des Marx-Reliefs geht, ist er kaum zu bremsen. Die unselige Sprengung der Pauliner-Kirche wird dagegen am liebsten totgeschwiegen...
Jetzt erregt auch noch ein Bau-Schild am neuen Uni-Campus die Gemüter. Hier wirbt die Universität auf großen Bildern mit ihrer fast 600-jährigen Geschichte. Nur über die Sprengung der Uni-Kirche 1968 ist da nichts zu lesen und zu sehen.
Für Thomas-Pfarrer Christian Wolff (58) skandalös: "Dies straft alle Beteuerungen der Uni als Lügen, man wolle angemessen mit den Ereignissen von 1968 umgehen." Und er wird noch deutlicher: "Es zeigt den derzeitigen Geist der Universitätsleitung. Das Verdrängen von Dingen, an denen sie selbst beteiligt war."
Der Paulinerverein hat daraufhin darum gebeten, ein eigenes Schild neben die Jubeltafel der Uni zu stellen. "Es hat vier Monate gedauert, bis Rektor Häuser den Text frei gab", sagt Vereins-Chef Dr. Ulrich Stötzner (70). "Wir hätten jedoch viel lieber ein Schild zusammen mit der Universität erstellt, denn die ist der Bauherr." Doch da ging gar nichts. Auf BILD-Nachfrage ließ Uni-Rektor Häuser gestern mitteilen, dass er sich nicht zu dem Thema äußern wolle...
Leserbrief von Arnold Vaatz (MdB) an den Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung
Berlin, 26.02.2008
Wir waren keine Bilderstürmer. Solche Primitivität ekelte uns an, wir lehnten es ab denen zu gleichen, deren Herrschaft wir abschütteln wollten.
Die Initiatoren der 89er Revolution waren nicht ihre Sieger. Die neue Freiheit haben jene am besten für sich genutzt, die sie vorher am rigorosesten bekämpft haben: Die alten Eliten der untergegangenen DDR. Sie waren uns an Herrschaftswissen, Führungserfahrung, Personalkenntnis, materieller Ausstattung, Frechheit und Dreistigkeit weit überlegen. Sie rekrutierten Komplizen aus den westdeutschen Apparaten. Diese halfen ihnen zunächst, sie zu adaptierten. Als Dank durften sie sich die Lebensträume ihrer Eitelkeit erfüllen und in Ostdeutschland Führungspositionen übernehmen, die sie im Westen nie erlangt hätten. Dort nahmen sie - manus manum lavat - in feiner Witterung die Herzensanliegen der alten ostdeutschen Eliten auf und setzten sie mit dem Eifer verspäteter Helden der Arbeit um.
Die Zeit ist nun reif für die alten Eliten, ihre Erfolge abzurunden. Nach der Sanierung ihrer Machtpositionen wollen sie diese auch zur Schau stellen. Das geschieht, indem sie die Symbole ihres früheren Lebens frisch poliert wieder aufstellen. Angriff ist die beste Verteidigung. Dass sich möglichst viele Protagonisten der Revolution von 1989 durch dieses Zur-Schau-Stellen von Macht beleidigt und gedemütigt fühlen, ist beabsichtigt.
Deshalb vollenden sie jetzt Ulbrichts Weg. Das Marx-Relief folgt nicht den Trümmern der Paulinerkirche in deren Massengrab, die Etzoldschen Sandgruben. Die Revolutionäre von 1989 enden als Bild der Lächerlichkeit. Die Revolution von Leipzig wird in Leipzig begraben. Unter den ungestürmten Bildern von Karl Marx. Die Welt gratuliert.
________
Lesen Sie auch:
- Rainer Fornahl (MdB) - "Zum Umgang mit dem „Marx-Relief“ der Leipziger Universität"
BILD Leipzig vom 26.2.2008
MYTHOS ETZOLDSCHE SANDGRUBEN
Gehört das Marx-Relief wirklich hier hin?
VON MARTINA KURTZ
Leipzig - Ein vergessener Hügel am Stadtrand rückt plötzlich wieder in das Bewusstsein der Leipziger.
Die "Etzoldschen Sandgruben", 1968 aufgefüllt mit den Resten der gesprengten Paulinerkirche. Zu DDR-Zeiten mit einer Betonplatte versehen und zum "Aussichtspunkt" deklariert. In Zement gemeißelt ist dort zu lesen, dass es bis Karl-Marx-Stadt nur 81 Kilometer in südwestlicher Richtung sind.
Karl-Marx-Stadt gibt es längst nicht mehr und doch bewegt der Erfinder des Kommunismus wieder den kleinen Hügel in Probstheida. Denn bald schon könnte hier oben das Marx-Relief stehen. Jener 30 Tonnen schwere Bronze-Koloss, den die Uni eigentlich für 300 000 Euro (!) aufbauen wollte und sich den Protest der meisten Leipziger zuzog.
Einige Marx-Gegner wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber wollen das ungeliebte SED-Relief an den "Etzoldschen Sandgruben" sehen. "Es gehört an die Stelle gekippt, wo eines der größten Schandmale der Stadt liegt." Im Mal jährt sich die Sprengung der Paulinerkirche zum 40. Mal.
Aber ist das Grabmal der Kirche wirklich ein geeigneter .Platz für ein SED-Denkmal? Oder würde Marx dadurch erneut auf den "Trümmern von St. Pauli triumphieren", wie Kritiker zu bedenken geben?
OB Burkhard Jung (49, SPD) möchte das Areal am liebsten zu einem "Erinnerungspark" an die jüngere Leipziger Geschichte umgestalten mit dem Marx-Relief und den Trümmern von St. Pauli. Das Ordnungsamt prüft bereits die Machbarkeit, ob man hier einen Erinnerungspark gestalten kann.
Der Schriftsteller Erich Loest (81, "Nikolaikirche") ist dafür, das Relief nicht an den Sandgruben aufzustellen, sondern einzumotten und eine Generation liegen zu lassen. Damit die Nachwelt entscheiden kann, was aus Karl Marx wird.
Selbst im Paulinerverein ist man unentschlossen. Dr. Ulrich Stötzner (70) möchte die Steine der gesprengten Kirche nämlich am liebsten wieder ausgraben: "Technisch ist das möglich - wenn jemand das bezahlt." Das Marx-Relief als tonnenschwerer "Sargdeckel" könnte die Ausgrabungen behindern.
Wo immer es am Ende hinkommt: Das ungeliebte Relief wird Leipzig noch eine Weile beschäftigen.
BILD Leipzig vom 25.02.2008
Mehrheit gegen Marx-Comeback bestätigt
Von JACKIE RICHARD
Leipzig - Das Marx-Comeback, die Pläne von Uni-Rektor Franz Häuser (62) und die Meinung der Leipziger...
Ob es manchem passt oder nicht - der Wiederaufbau des Reliefs stößt mehrheitlich auf Widerstand. Das zeigen die Ergebnisse von mittlerweile drei Umfragen!
Ende Januar hatte BILD die Debatte über den geplanten Wiederaufbau des Bronze-Reliefs auf dem DHfK-Campus mit einem Exklusiv-Bericht über die Kosten in Höhe von 300000 Euro ausgelöst. Beim BILD-TED am 1. Februar stimmten 80,2 Prozent der knapp 2000 Anrufer gegen das Marx-Comeback.
Kurz darauf befragte das MDR-Kulturmagazin "artour" seine Zuschauer. Ergebnis: über 70 Prozent gegen den Wiederaufbau. Und jetzt ließ auch die "Leipziger Volkszeitung" ihre Leser abstimmen. 50,37 Prozent votierten für "einschmelzen oder einlagern".
Fazit des Leipziger SPD-Bundestagsabgeordneten Gunter Weißgerber (52): "Das Relief mit seiner politischen Botschaft trifft noch immer auf die ablehnende große Mehrheit der Leipzger."
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 25. Februar 2008 (Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung
Marx-Relief
„Es muss eingelagert werden“
Das Karl-Marx-Relief mit seiner politischen Botschaft trifft noch immer auf die ablehnende große Mehrheit der Leipziger. Das sagte gestern der Leipziger SPD-Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber. Er bezog sich auf die Ergebnisse des LVZ-Telefons (TED). Danach hatten sich 50,37 Prozent der Anrufer für das Einschmelzen oder Einlagern des Reliefs ausgesprochen. Das „Relikt von Ulbricht und Honecker“ habe in der Öffentlichkeit überhaupt nichts zu suchen, so Weißgerber. „Es muss eingelagert werden.“ Sollte dieses nicht geregelt werden könen, dann gehöre es in den Erinnerungspark Probstheida – „und zwar kommentiert“.
Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff meinte, dass es sich bei dem Relief „um ein monströses Kampfinstrument des SED-Staates“ handele. Es sei eingesetzt worden, um Diktatur und Bevormundung gegen die Freiheit des Wortes und der Kirche durchzusetzen. Nicht von ungefähr sei das Relief an der Stelle des Ostgiebels der 1968 gesprengten Universitätskirche installiert worden. Das sei „eine gewalttätige Blasphemie perfidester Art und ein Missbrauch der Persönlichkeit von Karl Marx durch den SED-Staat und die Universität Leipzig“. Mit diesem Relief sollte nach Wolffs Ansicht eine „ideologische Anbetungsstelle“ geschaffen werden: Marx gegen das freie Wort in Universität, Kirche und Gesellschaft.
Nur vor diesem Hintergrund könne heute ein angemessener Umgang mit dem Relief gefunden werden, so Wolff. Es gebe nur einen sinnvollen Ort für die Ablagerung: Das sei die Etzoldsche Sandgrube, die mit den Trümmern der zerstörten Universitätskirche gefüllt sei. Er hoffe, dass sich diesem Vorschlag die Universität und der Oberbürgermeister anschließen könnten.
Dagegen sprach sich FDP-Stadtratsfraktionschef Michael Burgkhardt („ich bin von meiner Weltanschauung her alles andere als ein Marxist“) für den Erhalt des Reliefs aus. „Ich meine, dass es notwendig ist, den Marxisten einen Ort für ihre Trauerbewältigung zu erhalten“, sagte er. Das sei wichtig, denn nur so könne man den Schmerz über einen Verlust wirksam überwinden. Der Standort auf dem Uni-Campus in der Jahnallee sei außerordentlich geeignet. Burgkhardt: „Hier, am Ort der ehemaligen Schmiede des DDR-Leistungssports mit seinen ganzen ideologisierten Auswüchsen, steht Marx gewissermaßen auf Heimaterde.“
mi
Quelle: http://www.lizzy-online.de/
© Lizzy online
veröffentlicht von: Ralf Julke am Sonntag, 24. Februar 2008
Wohin mit dem Riesen-Relief? Leipzig, Karl Marx und die unpassendsten Orte
Verpasse dem Ding einen Namen, einen griffigen, der polarisiert. Und dann rein in die Diskussion. Es ist mittlerweile die dritte um das so genannte Marx-Relief, die Leipzig dieser Tage erlebt. Auch wenn das Relief so nicht heißt und auch keine Ehrung für Karl Marx ist. Aber es macht sich gut, wenn jeder, der mal was gehört hat von Marx, jetzt mitreden darf bei der Platzierung des Stücks sozialistischer Propaganda-Kunst.
Selbst Leute, von denen man eigentlich dachte: Stehen die nicht für einen anderen Umgang mit Stadt, Kultur und Geschichte?
Robert Clemen zum Beispiel, Landtagsabgeordneter der CDU und Vorsitzender des Kulturausschusses im Sächsischen Landtag. Und Gunther Hatzsch kulturpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Per gemeinsamer Pressemitteilung verkünden sie "Marx-Relief soll bei den Trümmern der Paulinerkirche stehen - eine Kompromisslösung ist möglich".
Beide sprechen sich für die Installation des Karl-Marx-Reliefs auf dem Gelände der früheren Etzoldschen Sandgrube aus. Genau dort, wo auch die Schuttreste der 1968 gesprengten Paulinerkirche lagern.
"Das Marx-Relief ist ein wesentlicher Teil der traurigen Geschichte um die Sprengung der Paulinerkirche", meint Robert Clemen. "Ein neuer Standort zu Füßen des Trümmerberges stellt in Zusammenhang, was zusammen gehört."
Beide hatten sich sogar einen gemeinsamen Termin mit Sachsens Staatsministerin Dr. Eva-Maria Stange besorgt und sich vergewissert, dass die Finanzierungszusage des Ministeriums für die Installation des Karl-Marx-Reliefs nicht an einen bestimmten Ort gebunden sei. "Es liegt somit im Ermessen der Universität, sich auf einen geeigneten Ort für die Aufstellung zu verständigen", erklärt Landtagsvizepräsident Gunther Hatzsch. "Wir appellieren gemeinsam an die Universitätsleitung, von einer herausgehobenen Aufstellung des Reliefs inmitten der Universität abzusehen, ein Kompromiss ist möglich."
Aber was kann an der Sache Kompromiss sein?
"Das Marx-Relief ist kein neutrales Denkmal für einen Philosophen, sondern eine propagandistische Verherrlichung des Marxismus-Leninismus für den DDR-Sozialismus, also ein Marxismus-Relief", erklärt Dr. Dietrich Koch, Vorsitzender des Pro Universitätskirche e. V. "Dieses Gesellschaftsmodell ist 1989 untergegangen. Karl-Marx-Platz und Karl-Marx-Universität verloren zu Recht ihre Namen. Nur das Marxismus-Relief ist noch übrig."Ein Relief übrigens, das den Namen "Aufbruch" führt und 1974 innerhalb einer Konzeption entstand, die auch im Erscheinungsbild des damaligen neuen Uni-Campus den Triumph des Marxismus/Leninismus versinnbildlichen sollte.
Was dann - außer dem hilflosen Marx-Schädel in der Menschenmasse - nicht wirklich viel mit Karl Marx zu tun hat. Der ja hörbar wieder seltsame Auferstehungen feiert in der bundesdeutschen Polemik. Günter Verheugen, Vizepräsident der Europäischen Kommission, findet Marx'sche Wirtschaftslehre in europäischen Lehrbüchern. Und ist fuchsteufelswild. Die Linkspartei schafft es in zwei (west-)deutsche Länderparlamente - und der CDU fällt nichts anderes ein, als einen Lagerwahlkampf gegen die "Linksfront" zu machen.
Es geht so drunter und drüber wie einst auch im "Arbeiter-und-Bauern-Staat". Alle meinen etwas. Aber kaum einer weiß, wovon er redet.
Und mit Recht weist Dietrich Koch darauf hin, dass es einen eklatanten Unterschied gibt zwischen Karl Marx und Marxismus, zwischen dem, was der Mann mit der Mähne schrieb und erforschte, und dem, was seine Apologeten draus gemacht haben.
Und ein kleiner Blick in die Wurzeln der modernen Wirtschaftswissenschaften würde auch dem für Wirtschaft zuständigen EU-Kommissar klar machen, dass in den Fundamenten eine Menge Marx drin steckt. Man redet nur nicht so oft darüber.
Dann müsste man nämlich auch zugeben, dass ein gewisser deutscher Finanzminister 1998 Recht hatte, als er eine internationale Kontrolle der Hedgefonds forderte. Womit er sich nicht nur bei der kompletten Wirtschaftspresse des Landes unbeliebt machte, sondern auch beim eigenen Bundeskanzler.
Der Bundeskanzler hieß Gerhard Schröder und agiert heute für diverse Konzerne. Und der Finanzminister, der wenig später mit großem Knall alle Ämter niederlegte, hieß Oskar Lafontaine.
Heute Vorsitzender der Linkspartei. Die auch deshalb Wählerzuspruch findet, weil ein paar der Gesetze, die Karl Marx in seinem (unvollendet gebliebenen) "Kapital" beschreibt, bis heute gnadenlos wirken. Wie Gesetze eben wirken.
Und was Leute wie Verheugen in der Schule wohl auch nicht gelernt haben, ist die schlichte Tatsache, dass der (von Friedrich Engels alimentierte) Privatforscher Karl Marx nicht die sozialistische Wirtschaftsweise analysierte, sondern die kapitalistische. Wofür ihm dann ein paar spätere Forscher und Präsidentenberater sehr dankbar waren.
Nur hat das Relief "Aufbruch" mit diesem Wirtschaftswissenschaftler Marx eben nichts zu tun. Dafür umso mehr mit dem Volks- und Titatenkult, der sich in der Stalin-Ära um alle Heiligen der "sozialistischen Weltbewegung" entfaltete. Oder besser: entfaltet wurde. Der "sozialistische Realismus" entstand ja bekanntlich als erste "Kunstrichtung" an den Schreibtischen der Parteinomenklatura. Und es gibt eine ganze Reihe Leute in Leipzig, die ihre leidvolle Erfahrung damit machten, was geschah, nachdem diverse Plenen und Bitterfelder Konferenzen diktierten, was im Land Kunst zu sein habe - und was nicht. Ein ganz Teil von ihnen landete in den Gefängnissen des Landes. Erich Loest, der sich schon deutlich zur Relief-Debatte geäußert hat, gehört dazu. Viele andere beteiligen sich gar nicht erst an dieser Debatte, in der die Ahnungslosen jetzt mit den Schon-immer-gewusst-Habenden diskutieren.
Die dann auch gern die kleinen Fakten vergessen, die Dietrich Koch zum tonnenschweren Relief benennt: "Es stand anstelle des Paulineraltars der verbrecherisch gesprengten Universitätskirche. Es nun auf deren Grabhügel in Probstheida aufzustellen, hieße, es zu deren Grabstein zu erklären. Das ist ausgeschlossen. Sollten etwa künftige Erinnerungs-Gottesdienste vor diesem Marxismus-Relief stattfinden? - Zentrum der Erinnerung für den Widerstand gegen die Kirchensprengung muss der Nachfolgerbau auf dem Augustusplatz sein. Die Wiedererrichtung der Roßbachfassade vor diesem wäre eine geeignete Erinnerung und zugleich ein Denkmal für die Friedliche Revolution in Leipzig. - Und wohin mit dem Relief? Vielleicht auf die agra zu den Wandstelen über Karl Liebknecht und die Novemberrevolution von 1918."
Das Riesen-Bronzeteil steht auch für einen "titanischen" Versuch, die alte Bürger- und Gründerstadt Leipzig durch eine "sozialistische" Architektur völlig zu überformen. Der Uni-Campus von 1974 entstand nicht nur an Stelle der 1968 gesprengten Universitätskirche, sondern auch auf dem Gelände des ebenfalls 1968 beseitigten Augustäums. In dessen Innenhof eine ganz andere Skulptur für eine ganz andere geistige Tradition der alma mater lipsiensis stand: das 1883 von Ernst Julius Hähnel geschaffene Bronzestandbild für Gottfried Wilhelm Leibniz.
Verständlich, dass auch Uni-Rektor Franz Häußer sich nur noch verblüfft zeigt über die ausufernde Diskussion und die sich übertrumphenden Vorschläge diverser Politiker. Denn beschlossen hat der Senat der eigentlich federführenden Universität die Aufstellung des Klotzes im Campus an der Jahnallee, wo schon die Fundamente gegossen sind.
Aber irgendwie ist auch der Freistaat schon in einem Wahlkampf, der mit seltsam abwegigen Themen den Pfad beschreitet Richtung 2009, ins Super-Wahljahr 2009.
Und wer jetzt noch immer denkt, es seien die Linksgenossen, die die Debatte um die Aufstellung des Reliefes anheizen, der irrt mal wieder. Die fordern nämlich ein Ende der schein-heiligen Diskussion und eine Umsetzung des Uni-Beschlusses: Sie ermuntert "insbesondere die Universität Leipzig und das zuständige Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, die Beschlusslage zur Installation des Kunstwerkes auf dem Sportcampus der Universität Leipzig in der Jahn-Allee zum beabsichtigten Termin zu realisieren und damit auch künftig den öffentlichen Zugang zu diesem Kunstwerk sicherzustellen."
BILD Leipzig vom 23.02.2008
MARX-RELIEF
Minister ordnet Baustopp an!
von MARTINA KURTZ
Leipzig - Der "Aufbruch" ruht einsam hinterm Bauzaun. Finanzminister Stanislaw Tillich (49, CDU) hat dem Marx-Relief gestern einen Baustopp verordnet!
Trotz der noch laufenden heftigen Debatte um den künftigen Standort auf dem DHfK-Campus an der Jahnallee, hatten die vorbereitenden Bauarbeiten zum 300 000 Euro teuren Wiederaufbau schon begonnen. Gestern Vormittag mussten sie dann überraschend abgebrochen werden.
Ministeriums-Sprecher Burkhard Beyer (42): "Alles andere wäre widersinnig. Wir müssen abwarten, wie sich die Situation entwickelt."
Schließlich habe Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50, SPD) für nächste Woche Uni-Rektor Franz Häuser (61) und Oberbürgermeister Burkhard Jung (49, SPD) noch zu einem klärenden Gespräch eingeladen.
Uni-Rektor Häuser bevorzugt den DHfK-Standort. OB Jung hat diesbezüglich Bedenken. Aus dem Stange-Ministerium hieß es gerade, die Finanzierungszusage sei nicht an einen bestimmten Standort gebunden. Und 80,2 Prozent der BILD-Leser hatten per TED gefordert, das SED-Auftragswerk gar nicht wieder aufzustellen...
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 23. Februar 2008 (Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung
Marx-Relief: Baustopp angeordnet
Finanzministerium lässt Arbeiten unterbrechen / Spitzentreffen für Donnerstag geplant
Marx und kein Ende: Das sächsische Finanzministerium hat angewiesen, die vorbereitenden Arbeiten für die Aufstellung des Marx-Reliefs auf dem Campus der Universität in der Jahnallee zu unterbrechen. Dort sind bereits ein provisorisches Fundament gegossen sowie Schweißarbeiten am Relief ausgeführt worden. „Nächste Woche soll es ein Spitzentreffen geben. Deshalb reagieren wir auf die jüngsten Diskussionen, wollen bis dahin keine vollendeten Tatsachen schaffen“, bestätigte Ministeriumssprecher Burkhard Beyer. Nach LVZ-Informationen wird Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) mit Franz Häuser, dem Rektor der Leipziger Universität, sowie Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am Donnerstag zusammentreffen.
Häuser äußerte sich gestern überrascht, welche neuen Erkenntnisse das Ministerium zu diesem Schritt bewogen hätten: „Mein Handeln befindet sich im Einklang mit dem Wissenschaftsministerium. Außerdem kann ich nur vertreten, was der Akademische Senat beschlossen und mir aufgetragen hat.“ Dennoch werde er sich den Gesprächen nicht verweigern.
Dabei wird wohl die von etlichen Politikern favorisierte Idee diskutiert, das Relief auf dem Gelände der früheren Etzoldschen Sandgrube aufzustellen. Wie berichtet, will die Stadt das Areal in Probstheida, unter dem vor 40 Jahren die Überreste der 1968 gesprengten Paulinerkirche verscharrt worden sind, zu einem Ort der Erinnerung umgestalten. Jung hat Bürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) beauftragt, die Eigentumsverhältnisse des Geländes zu prüfen und einen Vorschlag zu unterbreiten. Zurzeit steht auf dem Berg nur ein verwittertes und mit Farbe besprühtes Holzkreuz. Häuser: „Gegen einen würdigen Erinnerungsort in Probstheida ist nichts zu sagen. Die Universität wird das Anliegen unterstützen.“ Was aber nicht heißt, dass der Rektor von seiner bisherigen Position zum Marx-Relief abrückt. Ohne einen neuerlichen Senatsbeschluss wäre dies ohnehin nicht möglich.
Ob die Skulptur in einem künftigen Gedenkpark integriert werden sollte oder nicht, bleibt ohnehin umstritten. Rathauschef Jung hält das für „unvorstellbar“. „Damit bekäme die Kirche einen Grabstein mit Marx“, hatte er gegenüber der LVZ gesagt. Rathaussprecher Volker Rasch: „Der Oberbürgermeister wird für unsere Position werben, die Stadt ist aber nicht Herr des Verfahrens.“
Verschiedene Politiker von CDU und SPD sprachen sich für den Standort in Probstheida aus. Das kritisierte gestern der Studentenrat, der die die „Profilierungssucht der Politiker“ sowie die „ausufernde Diskussion“ verurteilte. Letztere stünde „in keinem Verhältnis mehr zur faktischen Bedeutung des Reliefs“, so Sprecherin Christin Melcher. Die Universität sei übereingekommen, sich konstruktiv mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Dafür sei die Montage am Campus Jahnallee zwar nicht die beste, aber eine „akzeptable Lösung.“ Das Treffen am Donnerstag biete die Chance, das „unsägliche Tohuwabohu“ zu beenden. Der Studentenrat forderte das Ministerium auf, den Baustopp zu beenden.
Mathias Orbeck
BILD Leipzig vom 22.02.2008
KRISEN-GIPFEL GESTERN IM LANDTAG
Neuer Standort für Marx-Relief?
Von MARTINA KURTZ
Leipzig/Dresden - Im Streit um das Marx-Relief bahnt sich plötzlich eine Wende an!
Landtagsvizepräsident Günther Hatzsch (66, SPD) traf sich gestern mit dem Kulturschuss-Chef des Landtags, Robert Clemen (40, CDU), und Sachsens Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange (50, SPD) zum Krisengespräch.
Dabei sei man übereingekommen, dass die Finanzierungszusage des Ministeriums für die Installation des Karl-Marx-Reliefs nicht an einen bestimmten Ort gebunden sei.
"Das eröffnet ganz neue Perspektiven", so Hatzsch gestern zu BILD. "Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass die Finanzierungszusage über 300 000 Euro
nur für eine Aufstellung auf dem Universitätsgelände gilt. Es liegt somit im Ermessen der Universität, sich auf einen geeigneten Ort für die Aufstellung zu verständigen.
Hatzschs Alternativ-Vorschlag zum DHfK-Campus an der Jahnallee: "Auf dem Gelände der früheren Etzoldschen Sandgrube wäre ein guter Platz." Auf dem Gelände lagern auch die Schuttreste der 1968 gesprengten Paulinerkirche.
Auch Clemen favorisiert diese Variante. Das Marx-Relief ist ein wesentlicher Teil der traurigen Geschichte um die Sprengung der Paulinerkirche. Ein neuer Standort zu Füßen des Trümmerberges stellt in Zusammenhang, was zusammen gehört."
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 22. Februar 2008 (Seite 15)
© Leipziger Volkszeitung
Schweißarbeiten am Relief
Clemen (CDU) und Hatzsch (SPD): Finanzierungszusage ist nicht an bestimmten Ort gebunden
In die Debatte um das Karl-Marx-Relief ist Bewegung gekommen. Die beiden Leipziger Landtagsabgeordneten Robert Clemen (CDU) und Gunther Hatzsch (SPD) sprachen sich dafür aus, das Relief auf dem Gelände der früheren Etzoldschen Sandgrube aufzustellen. Dort in Probstheida lagern die Schuttreste der 1968 gesprengten Paulinerkirche. „Das Marx-Relief ist ein wesentlicher Teil der traurigen Geschichte um die Sprengung der Paulinerkirche. Ein neuer Standort zu Füßen des Trümmerberges stellt in Zusammenhang, was zusammen gehört“, sagte Clemen. Diskutiert wird, in der früheren Sandgrube einen Erinnerungspark zu errichten.
Clemen und Hatzsch verwiesen auf ein Gespräch mit Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD). Die Finanzierungszusage des Hauses für die Installation des Reliefs (300 000 Euro) sei somit nicht an einen bestimmten Ort gebunden. „Wir appellieren gemeinsam an die Universitätsleitung, von einer herausgehobenen Aufstellung des Reliefs inmitten der Universität abzusehen, ein Kompromiss ist möglich“, meinte Hatzsch.
Am trotz aller Debatten noch immer vorgesehenen Standort auf dem Campus der Universität in der Jahnallee wird derweil vorbereitend gearbeitet. Ein provisorisches Fundament ist gegossen, zwei Schweißer machten sich gestern am Objekt der Erregung zu schaffen. Was sie konkret tun, darüber wollten sie keine Auskunft geben.
Unabhängig davon bescherte die Diskussion weitere neue Erkenntnisse. Ex-Universität-Kanzler Peter Gutjahr-Löser hatte, so zu lesen in der LVZ vom 16. Februar, auf einen Senatsbeschluss aus dem Jahr 1992 verwiesen, nachdem einstimmig beschlossen worden sei, die Bronze-Skulptur auf den Hügel mit den Trümmern in Probstheida zu setzen. „Dieser Beschluss“, so Gutjahr-Löser, „wurde später nie aufgehoben“.
Dem widersprach der Rektor der Universität, Franz Häuser. Aus dem Jahr 1999 datierten zwei Senatsbeschlüsse, die den 1992 gefassten aufheben würden. So wurde laut Häuser zunächst festgelegt, das Kunstwerk in „angemessener Form“ wieder aufzustellen. Später hieß es zudem, das Relief nach seiner Demontage „zugänglich in den öffentlichen Raum zu verbringen“. Die Standortfrage wurde laut Häuser zum damaligen Zeitpunkt bewusst offen gelassen. Mit den konkreten Fragen befasste sich sodann die Kunstkommission der Universität. Sie folgte schließlich dem Vorschlag des Sächsischen Immobilien- und Baumanagements, das Kunstwerk auf dem Campus in der Jahnallee zu platzieren.
„Es ist kein Geheimnis, dass wir das Relief doch lieber im Stadtzentrum sehen würden“, sagte Rudolf Hiller von Gaertringen, Kustos der Universität. Für ihn symbolisiert die Skulptur „einen Teil der Universitäts-Geschichte. Sie zu verschweigen, das geht überhaupt nicht“. Hiller hält nichts vom Vorschlag, die Skulptur auf den Trümmerberg zu setzen. Er sieht in diesem Zusammenhang „ein ganz anderes Symbol – dass nämlich Karl-Marx doch noch gesiegt hat, quasi seinen Fuß auf die gesprengte Kirche stellen kann“. Im Übrigen frage er sich, welche Beweggründe es wohl gebe, „immer nur auf die Universität einzuschlagen. Schließlich wurde doch 1968 der Beschluss der Sprengung nicht von der damaligen Karl-Marx-Universität, sondern von den Leipziger Stadtverordneten gefasst“.
Thomas Mayer
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 21. Februar 2008 (Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung
Citylage, Sport-Campus, Trümmergrab
Die Zukunft des Marx-Reliefs in Leipzig spaltet die Gemüter – Leser sagen in Briefen und E-Mails ihre Meinung
Ist es Kunst oder Propaganda? Ist es bewahrenswert oder nicht? Soll es nach seiner Demontage vom Uni-Hauptgebäude an einem markanten Ort aufgestellt oder lieber eingeschmolzen werden? Das 33 Tonnen schwere Karl-Marx-Relief bleibt umstritten. Besonders die Wortmeldungen des Schriftstellers Erich Loest (9./10.2.) und das Interview mit dem Kunstgeschichtsprofessor Frank Zöllner (16./17.2.) polarisieren. LVZ-Leser äußern Pro und Contra.
Obwohl eigentlich alle seine Theorien an der Praxis vorbeigingen, wohl aber in viele Diktaturen eingingen, wird gerade in Leipzig vehement für ihn und sein Denkmal gestritten. Ich finde es schade, dass nicht ein von allen Bürgern in seiner Gesamtheit zu finanzierendes Freiheitsdenkmal in Auftrag gegeben und an einem symbolträchtigen Ort aufgestellt wird. Diese friedliche Revolution, einzigartig, hätte es wahrlich verdient. Stattdessen schlagen wir uns mit diesen verstaubten Überbleibseln aus diktatorischen Zeiten herum.
Roger Schmechta, 04178 Leipzig
Das Marx-Relief gehört auf den Trümmerberg im Freizeitzentrum Südost. Kein anderer Standort ist dafür besser geeignet. Wie wäre es, kleine Stücke von der ehemaligen Paulinerkirche zu verkaufen? Das wurde in Dresden bei der Frauenkirche gemacht.
Bernhard Pflumm, 04279 Leipzig
Was haben Sie, Herr Weißgerber, gegen die Botschaft des Marx-Reliefs? Entweder haben Sie sich das Relief nie richtig angesehen, oder Sie sind gegen den „Kampf der Werktätigen in der Vergangenheit, den Aufbruch der Jugend in die Zukunft und die Völkerfreundschaft“ (so Professor Zöllner in der LVZ am 16./17.2.). Aber die Zeiten, in denen die SPD die Umbenennung des Augustusplatzes in Karl-Marx-Platz beantragte (1928), sind ja schon lange vorbei.
Joachim Tesch, 04155 Leipzig
Wie Herr Loest die DDR-Zustände verdammt, das ist kein besserer Stil als die seinerzeitige östliche Propaganda gegen den Westen. Dabei sollte man eigentlich von einem Schriftsteller etwas mehr Differenzierung in seinen Äußerungen erwarten.
Jürgen Eck, 04318 Leipzig
Schade, jetzt ist er selbst einer von ihnen geworden, einer von den „Betonköpfen“. Karl Marx wird mir als Philosoph, der an den Universitäten vieler Länder gelehrt wird, für immer im Kopf haften bleiben, ein Erich Loest als selbst ernannter Wahrheitsapostel ganz sicher nicht.
Klaus Grimmer, 04205 Leipzig
Der Vorschlag eines Grabhügels in Probstheida, eingebettet in einen historischen Park ist doch begrüßenswert. Auf den Hügel würde ich allerdings die rote stählerne Kunstinstallation mit der Silhouette der Kirche wieder aufbauen, die an der Uni angebracht war. Das wäre ein Zeichen. Von der Größe und der interpretativen Aussage viel wirkungsvoller, als dort das Marx-Relief abzustellen. Als aufgeklärte Menschen haben wir Geschichts-Entsorgung nicht nötig. Es gehört in die Innenstadt. Entweder an die Uni oder ins oder ans Museum der bildenden Künste.
Roy Bär, 04277 Leipzig
Als Christ und Bürger Leipzigs meine ich: Geschichtszeugnisse sollten bewahrt werden. Eine Bilderstürmerei, wie sie teilweise nach der Reformation stattgefunden hat, ist ebenso unangebracht, wie das Tilgen von Denkmalen der Kaiserzeit, Bauwerken der Hitlerzeit und jener Epoche vor der Vereinigung Deutschlands.
Karl-Heinz Kramer, 04229 Leipzig
Erich Loest meldet sich zum Karl-Marx-Doppeljahr (1818–1883) als erster zu Wort. Seine vorgelegten Denkmalthesen vom 6. Februar geben den literarischen Auftakt zu den diesjährigen Marx-Festspielen während der Buchmesse. Die erste These ist die eigentliche Sensation. Loest erhebt ein bisher unter „Aufbruch“ völlig verkanntes Relief zum hoch angesehenen Karl-Marx-Monument (KMM). Vom Relief zum KMM – dazwischen liegen Abgründe. Hier scheiden sich auch die Geister: Relief steht für den satirischen Realismus der Ulbricht, Fröhlich & Co., KMM für Erich Loest und Karl Marx. Marxpfaffen und Marxisten, die das nunmehr umgewidmete KMM über Jahrzehnte fehlgedeutet haben, sind durch die erste Loest-These an den Pranger gestellt. Marx ist rehabilitiert, das Jubeljahr gerettet. In der zweiten KMM-These prophezeit Loest seherisch, „die Aufstellung des Karl-Marx-Monuments ... bedroht die Stadt Leipzig“. Gemeint ist die Jahnallee, der direkte Fluchtweg Napoleons nach Waterloo. Die Bedrohungs-These ist die zweite aktuelle Erkenntnis des Ehrenbürgers der Stadt Leipzig. Bisher waren es Papst, Zar, Metternich, Guizot, französische Radikale, deutsche Polizisten, die sich gegen das Marxsche Gespenst verbündet hatten. Nun bedroht das Gespenst Leipzig. Wir wissen nicht, ob es sich bereits um das neue KMM-Gespenst oder um das alte Original handelt. Mit der dritten KMM-These weist Herr Loest auf die ewig junge literarische Fragestellung der verlorenen Illusion hin und ruft als Beispiel den „überwunden geglaubte(n)... Geist“ an. Die gelungene Erhebung des bisherigen Reliefs zum KMM kann als glänzende Bestätigung für die Unsterblichkeit des Geistes dienen. Spät ist immer besser als nie, so die Quintessenz aus dieser Loest-These.
Die KMM-Denkmal-Thesen von Herrn Loest sind ein kongenialer Beitrag zum Karl-Marx-Jahr 2008. In lakonischer Kürze führt der Autor den Nachweis der Unvergänglichkeit seines jüngsten Werkes, des KMM. Ein öffentlicher Thesenanschlag mit Lesung unter dem Kopf des KMM wird vom Autor zur Buchmesse erwartet. Wir dürfen hoffen und bleiben neugierig.
Günter M. Hempel, 04105 Leipzig
Der Meinung von Erich Loest soll man nicht so widersprechen, sondern in diesem Fall sachliche Argumente vortragen. Im Übrigen kann und soll sich Loest durchaus sehr kritisch zu dem Marx-Abbild äußern, er hat ja auch in der DDR sieben Jahre wegen politischer Missliebigkeit in Bautzen gesessen. Meine Meinung zu dem Relief: Der Paulinerverein soll sich stark dafür einsetzen, dass es an der Etzoldschen Sandgrube in Probstheida über den dort verscharrten Trümmern der Universitätskirche aufgestellt wird mit entsprechenden Hinweisen auf die Verursacher.
Erich Busch, 04157 Leipzig
Mit dem Aufstellen solcher Denkmale wie dem Marx-Relief versuchte die SED-Führung, ihren Verrat am Sozialismus zu vertuschen. Wie wir heute wissen, traten sie die theoretischen Grundzüge von Marx mit Füßen, übersäten aber das gesamte gesellschaftliche Leben mit seinen Bildern. Karl Marx hätte diesen Personenkult abgelehnt. Dieses Marx-Relief ist nicht mehr wert als ein Kriegerdenkmal aus dem Ersten Weltkrieg. Dort wurde dem Heldentod fürs Vaterland gehuldigt. Dabei waren den Herrschenden die Soldaten völlig egal.
André Klaus, 04249 Leipzig
Karl Marx hat zweifelsohne seinen Platz in der Geschichte der Politischen Ökonomie und der Volkswirtschaft. Aber Marx wurde in der DDR von der herrschenden SED-Kaste als Ersatzgottheit instrumentalisiert. Folge dessen waren in Leipzig die bilderstürmerische Sprengung der Paulinerkirche und die bewusste Errichtung des Hauptgebäudes der Karl-Marx-Universität an ihrem Platz inklusive Anbringung des wenig schönen und vor Ideologie triefenden Marx-Reliefs. Nach dem Zerbröckeln und schließlichem Verschwinden der DDR ist es nur folgerichtig, dass die Symbole des einstigen Machtapparats dorthin kommen, wo sie hingehören: Auf den Müllhaufen der Geschichte.
Jan Adolf, 04105 Leipzig
Als Ehrenbürger unserer Stadt und als Schriftsteller kann Herr Loest seine Meinung zu Kulturgütern in Leipzig sagen, aber bestimmen kann er zum Glück nicht. Es wurde bereits entschieden, dass das Marx-Relief auf dem Universitätsgelände wieder aufgestellt wird, denn es gehört zur Geschichte dieser Universität und ihrer Stadt. Straßen in unserem Land sind nach ihm benannt, in Trier, seiner Geburtsstadt gibt es ein Museum, in Chemnitz ein viel diskutiertes Denkmal. Warum sollte das Marx-Relief nicht nach Leipzig passen? Es steht unserer Stadt gut, und wenn es zu interessanten Diskussionen anregt, umso besser.
Joachim Glasow, 04157 Leipzig
Erich Loest, der es nicht so genau mit der geschichtlichen Wahrheit nimmt (am 17. Juni 1953 hat er in Leipzig sowjetische Panzer auf Plätzen gesehen, wo solche nie gestanden haben), bringt neuerdings mit seiner Meinung zum Marxismus überhaupt das Fass zum Überlaufen. Marx hat den Kapitalismus bis aufs Knochenmark bloßgelegt und bewiesen, dass das die schlimmste Ausbeutergesellschaft ist. Die unsrige Gesellschaft beweist das tagtäglich. Loest meint, mit der friedlichen Revolution 1989 ist der Marxismus beseitigt. Ihm muss ich dazu sagen, vom Marxismus wird noch lange die Rede sein, wenn schon lange keiner mehr weiß, dass es einen Loest gegeben hat.
Rolf Behrens, 04317 Leipzig
Zu Loest kann man sagen: Alter schützt vor Torheit nicht. Was würde Marx, gebürtig in Trier, zu den Aussagen des Tors aus Leipzig sagen, wenn er denn noch unter uns weilen würde? Er würde sagen: „Lieber Erich, besuche noch einmal die Schule (Geschichtsunterricht). Ich habe das Gefühl, dass du zu den Pisa-Prüflingen gehörst. Was hat mein Marxismus mit dem Unrechtssystem der ehemaligen DDR (Stalinismus) zu tun? Wenn meine Lehre von der Gesellschaft getragen worden wäre, dann gäbe es nicht so viel Elend und Not in der Welt. Wäre es nicht angebracht, dass ein Geschichtsverfälscher wie du seine Ehrenbürgerschaft abgeben sollte? Ich würde mich freuen, wenn mein Standbild wieder aufgebaut würde und du mir des Öfteren, lieber Erich, ein paar rote Nelken bringen würdest. Dein Karl!“
Gerd Hermann Schmidt, 53937 Schleiden
Herr Loest und die anderen Persönlichkeiten sollen uns Leipziger in dieser Angelegenheit in Ruhe lassen oder versuchen, in anderen Städten die Bürger aufzumischen. Ich gestatte mir folgenden Hinweis: Die Deutsche Post, Bereich Philatelie, Weiden, hat ab 2004 eine wertvolle Edition über „Die großen Deutschen“ herausgegeben. Es sind folgende Persönlichkeiten: Goethe, Luther, Gutenberg, Marx, Geschwister Scholl, Adenauer, Bach, Bismarck, Brandt, Einstein. Ich bin für einen würdigen Standort als Denkmal in Leipzig.
Dieter Möckel, 04275 Leipzig
Ich freue mich, dass die LVZ wieder zurückkehrt zur sachlichen Auseinandersetzung mit der Aufstellung des Marx-Reliefs und auch Fachleuten Gelegenheit gibt, sich mit sachbezogenen Argumenten zu Wort zu melden. Mit Hass werden keine Probleme gelöst. Es ist auch schon sehr bedenklich für unser derzeitiges Kulturverständnis, dass eine Reihe von Politikern sich zu dieser kulturpolitisch niveaulosen Diskussion öffentlich zu Wort gemeldet hat. Was die radikalen Haltungen von Herrn Loest und seinen Anhängern in der geschichtlichen Vergangenheit gebracht und vernichtet haben, kann man mit etwas Nachdenken nachvollziehen.
Zu DDR-Zeiten kam erst eine neue Denkweise unter Malern und Künstlern nach dem Bitterfelder Weg auf. Vorher waren Akte von staatlicher Seite nicht gewünscht. Arbeiter- und Bauernbilder standen auf der Tagesordnung. Mit der Leipziger Schule und ihren Verfechtern kam dann der Blick in die kritische Privatsphäre, die private Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen über die bildende Kunst an die Öffentlichkeit. Diese Werke wurden, nur weil DDR-Kunst, auch Gott sei Dank nicht vernichtet. Die Geschichte wird sie aufarbeiten und ihren Wert zuordnen zur jeweiligen Zeit und den Umständen. Die Sprengung der Uni-Kirche war kein Ruhmesblatt der DDR-Kultur. Doch Gleiches mit Gleichem zu vergelten, ist für ein demokratisches Land völlig unangebracht. Vernichtest du meine Kunst, vernichte ich deine. Primitiver geht es nicht.
Reichs-Bücherverbrennung und Verbot der so genannten entarteten Kunst, Einschmelzen von Kunstwerken zur Finanzierung der Kriege – die entstandenen Verluste merken wir noch heute in Leipzig.
Die Roten Khmer hatten über Jahre in Kambodscha Kulturvölker und deren Kunst systematisch und radikal vernichtet. Wieder primitiver Hass auf den Andersdenkenden mit dem Ziel, alle Relikte des Vorgängerregimes zu vernichten. In der griechischen Kunst wurden Massen von Plastiken von anders denkenden Eroberern vernichtet und verstümmelt. Zurück blieben geschundene Kunstwerke. Die spanischen und portugiesischen Eroberer Amerikas haben aus blinder Geldgier und dem Ziel, die ansässigen Völker zum katholizistischen Glauben zu bekehren fast die gesamten damaligen Kulturgüter vernichtet. Die Aufzählung ließe sich mühelos fortsetzen. Die Geschichte ist reich davon, aber arm an guten Beispielen.
Professor Frank Zöllner bin ich aufrichtig dankbar, dass er sich zu den demokratischen und kulturellen Grundfesten öffentlich bekennt und sich vom politischen Alltagsrummel nicht von seiner wissenschaftlichen Verantwortung zur Wahrung von Kulturgütern abbringen lässt. Politische Alltagskultur (gerade in Leipzig) hat immer einen faden Beigeschmack. Dieser Dank gilt auch dem Rektor der Universität. Etwas bewahren hat noch nichts damit zu tun, sich damit gleich zu stellen. Es geht um Wahrung von kulturellem Erbe und nicht um Vernichtung. Vernichtet wurde leider bereits schon zu viel.
Jochen Ziska, 04159 Leipzig
Eine Bemerkung für die Vervollständigung zum mangelhaften DDR-Geschichtswissen des eingewanderten Neuleipzigers Professor Frank Zöllner: Karl Marx als Denker und Philosoph des Kommunismus wurde mit dem Denkmal von der SED-Diktatur missbraucht, da seine Thesen und Philosophie in keinerlei Verbindung zur Politik und deren Durchsetzung in der DDR standen. Wenn dieses Denkmal wieder aufgebaut wird, verherrlicht man die Politik der DDR und untermauert die Richtigkeit deren Umsetzung. In der Folge werden in der Weltöffentlichkeit die Wende und die Aktivitäten der Demonstranten vom Herbst 1989 zur friedlichen Revolution auf deren Notwendigkeit in Frage gestellt.
Dietmar Scholz, 04416 Markkleeberg
Das Interview mit dem Kunsthistoriker Zöllner zeigt für mich ganz klar, dass der 1996 nach Leipzig gekommene Wissenschaftler nicht erkennt, wozu das umstrittene Kunstwerk bestimmt war und welche symbolische Bedeutung es für jene haben muss, die es als Mitarbeiter der Universität 30 Jahre vor Augen hatten. Die Gestaltung wurde unter dem Thema „Leninismus – der Marxismus unserer Tage“ in der Grundkonzeption von 1969 festgeschrieben. Die Vorgaben kamen vom Rat der Stadt, Abteilung Kultur. Dort heißt es: „Danach ist maßgebende Grundlage (für das Kunstwerk) die Persönlichkeit von Karl Marx und das revolutionäre Wesen seiner Lehre… Die Grundprinzipien dieser Lehre werden in der DDR unter der Führung der SED gesellschaftliche Realität ...“ Das heißt, das Monumentalwerk war in erster Linie zur Präsentation der Unterordnung unter die herrschende Partei bestimmt – nicht vorrangig der Person von Marx. Herr Zöllner hätte in der Rede des Rektors Winkler zur Einweihung des „Kunstwerkes“ am 5. Oktober 1974 nachlesen können: „Die Karl-Marx-Universität als eine der Kaderschmieden des Sozialismus wird bei der Entwicklung der jungen sozialistischen Persönlichkeiten immer davon ausgehen, dass eine gründliche Aneignung des Marxismus-Leninismus und die Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse der entscheidende Schlüssel für ein erfolgreiches Studium und einen erfolgreichen Einsatz der Absolventen in der gesellschaftlichen Praxis sind.“
Neben dieser doktrinären „Aneignung“ war keine Diskussion zugelassen, die das Gelehrte in Frage stellte. So steht dieses monströse Werk als Symbol für Intoleranz und wissenschaftliche Isolation während der DDR-Phase. Die in dem Interview versuchte Umdeutung, die die Beachtung des Objektes heben soll, widerspricht dem dokumentierten ursprünglichen Zweck des Werkes ebenso wie der historischen Realität. Der „Aufbruch der Jugend“ sollte unter totaler Kontrolle der Marxistisch-Leninistischen Partei stattfinden mit dem Ziel, alle Völker der Erde dieser Idee unterzuordnen.
Manfred Wurlitzer, 04277 Leipzig
Endlich klare und souveräne Worte einer kompetenten Persönlichkeit im Umgang mit unserer Geschichte. Dann liest man nun folgerichtig einen Artikel des SPD-Bundestagsabgeordneten Weißgerber. Während es Zöllner um das Was und Warum geht, fordert Weißgerber das Wie und Wo. Somit sind beide Artikel eine Einheit. Nun liegt es an der Leitung der Universität, konkrete Schlussfolgerungen zu ziehen und den Beschluss vom 18. August 1992 in die Tat umzusetzen. Das tut nicht nur der Universität gut, sondern auch der Geschichte von Leipzig, die später hoffentlich objektiver geschrieben wird.
Matthias Klemm, 04349 Leipzig
Wie kann Herr Fornahl nur auf die Idee kommen, Professor Cornelius Weiss oder einer seiner Nachfolger hätte auch nur das geringste Interesse daran, ein Denkmal für die Opfer von 1945 bis 1989 zu errichten? An der Universität Leipzig ist bis jetzt nichts, gar nichts aufgearbeitet. Nichts hätte sich als Denkmal für die Opfer so sehr geeignet, wie eine wieder aufgebaute Uni-Kirche. Es gibt aber immer noch die Möglichkeit, sichtbar an diese Opfer zu erinnern. Durch die Verblendung der Fassade der Uni-Kirche vor den Egeraatschen Bau. Dann wäre die Mahnung wenigstens sehr deutlich im Stadtbild präsent.
Henrike Dietze, 04109 Leipzig
Bei der gegenwärtigen Debatte um die Wiederaufstellung des Marx-Monuments wird vergessen, dass die Plastik genau an der Stelle platziert wurde, wo vor der Sprengung der Universitätskirche der Altar gestanden hatte. Dies geschah nicht ohne Absicht und war symbolisch gemeint. Es sollte der neue Altar sein, auf dem die Kirche geopfert worden war. Die Bürger dieser Stadt haben 45 Jahre lang unfreiwillig Marxismus-Leninismus studieren und leben müssen. Sie haben eine Wiederaufstellung des Denkmals mehrheitlich und eindeutig abgelehnt. Das Monument „Karl Marx und das revolutionäre weltverändernde Wesen seiner Lehre“ gehört der Universität. Für die Restaurierung der geretteten reichen und kunsthistorisch äußerst wertvollen Ausstattung der Universitätskirche gibt es kein Budget. Eine Wiederaufstellung des Pauliner-Altars in der neu gebauten Universitätskirche ist nicht vorgesehen. Die Vergangenheit und die Zukunft der Universitätskirche liegen am Augustusplatz. Die Antwort auf das Verbrechen kann nur ihre Wiedergewinnung als lebendiges geistliches Zentrum am historisch begründeten Ort sein.
Ulrich Stötzner, Paulinerverein, 04109 Leipzig
Man liest so viel vom Marx-Relief. Gestritten wird, wo es aufgestellt wird. Es ist so einfach, fragt doch die Tauben, wo sie ihr Klo haben wollen. Vera Marzuk, 04275 Leipzig
Die Herren Masur, Loest und andere nutzen ihren Bekanntheitsgrad aus, mit ihren Ansichten über Marx die Menschen zu manipulieren. Was bringt sie zu dieser Meinung? Ist es Weltfremdheit, Unwissenheit, Hass oder gar Angst? Man merkt, dass diese Leute am Parteilehrjahr nicht teilgenommen haben, sonst wüssten sie wenigstens etwas über die Marx’sche Analyse der menschlichen Gesellschaft.
Kurt Köppe, 04315 Leipzig
_________
Steinbach: Marx-Relief hat keinen Denkmalstatus
In die Diskussion um die Zukunft des Marx-Reliefs schaltete sich gestern Regierungspräsident Walter Christian Steinbach (CDU) ein. Es sei „kein Kulturdenkmal im Sinne des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes“, sagte der oberste Denkmalschützer im Regierungsbezirk. „Insofern besteht keine Notwendigkeit, das Relief öffentlich aufzustellen.“ Es gehöre lediglich zum Kunstbesitz der Universität.
Steinbach sprach sich dafür aus, das Relief „einzulagern und die Entscheidung zu seiner Verwendung der nächsten Generation zu überlassen“, so der Regierungspräsident. Eine ähnliche Forderung hatte Schriftsteller Erich Loest erhoben und sich gegen einen Wiederaufbau auf dem Sport-Campus der Uni in der Jahnallee ausgesprochen (die LVZ berichtete).
Steinbach begrüßte die Absicht von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), Gespräche mit Uni-Rektor Franz Häuser und Sachsens Wissenschaftsministerin Eva Stange (SPD) zur Zukunft des Reliefs zu führen und bot seine Mitarbeit an.
Pikant: Erst im Dezember hatte der stellvertretende Leiter des Referats Denkmalschutz des Regierungspräsidiums in einem Brief an das Sächsische Immobilien- und Baumanagement, das auch für die Uni zuständig ist, dem Relief „Denkmaleigenschaften“ zugebilligt und die Aufstellung auf dem Sport-Campus gutgeheißen.
K. S.
BILD Leipzig vom 20.02.2008
Jetzt redet Jung!
Von ERIK TRÜMPER
Leipzig - Im Streit um das Marx-Relief hat sich erstmals OB Burkhard Jung (49, SPD) zu Wort gemeldet - und gleich Klartext geredet! BILD dokumentiert die wichtigsten Passagen, der rund 20-minütigen, leidenschaftlichen Ansprache, die der Oberbürgermeister gestern im Rathaus hielt.
"Beim Marx-Relief handelt es sich ohne Zweifel um ein Kunstwerk - um ein Propaganda-Kunstwerk. Klammer auf, das mir nicht gefällt, Klammer zu. Es wäre aber unsinnig, die Skulptur verschwinden zu lassen. Einschmelzen? So geht eine demokratische Gesellschaft nicht mit Kunst um. Wir hatten angeboten, eine kleine Kommission zu bilden, die sich Gedanken macht, wo es wieder errichtet werden könnte.
Eine öffentliche Diskussion wäre möglich gewesen. Aber die Universität ist nicht darauf eingegangen.
Vielleicht hätte man, wie von Erich Loest vorgeschlagen, das Werk eine Generation liegen lassen sollen.
Aber völlig unvorstellbar ist, das Relief am Trümmerhügel der Paulinerkirche in Probstheida aufzustellen. Dort, wo man eine Kirche vergräbt lasse ich doch nicht zum zweiten Mal das Symbol des Sieges errichten!
Denn sehr bewusst hat Ulbricht das Relief an der Uni auf Höhe der ehemaligen Kirche anbringen lassen. Nun bekäme sie auch noch einen Grabstein mit Marx. Ich habe Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal beauftragt, zu prüfen, wie wir das Areal würdig entwickeln können. Zu einem Ort des Erinnerns und Mahnens auch im Sinne der Pauliner. Dem Platz gebührt Respekt - vor dem Gotteshaus und der Barbarei, die 1968 stattgefunden hat.
Auch der Sport-Campus an der Jahnallee hat eine Geschichte. Mit der DHfK, leider auch mit Doping. Heute ist die Handelshochschute an der Ecke. Ich habe Uni-Rektor Franz Häuser angeboten, noch einmal über den Standort zu sprechen.
Denn die Diskussion zeigt, dass fast ein Riss durch Leipzig geht. Die Denkmalbehörde hat schon mündlich die Aussage getätigt, dass das Marx-Relief ein Denkmal ist. Wird das verschriftlicht, dann muss es Öffentlich ausgestellt werden.
Ich werde das Gespräch mit Herrn Häuser und auch Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange über die Rückschlüsse aus der aktuellen Diskussion suchen. Die Aufstellung ist Sache der Uni. Und vielleicht bleibt alles beim Alten. Aber wir müssen noch einmal reden."
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 20. Februar 2008 (Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung
Kirchengrab wird Gedenkort
Jung kündigt Umgestaltung des Trümmerhügels in Probstheida an / Streit um Standort für Marx-Relief
18 Nach-Wende-Jahre hat es gedauert, bis sich Leipzig der Überreste der 1968 gesprengten Paulinerkirche annimmt. Gestern kündigte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) an, das Gelände in Probstheida, unter dem vor 40 Jahren der Kirchenschutt verscharrt wurde, zu einem Ort der Erinnerung umzugestalten. Politiker verschiedener Parteien hatten in den vergangenen Tagen in der LVZ die Forderung erhoben, das Grab der Paulinerkirche in einen historischen Park einzubetten.
„Der Trümmerhügel zeugt von unglaublicher Barbarei“, erklärte Jung. Er habe deshalb den zuständigen Bürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) gestern beauftragt, die Eigentumsverhältnisse auf dem Gelände im Freizeitpark Südost, der früheren Etzoldschen Sandgrube, zu prüfen und einen Vorschlag zu unterbreiten, „wie wir diesen Bereich würdig entwickeln und als Gedenkort sichtbar machen können.“ Zurzeit steht dort nur ein verwittertes und mit Farbe besprühtes Holzkreuz auf einem Rodelberg.
Am 30. Mai 1968 war am Augustusplatz die fast 750 Jahre alte Kirche der Universität in die Luft gesprengt worden. An ihrer Stelle entstand das Hauptgebäude der Alma Mater, dessen Portal jahrzehntelang das monumentale Bronze-Relief „Aufbruch“ trug – wegen des riesigen Philosophenkopfes besser als Marx-Relief bekannt. Auch das ist vor zwei Jahren vom Augustusplatz verschwunden, musste dem Neubau des Unicampus weichen. Die Uni will das Kunstwerk im Sommer auf dem Gelände ihrer Sporthochschule in der Jahnallee wiedererrichten.
Der Standort ist jedoch umstritten. Auch Jung behagt er offensichtlich nicht. Angesichts der öffentlichen Diskussion um das Marx-Relief wolle er noch einmal mit Rektor Franz Häuser und Wissenschaftsministerin Eva Stange (SPD) über die Zukunft des „Propagandakunstwerks“ reden. „Mir gefällt es nicht“, räumte Jung ein. Es aber einzuschmelzen, wie immer mal zu hören, „ist das völlig falsche Signal, so geht eine demokratische Gesellschaft nicht mit Kunst um“.
Er lehnte aber auch eine Aufstellung in dem Gedenkpark für die Paulinerkirche ab. „Es ist für mich unvorstellbar, das Relief an diesen Ort zu bringen. Dort, wo eine Kirche begraben ist, lasse ich doch nicht ein zweites Mal das Symbol des vermeintlichen Sieges über diese Kirche errichten“, sagte Jung. „Damit bekäme die Kirche einen Grabstein mit Marx.“
Die Bundestagsabgeordneten Gunter Weißgerber und Rainer Fornahl (beide SPD) sowie Arnold Vaatz (CDU) hatten sich für diesen Standort ausgesprochen. Den hatte ursprünglich die Uni selbst schon mal ausgewählt.
Der Kreisvorstand der Leipziger CDU forderte am Montagabend die Uni-Leitung auf, diesen Senatsbeschluss von 1992 jetzt umzusetzen und vom Sportcampus Abstand zu nehmen (die LVZ berichtete). „Wir Christdemokraten sind gegen Bilderstürmerei, denn die darf es in der Demokratie nicht geben“, erklärte Kreisvorsitzender Hermann Winkler. „Wenn das Marx-Relief auch künftig im öffentlichen Raum gezeigt werden soll, dann geht das nur im Zusammenhang mit der Sprengung der Kirche. Beides muss gegenüber gestellt werden in würdiger Form an einem geeigneten Ort. Da man die Trümmer der Paulinerkirche nicht in die Jahnallee bringen könne, gehöre auch Marx zu den Kirchenresten nach Probstheida.
Dagegen forderte der Vorsitzende des Stadtverbandes der Linken, Volker Külow, gestern Uni und Wissenschaftsministerium auf, „die Beschlusslage zur Installation des Kunstwerkes auf dem Sportcampus der Universität Leipzig in der Jahnallee zum beabsichtigten Termin zu realisieren“. Um das DDR-Erbe kritisch reflektieren zu können, sei eine „dauerhafte und exponierte Integration des Reliefs in das Leipziger Stadtbild“ an diesem Standort unverzichtbar.
Klaus Staeubert
________
Geschichte(n) am LVZ-Treffpunkt
Leser sprechen mit Lokalredakteur über Schicksal der Paulinerkirche
Irgendwie kommt man in diesen Tagen an dem Thema nicht vorbei, umso weniger, wenn ein Buch über die Geschichte der 1968 gesprengten Paulinerkirche auf dem Verkaufstresen des LVZ-Treffpunkts am Peterssteinweg 19 liegt – das derzeit wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln weg geht. „Einen Geschichtspark dort zu gestalten, wo die Trümmer liegen, finde ich eine tolle Idee“, sagt Heiderose Hammer, während sie in der bewegenden Dokumentation blättert. Und das Marx-Relief, das jahrzehntelang die Stelle des Gotteshauses am Augustusplatz einnahm, fügt sie hinzu, „muss unbedingt wieder aufgestellt werden. Geschichte darf man nicht einschmelzen“. Die 64-Jährige ist zwar schon 1963 nach Leipzig gezogen, erzählt sie Lokalredakteur Klaus Staeubert, „aber erst in den vergangenen Jahren habe ich begriffen, was das für eine wunderschöne Stadt ist“. Dieses Gefühl verdanke sie auch der LVZ, die ihr oft die schönen Seiten Leipzigs zeigt. „Ich finde, es ist eine interessante Zeitung und seit sie so umfangreich ist und mehr Platz für Fotos bietet, lese ich sie noch mal so gerne.“
Konrad Winter kann sich noch genau an den 30. Mai 1968, den Tag der Kirchensprengung, erinnern: „Ich habe fotografiert. Meine Mutter war dabei, sie hat geweint.“ Noch heute beeindruckt ihn, wie gründlich die Aktion vorbereitet war. „Wenn sonst nichts in der DDR klappte, aber da standen die Lkw bereit, schon am Abend war der Schutt weggefahren.“ Auch die Atmosphäre kann er nicht vergessen. „Überall stand ja Polizei und es herrschte eine Grollstimmung, so wie bei den Anfängen der Montagsdemos 1989.“
Heute erwartet Sie, liebe Leser, am LVZ-Treffpunkt von 10 bis 12 Uhr Kulturredakteur Jürgen Kleindienst. K. S.
Quelle: http://www.lizzy-online.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=11573
© Leipzig aktuell veröffentlicht von Ralf Julke am 20. Feb 2008
Wir sind Marx! Wie eine Schrott-Geschichte zum Leipziger Giganten-Streit aufgeblasen wurde
Wenn du keinen Skandal hast, dann machst du dir einen. Aber wie? Schnapp dir ein Thema, blas es auf und sorg dafür, dass alle Lautsprecher ihren Senf dazu geben. So geschehen gerade wieder in Leipzig um einen Herrn namens Karl Heinrich Marx. Nicht unbedingt, weil der Bursche im Mai 190 wird oder sich im März sein 125. Todestag jährt. Es geht einmal mehr um das Marx-Relief, das eigentlich "Aufbruch" heißt, aber eigentlich nur 30 Tonnen Bronze ist.
Propagandakunst. Aber eben doch ein Kunstwerk. Vielleicht sogar ein Denkmal, da streiten noch die Gelehrten. Selbst der in sozialistischen Zeiten aufgelegte Leipziger Architekturführer "Baumeister und Bauten" verwendet in der Beschreibung des Werkes, an dem gleich Leipziger Künstler - Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kurth - arbeiteten, das Wörtchen "massig". Seit ein paar Tagen ist es wieder in aller Munde. Oder besser: im Munde derer, die fleißig bestimmte Zeitungen lesen. Die dann auch keineswegs bemerken, wie ihnen ein Thema vorexerziert wird und hochgepuscht zum Stadt-Drama - das keines ist.
"Die Gemüter sind augenscheinlich erhitzt", stellt der Oberbürgermeister fest.
Falsch.
Ein paar Gemüter sind erhitzt, weil sie sich von zwei fröhlich Ping-Pong-spielenden Zeitungen - wieder einmal - zu Kombattanten haben machen lassen.
Dabei fing es vor drei Wochen noch beinah harmlos an. "Marx Umzug kostet 300.000 Euro" betitelte die Bild-Zeitung einen Artikel, erschienen am 30. Januar. Da war das noch eine kleine, investigative Geschichte. Nach zwei Jahren seit der Demontage, eigentlich die erste kleine Nachricht über das Relief, das nach dem Willen der Universität auch wieder auf Universitätsgelände stehen sollte. Dem Campus Jahnallee, ein bisschen abgeschottet von der Öffentlichkeit, aber nicht ganz entsorgt. Und eigentlich auch kein Thema für die Stadt. Denn weder Grund noch Kunstwerk gehören Leipzig.
Aber warum nicht hochkochen die kleine Geschichte? Noch was draufsetzen nach dem Motto: Mal sehen, wer schreit?
Am nächsten Tag hieß die Schlagzeile schon "In Leipzig ist für Marx kein Platz mehr!"
Wer da glaubt, solche Geschichten entstehen einfach, weil Volkes Seele gerührt wird, glaubt auch an Märchen. Und wird auch das Drehbuch nicht sehen, das sich seitdem so liest: "Zoff um Marx-Relief" (1. Februar), "Leipziger einig - Marx muss weg!" (2. Februar), "1. Politiker fordert: Marx-Relief einschmelzen!" (4. Februar), "Dresdner Minsterin will uns das Marx-Relief verordnen!" Das war am 5. Februar, da hatte sich immer noch kein Prominenter gefunden, der mal für das Super-Relief ein Statement abgab. Also musste die Wissenschaftsministerin herhalten, die eigentlich nur ans übliche Prozedere erinnerte.
Der 4. Februar war dann auch der Tag, an dem das Studentenradio Mephisto in die Panikmache einstieg. Manchmal hat man schon den Verdacht, den Leipziger Medien fehlt es an Themen. Und wenn mal eines mit dem falschen Schwanz winkt, rennen alle hinterher. Auch wenn's beim ein oder anderen etwas länger dauert.
Am 6. Februar zitierte die Bild-Zeitung "den großen Masur" in ihre Spalten. Am 8. Februar hieß es dann: "Erich Loest: Marx-Relief bedroht Leipzig!" Da war er endlich, der große Streiter, der auch einmal klare Worte sprach.
An dem Tag stiegen dann auch die weisen drei Könige der Sächsischen Zeitung in den Ring: "Leipzig streitet um das Karl-Marx-Relief der Uni".
Da wussten zwar 80 Prozent der Leipziger noch immer nicht, dass es überhaupt einen Grund zum Streiten gab. Aber es klingt immer gut, wenn man gleich die ganze Stadt zum Akteur macht. Motto: "Wir sind Marx!"
Und das war's dann. Da gab's dann kein Halten mehr. Am nächsten Tag stürzte sich die ganze Zeitungsmeute von Ostsee bis Stuttgart auf das Narren-Halali in Leipzig. Ein gefundenes Fressen: Die Leipziger wurden ihren Alptraum einfach nicht los. Der ja aufs engste verknüpft war mit der Sprengung der Paulinerkirche im Jahr 1968.
Was übrigens Schwabe, Ruddigkeit und Kurth 1974 genau wussten, als sie den "Aufbruch" in Bronze gossen. Vielleicht mit Hintersinn. Wer weiß das schon? Assoziiert der "Aufbruch" nicht auch den gerade geschehenen "Abbruch"? Und ist die ganze Szenerie der Bronzegestalten nicht irgendwie ein Auferstehen der Toten? Mitten drin der um Hilfe rufende Marx? - So gesehen sogar die größte Satire, die in der DDR jemals in Bronze gegossen wurde.
Und weil man schon so schön am Diskutieren war, durfte ab jetzt auch jeder Großredner einen neuen Vorschlag machen, wohin er das Riesen-Relief platzieren würde, wenn er darüber zu entscheiden hätte. Ist ja wohl irgendwie peinlich, soviel Kunstschrott im Campus Jahn-Allee verwuchern zu lassen.
Der letzte Höhepunkt war der Vorschlag, das Riesen-Ding im Landschaftsschutzgebiet Probstheida zu verorten, auf der ehemaligen Etzoldschen Sandgrube, von der eine Menge Leipziger noch wissen, was da verbuddelt liegt: nämlich die Trümmer der 1968 gesprengten Universitätskirche. "Das geht dann für mich wirklich nicht mehr zusammen", sagt OBM Burkhard Jung. "Tut mir leid. Für mich ist es unvorstellbar, das Marx-Relief hierher zu verfrachten."
Seinen Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal hat er erst einmal beauftragt, neue Gestaltungsvorschläge für das Naturschutzgebiet zu erarbeiten, zu denen auch eine Würdigung des Ortes gehört, an dem die Trümmer der Paulinerkirche verkippt wurden. Außerdem soll erst einmal geklärt werden, wem dort in Probstheida eigentlich die jeweiligen Grundstücke gehören.
Denn eines hat sich ja nicht geändert: Der Bronze-Klotz gehört der Uni Leipzig. Im Jahr 2002 hat sie schon einmal versucht, das Relikt der Stadt Leipzig anzudrehen und einen Standort in den Grünanlagen hinter der Moritzbastei vorgeschlagen. Was damals vom OBM, dem Bau-, dem Kultur- und dem Sozialdezernenten gleichermaßen als Unfug abgetan wurde. "Da wäre es auch nur zugewachsen", sagt der damalige Sozialdezernent und heutige OBM Burkhard Jung. Man habe seinerzeit der Universität eine Kommissionsgründung vorgeschlagen, um gemeinsam einen neuen Standort für Marx und seine Jünger im Stadtbild zu platzieren. Das wollte die Uni nicht. Eigentlich ist es bis heute kein Thema für die Stadt:
Der flachgelegte Koloss gehört der Uni und damit dem Freistaat. Der kann damit machen, was er will. Einschmelzen freilich, so Jung, sei keine Lösung. "Man kann Geschichte nicht einfach so entsorgen. Und man sollte es auch nicht tun."
Handlungszwänge im Fall Karl Heinrich Marx gibt es eigentlich keine. Wenn der Streit keine Streiter mehr findet, wird Gras über die Bronze wachsen. Bis mal wieder Themenflaute ist im Leipziger Blätterwald.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 19. Februar 2008 (Seite 15)
© Leipziger Volkszeitung
Häuser: „Uni stellt sich gegen nix“
Historischer Park mit Paulinerkirchen-Grab und Marx-Relief löst geteiltes Echo aus
An der Leipziger Universität ist die Idee, eine Gedenkstätte für die Paulinerkirche zu schaffen, auf offene Türen gestoßen. „Die Uni stellt sich gegen nix“, sagte Rektor Franz Häuser zu dem Vorschlag des SPD-Bundestagsabgeordneten Gunter Weißgerber, auf dem Gelände in Probstheida, unter dem die Trümmer der 1968 gesprengten Kirche lagern, einen historischen Erinnerungspark anzulegen.
„Die Universität hat sich auch in der Vergangenheit nicht gegen sinnvolle Lösungen und überzeugende Vorschläge gewandt“, so Häuser gegenüber der LVZ. Er sehe die Alma mater in der Verantwortung für die einstige Universitätskirche. Häuser: „Sie ist ein Teil unserer Geschichte. Die Universität hat sich der Sprengung nicht entgegengestellt.“
Die Einrichtung einer Gedenkstätte liegt nach Auffassung des Rektors allerdings nicht in der Entscheidungshoheit der Hochschule. „Da gehören verschiedene Akteure an einen Tisch: die Uni, der Grundstückseigentümer und die Stadt, weil es auch um einen Teil der Stadtgeschichte geht.“ Nicht zuletzt müsse der Freistaat beteiligt werden. „Die Uni hat für solche Zwecke keinen Etat“, sagte der Rektor. Auch die 300 000 Euro für das Marx-Relief, das im Sommer auf dem Sportcampus der Universität in der Jahnallee wieder aufgestellt werden soll, zahle der Freistaat.
Der neue Standort des denkmalgeschützten monumentalen Kunstwerkes, das der Universität gehört und das bis zum Beginn der Bauarbeiten für den neuen Campus am Hauptgebäude am Augustusplatz hing, sei im vorigen Jahr in Abstimmung mit dem sächsischen Wissenschaftsministerium ausgewählt worden – in einem „anspruchsvollen Verfahren“. „Es gab Zeiten“, so Häuser, „da bekam ich an jedem Tag zwei Vorschläge, wo das Relief stehen könnte.“ Vor einer Woche erst habe der Akademische Senat noch einmal den Standort für das Marx-Relief bestätigt.
Der Bundestagsabgeordnete Weißgerber schlug gestern in der LVZ vor, das 33 Tonnen schwere Bronzerelief am „Grab der Paulinerkirche“ in Probstheida aufzustellen und das gesamte Gelände an der Prager Straße in einen „würdigen Zustand“ zu versetzen. Er regte einen historischen Park an.
Mit seinem Vorschlag habe Weißgerber „die Ehre der Demokraten gerettet“, erklärte DSU-Stadtrat Karl-Heinz Obser anerkennend. Viele hätten das Thema inzwischen verdrängt. Die Idee „ist auf jeden Fall diskussionswürdig“. Die Uni ist laut Obser in der Pflicht, „Wiedergutmachung“ zu leisten.
Das Wissenschaftsministerium sieht allerdings keinen Gesprächsbedarf. „Die Entscheidung, wo das Relief stehen soll, liegt einzig und allein bei der Universität und die hat ihre Entscheidung getroffen“, erklärte die Sprecherin von Ministerin Eva Stange (SPD), Eileen Mägel.
CDU-Kreisvorsitzender Hermann Winkler sagte: „Ich kann mich mit dem Vorschlag von Weißgerber anfreunden.“ Der Vorstand der Leipziger CDU hat gestern Abend über den Standort für das Marx-Relief beraten und kam zu einem einstimmigen Beschluss. Demnach fordert der CDU-Kreisverband die Uni auf, den Beschluss aus dem Jahr 1992, wonach das Denkmal in der Etzoldschen Sandgrube in Probstheida aufgestellt werden sollte, umzusetzen.
Klaus Staeubert
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 18. Februar 2008 (Seite 17)
Trümmergrab mit Marx-Relief
SPD-Politiker Weißgerber fordert Uni auf, historischen Park für Paulinerkirche in Probstheida anzulegen
Gottlos und verlassen: Kaum etwas erinnert an das traurige Geheimnis, das in dem Erdhaufen schlummert. Dabei liegt unter der verwitterten und von Sprayern mit Farbe zugekleisterten Betonkappe auf dem Hügel im Freizeitpark Südost der Schmerz so vieler Leipziger begraben. Hierher, in die Etzoldsche Sandgrube in Probstheida, waren 1968 die Trümmer der gesprengten Paulinerkirche vom Augustusplatz gebracht worden. Die Diskussion um das Marx-Relief, das die Universität auf dem Sportcampus in der Jahnallee wieder aufstellen will, hat diese alte Wunde erneut aufgerissen.
„Wer das Marx-Relief mit seiner politischen Botschaft wieder aufstellt, der muss auch die Grabstätte, die die Trümmer der Kirche für das Marx-Relief aufnehmen musste, in einen würdigen Zustand versetzen“, fordert der Leipziger SPD-Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber. „Das Marx-Relief schmücken und das Elend des Paulinerschuttberges in Probstheida leichtfertig hinnehmen – das ist unzulässig.“ Weißgerber sieht die Universität in der „moralischen Pflicht“, bis zu ihrer 600-Jahr-Feier 2009 die ehemalige Sandgrube in einen historischen Park umzugestalten und nur dort das Marx-Relief aufzustellen. Das sei sie nicht zuletzt ihren Gelehrten schuldig. „Unter der Kirche waren auch viele Uni-Professoren begraben, deren leibliche Überreste mit dem Schutt einfach in die Kiesgrube gekarrt wurden“, so Weißgerber. „Das war ein Zivilisationsbruch ohnegleichen.“
Und die Verantwortung dafür trage die Universität. Weißgerber erinnert an den Bericht des Rates der Stadt über die Erfüllung der Beschlüsse zum Aufbau der Innenstadt vom 17. November 1960. Darin heißt es, die Uni habe der Stadt vorgeschlagen, „die gesamte Fläche zwischen Karl-Marx-Platz und Universitätsstraße zur Errichtung eines neuen großzügigen, in die Architektur des sozialistischen Platzensembles eingefügten Universitätskomplexes zur Verfügung zu stellen, das heißt, den jetzigen Bestand an Bauten, einschl. der Universitätskirche abzubrechen.“
Daher müsse die Alma Mater Geld für einen Ort der Erinnerung ausgeben. „Nicht nur die 300 000 Euro für das aberwitzige Aufstellen des Marx-Reliefs als moderner sozialistischer Botschaft auf dem Gelände der DHfK sind hier zu berappen, nein, der zukünftig würdige Zustand der kirchlichen Überreste bedarf ebensolcher Anstrengungen“, sagt Weißgerber.
Auch seine Bundestagskollegen Rainer Fornahl (SPD) und Arnold Vaatz (CDU) lehnen die Aufstellung auf dem Sportcampus ab, unterstützen statt dessen die Park-Idee. „Wir waren keine Bilderstürmer“, erklärt Vaatz. Folge das Relief nicht den Trümmern der Kirche, würden die Revolutionäre von 1989 „als Bild der Lächerlichkeit“ enden und die friedliche Revolution „unter den ungestürmten Bildern von Karl Marx“ begraben.
Wie berichtet, hatte die Uni selbst schon 1992 beschlossen, das Relief – sollte es vom Uni-Hauptgebäude entfernt werden – in Probstheida mit erklärenden Tafeln aufzustellen. Nun verlangen die drei Parlamentarier, „diesen Beschluss zügig umzusetzen“. Weißgerber: „Wir wollen Geschichte nicht entsorgen, wir wollen die kreative Auseinandersetzung mit ihr.“
Wie dies aussehen könne, ist in der ungarischen Hauptstadt zu sehen. Dort waren nach dem Umsturz alle kommunistischen Denkmäler eingesammelt und an einem zentralen Platz aufgestellt worden. Der Statuenpark ist heute eine der Sehenswürdigkeiten von Budapest.
Klaus Staeubert
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 16./17. Februar 2008 (Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung
„Ich hätte es lieber am Bildermuseum“
Der Leipziger Kunstgeschichtsprofessor Frank Zöllner zum Umgang mit dem Marx-Relief
Was tun mit dem Karl-Marx-Relief? In den aktuellen Streit schaltet sich im Interview Frank Zöllner, Professor für Kunstgeschichte an der Leipziger Universität, ein.
Frage: Die Debatte nervt Sie?
Frank Zöllner: Nein. Rein akademisch gedacht ist sie ein hoch spannender Stoff für Seminare und verschiedenste Arbeiten.
Welche Themen fallen Ihnen ein?
Man könnte über Kunst im öffentlichen Raum reden und Abschlussarbeiten zum Thema der sozialistischen Monumental-skulptur vergeben. Da gibt es noch viel auf eine sachliche Ebene zu bringen.
Warum findet denn diese Debatte Ihrer Meinung nach gerade jetzt statt?
Ich habe den zwingenden Eindruck, dass es sich beim Streit um die Leipziger „Aufbruch“-Skulptur auch um einen Ersatzkonflikt handelt. Wenn man sich wirklich mit dem Unrechtsstaat DDR auseinander setzen möchte, müsste man eigentlich ganz wo anders hinschauen. Ich würde empfehlen, sich politisch eher mit jenen SED-Relikten auseinander zu setzen, die in Funktionen und Institutionen bis heute überlebt haben. Es ist zudem interessant, dass die Diskussion zu einem Zeitpunkt erfolgt, da die SED-Nachfolgeorganisation sogar in westdeutsche Länderparlamente einzieht. Statt dessen fängt man an, sich ein Symbol der DDR vorzunehmen. Das ist auch viel einfacher, denn für den Erhalt eines propagandistischen Symbols traut sich niemand einzutreten.
Was stellt das Marx-Relief, ohne es inhaltlich zu analysieren, prinzipiell dar?
Es ist das letzte erhaltene Bronze-Großrelief der DDR-Zeit. Selbst wenn es also keine Kunst wäre, muss es als wichtiges Zeugnis einer Epoche bewahrens- und beschützenswert sein. Das Relief hat Denkmalstatus, ist von den Behörden so eingestuft, auch wird damit die Aufstellung gut geheißen.
Es werden viele Aspekte diskutiert, unter anderem die Kosten, die Rede ist von 300 000 Euro, die die Wiederaufstellung kosten soll.
Bei der Frage des Geldes werden einige Dinge bewusst oder auch in Unkenntnis nicht beachtet. Für einen Neubau muss bekanntlich Baufreiheit geschaffen werden. Viel wird entsorgt, einiges gerettet, gesichert. Für die Baufreiheit des Uni-Campus ist im Etat eine Summe eingestellt, bei der also auch die Behandlung jener Dinge inbegriffen ist, die man nicht wegwirft. Der Vorschlag, den Marx einzulagern, ist übrigens auch nicht kostenfrei zu realisieren. Ich habe bei der maßgeblichen Firma angefragt, was es kosten würde, dieses Relief, 14,4 mal 6 mal 3 Metern groß, für 70 Jahre einzulagern. Man müsste ohne Teuerungsrate 504 000 Euro zahlen.
Es gibt den Vorschlag, es auf dem Trümmerberg der Paulinerkirche zu stellen.
Das ist dann eine gute Idee und wäre ein produktiver symbolischer Akt, wenn es denn ordentlich aufgestellt würde.
Was halten Sie vom Einschmelzen?
Nichts. Mit der Vernichtung von Kunstwerken oder der Verbrennung von Büchern befindet man sich in sehr, sehr schlechter Gesellschaft. Das haben die Nazis getan, die SED und die Taliban.
Trier feiert seinen Sohn Karl Marx, Leipzig will ihm den Garaus machen. Wie passt das zusammen?
Gar nicht. In Trier wird ein Karl-Marx-Museum mit viel Geld von der Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD unterhalten. In Leipzig ist ein SPD-Bundestagsabgeordneter dagegen, dass ein Marx-Relief quasi an der Stadtgrenze aufgestellt werden soll. Und noch etwas in diesem Kontext: In Chemnitz wurde der Marx-Kopf sogar engagiert verteidigt und ist heute noch eine Attraktion für die Touristen.
Das Relief soll im Uni-Campus Jahnallee stehen. Ein guter Standort?
Ein Ergebnis langer Beratungen. Wir sollten gut damit leben können. Es wird ja dort eher versteckt, denn provokant hingestellt, es wird also auch niemanden erschrecken und wird zudem mit didaktischen Anmerkungen museal gebrochen. Ich hätte es lieber an der Moritzbastei gesehen oder am Bildermuseum. Denn dort könnte es perfekt museal eingeordnet werden.
Und könnte auch ohne Polemik gedeutet werden!?
Mich überrascht in der Tat, dass sich heute kaum noch jemand Gedanken darüber macht, was das Relief inhaltlich darstellt. Neben dem überdimensionierten Marx-Kopf sind der Kampf der Werktätigen in der Vergangenheit, der Aufbruch der Jugend in die Zukunft und die Völkerverständigung dargestellt. Die Völkerverständigung ist ein Thema, das wir heute wohl Integration in der globalisierten Welt nennen. Alle schreien weg damit, aber angucken tut es sich kein Mensch.
Wie fällt Ihre künstlerische Bewertung des Marx-Reliefs aus, das eine gemeinsame Arbeit der Leipziger Künstler Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kuhrt ist?
Für die figürliche Kunst aus der DDR gibt es den Vorwurf, sie sei keine Kunst, oder, um mit Baselitz zu sprechen: „Alle DDR-Künstler waren Arschlöcher.“ Dabei erlebt doch ein Teil der Kunsttradition der DDR eine grandiose Auferstehung. Man denke nur an die Neue Leipziger Schule, die natürlich leugnet, mit der alten etwas zu tun zu haben. Aber hier spielt Leipzig wirklich mal in der ersten Liga. Übrigens ist auch monumentale Propagandakunst Kunst. Es gab beispielsweise auch Leute, die fanden Michelangelos „Jüngstes Gericht“ furchtbar und wollten es abschlagen lassen. Ich muss mich als Kunsthistoriker nicht mit der Ästhetik des Marx-Reliefs identifizieren und fordere trotzdem seinen Erhalt. Es ist nun mal Teil unserer Kultur, dass wir bestimmte Dinge der eigenen Vergangenheit nicht vernichten. Das unterscheidet uns von bestimmten Regimen.
Interview: Thomas Mayer
___________
Leserbrief an die Leipziger Volkszeitung
Leipzig, am 17. Februar 2008
Das Interview mit dem Kunsthistoriker Zöllner zeigt für mich ganz klar, dass der im Jahre 1996 nach Leipzig gekommene Wissenschaftler nicht erkennt, wozu das umstrittene Kunstwerk bestimmt war und welche symbolische Bedeutung dieses für diejenigen haben muss, die es als Mitarbeiter der Universität 30 Jahre vor Augen hatten. So hat er zunächst die Frage des Journalisten, "was das Relief prinzipiell darstellen soll", von der Sache her gar nicht beantwortet und überrascht später auch noch mit der Feststellung, "dass sich heute kaum noch jemand Gedanken darüber macht, was das Relief inhaltlich darstellt".
Die Gestaltung wurde unter dem Thema "Leninismus - der Marxismus unserer Tage" in der Grundkonzeption von 1969 festgeschrieben. Die Vorgaben kamen vom Rat der Stadt, Abteilung Kultur. Dort heißt es: "Danach ist maßgebende Grundlage (für das Kunstwerk) die Persönlichkeit von Karl Marx und das revolutionäre Wesen seiner Lehre...Die Grundprinzipien dieser Lehre werden in der DDR unter der Führung der SED gesellschaftliche Realität ...". Das heißt, das Monumentalwerk war in erster Linie zur Präsentation der Unterordnung unter die herrschende Partei bestimmt - nicht vorrangig der Person von Marx. Jedem Studierenden und jedem wissenschaftlichen Mitarbeiter wurde zumindest ein Lippenbekenntnis zu der Ideologie, die in dem Relief symbolhaft dargestellt werden sollte, abverlangt. In jedem Diplom- und Doktorzeugnis dieser Periode, die die heutige Universität "sozialistisch" nennt, wurde dies dokumentiert. Herr Zöllner hätte dies in der Rede des Rektors Winkler, die dieser zur Einweihung des "Kunstwerkes" am 5. Oktober 1974 hielt, nachlesen können: "Die Karl-Marx-Universität als eine der Kaderschmieden des Sozialismus wird bei der Entwicklung der jungen sozialistischen Persönlichkeiten immer davon ausgehen, daß eine gründliche Aneignung des Marxismus-Leninismus und die Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse der entscheidende Schlüssel für ein erfolgreiches Studium und einen erfolgreichen Einsatz der Absolventen in der gesellschaftlichen Praxis sind." Neben dieser doktrinären "Aneignung" war keine Diskussion zugelassen, die das Gelehrte in Frage stellte. So steht dieses monströse Werk als ein Symbol für Intoleranz und wissenschaftliche Isolation während der DDR-Phase. Die in dem Interview versuchte Umdeutung, die die Beachtung des Objektes heben soll, widerspricht dem dokumentierten ursprünglichen Zweck des Werkes ebenso wie der historischen Realität. Der "Aufbruch der Jugend" sollte unter totaler Kontrolle der Marxistisch-Leninistischen Partei stattfinden mit dem Ziel, alle Völker der Erde dieser Idee unterzuordnen.
Bleibt zu hoffen, dass in der angekündigten 6-bändigen Geschichtsschreibung der Leipziger Universität nicht in analoger Weise verfahren wird.
Dr. Manfred Wurlitzer
________________________
Informieren Sie sich!
Dokumentation: Bemerkungen zur Gegnerschaft des Wiederaufbaus der Universitätskirche Leipzig
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 16./17. Februar 2008 (Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung
„Einstimmig beschlossen“
„Der Vorschlag, das Marx-Relief auf den Hügel mit den Trümmerresten der Universitätskirche zu setzen, ist gar nicht neu“, sagt Peter Gutjahr-Löser, Ex-Kanzler der Universität. Er verweist auf eine „Tischvorlage für die Sitzung des Senats am 18. August 1992“. Darin heißt unter anderem:
„Das Staatshochbauamt Leipzig II beabsichtigt, noch in diesem Jahr das Dach des Hauptgebäudes am Augustusplatz sanieren zu lassen ... Ein solcher Eingriff legt es nahe, zugleich auch die Monumentalplastik ,Aufbruch‘ von Ruddigkeit – Schwabe – Kuhrt abnehmen und an einem anderen Standort aufstellen zu lassen. Das Rektoratskollegium hat daher – für den Fall, dass das Staatshochbauamt die erforderlichen Mittel bereitstellt – beschlossen, dem Senat vorzuschlagen, die Monumentalplastik abnehmen und mit einer erklärenden Inschrift versehen als Denkmal auf dem Hügel aufstellen zu lassen, unter dem die Trümmer des Hauptgebäudes und der Universitätskirche lagern. Der Senat wird um Zustimmung gebeten.“
Ergänzung nach der Sitzung: „Einstimmig so beschlossen.“
„Der Beschluss“, so Gutjahr-Löser, „wurde nie außer Kraft gesetzt.“
tom
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 14. Februar 2008 (Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung
Denkmal für die Opfer
Fornahl kritisiert Umgang mit Marx-Relief
Anstatt das umstrittene Marx-Denkmal wieder aufzustellen, sollte die Universität nach Ansicht von Bundestagsabgeordnetem Rainer Fornahl „lieber an die vielen Opfer von Totalitarismus, ideologischer Indoktrination und Terror“ erinnern. Der Gewaltherrschaft seien auch viele Studenten und Angehörige des Lehrkörpers der Universität in den Jahren 1933-45 und 1945-89 zum Opfer gefallen, sagte gestern der SPD-Politiker.
Nach dem Schriftsteller Erich Loest, dem ehemaligen Gewandhauskapellmeister Kurt Masur und dem Bundestagsabgeordnetem Gunter Weißgerber (SPD) hat sich mit Fornahl ein weiterer prominenter Leipziger zu Wort gemeldet und öffentlich gegen die geplante Wiedererrichtung des Denkmals auf dem Sportcampus in der Jahnallee protestiert.
Das 14 Meter lange, sieben Meter hohe und 33 Tonnen schwere Bronze-Relief war 1970 bis 1973 von den Künstlern Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt für die Universität geschaffen worden. Bis zum Abriss des alten Uni-Campus’ hing es am Hauptgebäude der Alma Mater am Augustusplatz – dort, wo bis zu ihrer Sprengung am 30. Mai 1968 das Augusteum und die Pauliner-Kirche standen.
„Damit gingen für Leipzig steingewordene Zeugnisse der Freiheit von Forschung und Lehre sowie protestantischer Religionsausübung unwiderbringlich verloren“, sagte Fornahl. An seine Stelle sei das „monströse Kunstwerk – ein Symbol von Indoktrination und Totalitarismus und, mit Blick auf die Universität, der geistigen Unterdrückung“ getreten. Es demonstriere „aus Sicht seiner geistigen Väter den Sieg der sozialistische Ideologie über Aufklärung, Freiheit und Pluralismus“. Fornahl riet, dieses „exemplarische Zeugnis für ein dunkles Kapitel der Universität Leipzig“ zu vergraben.
K. S.
BILD Leipzig vom 19.02.2008
RELIEF-STREIT!
EVA-MARIA STANGES DOKTOR-ARBEIT VON 1985 BEWEIST
Ministerin wollte schon einmal mehr Marx
Von JACKlE RICHARD
Leipzig - Geht es um das Marx-Relief, lässt sie gegenüber BILD nur noch ihre Anwälte reden.
Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50, SPD) möchte sich nicht dazu äußern, dass auch ihr Ministerium 300 000 Euro für den Wiederaufbau des SED-Denkmals zahlt. Und wenn BILD schon schreibt, dass sie 1979 in die SED eintrat, dann, bitteschön, wenn gleich dahinter steht, dass sie 1988 die Partei wieder verließ.
Der etwas hölzerne Umgang mit Marx und der jüngeren Vergangenheit verwundert nicht. Denn Eva-Maria Stange nutzte den Erfinder des Kommunismus, um zu DDR-Zeiten Karriere zu machen. BILD liegt ihre Doktorarbeit dem Jahr 1985 vor.
Damals promovierte die Lehrerin für Mathe und Physik an der Pädagogischen Hochschule Dresden. Stanges Thema: "Untersuchungen zur Planung, Führung und Gestaltung des Physikunterrichts unter besonderer Beachtung lernpsychologischer Erkenntnisse mit dem Ziel der bewussten Ausbildung ausgewählter geistiger Handlungen."
Auf den ersten Seiten zitiert sie gleich dreimal brav die SED-Volksbildungsministerin Margot Honecker. Dann verlangt sie nach noch mehr Marx an den DDR-Schulen. Zitat: "Gleichzeitig erwies es sich als dringend erforderlich, eine geschlossene marxistisch-leninistische Lerntheorie zu entwickeln."
Lehrerin Stange macht sich offenbar Sorgen um den richtigen Klassenstandpunkt ihrer Schüler: "Hier ist die umfassende Zusammenarbeit von Pädagogen, Psychologen, Praktikern und Methodikern notwendig, damit könnten wir vielleicht auch das Problem einer geschlossenen marxistisch-leninistischen Lerntheorie lösen."
Das hörte man damals gern. Eva-Maria Stange bekam ihren Doktor-Titel. Auch dank Marx...
Bildunterschrift unter der Kopie der Titelseite der Doktorarbeit:
Leipzig ist dagegen. Ihr Ministerium zahlt trotzdem für den Wiederaufbau des Marx-Reliefs.
___________
Kreis-CDU fordert vom Uni-Rektor
Ziehen Sie Ihre Marx-Pläne zurück!
Von MARTINA KURTZ
Leipzig - Im Streit ums Marx-Relief fordert Leipzigs CDU Uni-Rektor Franz Häuser (61) auf, seine Pläne für den Wiederaufbau des Marx-Reliefs zurückzuziehen - und statt dessen den Rektorats-Beschluss von 1992 umzusetzen.
Der sah vor, das Marx-Relief an den Etzoldschen Sandgruben aufstellen zu lassen - dort, wo die Trümmer der von der SED gesprengten Paulinerkirche vergraben sind.
Leipzigs CDU-Chef Hermann Winkler (44): "Die Marx'sche Ideologie hat der Universität nichts gegeben, in seinem Namen wurden namhafte Wissenschaftler aus der Stadt vertrieben oder sind für ihre freiheitliche Überzeugung ins Gefängnis gegangen. Das sind keine Traditionen, die man pflegen sollte."
BILD Leipzig vom 18.02.2008
Warum spielt Geld plötzlich keine Rolle?
Hier erzählt Ex-Unikanzler Dr. Peter Gutjahr-Löser (68), wie der Abbau des
SED-Denkmals 1991 scheiterte. Weil er angeblich zu teuer war...
Von JACKIE RICHARD
Leipzig - Kein Thema bewegt die Leipziger zurzeit so sehr wie das Marx-Relief an der Jahn-Allee. Täglich erreichen BILD Anrufe und Briefe erregter Leser, die gegen den Wiederaufbau des tonnenschweren SED-Monuments protestieren. Auch der enormen Kosten wegen: Immerhin soll der Steuerzahler die 300 000 Euro dafür aufbringen.
Jetzt meldet sich Dr. Peter Gutjahr-Löser (68) zu Wort, erster frei gewählter Uni-Kanzler nach der Wende. Und er erhebt heftige Vorwürfe geger die "Marx-Politik" der Staatsregierung in Dresden. Gutjahr-Löser wollte das Marx-Relief bereits 1991 vom Unigebäude entfernen. Doch Dresden lehnte ab - angeblich wegen zu hoher Kosten. Der Ex-Kanzler "Ich habe kein Verständnis dafür, dass jetzt plötzlich viel Geld da ist, um Marx wieder aufzubauen."
Unmittelbar nach Gutjahr-Lösers Amtseinführung am 1. März 1991 hatte er den damaligen Wissenschaftsminister Hans-Joachim Meyer auf Marx angesprochen: "Ich zeigte ihm das Relief und bat, die erforderlichen Mittel bereit zu stellen, um das Ding entfernen zu lassen." Die ernüchternde Antwort: "Zu teuer, es gibt Wichtigeres zu tun."
Gutjahr-Löser ließ nicht locker, schrieb ein Jahr später Meyer einen Brief (liegt BILD vor) mit der Bitte, den Bronzekoloss entfernen zu lassen. Eine schriftliche Antwort bekam er nie.
Übrigens: Anders als der amtierende Uni-Rektor Franz Häuser (6T) halte das Rektorats-Kollegium bereits 1992 beschlossen, das Marx-Relief an den Etzoldschen Sandgruben aufstellen zu lassen - dort, wo die Trümmer der von der SED gesprengten Paulinerkirche vergraben sind. Doch Häuser hat offenbar ein anderes Verständnis für Geschichtsaufarbeitung.
BILD Leipzig vom 15.02.2008
Ex Minister Arnold Vaatz
"Marx-Relief begräbt friedliche Revolution!"
Von JACKIE RICHARD
Berlin/Leipzig - Der Krach um den Koloss Arnold Vaatz (52).Vizechef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Ex-Umweltminister in Sachsen, übt jetzt besonders drastische Kritik an dem Wiederaufbau des Max-Reliefs.
Vaatz, zur Wendezeit Sprecher des "Neuen Forums", sieht in dem geplanten Comeback des SED-Monuments eine gezielte Provokation der "alten Eliten der DDR". Die hätten u.a. dank ihres Herrschaftswissens und der Unterstützung von "Komplizen aus westdeutschen Apparaten" die neue Freiheit am besten für sich genutzt.
Vaatz: "Nach der Sanierung ihrer Machtpositionen wollen sie diese auch zur Schau stellen. Das geschieht, indem sie die Symbole ihres früheren Lebens frisch poliert wieder aufstellen. Dass sich möglichst viele Protagonisten der Revolution von 1989 durch dieses Zur-Schau-Stellen von Macht beleidigt und gedemütigt fühlen, ist beabsichtigt."
Sein bitteres Fazit: "Die Revolution von Leipzig wird in Leipzig begraben. Unter den ungestürmten Bildern von Karl Marx. Die Welt gratuliert."
BILD Leipzig vom 14.02.2008
1. Berliner Politiker schaltet sich in den Marx-Streit ein
Von JACKIE RICHARD
Leipzig/Berlin - Die Debatte um den Wiederaufbau des Marx-Reliefs zieht immer weitere Kreise!
Jetzt schaltet sich der erste Berliner Politiker in den Marx-Streit ein: Rainer Eppelmann (65). Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Kommunismus-Kult am Geburtsort der Wende? Das 300 000 Euro teure Comeback des SED-Denkmals mit dem sperrigen Titel "Karl Marx und das revolutionäre weltverändernde Wesen seiner Lehre" erregt Eppelmanns Unmut.
Der bekannte DDR-Bürgerrechtler zu BILD: "Man kann das Ding doch nicht einfach wieder aufstellen und so tun, als ob sich nichts verändert hat! In Berlin heißt das Marx-Engels-Denkmal jetzt nur noch ,I'm sorry'. Es muss doch klargestellt werden, dass die Heldenstadt Leipzig im Herbst 1989 zur Diktatur leidenschaftlich Nein gesagt hat."
Der frühere Verteidigungsminister des ersten und letzten frei gewählten DDR-Kabinetts geht sogar noch weiter: "Hier sind doch die Menschen im Herbst 1989 auf die Straße gegangen. Deshalb sollte das Denkmal eingeschmolzen und aus der Bronze ein Freiheitsdenkmal für den 9. Oktober 1989 gegossen werden."
Damit spricht ein Berliner Politiker vielen Leipzigern aus dem Herzen.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 13. Februar 2008
© Leipziger Volkszeitung
Friedhof der Unikirche statt Sport-Campus
Weißgerber unterstützt Loest / SPD-Politiker lehnt Wiederaufstellung des Marx-Reliefs auf Universitätsgelände ab
Im Streit um das Marx-Relief bekommt der Leipziger Schriftsteller Erich Loest jetzt Unterstützung aus der Bundespolitik. Das tonnenschwere Mahnmal, das sich bis zum Beginn der Bauarbeiten für das neue Universitätsgebäude auf dem Augustusplatz befand, gehöre „an die Stelle einer der größten Schandmale dieser Stadt gekippt – auf die Kiesgrube in Probstheida“, sagte der Leipziger Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber (SPD).
Er nannte die Grube den „Friedhof“ der 1968 auf Geheiß von Staatsratsvorsitzendem Walter Ulbricht gesprengten Universitätskirche. Mit den Überresten des Gotteshauses am Augustusplatz war seinerzeit das Loch verfüllt worden.
Wie berichtet, will die Uni das Marx-Denkmal jedoch auf ihrem Sport-Campus in der Jahnallee wieder aufstellen lassen. Dagegen hatte Loest, der in der DDR von 1957 bis 1964 aus politischen Gründe inhaftiert war, mit einem offenen Brief an Sachsens Wissenschaftsministerin Eva Stange und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (beide SPD) protestiert. Eine Reaktion habe er von beiden noch nicht bekommen, so Loest gestern gegenüber der LVZ.
Nach Ansicht von Weißgerber geht es längst nicht mehr um die bloße Ehrung des Menschen und Philosophen Karl Marx. Vielmehr werde mit dem Denkmal „einem Idol und seinem Glaubensgebäude gehuldigt“. Weißgerber: „Mit dem Relief sollte der Endsieg des Materialismus über die Religionen und hier besonders der Schlag über die christliche Lehre öffentlich zur Schau gestellt werden. Um der Infamie die Spitze zu geben und um nichts an der Deutlichkeit des Ansinnens fehlen zu lassen, musste die obsiegende neue Glaubensrichtung von Stund’ an mittels des Reliefs genau am Platz der 1968 gesprengten Universitätskirche verkündigt werden. So war es der politische Wille der kommunistischen Weltenlenker.“
K. S.
LESERBRIEFE
Keine blinde Bilderstürmerei
Zum Artikel „Loest protestiert gegen Marx-Relief“ vom 9. Februar:
Zweimal Karl Marx in der Wochenendausgabe. 1933 wurden die Werke von Karl Marx verboten, zerstört und verbrannt. 2008 protestiert Erich Loest gegen das Marx-Relief. Bösartige Interpreten könnten Paralellen ziehen. Es gab in allen Epochen und Kulturen Kleingeister und Fanatiker, die zu Bildersturm und Bücherverbrennung aufriefen. Meist wurden Bücher und Denkmale später restauriert – Herr Loest begibt sich in gefährliche Nähe.
Gerhard Winkler, 04209 Leipzig
Wer, wenn nicht Erich Loest, der sieben Jahre während der DDR-Zeit aus politischen Gründen im Zuchthaus Bautzen gesessen hat, hat ein moralisches Recht auf Empörung in dieser Angelegenheit. Es geht nicht um blinde Bilderstürmerei. Es geht auch nicht um ein Denkmal für Karl Marx. Bei dem Relief handelte es sich um ein Propagandawerk von zweifelhaftem künstlerischem Rang.
Das Gebäude, an dem dieses düstere Gebilde angebracht war, ist weg und die Karl-Marx-Universität heißt nicht mehr so. Sonst hätte es von mir aus noch an Ort und Stelle bleiben können als Kuriosität, wie der „Nischel“ in Chemnitz. Der Wiederaufbau erforderte jedoch aktives Handeln und damit eine positive Entscheidung für das Objekt. Und diese kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Zu immensen Kosten soll das Ding wieder angebracht werden, wenn auch nicht an so exponierter Stelle wie vorher.
Im Übrigen ist für mich eines klar: Wer so massiv den Neuaufbau des Reliefs fordert, notfalls auch mit beleidigenden Worten für unseren Ehrenbürger Erich Lost, dem geht es nicht um ein vermeintliches Kunstwerk. Für den ist das Relief nur Sinnbild. Er trauert in Wirklichkeit der DDR nach. Das ist sein gutes Recht. Aber warum soll ich als Bürger der Stadt Leipzig diese DDR-Nostalgie mit bezahlen?
Rainer Jäckel, 04229 Leipzig
Diesem Denkmal einfach so einen neuen Platz zu geben, geht wirklich nicht. Es wäre doch mehr als peinlich, einfach so zu tun, als wenn nichts gewesen wäre. Da hat Loest schon Recht. Es ist Geschichte. Aber, es ist unsere Geschichte. Und davon sind wir geprägt, das ist eine andere Wahrheit.
Als Bildhauerin ist mir nach der Wende im Umgang mit DDR-Kunst manch interessante Denkansatz und Ergebnis begegnet. Zum Beispiel: Diese ideologisch trächtige Denkmalsubstanz damaligen Großmachtanspruchs in ein neues kritisches Denkmal einzubauen. Ein Zitat, woraus hervorgeht, was wir nicht mehr wollten. Da spricht das Marxdenkmal ja irgendwie für sich. Da braucht man nur weniges hinzu zu tun, um es kritisch zu erleben.
Gabriele Messerschmidt, 04177 Leipzig
Quelle: http://www.idea.de
© idea.de,das christliche Nachrichtenportal - 9.02.08
Politik & Gesellschaft
Kontroverse um Leipziger Karl-Marx-Relief
L e i p z i g (idea) – In Leipzig ist eine Diskussion darüber entbrannt, was mit dem umstrittenen „Karl-Marx-Relief“ der Universität Leipzig geschehen soll. Das Relief, das 1974 zum 25. Jahrestag der DDR am Hauptgebäude der Universität angebracht worden war, wurde 2006 im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Universitätsgeländes abmontiert.
Seither ist das 33 Tonnen schwere und 14 mal 7 Meter große Relief in Einzelteile zerlegt und eingelagert. Nun soll es nach dem Willen der Universität wieder aufgestellt werden. Universitätsrektor Franz Häuser will sich damit zur Geschichte der Hochschule bekennen, wie er erklärte. Es habe genug Momente in der deutschen Geschichte gegeben, in denen Bücher verbrannt, Denkmäler ruiniert, Kirchen gesprengt, Bilder abgerissen und Künste verboten wurden, so der gebürtige Hesse. „Die Uni kann ihre Geschichte nicht aufarbeiten, indem sie die Zeitzeugnisse einschmilzt. Das wäre niveaulos.“
Erich Loest: Monument ist eine Schande
Unter den Gegnern des Reliefs sind auch Verfolgte des DDR-Regimes. Einer der prominentesten Gegner ist der Schriftsteller Erich Loest. Der 81-Jährige hat jetzt in einem Brief an die Stadt Leipzig und die sächsische Landesregierung appelliert, das Marx-Relief nicht wieder aufzustellen. Das Monument sei eine „Schande für die Stadt des freiheitlichen Aufbruchs von 1989“. Es sei unverständlich, dass der Freistaat 300.000 Euro für den Wiederaufbau des Monuments zahle. Das Relief demütige alle, „die unter dem Klassenkampfregime gelitten oder zu seiner friedlichen Überwindung beigetragen haben“, schreibt Loest. „Anzuraten wäre, die Bronze einzulagern, die Auseinandersetzung mit ihr zu ermöglichen und zu warten, bis Täter und Opfer dieser Ära tot sind - mögen die Enkel unbefangen über den weiteren Verbleib entscheiden.“ Loest saß zu DDR-Zeiten siebeneinhalb Jahren im Zuchthaus Bautzen ein und war Kritiker des DDR-Regimes.
Quelle: http://www.lvz-online.de/aktuell/content/53951.html
© LVZ-Online vom: Freitag, 8. Februar 2008
Schriftsteller Loest gegen Wiederaufbau des Leipziger Marx-Reliefs
Leipzig. Der Schriftsteller Erich Loest (81) hat an die Stadt Leipzig und die Landesregierung appelliert, das umstrittene Karl-Marx-Relief der Universität Leipzig nicht wiederaufzustellen. Das Monument sei eine „Schande für die Stadt des freiheitlichen Aufbruchs von 1989“, schreibt Loest in einem offenen Brief an Kultusministerin Eva-Maria Stange und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (beide SPD). Es sei unverständlich, dass der Freistaat 300 000 Euro für den Wiederaufbau des in Einzelteile zerlegten 33 Tonnen schweren Monuments zahle, sagte Loest am Freitag und bestätigte damit einen Bericht der „Bild“-Zeitung.
Das Relief demütige alle, „die unter dem Klassenkampfregime gelitten oder zu seiner friedlichen Überwindung beigetragen haben“, schreibt Loest in dem Brief. „Anzuraten wäre, die Bronze einzulagern, die Auseinandersetzung mit ihr zu ermöglichen und zu warten, bis Täter und Opfer dieser Ära tot sind - mögen die Enkel unbefangen über den weiteren Verbleib entscheiden.“ Andere Gegner des DDR-Relikts fordern, es einzuschmelzen. Erich Loest saß zu DDR-Zeiten siebeneinhalb Jahren im Zuchthaus Bautzen ein und war Kritiker des DDR-Regimes.
„Die Uni kann ihre Geschichte nicht aufarbeiten, indem sie die Zeitzeugnisse einschmilzt. Das wäre niveaulos“, sagte der Rektor der Universität, Franz Häuser. „Wir sagen: Das Relief ist Teil unserer Geschichte, an der wir auch gelitten haben. Wir wollen es als Zeugnis für eine Phase aufstellen.“ Es sei geplant, das Denkmal um eine erläuternde Tafel zu ergänzen.
Das Karl-Marx-Relief soll in diesem Jahr hinter der ehemaligen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) wieder aufgebaut werden. Es gilt als eines der bekanntesten Relikte aus DDR-Zeiten. Es hing seit 1973 am Hauptgebäude der damaligen Karl-Marx-Universität und musste nun dem Umbau des Zentralcampus in der Innenstadt weichen.
dpa
Quelle: http://www.mz-web.de
© BITTERFELDER ZEITUNG - erstellt 05.02.08, 07:55h, aktualisiert 08.02.08, 10:23h
Uni-Rektor verteidigt Wiederaufbau des Marx-Reliefs
Häuser erteilt Forderung nach Einschmelzen des Denkmals eine klare Absage
Leipzig/ddp. Der Streit um das monumentale Marx-Relief der Universität Leipzig findet kein Ende. Als die 33 Tonnen schwere Bronze-Plastik im August 2006 vom Portal des Uni-Hauptgebäudes abgenommen wurde, stand bereits fest: Marx wird an einem neuen Standort wieder zu sehen sein. Doch seit der vergangenen Woche hat ein Boulevard-Blatt das Thema für sich entdeckt und präsentiert bald täglich neue mehr oder weniger Prominente vom Schriftsteller Erich Loest bis zu städtischen CDU-Politikern, die ein Einschmelzen des Werks fordern und überdies die Verschwendung von Steuergeldern monieren. Uni-Rektor Franz Häuser wie auch die zuständigen Ministerien halten indes unbeirrt dagegen: In den nächsten Wochen werde das Relief auf dem Campus der Sporthochschule außerhalb des Stadtzentrums wieder aufgestellt.
Zahlreiche Schaulustige hatten im August 2006 die Demontage des Monuments direkt am Leipziger Augustplatz beobachtet. Seit 1974 hatte das 7 mal 14 Meter große Denkmal mit dem Namen «Aufbruch» das Hauptgebäude der damaligen Karl-Marx-Universität Leipzig geschmückt. Auch die Wende überlebte das Riesenwerk, erst als große Teile des Innenstadt-Campus abgerissen und einem 140 Millionen teuren Neubau weichen mussten, musste auch das Marx-Relief demontiert werden. In vier Teile zertrennt wurde es abgebaut und wartet seitdem darauf, wieder in der Öffentlichkeit aufgestellt zu werden. Die Universität als Eigentümer des Reliefs favorisierte zunächst einen Standort in der Innenstadt, direkt am Studentenclub Moritzbastei, konnte sich jedoch mit der Stadtverwaltung nicht einigen. In einem Kompromiss wurde dann der neue Standort an der Sport-Uni gewählt. Insgesamt soll die Umsetzung laut Staatsregierung 300 000 Euro kosten, bis März soll sie abgeschlossen sein.
Rektor Häuser betont angesichts der massiven Vorwürfe in der «Bild»-Zeitung, es sei immer klar gewesen, dass das Relief wieder aufgestellt werde. Den Forderungen nach einem Einschmelzen des Denkmals erteilte Häuser eine klare Absage. «Die Erinnerung an die Vergangenheit funktioniert nicht über die Zerstörung», sagte er. Mit dem neuen Standort am Campus in der Jahnallee etwas außerhalb des Stadtzentrums sei er nicht hundertprozentig zufrieden. Man könne der Universität schnell vorwerfen, ihre Geschichte an den Rand der Stadt drängen zu wollen, sagte Häuser. Aber letztlich sei der Standort eine Entscheidung des Landes gewesen, der man sich angeschlossen habe.
Der Schöpfer des Kunstwerks, Klaus Schwabe, ist hingegen mit dem neuen Standort zufrieden. «Es ist schön, dass das Werk wieder öffentlich gezeigt wird», sagte er. Die Forderungen nach einem Einschmelzen weist auch er brüsk zurück. «Wer sieht es schon gerne, wenn die eigene Arbeit kaputt gemacht wird.» Und seine Einwilligung dazu würde er auch niemals geben.
Leipzigs CDU-Chef Hermann Winkler indes möchte den tonnenschweren Bronze-Marx nicht wieder in der Stadt sehen. Jetzt, da er einmal abgenommen sei, sollte die Chance genutzt werden und das Relief auch aus der Öffentlichkeit verbannt bleiben. Auch das Einschmelzen hält für eine Option.
Der Streit um Marx schmiedet in Leipzig eine seltene Koalition. Nach den Anfeindungen in der «Bild»-Zeitung sprang selbst der Studentenrat der Universität, sonst er auf Distanz zur Hochschulspitze bedacht, Häuser zur Seite. Vor allem das Argument, ein Zugezogener - Häuser ist Hesse - könne den Leipzigern nicht den Marxismus erklären, wiesen sie als «Rassismus» zurück. Die Uni tue stattdessen gut daran, sich ihrer Geschichte zu stellen, sagte Studenten-Sprecherin Christin Melcher. Der neue Standort auf dem Sport-Campus garantiere dabei zumindest einen gewissen Teil an Öffentlichkeit, da er für jedermann zugänglich sei.
BILD Leipzig vom Freitag, den 01.02.08, Seite 3, Textteil.
ZOFF UM MARX-RELIEF
Großer BILD-TED! Wiederaufbau - oder weg damit?
Von JACKIE RICHARD
Leipzig - Der Aufstand gegen Marx` Rückkehr! Nachdem BILD berichtet hatte, dass der Wiederaufbau des Marx-Reliefs 300 000 Euro Steuergeld verschlingen wird, gehen immer mehr Leipziger auf die Barrikaden.
Robert Clemen (40, CDU), Chef des Kultur- und Wissenschafts-Ausschusses im Landtag: "Ich finde das befremdlich. Hier werden Relikte der DDR-Diktatur mit Mitteln der Staatskasse finanziert."
Leipzigs Uni-Rektor Franz Häuser (62) dazu: "Die Kosten interessieren mich nicht." Der Hesse will den 33-Tonnen-Koloss unbedingt auf den DHfK-Campus an der Jahnallee aufstellen lassen - und stößt damit auch verdiente Leipziger wie Erich Loest (81) vor den Kopf.
"Nachdem die Leipziger im Herbst 1989 den Ungeist von Marx vertrieben haben, brauchen wir jetzt keine Wiederkehr", findet der Schriftsteller.
ODER DOCH?
STIMMEN SIE AB
Marx einmotten oder wieder auf dem Uni-Campus aufstellen? Ihre Meinung ist uns wichtig!
Stimmen Sie heute (1. Februar 2008) bis 16 Uhr beim großen BILD-TED ab.
Wählen Sie
0137 113140-1, wenn Marx weg soll.
Oder
0137 113140-2, wenn Marx wieder aufgebaut werden soll.
____________
BILD Leipzig vom Samstag, den 02.02.08.
Leipzig einig
Marx muß weg!
Ergebnis:
80,2 Prozent stimmten gestern bei der großen BILD-TED-Umfrage gegen die Rückkehr des Relief.
BILD Leipzig vom Montag, den 04.02.08
Politiker fordert Marx einschmelzen!
...und ein Freiheits-Denkmal draus machen
Von Martina Kurtz
Leipzig - Ganz Leipzig diskutiert: Was tun mit Marx?
Der geplante Wiederaufbau des SED-Denkmals auf dem DHfK-Campus an der Jahnallee stößt auf heftigen Widerstand. Beim großen BILD-TED stimmten 80,2 Prozent gegen das
300 000 Euro teure Marx-Comeback.
Jetzt schaltet sich Leipzigs CDU-Chef Hermann Winkler (44) mit einem kühnen Vorschlag ein: "Man sollte das Relief einschmelzen, daraus Glocken gießen und am Augustusplatz aufstellen.
Aus seiner Sicht wäre dies dreifach sinnvoll: "Leipzig hätte eine Erinnerung an die vor 40 Jahren gesprengte Paulinerkirche, zugleich ein Freiheits-Denkmal --und 300 000 Euro Steuergelder wären sinnvoll verwendet."
Auch der Grünen-Landtagsabgeordnete Michael Weichert (54) wettert gegen die Rückkehr des Bronze-Koloss': "Wer das will, kann ja einen Verein gründen und privat finanzieren. Aber nicht von Steuergeldern, es gibt noch genügend SED-Vermögen!"
BILD Leipzig vom Dienstag, den 05.02.08
Obwohl 80 Prozent der Leipziger strikt dagegen sind
Dresdener Ministerin will uns das Marx-Relief verordnen!
Von C. FISCHER und M. KURTZ
Leipzig - Das umstrittene Marx-Relief. Laut einer BILD-Abstimmung wollen über 80 Prozent der Leipziger nicht, dass der Bronze-Koloss wieder aufgestellt wird. Doch Uni-Rektor Franz Häuser (63) bleibt stur, bekommt jetzt sogar Rückendeckung von Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (49/SPD) aus Dresden.
Sie hält es auch für vertretbar, dass Marx' Rückkehr den Steuerzahler 500 000 Euro (!) kostet. Ministeriums-Sprecherin Eileen Mägel (38): "Selbstverständlich wird das Relief wieder aufgestellt!. Weil es sich um ein Kunstwerk handelt und dieses zum Kunstbestand der Universität gehört"
In Leipzig ist man über die Bevormundung aus Dresden entsetzt. Tobias Hollitzer (41) vom Bürgerkomitee: "Wie kann man als Ministerin auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen und kommunistische Propagandakunst wiederaufstellen lassen? Das Ding gehört in den Keller der Geschichte!"
Kein Wunder, dass ausgerechnet Eva-Maria Stange mit Marx weniger Probleme hat. Schon bei ihrer Amtseinführung 2006 kritisierten SED-Opferverbände die Personalie: Stange war Lehrerin in der DDR, die später sogar selbst Lehrer ausbildete. 1979 trat sie der SED bei. "Später hat sie sich gegen die kritische Aufarbeitung des SED-Regimes ausgesprochen und für ehemalige Funktionäre eingesetzt", hieß es damals.
Vielleicht sollte Frau Stange den Marx lieber im Hof ihres Dresdner Ministeriums aufstellen lassen, wenn er ihr so gut gefällt.
BILD Leipzig vom Mittwoch, den 06.02.08
Jetzt spricht der große Masur!
Von J. RICHARD und E. TRÜMPER
Leipzig - Wenn es darauf ankam, hat er immer seine Stimme erhoben. Zum Wohle der Stadt und der Leipziger. Professor Kurt Masur (80). Ausnahme-Dirigent, Gewandhaus-Kapellmeister, Weltstar. Gestern warb er im Leipziger Rathaus für die Mendelssohn-Gala - und äußerte sich auch zu drei großen Themen, die die Stadt zur Zeit mehr bewegen als vieles andere.
Kurt Masur über...
...das Marx-Relief.
Das "Ding sah doch immer aus, wie eine häßliche, viel zu große Brosche!" Über 15 Jahre habe er es vom Gewandhaus aus tagtäglich vor Augen gehabt. Dass es jetzt für unfaßbare
300 000 Euro wieder aufgestellt werden soll, mag der Maestro kaum glauben. Masur: "Was soll das denn? Völlig überflüssig! Warum wird es denn nicht in diesen Tunnel eingegraben, der hier gerade für diesen Zug gebaut wird!"
...den Pauliner-Streit.
Masur gilt als einer der größen Bewunderer des Leipziger Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-47). Was die wenigsten Leipziger wissen: In der Paulinerkirche wurde 1836 Mendelssohns Oratorium "Auszug aus Ägypten" aufgeführt, fand 1847 die Totenfeier für den Komponisten statt. Masur: "Daran muß in dem Neubau erinnert werden, mindestens mit einer Gedenktafel." Masur ärgert sich zudem über den Namen "Paulinum", den die Uni-Führung dafür verwendet. Der Maestro: "Der Neubau muß Paulinerkirche heißen!"
...Leipzigs Schuldenberg.
Die Sparpläne nach dem gescheiterten Stadtwerke-Verkauf machen Masur offenbar Sorgen. "Leipzig hat im Rahmen der Musik und Kultur schon über seine Verhältnisse gelebt. Ich sehe jetzt die große Gefahr, dort zu sparen." Aber: "Wir haben nun einmal keine Zugspitze oder einen Bodensee." Durch Kultur soll Geld eingenommen, Investoren angelockt werden. Und: "Leipzig und Dresden haben sich früher gegenseitig befruchtet. Das hat einen enormen Boom der Städte ausgelöst. So sollte es wieder sein."
Denn sein größter Wunsch: "Wenn die Stadt wohlhabender wird, sollte der von der Stiftung verliehene Mendelssohn-Ehrenpreis auch dort dotiert werden."
BIlD Leipzig vom 8.2.2008
Offener Brief an Wissenschafts-Ministerin Stange
Erich Loest
Marx-Relief bedroht Leipzig!
Von Martina Kurtz und Jackie Richard
Leipzig - Marx läßt ihm keine Ruhe.
Der große Erich Loest (81, "Nikolaikirche") - mit scharfen Worten wehrt sich Leipzigs Ehrenbürger gegen die geplante Wiederaufstellung ds Marx-Reliefs auf dem DHfK-Campus. Jetzt hat er sogar einen offenen Brief an Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50, SPD) und OB Burkhard Jung (49/SPD) geschrieben, der BILD vorliegt.
Zornige Worte in 12 knappen Zeilen: "Die geplante Aufstellung des Karl-Marx-Monuments (...) bedroht die Stadt Leipzig. Damit würde der überwunden geglaubte SED-Geist über die freiheitliche Demokratie triumphieren und alle gedemütigt werden, die unter dem Klassenkampfregime gelitten oder zu seiner friedlichen Überwindung beigetragen haben."
Loest hat selbst acht Jahre als politischer Häftling im berüchtigten Stasiknast in Bautzen gelitten.
Nachdem BILD berichtete, dass Uni-Rektor Franz Häuser (63) das 33 Tonnen schwere Marx-Relief wieder aufstellen lassen will, war er einer der Ersten, die dagegen ihre Stimme erhoben. Besonders beschämend: die 300 000 Euro, die der Wiederaufbau kostet, stellt das Dresdner Wissenschaftsministerium aus Steuergeldern zur Verfügung.
Loest: "Ich habe mich erkundigt, und man hat mir gesagt, daß die Ministerin dafür verantwortlich ist, was mit den Finanzen passiert." Er habe schon alles versucht, das irrsinnige Marx-Projekt zu stoppen. Loest: "Der offene Brief ist mein letztes Mittel. Dann bleibt nur noch der Ministerpräsident, um mit dem Hammer draufzuschlagen."
_____________
Offener Brief von Erich Loest, Ehrenbürger der Stadt Leipzig,
an Frau Staatsministerin Stange, Dresden,
und den Leipziger Oberbürgermeister Jung
Leipzig, 6. Februar 2008
Sehr geehrte Frau Ministerin,
lieber Herr Jung,
die geplante Aufstellung des Karl-Marx-Monuments, das auch siebzehn Jahre nach
dem Zusammenbruch der DDR und der weltweiten Blamage des Marxismus noch
dort stand, wo die Paulinerkirche der Sprengwut von Ulbricht und Fröhlich zum
Opfer fiel, bedroht die Stadt Leipzig. Damit würde der überwunden geglaubte SED-
Geist über die freiheitliche Demokratie triumphieren und alle gedemütigt werden, die
unter dem Klassenkampfregime gelitten oder zu seiner friedlichen Überwindung
beigetragen haben. Anzuraten wäre, die Bronze einzulagern , die Auseinandersetzung
mit ihr zu ermöglichen und zu warten, bis Täter und Opfer dieser Ära tot sind - mögen die
Enkel unbefangen über den weiteren Verbleib entscheiden. Kritiklose Aufstellung heute bedeutet eine Schande für die Stadt des freiheitlichen Aufbruchs von 1989.
Ich bitte, Ihren Einfluß in diesem Sinne geltend zu machen.
Mit freundlichen Grüßen
gez. Erich Loest
BILD Leipzig vom 9.2.2008
Nach seinem offenen Brief zum Marx-Relief
Lassen OB und Ministerin Loest abblitzen?
Von Jackie Richard
Leipzig - Der offene Brief von Schriftsteller Erich Loest (80) an OB Burkhard Jung (49, SPD) und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50, SPD) zum Streit ums Marx-Relief - auf persönliche Antworten darf der Leipziger Ehrenbürger wohl kaum hoffen.
In dem Schreiben wendet sich Loest mit klaren Worten gegen den Wiederaufbau des Marx-Reliefs: "Damit würde der üb erwunden geglaubte SED-Geist über die freiheitliche Demokratie triumphieren."
Die Reaktion auf den Appell des ehemaligen politischen Häftlings (saß acht Jahre in Bautzen) befremdet.
Jung ließ seinen Kulturbeigeordneten Dr. Georg Girardet (64) gegenüber BILD ausrichten: "Der Umgang mit dem Relief fällt in die Kompetenz der Uni. Aber der gewählte Standort entspricht Burkhard Jungs Überlegungen, die im letzten Juli in der Verwaltung besprochen wurden."
Und aus dem Wissenschaftsministerium hieß es gestern, das Schreiben sei noch gar nicht angekommen. Eine Sprecherin: "Ob wir dann antworten, werden wir entscheiden, wenn wir den Brief gelesen haben."
BILD Leipzig vom 11.2.2008
Marx-Relief
Streit jetzt im Landtag
Von M. KURTZ und J. RICHARD
Leipzig - Zählt denn Volkes Stimme schon wieder nichts, wenn es um Karl Marx geht?
Scheint so. Denn obwohl die überwältigende Mehrheit der Leipziger gegen die Wiederaufstellung des Marx-Reliefs ist, klammern sich Uni-Rektor Franz Häuser (61) und Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (50//SPD) an ihre einsamen Pläne: Für unfassbare 300 000 Euro Steuergeld wollen sie die 33 Tonnen schwere Bronze-Plastik mit dem sperrigen Namen "Karl Marx und das revolutionäre weltverändernde Wesen seiner Lehre" an der Jahn-Allee aufstellen lassen.
Ein Skandal, der jetzt ein politischen Nachspiel haben könnte. Denn zur nächsten Sitzung wird die Sachsen-FDP eine Kleine Anfrage in den Landtag einbringen. Die Liberalen wollen vor allem eines wissen: Wer hat entschieden, dass der Marx-Kult mit 300 000 Euro aus der Staatskasse bezahlt wird?
Der Leipziger FDP-Abgeordnete Sven Morlock (45): "Uns fallen Dutzende andere Dinge ein, für die das Geld sinnvoller ausgegeben werden könnte: die bessere Ausstattung von Seminarräumen und der Bibliothek oder die Anschaffung von Lehrmitteln sind nur einige Beispiele."
Außerdem sei es von Stange und Häuser politisch äußerst unsensibel.gerade hier den Marx zu installieren. Morlock: "Leipzig als Wieqe der friedlichen Revolution von 1989 ist nun wirklich der falsche Ort für eine Glorifizierunq der Vergangenheit. Das sollte den beiden doch einleuchten."
Zuletzt hatte der Schriftsteller Erich Loest (81, "Nikolaikirche"} in einem offenen Brief an die Ministerin und Leipzigs OB gegen die teuren Marx-Pläne protestiert. In einer BILD-Abstimmung waren 80 Prozent der Leser gegen den Wiederaufbau des Reliefs. Und sogar das feine MDR-Kulturmagazin "artour" fragte seine Zuschauer nach Marx. Ergebnis: Auch hier waren über 70 Prozent gegen Marx.
BILD Leipzig - 13.2.2008
Das ungeliebte SED-Denkmal soll von einer
Brandenburger Firma wieder aufgestellt werden.
Doch der 236 000 Eure teure Auftrag wurde nie ausgeschrieben
Marx-Relief
Leipziger Handwerker ausgetrickst?
Von JACKY RICHARD
Leipzig - Die Debatte ums Marx-Relief reißt nicht ab! letzt kommt raus: Der Auftrag für die Demontage und den Wiederaufbau des Kolosses wurde nicht mal ausgeschrieben! Eine Firma aus Brandenburg bekam den lukrativen Job. Leipziger Handwerker wurden nicht einmal gefragt.
Die Kunstgießerei Lauchhammer (Brandenburg) hatte 1973 von der Partei den Staatsauftrag bekommen, das Relief am Augustusplatz zu montieren. Jetzt ist dieselbe Firma das von 80 Prozent der Leipziger abgelehnte Marx-Comeback verantwortlich - und stellt dafür 236 000 Euro in Rechnung.
Merkwürdig: Dieser Auftrag wurde nicht ausgeschrieben, obwohl laut Vergabeordnung nur Aufträge, die nicht teurer als 25 000 Euro sind, frei vergeben werden dürfen!
Burkhard Beyer (41), Sprecher des sächsischen Finanzministeriums, bestätigt gegenüber BILD: "Das ist hier nicht geschehen, sondern es wurde eine Ausnahme gemacht. Das ist möglich, wenn besondere Fachkunde nötig ist, um bestimmte Bauleistungen auszuführen. So wie in diesem Fall."
Allerdings ist Lauchhammer gut zwei Stunden Fahrtzeit entfernt. Und was so kompliziert an dem Auftrag ist, wollen die Bronzeschweißer auch nicht erklären: "Kein Kommentar," heißt es schmallippig.
Leipzigs CDU-Fraktionschef Alexander Achminow (45) kann angesichts dieser Vergabepraxis nur den Kopf schütteln: "Ich frage mich, warum dieser Auftrag nicht ausgeschrieben wurde. Diese Dienstleistung hätte auch eine Leipziger Firma erbringen können."
BILD Leipzig vom Donnerstag, den 31.01.08, Seite 2, Textteil.
Aufstand gegen Wiederaufbau des SED-Reliefs
In Leipzig ist für Marx kein Platz mehr!
Von JACKIE RICHARD
Leipzig - Ein Aufschrei geht durch Leipzig. Nachdem BILD gestern exklusiv berichtete, dass der Wiederaufbau des Marx-Reliefs an der Jahnallee statt 12 000 Euro unfassbare 300 000 Euro verschlingen wird, regt sich nun Widerstand in der Stadt. Denn für die Kosten soll der Steuerzahler aufkommen.
Im Sperrfeuer der Kritik ist vor allem Uni-Rektor Franz Häuser (63). Dessen Idee war es, den 33 Tonnen schweren Bronze-Koloss auf dem DHfK-Gelände aufstelle zu lassen. Wer dafür zahlen soll, ist ihm egal.
Häuser zu BILD: "Die Kosten interessieren mich nicht!" Die Uni müsse sich "zu ihrer Geschichte bekennen."
Merkwürdig, dass ausgerechnet der Mann aus Limburg (Hessen) den Leipzigern erklären will, wie -und zu welchem Preis! - sie die DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten haben.
Der Schriftsteller Erich Loesl (81, "Nikolaikirche"); "Nachdem die Leipziger im Herbst 1989 den Ungeist von Marx vertrieben haben, brauchen wir jetzt keine Wiederkehr." Dass dafür jetzt auch noch Steuergelder vergeudet werden, kann er nicht verstehen. Loest: "Welch auffällige Kontinuität zur DDR: bei Bronze-Protz spielt Geld keine Rolle."
Das Marx-Relief ("Aufbruch") wurde zum 25. Jahrestag der DDR am Uni-Hauptgebäude aufgestellt. Genau dort, wo die SED 1968 die Paulinerkirche sprengen ließ. Mit dem Umbau des Uni-Campus vor zwei Jahren verschwand es vom Augustusplatz, ist jetzt auf dem DHfK-Gelände an der Jahnallee zwischengelagert.
Meinungen:
Alexander Achminow (40), CDU-Fraktionschef
Meine Meinung: einschmelzen! Das Werk hält künstlerischen Aspekten nicht stand - und war von Anfang an eine Provokation.
Wolfram Günther (34], Stadtforum-Sprecher
300000 Euro fur Marx? Mit dem Geld sollte man lieber junge Leipziger Künstler fördern.
Michael Weichert (53), Grünen-Abgeordner
Dieses Geld sollte für die Erinnerung an den Wendeherbst '89 ausgegeben werden.
Sven Morlock (45), FDP-Stadtrat
Mir wären 300 000 Euro fur ein Freiheitsdenkmal lieber. Ein solches haben wir im Landtag beantragt.
Christian Wolff (58), Thomas-Pfarrer
Für das Marx-Relief gibt es nur einen Standort - die Etzoldschen Sandgruben, bei den Trümmern der Paulinerkirche.
Dr. Rainer Eckert (58),Direktor Zeitgeschichtliches Forum
Das Monument ist Ausdruck des kommunistischen Machtanspruchs. Es hat auf dem Uni-Campus nichts zu suchen.
BILD Leipzig vom Mittwoch, den 30.01.08, Seite 2, Textteil.
Für diese SED-Denkmal wird unser Steuergeld verschwendet
Marx-Umzug kostet 300 000 Euro!
Von JACKIE RICHARD
Leipzig - Marx abmontiert, Thälmann eingeschmolzen, Lenin an schrullige Sammler verkauft. Fast überall im Osten landeten die Helden der SED-Diktatur auf dem Schrottplatz der Geschichte. Nur in Leipzig nicht.
Hier will Uni-Rektor Franz Häuser (63) das 33 Tonnen schwere Marx-Relief vom einstigen Hörsaalgebäude am Augustusplatz jetzt wieder prominent an der Jahnallee aufstellen, sagt: "Wir müssen uns zu unserer Geschichte bekennen." Und angeblich soll die Marx-Montage "nur" 12 000 Büro kosten - ein Phantasiepreis, wie BILD jetzt erfuhr:
Tatsächlich kostet Marx' Rückkehr unfassbare 300 000 Euro! Zu zahlen von unseren Steuergeldern.
Auf BILD-Nachfrage gibt Uni-Rektor Häuser den Ahnungslosen: "Ich weiß nicht, was das kostet. Es ist ja nicht unser Geld. Hochschulangelegenheiten sind Ländersache."
Auf BILD-Nachfrage bestätigt das Finanzministerium: "Alles zusammen kostet die Wiederauferstehung des Marx-Reliefs 300 000 Euro, die wir übernehmen müssen." Und weiter: "Die Arbeiten sind sehr aufwändig. Es muss ein Fundament gegossen werden, zwei Krane sind fürs Aufrichten notwendig."
Allein der Transport des Riesen-Reliefs hat im vergangenen Dezember schon 12 000 Euro verschlungen. Das Zusammenschweißen der in vier Teile zerlegten Plastik geht in die Tausende. "Vor allem das Säubern der Schweißnähte ist Feinst-Arbeit", so die Kunstgießerei in Lauchhammer, die den Job übernehmen soll.
Zu viel Kapital für Marx - und zu viel für die SED-Opfer. Tobias Hoilitzer (42), Chef im Stasi-Museum an der Runden Ecke, ist fassungslos: "Hier wird aus Steuermitteln kommunistische Propaganda bezahlt."
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 4. Februar 2008 (Seite 19)
© Leipziger Volkszeitung
Verschwendungs-Vorwurf
Studenten halten bei Marx-Relief zu Rektor Häuser
Nachdem Leipzigs Universitätsrektor Franz Häuser in Medienberichten vorgeworfen worden war, 300 000 Euro an Steuergeldern für den Wiederaufbau des demontierten Karl-Marx-Reliefs an der Uni zu verschwenden, bekommt er nun Unterstützung vom Studentinnenrat der Alma mater.
Der bekräftigt seine Solidarität mit Häuser. Letzterer sehe sich skurrilen Vorwürfen ausgesetzt. Er werde einzig und allein als Hauptschuldiger dargestellt. Die universitäre Baukommission sei allerdings für derlei Belange zuständig. Ihr stehe Häuser zwar faktisch vor, stelle jedoch nicht konkret die Weichen. „Das ist so, als ob der Bundespräsident für politische Entscheidungen angegriffen würde. Seine Aufgabe ist allerdings hauptsächlich die Repräsentation – die Entscheidungen treffen andere“, erklärt Christin Melcher, Sprecherin des Studentinnenrates.
Auch der Einsatz der 300 000 Euro sei verzerrt dargestellt. Sie deckten eben nicht, wie behauptet, die Ausgaben für den bloßen Wiederaufbau ab, sondern alle Kosten, die bei Arbeiten am Relief entstanden – von der Entfernung der ersten Schraube bis zur Montage auf dem Campus Jahnallee.
kru
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 21. Dezember 2007 (Seite 21)
© Leipziger Volkszeitung
„Die zweitbeste Lösung“
Uni-Rektor Franz Häuser zum neuen Standort des Marx-Reliefs
Das Relief „Aufbruch“ hat nach zunächst langem Streit nun doch überraschend unproblematisch seinen neuen Standort im Bereich des Campus der Universität in der Jahnallee gefunden. Franz Häuser, Rektor der Universität, nimmt im Interview Stellung.
Frage: Wie kam es zur Entscheidung für den genannten Standort?
Franz Häuser: Wir als Eigentümer des Kunstwerkes wollten es bekanntlich am liebsten hinter der Moritzbastei neu aufstellen. Da spielte aber leider die Stadt nicht mit. Also mussten wir weiter suchen und weiter diskutieren. Der Freistaat stimmte schließlich der jetzigen Lösung zu. Der Transport ging unproblematisch über die Bühne. Je nach Witterungslage wird der Wiederaufbau in den nächsten Wochen erfolgen.
Sie sind froh darüber?
Ich bin vor allem deswegen froh, weil mir immer die Kosten, die mit dem Neuaufbau verbunden sein würden, Sorgen machten. Jetzt ist das Staatsministerium eingesprungen. Ich habe somit ein Problem weniger, wenn auch die jetzt vollzogene Lösung in meinen Augen eben doch nur die zweitbeste ist.
Wer hat denn über den neuen Standort diskutiert?
Das Relief war Gegenstand der Campus-Bauberatung und auch der ministeriellen Debatte über den Leipziger Universitätsneubau, der bis 2009 realisiert sein soll.
Können mit dem jetzt gefundenen Standort auch die Künstler leben?
Alle drei haben sich damit einverstanden erklärt. Schon vor dem Abbau des Reliefs am ehemaligen Rektoratsgebäude am Augustusplatz gab es ein intensives Gespräch mit Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt. Mein Eindruck war, dass sie einsehen, dass zwar die Zeiten, in denen dieses Relief eine spezifische Ausdrucksform hatte, vorbei sind, dass wir es aber immer aufstellen wollten. Die Künstler waren bei diesen Kontakten sehr souverän und froh, wie die Universität mit ihnen und mit ihrem Werk umgeht.
Das Kunstwerk wird auf ehemaligen DHfK-Gelände stehen. Das stört Sie nicht?
Warum denn? Die DHfK gibt es zwar nicht mehr, doch die Sportwissenschaften gehören heute zu unserer Universität. In der Jahnallee sind auch noch die Wirtschaftswissenschaften angesiedelt, die in den Neubau am Augustusplatz umziehen werden. Dafür zieht dann die Fakultät Erziehungswissenschaften in die Jahnallee. Der Campus Jahnallee ist und bleibt also voll in unserer Nutzung, das Grundstück gehört dem Freistaat.
Glauben Sie, dass die Leipziger mit der neuen Positionierung leben können?
Ich denke schon. Auch gab es doch nie eine so überhitzte Debatte wie zum Beispiel um Werner Tübkes Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“. Auch das Karl-Marx-Relief mit Namen „Aufbruch“ ist nun mal Teil unserer Universitätsgeschichte. Mit dem Entscheid, es im Campus Jahnallee wieder aufzubauen, kann nicht der Eindruck entstehen, dass wir uns etwas vormachen wollen.
Interview: Thomas Mayer
Quelle: http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=1695035
© SZ-online - 20. Dezember 2007
Leipziger Marx-Relief an neuem Platz
Das bekannte Marx-Relief der Leipziger Universität ist am Mittwoch an seinen neuen Platz transportiert worden.
Leipzig - Das in Einzelteile zerlegte 33 Tonnen schwere Objekt soll nun hinter der einstigen Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) wieder aufgebaut werden. „Damit befindet sich die Skulptur, wie per Senatsbeschluss verfügt, wieder an einem zentralen Ort in der Stadt und in der Universität“, sagte Rektor Franz Häuser in einer Pressemitteilung. Das Werk mit dem eigentlichen Titel „Aufbruch“ hing seit 1973 am Uni-Hauptgebäude. Es musste der rund 150 Millionen Euro teueren Umgestaltung des Campus weichen.
Das Objekt gilt als eines der bekanntesten Relikte aus DDR-Zeiten Es war von den Künstlern Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt geschaffen worden. Die Lauchhammer Kunstguss GmbH hatte das 14 Meter lange und 7 Meter hohe Relief vor 34 Jahren am Gebäude der damaligen Karl-Marx-Universität angebracht - und im Sommer diesen Jahres demontiert.
Um seinen neuen Standort war in Leipzig ein Streit entbrannt. Die Universität wollte das Relief zunächst in der Nähe der benachbarten Moritzbastei aufstellen und damit in das Gesamtensemble einbinden. Der Schriftsteller Erich Loest hingegen wollte Marx zu den Trümmern der gesprengten Paulinerkirche an den Stadtrand verbannen. Am früheren Standort der Kirche war das Universitätsgebäude errichtet worden.
(dpa)
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 20. Dezember 2007 (Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung
Neuer Standort für Marx-Relief
Bronzeskulptur wird zum Campus Jahnallee transportiert
Das Marx-Relief der Universität Leipzig hat einen neuen Platz gefunden. Gestern wurde das 33 Tonnen schwere Bronze-Kunstwerk auf den Campus Jahnallee transportiert, wo es in der Nähe der dortigen Mensa stehen wird. Der Aufbau am neuen Standort ist in den nächsten Wochen geplant, teilte gestern die Universität mit. Rektor Franz Häuser zeigte sich mit dieser Lösung zufrieden und sagte: „Damit befindet sich die Skulptur, wie per Senatsbeschluss verfügt, wieder an einem zentralen öffentlichen Ort in der Stadt und in der Universität.“
Das Relief mit dem Namen „Aufbau“ wurde 1970 bis 1973 von den Künstlern Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt im Kontext zum Architektenentwurf für das damalige Hauptgebäude der Uni geschaffen. Nach dem Abbau im August 2006 gab es heftige Diskussionen über den weiteren Verbleib.
kub
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 27. Oktober 2007 (Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung
Studentenrat
Marx-Relief soll an Augustusplatz zurück
Der Studentenrat der Universität Leipzig hat sich für eine Rückkehr des Karl-Marx-Reliefs an den Augustusplatz ausgesprochen. „Um eine Symbiose zwischen Alt und Neu zu schaffen, sollte der zukünftige Standort des Reliefs wieder am Augustplatz sein“, forderte Richard Falk.
Falk war erst vor wenigen Tagen zum Referenten für den Uni-Um- und Neubau in den Studentenrat gewählt worden. Es könne nicht sein, sagte er, „dass die Universität, die ihre Tradition gerade in diesen Tagen so in den Vordergrund stellt, einen Teil dieser in einem Keller einstauben lässt“.
Das 14 Meter lange und sieben Meter hohe Monumentalwerk der Künstler Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt war im Oktober 1974 an das Gebäude der damaligen Karl-Marx-Universität am Augustusplatz montiert und im vorigen Jahr wegen des Uni-Neubaus entfernt worden. Die Universitätsleitung will das politisch umstrittene Bronzerelief, das offiziell den Titel „Aufbruch“ trägt, nicht auf dem neuen Uni-Campus unterbringen und schlug als Alternative einen Platz hinter dem Studentenklub Moritzbastei vor. Diesen Standort lehnte jedoch die Stadtverwaltung ab.
K. S.
___________
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 3./4. November 2007)
© Leipziger Volkszeitung
Immatrikulation in China
Zum Beitrag „Marx-Relief soll an Augustusplatz zurück“ vom 27. Oktober:
Die jungen Damen und Herren vom Studentenrat, deren Glanzleistung bisher darin bestand, anlässlich der Einweihung der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche einen Lappen mit dem Text „Leipzig ist nicht Dresden. Gott sei Dank“ aus ihren Fenstern zu hängen, sollten sich Zurückhaltung betreffs ihrer Forderung nach mehr Traditionspflege auferlegen. Immerhin ist es dem Studentenrat mit zu verdanken, dass das Innere des Aula/Kirche-Neubaus, der ursprünglich weitestgehend an die von Marx’ Erben zerstörte Universitätskirche St. Pauli – die jahrhundertelang auch als Aula genutzt wurde – erinnern sollte, inzwischen zur beliebigen Mehrzweckhalle zu werden droht. Die SED wollte keine Kirche mehr am Karl-Marx-Platz, der Studentenrat offenbar auch nicht am rückbenannten Augustusplatz, dafür aber das Karl-Marx-Relief zurück. Wer an seinem Studienort kommunistisches Ambiente wünscht, sollte eine Immatrikulation in China oder Nordkorea in Erwägung ziehen, anstatt den Herbst 1989 rückgängig machen zu wollen.
Gerd Mucke,
stellvertretender Vorsitzender
des Paulinervereins,
04103 Leipzig
___________
Quelle: Diskussionsforum Paulinerkirche
Koch Dietrich hat folgendes geschrieben:
Austauschbare Begründung: Auch zum Relief „Aufbruch“ äußerte sich Falk: „Um eine Symbiose zwischen Alt und Neu zu schaffen, sollte der zukünftige Standort des Reliefs wieder am Augustusplatz sein. Es kann nicht sein, dass die Universität, die ihre Tradition gerade in diesen Tagen so in den Vordergrund stellt, ein Teil dieser in einem Keller einstauben lässt.“
Und leicht variiert:
„Um eine Symbiose zwischen Alt und Neu zu schaffen, sollte der zukünftige Standort der Roßbachfassade wieder am Augustusplatz sein. Es kann nicht sein, dass die Universität, die ihre Tradition gerade in diesen Tagen so in den Vordergrund stellt, ein Teil dieser in einer Sandgrube einstauben lässt.“
Diskussion über den Antrag IV/A 121 der Fraktion Die Linke.PDS: "Dauerhafte und exponierte Integration des Karl-Marx-Reliefs 'Aufbruch' in das Leipziger Stadtbild am 15. November 2006 in der 29. Sitzung der Ratsversammlung der Stadt Leipzig"
Abstimmung: Der Antrag IV/A 121 wird in der Fassung des Verwaltungsvorschlages bei 25 Dafür-Stimmen mit 30 Gegenstimmen und 7 Enthaltungen abgelehnt.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 7. Dezember 2006
© Leipziger Volkszeitung
Marx macht mobil
Arbeit, Spott und (Parteien-)Spiel: Wie sich Lokalpolitiker am Relief „Aufbruch“ abarbeiten
Schön ist es, wenn ein Kunstwerk Wirkung zeigt. Manchmal muss sein Schöpfer nur lange genug warten, dann passiert es. So geschehen beim Karl-Marx-Relief, das Jahrzehnte am Haupteingang der Universität hing, Passanten nicht mal ein Achselzucken entlockte, und plötzlich, nachdem es im Sommer abgehängt wurde, die Gemüter erhitzt. Denn unklar bleibt, was mit der Riesenplastik „Aufbruch“, geschaffen von Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt, geschehen soll. Die Uni sagt, sie hat dafür keinen Platz. Die Stadt sagt, die 33 Tonnen Bronze gehören der Uni und mithin dem Land. Das Land sagt, die Stadt soll sich darum kümmern. Womit der Kreis sich schließt.
Klar ist aber schon jetzt: Marx macht mobil – bei Arbeit (in der Ratsversammlung der Stadt), Spott und (Parteien-) Spielchen. Die Linkspartei warb in ebenjener Versammlung heftig für einen repräsentativen Standort in der City, um, so ihr Stadtrat Volker Külow, „einen souveränen Umgang mit dem größten Denker der Menschheit“ zu beweisen. Und einen souveränen Umgang in Sachen Erotik. Külow verkuppelte nämlich kühn den Brunnen der „ehrenwerten Frau Mende“ vor dem Gewandhaus mit dem Relief zur „Achse des möglicherweise erotischsten Ensembles Deutschlands“. Marx blicke zu Mutter Mende vielsagend hinüber, „gemäß seines Credos: Nichts Menschliches ist mir fremd.“ Nun, die Geschichte der Brunnenspenderin Pauline Mende, die ein Etablissement mit leichten Mädchen betrieben haben soll, ist bekannt. Sie stammt von Egon Erwin Kisch, ist schlecht recherchiert und hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Aber für sexy Parallelen eignet sie sich noch immer.
SPD-Stadtrat Joachim Fischer sprang auch prompt darauf an. Eigentlich müsse die Plastik „Abbruch“ statt „Aufbruch“ heißen, denn sie sei oberflächlich und unbedeutend, spottete er. CDU-Frau Anita Kühn sprach den Linken sogleich einen souveränen Umgang mit Kunst ab und bezeichnete Külow, der 1968 noch ein Kind war, als „Kirchensprenger“. DSU-Mann Karl-Heinz Obser verkündete, den Sozialismus wolle man eigentlich nicht wieder aufbauen, Mao Tse-tung sei ein Schüler Marx’ gewesen und in China habe dieses Gesellschaftsexperiment 70 Millionen Tote gekostet. Er, Obser, könne sich aber dennoch einen Standort für das Relief vorstellen – das Gartengrundstück des Linkspartei-Landtagsabgeordneten Dietmar Pellmann. Auch die Grünen hatten etwas zu sagen: Stadträtin Annette Körner wunderte sich, wie lange sich das Kunstwerk überhaupt gehalten habe. Das Ende vom Lied? Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) bot schließlich an, die Stadt könne gemeinsam mit Experten der Uni Vorschläge ausarbeiten, wie mit dem Relief umgegangen werden soll.
Ironie der Geschichte: Gerade das Verschwinden der Monumentalplastik bestätigt die Voraussagen des darauf abgebildeten Philosophen. 32 Jahre hing das Kunstwerk, nun ist es weg. Marx hatte also doch Recht: Irgendwann schlägt die Quantität plötzlich in Qualität um. Und so wird es auch bei der Standort-Frage sein. Man muss nur lange genug warten können.
Peter Krutsch
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 16. Februar 2008 (Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung
In Leipzig unerwünscht – Loest gibt Bild nach Mittweida
Er wollte mit diesem Bild den Opfern des Sozialismus in Leipzig ein Denkmal setzen, eine Hommage besonders an die systemkritische Bildungselite der Stadt. Doch die Universität, die er als potenziellen Ausstellungsort im Auge hatte, lehnte ab, das Werk zu zeigen. Und auch über die Alma Mater hinaus blieb der streitbare Schriftsteller und Leipziger Ehrenbürger Erich Loest („Völkerschlachtdenkmal“, „Nikolaikirche“, „Reichsgericht“) mit seiner Idee weitgehend allein.
Bis vor kurzem hing das Triptychon mit dem Titel „Aufbruch wagen“ , das Loest beim Leipziger Maler Reinhard Minkewitz in Auftrag gegeben hatte, im Galerie-Hotel Leipziger Hof. „Es sollte nicht bei mir im Wohnzimmer enden“, sagte der 81-Jährige noch vor vier Monaten. Nun steht es bei ihm Keller.
Was wird aus dem Gemälde?
Loest gegenüber der LVZ: „Da es in Leipzig keiner haben will, beabsichtige ich, es nach Mittweida in das Haus meiner Eltern zu geben.“ In der sächsischen Kleinstadt ist er ebenfalls Ehrenbürger, dort war Loest 1926 geboren worden. Als Bestandteil des örtlichen Museums soll das Minkewitz-Werk dann auch der Öffentlichkeit zugänglich sein.
Das dreiteilige Bild zeigt die Leipziger Universität und die Paulinerkirche vor einer Trümmerwüste und Menschen, die an den politischen Verhältnissen in der DDR zerbrachen: Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer zum Beispiel und der Philosoph Ernst Bloch, die beide in den Westen gingen. Ebenso die Studenten Wolfgang Natonek und Werner Ihmels – der eine verließ nach einer Haftstrafe die Republik, der andere starb im Gefängnis – sowie Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler. Er war wie Loest 1957 aus politischen Gründen inhaftiert worden.
Loest wollte das Minkewitz-Werk als Gegenentwurf zum Monumentalbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ des Leipziger Malers Werner Tübke verstanden wissen, das die Uni zur DDR-Zeiten anfertigen ließ. Das 3 mal 14 Meter große Tübke-Gemälde, das nach Ansicht von Loest das DDR-System verherrlicht und derzeit im Museum eingelagert ist, will die Uni nach Fertigstellung des Neubaus am Augustusplatz wieder aufstellen. „Wenn die Uni schon die Mörder des neuen Bürgerlichen reinhängt, dann soll sie das gleiche Recht auch den Opfern zugestehen“, sagte Loest. Doch die Hoffnung, dass das Minkewitz- und das Tübke-Bild gleichrangig in einem Raum ausgestellt werden, hat er aufgegeben.
K. S.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 26. September 2007 (Seite 19)
© Leipziger Volkszeitung
Streit um Monumentalbild
Erich Loest will Opfern des Sozialismus ein Denkmal in der Uni setzen, aber die will es nicht haben
Tübke oder Minkewitz? „Arbeiterklasse und Intelligenz“ oder „Aufbruch wagen“? Wem gebührt ein Platz in der neuen Leipziger Universität – den Tätern oder den Opfern des Sozialismus? Für den Leipziger Schriftsteller Erich Loest ist die Sache klar: „Das Tübke-Bild gehört ins Museum und nicht in die Uni.“ Es in der Hochschule zu zeigen, empfände er als Affront. „Da ist der SED-Parteisekretär Paul Fröhlich drauf, der die Unikirche sprengen ließ.“
Das knapp 3 mal 14 Meter große Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ schuf der große Leipziger Maler Werner Tübke (1929–2004) für die Uni, wo es bis zum Beginn der Bauarbeiten 2006 auch hing. Von Kunsthistorikern geadelt, sieht Loest in dem 1970–73 entstandenen Auftragswerk der örtlichen SED-Kreisleitung dagegen nur eine Verherrlichung jenes Systems, das ihn für siebeneinhalb Jahre ins Zuchthaus gebracht hatte.
Der 81-Jährige gab deshalb bei dem Leipziger Maler Reinhard Minkewitz ein „Gegenbild“ in Auftrag (die LVZ berichtete). Eine düstere Antwort auf Tübkes systemfreundliches Zeitepos: Graue Farben liegen wie eine große Depression auf dem Minkewitz-Triptychon. Es zeigt die Uni und die Paulinerkirche vor einer Trümmerwüste und Menschen, die ein und dasselbe Schicksal teilten: Sie litten unter dem DDR-Regime. Der Literaturkritiker Hans Mayer etwa und der Philosoph Ernst Bloch, die beide aus der DDR flohen. Die Studenten Wolfgang Natonek und Werner Ihmels, der eine ging nach dem Zuchthaus gen Westen, der andere starb in Haft. Und Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler, der wie Loest 1957 eingekerkert wurde.
Noch bis Ende Oktober ist das Bild im Galerie-Hotel Leipziger Hof in der Hedwigstraße 1–3 zu sehen. „Es sollte nicht bei mir im Wohnzimmer enden“, sagt Loest. Sein Wunsch: Die Uni soll es zeigen.
Doch die hat sich anders entschieden. „Natürlich wird das Tübke-Bild wieder bei uns untergebracht“, sagt Rektor Franz Häuser. „Es ist weltbekannt.“ Bis zur Eröffnung des neuen Campus’ 2009 lagert es im Depot des Bildermuseums. An den von Minkewitz dargestellten Personenkreis in der Uni zu erinnern, hält Häuser für „in Ordnung, aber nicht im Kontext zum Tübke-Bild. Wir haben da keinen Nachholbedarf: Natonek ist Ehrenprofessor, Mayer Ehrendoktor.“
Loest sieht in der Rückkehr des Bildes an die Uni jedoch ein falsches Zeichen. „Aber wenn die Uni schon die Mörder des neuen Bürgerlichen reinhängt, dann soll sie das gleiche Recht auch den Opfern zustehen“, sagt er und fordert, „beide Bilder gleichzeitig und gleichrangig in einem Raum“ auszustellen. Für die Idee hat er jetzt eine prominente Fürsprecherin gefunden. „In der Universität sollte das hängen“, sagt Finanzbürgermeisterin Bettina Kudla, „was für den Geist einer Universität steht – und das ist die Freiheit.“
Eine Monumentalversion von Minkwitz’ „Aufbruch wagen“ in den Ausmaßen des Tübke-Bildes würde laut Loest 180 000 Euro kosten. Nach Ansicht von Kudla könnte der Auftrag über Sponsoren finanziert werden. „Und wenn die Universität dieses Bild nicht zeigen will, dann vielleicht eine andere Hochschule oder die Medienstiftung.“
Klaus Staeubert
Ölgemälde «Aufrecht stehen» von Reinhard Minkewitz wird öffentlich präsentiert
Geschrieben von webflash am 12. Mai 2007 03:13:03:

Der Maler und Grafiker Reinhard Minkewitz (l.) und der Schriftsteller Erich Loest diskutieren am Donnerstag (10.05.2007) in der Hotel-Galerie «Leipziger Hof» in Leipzig vor dem ersten ausgeführten Entwurf des Gemäldes «Aufrecht stehen». (Foto: dpa)
Leipzig/dpa. 17 Jahre nach Ende des Sozialismus auf deutschem Boden hat der Leipziger Maler Reinhard Minkewitz eine Ergänzung zu einem umstrittenen DDR-Kunstwerk geschaffen. Am Donnerstag ist sein Ölbild «Aufrecht stehen» in Leipzig öffentlich präsentiert worden. Es zeigt frühe Opfer des sozialistischen Systems. «Es geht mir darum, an diese Menschen zu erinnern», sagte der Künstler. Wie beim SED-Auftragswerk «Arbeiterklasse und Intelligenz», das Werner Tübke 1970 schuf, steht die Leipziger Universität im Blickfeld. Minkewitz hat im Auftrag des Leipziger Schriftstellers Erich Loest (81) gearbeitet, der das Tübke-Bild als Affront für damalige Regimegegner betrachtet.
Tübke hatte drei Jahre lang akribisch mehr als 100 Repräsentanten der Uni porträtiert. «Es ist ein Bild über die Vernichtung der bürgerlichen Universität», sagte Loest. So sei etwa auch der Mann zu sehen, der 1968 auf Anordnung von DDR-Staatschef Walter Ulbricht die zur Uni gehörende Paulinerkirche sprengen ließ. «Weil ich fand, dass es ein Gegenbild über die Opfer der Karl-Marx-Universität geben sollte, habe ich mehrere deutsche Maler angesprochen», sagte Loest.
Das knapp 14 Meter lange und 3 Meter hohe Tübke-Wandbildnis steht vorübergehend im Depot des Museums der bildenden Künste in Leipzig, weil der Leipziger Campus modernisiert wird. Es soll von 2009, dem 600. Geburtstag der Uni, wieder dort zu sehen sein. Loest und Minkewitz wünschen sich, dass «Aufrecht stehen» dann in unmittelbarer Nachbarschaft gezeigt wird.
Bild und Text © Mitteldeutsche Zeitung
____________
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 12./13. Mai 2007 (Seite 12)
© Leipziger Volkszeitung
Keine Gegendarstellung
„Aufrecht stehen“: Reinhard Minkewitz’ Bild für Erich Loest
Eine Gegendarstellung zu Werner Tübkes Universitäts-Wandbild „Arbeiter und Intelligenz“? „Nein“, muss der der folgenden Generation angehörende Leipziger Maler und Grafiker Reinhard Minkewitz immer wieder betonen, „nein, das habe ich nie vorgehabt. Das Gemälde ,Aufrecht stehen‘ ist eines, das ich im Kontext der Tübke-Malerei sehen will, aber nicht in Gegnerschaft dazu.“
Minkewitz bildet vor der Kulisse von Augusteum und Paulinerkirche Protagonisten des universitären Widerstandes gegen des SED-System ab, zeigt Persönlichkeiten, die wegen ihrer politischen Haltung nicht auf Tübkes Bild, das bei aller künstlerischen Freiheit als Auftragswerk der herrschenden Klasse entstand, zu sehen sind. Bei Minkewitz sind Ernst Bloch und Hans Mayer, die zunächst überzeugt nach Leipzig gekommenen und dann vertriebenen Wissenschaftler, gestenreich abgebildet. Postume Ehre auch für den Studenten Werner Ihmels, der im Gefängnis in Bautzen ums Leben kam.
Minkewitz’ Mal-Standpunkt ist konsequent. Was auch über die Intentionen des Bild-Auftraggebers Erich Loest zu sagen ist. Der Schriftsteller leistet sich als Privatier das Kunstwerk, ist froh, es nun vor zahlreichem Publikum im Galeriehotel „Leipziger Hof“ vorstellen zu können. Der 80-Jährige steht aufrecht, als er spricht: „Im Mai und Juni 1968 verlor Leipzig seine humanistische Seele. Marxistische Klassenkämpfer zerstörten die vom Bürgertum geschaffene Universität, der Hörsaal 40 barst, in dem Ernst Bloch und Hans Mayer gelehrt hatten. Den Anfang machte die Sprengung der mittelalterlichen Universitätskirche, ein barbarischer Akt ohnegleichen.“ Den Zerstörern aller Tradition, die sich selber „Sieger der Geschichte“ nannten, werde heute noch bildnerischer Ruhm durch Tübkes Gemälde „Arbeiterklasse und Intelligenz“ zuteil.
Loest verliest seine Ein-Blatt-Streitschrift mit innerer Erregung. Die Leute, die ihm gegenübersitzen, spüren, dass da einer spricht, für den Leben immer auch Auseinandersetzung war, ist. Loest lässt nicht nur die sich ihm bis in die letzte Hirnzelle eingegrabene Vergangenheit Revue passieren, er geißelt auch gegenwärtige Unsäglichkeiten: „Der Tiefpunkt war erreicht, als am Hauptgebäude der Universität, wo die Kirche gestanden, ein Lappen hing, auf dem stand: ,Leipzig ist nicht Dresden, Gott sei Dank‘. Das war in den Tagen, als alle Welt an die Elbe blickte, dort wurde die Frauenkirche geweiht.“
Den Ideen des Malers Minkewitz kann man folgen, denen des Schriftsteller-Zeitzeugen Loest vom Prinzip her ebenso. Nur in einem ist wohl doch zu widersprechen: Muss ein eigentlich privates Bild, von dem aber laut Loest größere Formate denkbar und erwünscht sind, in der neuen Universität seinen Platz finden? Im Publikum sitzt Rektor Franz Häuser. Er vernimmt die verkündete „Anregung“ mit sichtbaren Missbehagen. Auch möchte er am liebsten etwas sagen, als Theologie-Emeritus Christian Hauffe die Bedeutung des Bildes in den Kontext einer noch heute notwendigen Katharsis, einer „heilenden Reinigung“, stellt. Häuser fragt sich: „Hat die Universität in den Jahren seit der Wende ihre DDR-Geschichte nicht aufgearbeitet?“
Herr Rektor sagt coram publico nichts, was nicht die schlechteste Entscheidung ist, wird doch bei der Bildpräsentation nicht sicht-, aber spürbar mit dem Finger auf die Universität gezeigt. Was hätte Häuser sagen können? Erstens hat mit der Universität bis dato niemand über so ein Bild gesprochen. Zweitens kann über solch eine Ausstattung nur mit Zustimmung der Landesregierung und mit einem Wettbewerb befunden werden. Drittens gibt es ein Kunst-Konzept, nach dem Tübkes Wandbild im neuen Campus seinen Platz finden wird. Bis 15. Mai ist „Aufrecht stehen“ samt entstandener malerischer Skizzen, die jede für sich vorzüglich anzuschauen sind, im „Leipziger Hof“ zu sehen. Danach hängt es bei Erich Loest daheim. Öffentlich wird es bleiben.
Thomas Mayer
Internet: www.leipziger-hof.de
____________
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 1. September 2006
© Leipziger Volkszeitung
Ortswechsel für monumentales Tübke-Wandbild
Samstag ist Ausstellungseröffnung im Bildermuseum / Gemälde soll später im neuen Campus aufgehängt werden
Morgen wird im Bildermuseum eine Werner-Tübke-Ausstellung eröffnet. Zu sehen ist in den nächsten Wochen dessen monumentales Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ samt Skizzen, Entwürfen und Zeichnungen dazu.
Das 1973 vollendete Gemälde, 12,80 Meter lang und 2,70 Meter hoch, dekorierte seit der Eröffnung des Rektoratsgebäudes der Leipziger Universität den Hausflur in der ersten Etage. Vor einigen Monaten musste es wegen der künftigen Arbeiten am neuen Uni-Campus abgebaut werden und ist seither im Bildermuseum zwischengelagert. Bis 2009 bleibt es im fremden Haus, um dann im neuen Campus seinen Platz zugewiesen zu bekommen.
Wo könnte das sein? Dazu der Kustos der Universität, Rudolf Hiller von Gaertringen: „Es gibt den konkreten Vorschlag, das Gemälde im rekonstruierten Seminargebäude vor den Hörsälen zu platzieren. Wir meinen, es passt sehr gut in diesen Kontext, da nicht zuletzt am Gebäude entlang der Universitätsstraße auch die ursprüngliche Fassade aus DDR-Zeiten erhalten bleiben wird.“
Wie die Universität mit Tübkes (sozialistischem) Kunstwerk umzugehen gedenkt, ist aus Anlass der Ausstellung in einem Buch nachzulesen. Rektor Franz Häuser in seinem Vorwort: „Das Bewusstsein für die Licht- und Schattenseiten der Vergangenheit ist unabdingbare Voraussetzung für eine entschlossene Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, was eine Auseinandersetzung mit der sozialistischen Vergangenheit der Universität einschließt. Dieser in vieler Hinsicht zweifellos auch schmerzhafte Prozess der Aufarbeitung steht gegenwärtig weitgehend noch am Anfang. Die Beschäftigung mit einem so bedeutenden Werk wie Werner Tübkes ,Arbeiterklasse und Intelligenz‘ könnte ein guter Ansatz sein, diese Arbeit zu intensivieren.“
Der renommierte Schriftsteller und Leipziger Ehrenbürger Erich Loest hat sich auf Grund seiner Lebenserfahrungen – er musste bekanntlich, weil er einst nicht hörig sein konnte, einige Jahre im Bautzener Zuchthaus verbringen – seine ureigenen Gedanken zum Tübke-Bild gemacht, die im folgenden exklusiv für diese Zeitung veröffentlicht werden. Er setzt sich dabei vor allem mit dem auch im Bild dargestellten SED-Bezirkschef Paul Fröhlich auseinander.
Thomas Mayer
„Die Krake lacht“
von ERICH LOEST
Ohne Zweifel: Paul Fröhlich hat zu DDR-Zeiten der Stadt Leipzig und seiner Universität geschadet wie kein Zweiter. Vor seinem schwachen Nachfolger trägt er die Schuld, dass unsere Stadt so weit verfiel, dass im Frühjahr 1990 ernsthaft gefragt werden musste, ob Leipzig noch zu retten sei.
Paul Fröhlich schaffte es, die bürgerlich-humanistische Universität zu zerschlagen und zu einer marxistisch-leninistischen umzubauen. Er vertrieb die Professoren Ernst Bloch und Hans Mayer und schickte Studentenpfarrer Schmutzler ins Zuchthaus. Er war maßgeblich beteiligt, den Befehl Walter Ulbrichts umzusetzen, die klassizistische Universität, in vielen Teilen benutzt, in den beschädigten ausbaufähig, zu sprengen. Als erster Akt sank die Paulinerkirche, eine Barbarei ohnegleichen. In seiner Herrschaftszeit und unter lautstarker Führung wurden die Akteure des Studentenkabaretts „Der Rat der Spötter“ und der Lyriker Andreas Reimann eingelocht, meine Zuchthauserfahrung danke ich zu großem Teil ihm.
Mit Malern und Nichtmalern saß ich neulich zusammen, wir machten uns Gedanken, wie man Paul Fröhlich malen könnte. Wir erwogen, ihn als klassen-kämpferische Krake darzustellen, vielarmig. Wie er Köpfe widerborstiger Studenten und Professoren abbeißt und nach Bautzen spuckt, woher er gekommen, wie er Dächer von Bürgerhäusern abnagt und an die Grundmauern pisst, wie er und Hans Vogelsang, sein oberster SED-Richter, mit Schädeln aus den Paulinergrüften Kegel spielen – vom Wehrmachtskoch zum Stadtsadist. Er hatte Helfer in der Deutschen Bücherei, die alles, was ihm nicht genehm, in den Giftturm sperrten. Gerhard Zwerenz kommt davon, Jürger Teller wird in die Produktion geschickt, wo ihm eine Maschine den Arm abreißt – beide waren Blochschüler. Hans Pfeiffer putzt der Krake den Hintern – auch er ein Blochschüler.
Wie malt man all das? Wie in Frankenhausen mit krassen Szenen? Aus den Poren der Krake dringt Schwefeldunst der Braunkohlezeit, mit ihrem kräftigsten Arm wühlt sie Erde auf, türmt Halden. Aber Fröhlich war doch nicht allein schuld, mahnt einer, wie malt man Ideologie? Pleiße und Elster lilafarbene Abwässer, Schaumkissen darauf, fließend aus dem Krakenmaul – wie malt einer Gestank? Steil gereckt ein Krakenarm mit der Bombe. Bereit, sie auf Leipzigs Seele zu werfen.
Breitformat. Teefarbener Himmel, Krähen. Die Krake lacht. Spruchband: „Mein Leipzig lob ich mir, weil wir die Hausherren sind.“
So reden wir. Uns schaudert.
Mal malen? Mal sehen.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 20. September 2006
© Leipziger Volkszeitung
Der Schlawiner
Für den Neubau der Uni musste Werner Tübkes Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ seinen Platz räumen. Zurzeit ist es im Bildermuseum. Dass Tübke auch Funktionäre verewigt, die unter anderem für den Abriss der Paulinerkirche mitverantwortlich sind, hat Erich Loest kritisiert. Bei der Diskussion scheint allerdings die Substanz des Bildes noch keine Rolle gespielt zu haben.
Von MEINHARD MICHAEL
Es zeigt sich gerade, dass nicht nur den sogenannten Kommunisten, sondern sogar ihren Opfern schwer fällt, die Kirche im Dorf zu lassen. Tübkes Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“, 1973 vollendet, ist anscheinend ideologisch opportunistisch und Ziel durchaus heftiger Angriffe. Zusammen mit dem Relief an der Außenwand sollte es innen im neugebauten Rektoratsgebäude am Karl-Marx-Platz den sozialistischen Geist triumphieren lassen. Dort, wo kurz vor Auftragserteilung die Paulinerkirche abgerissen wurde, an einer Ex-Kirchenwand quasi, sollte der Ungeist des Abrisses im propagandistischen Jubel kulminieren.
Trotzdem gibt es gute Gründe, dem Bilde mit Milde, ja begeistert zu begegnen. Wer es verstanden hat, wird keine Gründe mehr haben für Schmähtexte oder den Rat, es künftig im Depot zu verwahren. Mit seinen Windungen und Verquerungen und einem finalen Haken ist es ein perfektes Zeugnis sowohl von Tübkes Position als narrender Außenseiter als auch der damaligen Kunstverhältnisse.
Nicht etwa, weil die 13,80 mal 2,70 Meter stilistisch wunderbar wären. Tübkes Verteidiger, die argumentieren, das Bild sei zwar ideologisch kontaminiert, aber künstlerisch topp, sollten sich die Augen auswischen. Es hat zwar wunderbare Details, feine Schwünge, elegante Übergänge, tänzerische Gestik, einen wechselreichen Rhythmus. Doch was für eine verlogene Melange aus Gegenwart und Kunstgeschichte ist da angerichtet. Barocke Eleganz und nüchterner Marsch im Wechselgesang. Wer zählt die Verstauchungen, die Überlängen, die Muskelbeulen, all die orthopädischen Frakturen. Tübkes Stil gärte noch. Er probte, ohne die alten Modelle auszukommen, malte also Strandbilder ohne Raffael und Tizian, dafür mit Karin und Brigitte. Doch gemixt klingt das wie Verdi auf italienisch, unterbrochen mit „Bau auf, bau auf!“ im Leipziger Slang. Gespreizte Eleganz hie und pedantische Porträts da bilden je eigene Inseln, dank Scharnierfiguren immerhin gekonnt verbunden.
Sechs Abschnitte: Links eröffnet der verehrte Ex-Rektor Georg Mayer. Er personifiziert die alte bürgerliche Uni vor der Hochschulreform. Dann folgt, in bleiches Traumlicht getaucht, das Rechenzentrum als kybernetische Zukunft. In der Mitte schert die Gruppe Studenten am Tisch keinen Deut, was der Professor an der Tafel zeigt. Daneben postiert Tübke eine Gruppe honoriger Wissenschaftler sowie vorn am Bildrand sich, das Gesicht verborgen, seiner Frau und den Kindern zuwendet. Vom tribünenhaften Gerüst nebenan schauen Bauarbeiter herab, die „Arbeiterklasse“, und „ihre Partei“, die Funktionäre. Rechts davon wird gearbeitet. Die apodiktische Kardinalfrage des Bildes an die Wissenschaftler der Universität lautet also: Wie haltet ihr’s mit der Arbeiterklasse, mit der Partei?
Tübke wird heute angekreidet, dass er auftragsgetreu ein Ideal der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ gemalt habe; dass er durch genaue Porträts die Hochschulreform quasi bildlich abgesegnet hätte. Eine Reform, die mit klassischen Traditionen brach, die Universität unter Kontrolle der Partei nahm sowie Lehre und Forschung ideologisch durchtränkte. Verteidigt wird der Maler manchmal mit dem Hinweis, er habe doch keine Gemeinschaft, sondern einzelne Gruppen gemalt.
Wie auch immer, er hat das – je nach Perspektive: verlogene oder naiv idealistische – Thema, er hat dieses Bild für diese Wand gemalt. Heute wäre er schlauer. Heute ist opportun, jede damalige gute Hoffnung für den „Arbeiter- und Bauernstaat“ als opportunistische Untat zu verurteilen. Sich genauer zu erinnern, lohnt. Es begannen die „’goldenen Jahre’ der DDR“ – unweigerlich lässt der Begriff von Günther Heydemann zusammen zucken, ob es so etwas gegeben haben dürfe, selbst in Anführungszeichen. Es schien nach den offen diktatorischen 50ern, nach den scharfen Jahren 1965/66 (für die Kulturszene) und trotz der Schocks von 1968 eine Verbesserung des Klimas anzustehen. Zwischen Scheuklappen lockte Zukunft. Soviel sollte uns die Ehre der Väter schon wert sein dürfen. Das Beharren auf die Utopie ist keine Untat, auch wenn sich die Verbrechen auf die Utopie beriefen.
Tübke war kein ungehorsamer Maler. Er hatte schon als Teenager im Gefängnis der russischen Armee gesessen; man wird das mit kalkulieren müssen für seine Mentalität. Als Verehrer der Renaissance mit mächtigen Auftraggebern eignete er sich besonders für ein Staatsbild. Dass darin nicht von Mauer, Staatssicherheit und Bautzen gesprochen wird, gehört zum Genre: Jede Idealisierung beruht auf Leugnung der Tatsachen. Übrigens war Max Klingers Wandbild von der „Blüte Griechenlands“ in der Aula der Universität (1943 vernichtet) ein ebenfalls idealisierendes Vor-Bild.
Aber dieser Meister aller Geschichtsklassen war doch ganz anders drauf. Mit der Szene rechts außen bringt er einen frechen Geist in das Bild. Eigentlich – und so haben es Partei und Universität akzeptiert – ist dort der Aufbau der neuen Universitätsgebäude symbolisiert. Doch Tübke schleust ins Finale eine verbrämte, nach links gerichtete Kreuztragung ein. Deren Christus hat der Maler in einen muskulösen Arbeiter verwandelt. Es ist der einzige auf der Baustelle ohne Helm. Er beugt sich, noch in Schrittstellung, und stützt sich ab, wie zum Beispiel Raffaels Christus (im Prado). Mit sorgenvoller Miene blickt er aus dem Bild (Christus appelliert). Der Querbalken seines Kreuzes ragt noch über ihm auf. Den Kreuz-Schaft hat Tübke etwas abgesenkt, aber als Bild-Ahnung erhalten. Sogar die bereits für die Kreuzabnahme mitgeführte Leiter nimmt er in sein Bild hinein. Und die Rückenfigur vorn, mit dem Helm, war in der echten Kreuztragung die heilige Magdalena mit dem Schweißtuch. Der Jüngling ohne Helm auf der Tribüne blieb übrig von Figuren, die die Kreuztragung für gewöhnlich begleiten: Sie helfen, diskutieren, schlagen den menschgewordenen Gott. Die alte Kardinalfrage lautete: Wie verhältst du dich zum Kreuz?
Zwar ist die Übernahme von Figuren und Szenen direkt nach meist italienischen Vorbildern bei Tübke normale „Anverwandlung“. Eine Nebenarbeit der Tribünen-Porträts erinnert an eine Heiligenversammlung. Eine frühere Fassung des Bildes formuliert den Studenten-Tisch deutlich wie ein berühmtes Tintoretto-Abendmahl. Doch diese stilistischen Bezüge hat Tübke in der Endfassung gemindert – die verborgene Kreuztragung aber hat er als Motiv verschärft. Deshalb darf man bezweifeln, hier habe wieder einmal ein Maler etwas gemalt, ohne von seiner Frechheit gewusst zu haben.
Und frech ist das! Im Finale, beim „Bau der Zukunft“, jubelt Tübke dem Auftraggeber das verachtete religiöse Bild unter. Die Arbeiter, die das Hochhaus bauen, wirken – in entgegengesetzter Richtung! – an einer Passion mit. Theoretisch wäre sogar möglich, dass Tübke das antireligiös dachte: Die neue Gesellschaft kehrt den ewigen Leidenszug um. Immerhin war Tübke Atheist. In späteren Jahren mochte er die Formulierung und nahm dafür sogar die Pfeife aus dem Mund: „Also, was die Gretchenfrage angeht“ (die nach Gott), „das halte ich für erledigt“. Es gibt jedoch zwei Gründe, die dagegen sprechen.
Der erste Grund beantwortet die im Katalog gestellte Frage, warum beim Malen der Wandfassung längst gestorbene Funktionäre, darunter der offenbar noch gehasste SED-Bezirkssekretär Paul Fröhlich, dort dennoch verewigt worden sind. Nein, das ist wahrlich keine übereifrige Anpassung oder Genossentreue. Tübke hatte beim Malen den Zusammenhang sei- ner Kreuztragungs-Verbrämung und der Tribünenversammlung bemerkt: Denn bei jeder Kreuztragung haben die Schergen, die Christus abführen, Anführer. Die Genossen sind die Hauptleute, die bösen Pharisäer, die, die den Plan durchführen, sie gehen voran.
Zweitens ist das die Wiedereinsetzung des religiösen Motivs. Das Propagandabild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ schließt quasi die Zerstörung der Paulinerkirche ab, indem es einen neuen Altar behauptet, nun der „Menschengemeinschaft ohne Gott“. Darin liegt objektiv eine zynische Verhöhnung: Wir haben die Kirche weggesprengt, wir ersetzen die alten Götzenbilder. Historisch gesehen, ist dies keine ungewöhnliche Geste. Die Ur-Christen und die Spanier in Amerika übernahmen auch gern die Tempel ihrer Vorgänger und widmeten sie ihrem Gott und ihren Heiligen.
Dem neuen Weltanschauungsbild liegt jedoch jetzt dank Tübkes Heimtücke das zentrale christliche Weltanschauungs-Modell zugrunde. Damit aber bekommt das Bild einen echten Haken. Und Tübke geht noch wei- ter. Der Schlawiner, dem nach oftmaliger Aussage die Zeitachse „perfo- riert“ war, überblendet zwei Zeithorizonte: Mit seiner Passion nahm Christus nach religiöser Überzeugung bekanntlich die Ur-Sünde von der Welt. Eine neue Zeit bricht an. Und der „Sieg der Arbeiterklasse“, die vom Ur-Verhängnis der Ausbeutung befreite Arbeit eröffnete damaliger Anschauung zufolge eine rotgoldene Zukunft. Was aber macht Tübke: Er inszeniert einen Kreislauf! Vom „Kreuz“, vom Querbalken oben, von den nach rechts gewendeten Männern aus geht die Bewegung rechts hoch ins Dunkel. Darunter, parallel, kehrt sie wieder nach links unten zurück – vermittelt von dem nach links blickenden Duo, der männlichen Magdalena mit Bauhelm, bis zum Kreuz. Kurz: kein linearer „Sieg in der Geschichte“ hin zum kommunistischen Heil, keine sozialistische Teleologie – sondern ewiger Kreislauf, ewige Wiederkehr von Arbeit und Passion. Und damit sind wir ganz bei Tübke, der schon hier seine – an den frühen Ernst Bloch und theosophische Theorien angelehnte – eigene Weltanschauung ins Bild setzt.
War es eine Ethosrevolte? Vielleicht gibt der schriftliche Nachlass noch Aufschlüsse her. Tübke verpasst dem Bild intellektuell den Bruch, den es stilistisch sowieso hat. „Arbeiterklasse und Intelligenz“ ist so verstanden in mehreren Aspekten ein unerhört sprechendes Zeugnis der Kunstverhältnisse jener Jahre – und für das Ringen eines Künstlers, der die erste hinreißende Probe seiner selbst gewählten Narrenexistenz liefert.
Bis 5.11.2006 im Bildermuseum, Di und Do–So 10–18, Mi 12–20 Uhr
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 21. September 2006
© Leipziger Volkszeitung
Debatte um Tübkes Wandbild
„Arbeiterklasse und Intelligenz“ – Die Schriftsteller Erich Loest und Gunter Preuß mit ihrer Sicht auf die Hintergründe
Das Bild polarisiert. Setzte Werner Tübke in seinem Wandgemälde „Arbeiterklasse und Intelligenz“ ein ganz eigenes, raffiniertes Konzept um oder ließ er sich von den SED-Machthabern in Dienst nehmen und malte reine Propaganda? Noch bis 5. November können sich Besucher im Bildermuseum die Ausstellung seines 1973 für die Leipziger Universität fertiggestellten Werkes ansehen – und ein eigenes Urteil fällen.
Noch vor der Ausstellungseröffnung hatte sich der Leipziger Schriftsteller Erich Loest in dieser Zeitung zu Wort gemeldet, sich unter der Überschrift „Die Krake lacht“ mit der Frage beschäftigt, wie man den auf Tübkes Bild verewigten SED-Bezirkschef Paul Fröhlich malen könnte, unter dessen Regime die Paulinerkirche gesprengt wurde, Professoren, Studenten und Künstler hinter Gitter kamen.
Erich Loest hat einen weiteren Beitrag geschrieben, den wir hier in Auszügen dokumentieren. Titel: „Der Propagandahammer“. Der Schriftsteller Gunter Preuß hat sich ebenfalls mit einem Text unter der Überschrift „Zwischen Wirklichkeit und Wahrheit“ eingemischt. Beide Texte finden Sie auf www.lvz-online.de in voller Länge zum Download.
Erich Loest schreibt:
(...) Entstanden war ein Gemälde, wie es sich die Auftraggeber nicht besser hätten wünschen können. Fern knirschender Klassenkampfrealität zeigt es, was damals gern „Frohes Jugendleben“ genannt wurde, garniert mit Professoren, die keiner mehr kennt, etlichen Bauarbeitern und den Herrschern Fröhlich, Grützner und Kresse, Freude und Eierkuchen, ein wenig Karneval gar, ernste Stirnen aber auch. „Wir sind die Sieger der Geschichte“ wird zur malerischen Gewalt. Viel strebsame Debatte, null Flirt, keine Gläser, kein Gesang. Also doch kein Karneval, vielmehr marxistisch-leninistisches Jauchzen auf epochebewusstem Hochniveau? Nirgends eine Zigarette, und dabei wurde doch damals gequarzt bis zum Umfallen. Nix zu essen auf dieser Politparty, kein Betonierer beißt in die Bemme. Noch nicht mal Häppchen. Letzter Versuch einer Deutung: Rotes Kloster, porentief rein, ML-Frohlocken für Fortgeschrittene.
(...) Was nun? Bedauernswert, dass sich die PDS wenigstens der Monumentalhinterlassenschaft ihrer Vorgängerpartei in keiner Weise annimmt; sie passte schon beim Marxrelief. Absurd die Vorstellung, unsere demokratische Universität, Leibnitz verbunden, sollte sich das SED-Agitpropstück in die gute Stube hängen. Müssten dann nicht Warnschilder aufgestellt werden, hinweisend auf die schlimmsten Finger da droben? Am logischsten erscheint es, „Arbeiterklasse und Intelligenz“ dort zu lassen, wo Vergleichbares lagert, die Hinterlassenschaften aus dem Dimitroff-Museum und der „Iskra“-Gedenkstätte, im Stadtgeschichtlichen Museum. Herr Rodekamp übernehmen Sie!
Günter Preuß reagiert auf Loests ersten Text „Die Krake lacht“. Er schreibt unter anderem:
Auch ich habe wie Loest in der DDR gelebt, wobei es mir erspart blieb, von den Machthabern ins Gefängnis gesteckt zu werden. Aber ich darf mich dennoch zu denen zählen, die bei der „Erschaffung eines sozialistischen Menschenbildes“ ihr eigenes Gesicht nicht verloren. Es ist zu begrüßen, und Loest sieht es als seine Pflicht, wenn er aus seiner DDR-Erfahrung immer wieder auf Personen und Geschehnisse hinweist, die eben einer Diktatur, gleichgültig welcher Ideologie, eigen sind. So einfach darf die ostdeutsche Nachkriegsgeschichte aber dann doch nicht ins von Loest vorgeschlagene Bild einer alles vernichtenden lachenden Krake gebracht werden.
Wenn ich nur den durchaus bitteren Teil der Wirklichkeit benenne und nicht ihre Ganzheit im Auge habe, komme ich der Wahrheit nicht wirklich nahe. Ich rede dann denen zu Munde, die mit ihrer Schwarz-Weiß-Malerei dem Gesamtbild keinen hellen Fleck gönnen und all unsere Lebensläufe auf die eines Täters oder Mitläufers zusammenstreichen wollen. So ist es aber nicht gewesen, und das von Loest erdachte Bild wäre eine weitere Lebenslüge. Vom Schriftsteller verlange ich vor allem Differenzierung, die Darstellung des Lebens in seiner Pluralität, das Herausarbeiten der Nuancen zwischen Gut und Böse und das Sichtbarmachen der Verstrickung von Gegensätzen. (...)
Alle Texte zum Thema finden Sie im Internet unter www.lvz-online.de/download.
Artikel im Kunstmagazin "ART" Nr. 9, Seite 129 (September 2006)
Wohin damit? Das Metallrelief "Aufbruch" von Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kuhrt wird von der Leipziger Uni abmontiert
Ein Platz für rote Nelken
DDR-Kunst: Die Stadt Leipzig hat Probleme mit der Entsorgung des Karl-Marx-Monumentalreliefs "Aufbruch"
Der Universitätscampus in Leipzig wird umgebaut, und das Metallrelief "Aufbruch", das seit 1974 über der Hauptrassade prangt, muss abmontiert werden. Doch wohin mit dem Jubelwerk aus DDR-Zeiten? Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest hat vorgeschlagen, das Monumentalwerk, das Karl Marx inmitten einer sozialistisch-optimistisch gestimmten Menschenmenge zeigt, auf einem Gelände in Probstheida aufzustellen - genau an dem Ort, wo die Trümmer der 1968 auf Anordnung der DDR-Regierung gesprengten Universitätskirche von Leipzig liegen. Aber es wurde anders entschieden: Jetzt soll das Metallrelief zerschnitten und eingelagert werden.
Ein Zwischenruf des Leipziger Schriftstellers Erich Loest zu einem Lehrstück deutscher Vergangenheitsbewältigung:
Die Freunde und Förderer des 33 Tonnen schweren Reliefs mit Karl Marx und den Seinen an der Hauptfront der Leipziger Universität haben fast 17 Jahre lang durchgehalten. Notfalls mussfe die - auch magnifizensiale - Lüge herhalten, der ganze Bau bräche zusammen, würde es entfernt. Der Paulinerverein, der den Wiederaufbau der von den Kommunisten 1968 gesprengten Universitätskirche an dieser Stelle forderte, durfte wenigstens ein rotes Stahldreieck davorstellen, das in seinen Umrissen an den alten Kirchenbau erinnerte. Ich schlug vor, das Monument dorthin zu stellen, wo die Trümmer der alten Universität und ihrer Kirche liegen. Ich hoffte, Erinnerungsbemühen damit anzustoßen: So weit haben es Marx, Lenin und deren Jünger mit ihrem Fanatismus gebracht. Die drei Schöpfer der Plastik hassen mich dafür, alte SED-Kader sowieso.
Nun kommt für sie alles viel schlimmer. Die Uni wollte das schwere Stück an die letzte Leipziger Verteidigungsbastion (die Moritzbastei, Anm. d. Red.) lehnen, hätte dabei aber einige Meter Stadtgrund berührt. Uni und Stadt konnten sich nicht einigen. Nirgends sah die Kommune ein geeignetes Fleckchen. Nun wird, so der letzte Stand, das Relief aus Transportgründen zerlegt und irgendwo auf dem Unigelände versteckt eingelagert, um keinen Wallfahrtsort zu schaffen. Damit ist das Vergessen programmiert. Wer wird sich irgendwann aus welchen Gründen erinnern? Der letzte Schritt vor dem Einschmelzen steht bevor. Wären die Marxfreunde meinem Vorschlag gefolgt, hätten sie eine Stätte, um rote Nelken zu pflanzen. Dialektisch gesehen natürlich.
Quelle: http://www.welt.de/data/2006/08/22/1005661.html
© WELT, Artikel erschienen am Di, 22. August 2006
Universität -
Monumentaler Murks
Ein gigantisches Bronze-Relief über dem Haupteingang der Universität Leipzig muss weichen. Darauf zu sehen ist ein ernster Karl Marx.
Denkmalsstürze im urbanen Raum sollen das öffentliche Bewusstsein für den Vollzug einer historischen Zäsur schärfen. Diese symbolische Gedächtnispolitik, die Paradigmenwechsel plastisch veranschaulichen soll, gemahnt oft an ein subtiles Löschungsprojekt namens "Eskamotage" - hierzulande zuletzt besonders massiv in jener Erinnerungs-Offensive der Bundesrepublik gegen die DDR in den Jahren 1990 ff.
Doch nicht immer ist es bei der Demontage des sozialistischen Blocks gelungen, den Zeichenraum von ideologischen Resten des vormaligen Regimes gänzlich zu säubern. So verschränkt Heiner Müllers Gedicht "Mommsens Block" (1992) suggestiv die Wiederaufstellung eines entsorgten Denkmals des bürgerlichen Historikers Theodor Mommsen vor der Berliner Humboldt-Universität mit der zeitnahen Entsorgung einer Marx-Büste aus deren Lichthof. Zwar wurde damals die sozialistische Ikone entfernt; versäumt aber wurde das Überschreiben ihres revolutionären Diktums "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kömmt darauf an, sie zu verändern".
In Leipzig will man solche Regime-Relikte vermeiden. Zum 600. Geburtstag der Universität in drei Jahren soll der neu gestaltete Campus nicht nur sauber, sondern rein sein von allen Überbleibseln, die an offizielle DDR-Gedenkkultur und deren Repräsentanten gemahnen könnten. Darum muss neben alten Gebäuden auch ein gigantisches Bronze-Relief weichen, das seit 1973 über dem Haupteingang der Alma mater am Augustusplatz hängt. Darauf blickt ein ernster Karl Marx, flankiert von noch weihevolleren Studenten, in eine vermeintlich befreite Zukunft. "Aufbruch" heißt die 33 Tonnen schwere Plastik, eine der größten in der für Megalomanie anfälligen DDR.
Nach seiner gestern begonnenen Schleifung und Vierteilung geht das 14 Meter lange und sieben Meter hohe Objekt einer ungewissen Zukunft entgegen, die nichts von Aufbruch hat. Denn niemand will das von Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt geschaffene sozrealistische Werk haben. Nicht einmal das Leipziger Museum für Bildende Künste. Seit dessen Direktor Hans Werner Schmidt angeregt hat, das Relief zu zerlegen und die Fragmente an verschiedenen Orten Leipzigs aufzustellen, wird er als Bilderstürmer geschmäht.
Auch der Vorschlag des Schriftstellers Erich Loest, das Artefakt an den Stadtrand zu verbannen, dorthin, wo Walter Ulbricht 1968 die Trümmer der gesprengten Universitätskirche abladen ließ, ist derzeit nicht mehrheitsfähig; desgleichen die von Uni-Rektor Franz Häuser favorisierte Aufstellung des Reliefs an der Moritzbastei. Nun wird Marx erst einmal eingelagert. In der vagen Hoffnung, dass die Vierteilung des Reliefs seiner Auferstehung vorbeugen möge.
Hendrik Werner
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 22. August 2006 (Printausgabe)
© Leipziger Volkszeitung
Ein Denkmal fällt
Marx-Relief demontiert / Schöpfer verärgert
Selbst die Spezialisten waren überrascht: „Der Abbau lief herrlich ruhig und präzise“, freute sich gestern Rainer Melzer. Der für die Demontage des Karl-Marx-Reliefs zuständige Statiker schien sichtlich erleichtert. Nur rund anderthalb Stunden dauerte es „vom ersten Probeanschlag übers Durchschneiden der Hauptstützen bis zur Zwischenlagerung auf dem Augustusplatz“, so der Fachmann aus Dresden. Mit Hilfe von zwei Autokränen hängten Techniker das 33 Tonnen schwere Bronzerelief, an das eine Tragekonstruktion aus Stahl angeschweißt worden war, vom einstigen Rektoratsgebäude der Leipziger Universität ab und kippten es langsam auf Paletten in die Waagerechte.
„Somit haben wir die erste Etappe mit Bravour gemeistert“, meinte Ullrich Kühne von der Kunstgießerei Lauchhammer, dem Generalauftragnehmer für die Demontage. Die zweite Etappe beginnt laut dem Geschäftsführer heute „und ist für uns alle Neuland“. Mit einer so genannten Plasmatrenntechnik wird dann das 14 Meter lange und sieben Meter hohe Werk der Künstler Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt in vier Teile zerlegt. Der Vorteil des von der Firma Kjellberg aus Finsterwalde durchgeführten Verfahrens sei eine Schneidbreite von nur zwei bis drei Millimetern, erläuterte Kühne. Er geht davon aus, dass für das Zerschneiden mit Plasmastrahl zwei oder drei Tage benötigt werden, woran dann Etappe drei anschließt: der Transport per Tieflader auf ein Unigelände an der Stephanstraße. Wie berichtet, muss das zwischen 1970 und 1973 unter dem Titel „Aufbruch“ geschaffene Monumentalwerk jetzt dem Campusneubau weichen. Es war im Oktober 1974 montiert worden.
Frank Ruddigkeit, einer der Schöpfer, sah gestern gerade noch vom Taxi aus, wie das Denkmal auf den Boden gehievt wurde. „Marx wird schon seit fast 150 Jahren demontiert. Das hier ist nur eine Episode“, kommentierte der Leipziger. Verärgert sei er darüber, dass keinerlei Termine mit ihm, Schwabe oder Kurth abgestimmt worden seien. „Ich wusste auch nur von der Zerlegung in drei und nicht in vier Teile.“ Er könnte sich vorstellen, die Einzelstücke als Installation im Park an der benachbarten Moritzbastei (mb) aufzustellen. „Sie sollten nie wieder zusammengefügt werden.“ Die Uni favorisiert die Lösung an der mb. Das Rathaus legte aber dagegen ein Veto ein, weil der Park städtisch und dafür nicht geeignet sei. Kritiker wiederum plädierten dafür, das „Propagandawerk“ aus dem Stadtbild zu verbannen.
Sabine Kreuz
BILD Leipzig vom Montag, den 21.8.06, Seite 3, Textteil.
Von MARTINA KURTZ und PETRA GEBAUER Leipzig
Abbruch des sozialistischen "Aufbruchs": Heute verliert die Uni ihr Gesicht.
GOOD BYE, MARX!
Der Kommunist muss dem Neubau des Uni-Campus am Augustusplatz weichen. Zwei Spezialkräne werden das Marx-Relief von der Fassade der Universität heben. In eine ungewisse Zukunft. Denn wohin das fast 50 Tonnen schwere DDR-Erbe später kommen soll, ist immer noch unklar.
Schriftsteller Erich Loest (80, "Nikolaikirche") hätte es gern "beerdigt für immer", am besten in der Probstheidaer Sandgrube. Dort liegen schon die Trümmer der gesprengten Paulinerkirche (BILD berichtete).
Eine Verbannung des Marx-Reliefs kommt jedoch für die Uni nicht in Frage, sie will es wieder an ihrem Neubau sehen. Rektor Prof. Franz Häuser (61): "Die Universität favorisiert nach wie vor eine Aufstellung neben der Moritzbastei."
Das Relief soll auch eine Rolle im Kunstkonzept zur 600-Jahr-Feier spielen. Das findet Dr. Manfred Wurlitzer (72) vom Pauliner-Verein merkwürdig. "Viel dringender ist der Erhalt der Kirchen-Schätze. Die Grabplatten und Schnitzereien sind echte Kunstwerke und Jahrhunderte alt. Es fehlt an Geld für ihre Sanierung und auch an einem Ort, sie würdig zu präsentieren." Am liebsten würde er das Marx-Relief einmotten: "Das gehört nicht in den öffentlichen Raum, wo jeder Tourist und Leipziger damit konfrontiert wird, ob er will oder nicht." Im Rathaus soll jetzt eine Kommission über Marx' Zukunft entscheiden.
Vor einer Woche hatte Bauleiter Peter Döring (52) mit der 150000 Euro teuren Demontage begonnen. Die Arbeiten übernimmt die Kunstgießerei Lauchhammer, die das Bronzerelief vor mehr als 30 Jahren gegossen und angebracht hat. Chef Ulrich Kühne (60): "Wir werden es an den damals verschweißten Nahtstellen mit einem Plasmaschweißbrenner in vier Teile trennen. So dass es jederzeit wieder aufgestellt werden kann."
Quelle: http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/8739.htm
Geschrieben von Henrike Dietze am 14. August 2006 22:24:12:
Leipziger Volkszeitung Online
http://www.lvz-online.de
© 2006 LVZ-Online
«Marx auf Reisen: Demontage des bekannten Leipziger Reliefs beginnt»
Leipzig. Karl Marx bewegt die Gemüter. Noch immer - und ganz aktuell in Leipzig. Am Montag haben an der Universität erste Arbeiten für die Demontage des Bronze-Reliefs „Aufbruch“ - besser bekannt als „Marx-Relief“ - begonnen. 14 Meter lang, 7 Meter hoch und 33 Tonnen schwer hat es 33 Jahre lang über dem Eingang des ehemaligen Hauptgebäude geprangt. Es gibt kaum einen Studenten, der sich nicht daran erinnern würde. Nun muss das Relief für die Umgestaltung des Universitätscampus weichen. Und prompt entbrennt ein verbissener Streit um die Zukunft des Objekts. „Das Relief hat einen starken Symbolwert“, sagt Hochschulrektor Franz Häuser.
Verbannen für immer, fordern viele Leipziger. Zu ihnen gehört Schriftsteller Erich Loest, Ehrenbürger der Stadt. Der 80-Jährige will das Relief an den Stadtrand verbannen. Dorthin, wo DDR- Staatschef Walter Ulbricht die Trümmer der gesprengten Paulinerkirche abladen ließ. „Die bürgerliche Kirche ist damals im Geiste von Karl Marx, der klassenkämpferisch Neues wollte und die Religion hasste, gesprengt worden“, sagt Loest. Die Überreste der Kirche und die sozialistische Kunst auf einer „Trümmerhalde“ vereint - so hätte Loest es gern.
Andere kämpfen für einen Ehrenplatz im neuen Campus, der rund 150 Millionen Euro kosten soll. Die Linkspartei.PDS im Stadtrat hat beantragt, das Objekt an exponierter Stelle aufzustellen. Der Protest der Jungen Union kam prompt: „Das Relief ist symbolisch für den Dogmatismus des Marxismus-Leninismus in der DDR und damit für die Unfreiheit der Wissenschaft“, sagt der Kreisvorsitzende Marco Hertwig. Die Devise könne nur lauten: „endlagern“.
„Es gibt Verletztheiten [ Welche denn und bei wem? ], die bei derartigen Anlässen aufbrechen“, kommentiert Häuser die emotionale Diskussion. Dem Rektor ist dies spätestens seit der erbitterten Diskussion um einen Wiederaufbau der 1968 von Walter Ulbricht gesprengten Universitätskirche, der Paulinerkirche, vertraut. Auf ihrem einstigen Platz entstand das Gebäude, an dem das Marx-Relief am 5. Oktober 1974 angebracht wurde. Drei Jahre lang hatten die Künstler Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt daran gearbeitet.
„Wir können diese Geschichte nicht wegdrücken und wollen das auch gar nicht“, sagt Häuser. Eine Verbannung des Marx-Reliefs kommt für die Uni daher nicht in Frage. „Das Relief spielt eine Rolle bei einem Kunstkonzept zur 600-Jahr-Feier“, schildert Häuser. Geht es nach der Hochschule, findet das Objekt an der benachbarten Moritzbastei seinen Standort.
Damit es überhaupt soweit kommen kann, ist eine schonende Demontage erforderlich. Die Federführung dafür liegt beim Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement. „Wir haben uns Unterstützung von dem Unternehmen geholt, das das Relief damals montiert hat“, berichtet Wolfgang Trommer, Leiter der Niederlassung Leipzig II. Unter Regie der Lauchhammer Kunstguß GmbH & Co., einst volkseigener Betrieb, hat der Abbau des Reliefs am Montag begonnen.
Am 22. August dann sollen zwei Autokräne das Objekt in die Waagerechte heben. „Dann wird es am Boden auf ein Sandbett gepackt“, schildert Ulrich Kühne, Geschäftsführer von Lauchhammer Kunstguß. Der Sand schützt den Boden. Denn dort erfolgt die heißeste Arbeit: das Zerteilen in vier Teile. „Dort wo es zusammengebaut wurde, wird es nun mit einem Plasmatrennschnitt zerteilt.“ Noch am selben Tag soll der Abtransport auf extra hergestellten Stahlgestellen erfolgen. Rund 150 000 Euro kostet die Aktion insgesamt.
Im Betriebshof der Leipziger Universität harrt das Relief dann der Dinge. Die Diskussion läuft. Auch ein Gespräch zwischen Häuser und Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) steht noch aus. Aus dem Rathaus heißt es dazu, die Stadt habe noch keinen abschließenden Standpunkt. (Internet: www.uni-leipzig.de) (Berichtung: Im fünften Absatz, fünfte Zeile wurde berichtigt Moritzbastei (statt: Moritzburgbastei).)
Marion van der Kraats, dpa
letzte Aktualisierung vom Montag, 14. August 2006
http://www.lvz-online.de/aktuell/ar.html?p=/aktuell/content/199688.html
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 9. August 2006
© Leipziger Volkszeitung
Marx-Relief wird in vier Teile zerlegt und zunächst eingelagert
Leipzig. Das als „Marx-Relief“ bekannte Bronze-Relief am ehemaligen Hauptgebäude der Universität Leipzig wird demontiert. Vom 22. August an wird das Kunstwerk in vier Einzelteile zerlegt und auf einem extra hergestellten Stahlgestell abtransportiert, teilte die Hochschule am Montag mit. Das ehemalige Hauptgebäude am Augustusplatz wird abgebrochen. Das 14 Meter lange und 7 Meter hohe Relief wird zunächst eingelagert.
Sein späterer Platz wird noch gesucht. Die Universität favorisiert nach Angaben von Rektor Franz Häuser eine Aufstellung an der benachbarten Moritzbastei. Das Bronze-Relief war 1970 bis 1973 von den Künstlern Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe und Rolf Kuhrt für die Hochschule geschaffen worden. Die Hochschule feiert im Jahr 2009 ihr 600-jähriges Bestehen. Bis dahin soll ein neuer Uni-Komplex im Wesentlichen fertig gestellt sein.
Internet: www.uni-leipzig.de
dpa
Lesen Sie:
____________________________
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 21. Juni 2006 (Printausgabe)
© Leipziger Volkszeitung
Der Streit ums Marx-Relief
Kulturstiftung Leipzig will Klarheit fördern – Doch viele Fragen sind offen
Es herrscht Gewitterstimmung. Draußen und auch im Vortragssaal der Alten Nikolaischule. Schriftsteller und Stadt-Ehrenbürger Erich Loest eröffnet die Debatte zum Thema „Wohin mit dem Marx-Relief?“ nicht unerwartet provokant. „Es ist erstaunlich, dass dieses Objekt solange sichtbar die neue Zeit überleben konnte. Da es ohnehin abgebaut und zerlegt werden muss, könnte man die einzelnen Teile auf die Trümmern der Paulinerkirche in Probstheida stellen und warten, was die nachfolgenden Generationen damit im Sinn haben.“
Im Auditorium sitzen zwei der Künstler, die das Werk vor über 30 Jahren schufen. Man atmet tief bei Loest‘scher Polemik. Frank Ruddigkeit grantig: „Ich käme nie auf die Idee, ein Kunstwerk auf einer Schutthalde zu deponieren.“ Er und sein Kollege Klaus Schwabe hatten nach eigener Angabe ohnehin gezögert, sich dem Gespräch, organisiert von der Kulturstiftung Leipzig, zu stellen, nachdem in der Einladung vom „Propaganda(mach)werk“ die Rede war. „Machwerk klingt wie entartete Kunst. Was soll die Ideologisierung? Wir sind da ziemlich empfindlich.“ Man finde es nicht lustig, heute gefragt zu werden, was man sich damals gedacht habe.
Die Debatte versucht, fair, manchmal auch konstruktiv zu sein. Dazu trägt Franz Häuser, der Rektor der Universität, bei. „Das Relief ist unser Eigentum. Wir bekennen uns dazu, sagen auch, es ist Teil der Geschichte dieser Universität und als Kunstwerk zu bewahren. Es kann nicht in den Bau der neuen Universität integriert werden. Wir haben als möglichen Standort den Park hinter der Moritzbastei vorgesehen, weil wir der Meinung sind, dass es erstens nicht herausgehoben gezeigt werden kann, zweitens aber schon im Umfeld der Universität aufgestellt werden sollte.“
Häusers Idee ist nicht neu, aber nach Lage der Dinge nicht zu realisieren. Die Stadt hat laut Wolfgang Kunz, Leiter des Planungsamtes, ihr Veto eingelegt. Der Park sei städtisch und dafür nicht geeignet. Warum aber nicht den Koloss, 14 Meter breit, sieben Meter hoch, drei Meter tief, 33 Tonnen schwer, in die Waagerechte bringen, ihn begehbar machen? Vom „Wo“ ist nicht die Rede. Die Haltung der Stadt gefällt Häuser nicht. Ganz könne sie sich nicht aus der Verantwortung entziehen, schließlich ist das Relief bis heute dominanter Faktor am Augustusplatz. „Wie wär’s mit einem Flächentausch?“, so Häuser.
„Umlegen, darauf rumtrampeln? Nicht mit uns.“ Nun kocht Bildhauer Schwabe. Sollte trotz aller bisherigen Bekundungen doch die Entsorgung, heißt das Einschmelzen, beschlossen werden, müssten die Künstler ihre Urheberrechtsansprüche geltend machen: „Dann ziehen wir vor Gericht.“
Die Stunden des Reliefs, das „Aufbruch“ heißt, sind an seinem angestammten Platz – es war am 5. Oktober 1974 enthüllt worden – gezählt. Laut Wolfgang Trommer, Leiter des für den Campusbau zuständigen Immobilien- und Baumanagements, beginnt nach der WM der Abbau. Spezialisten aus Lauchhammer, die es auch montierten, zerlegen es in drei Teile. Danach wird „Marx“ geheim verbracht, um jedwede politische Sympathiekundgebung auszuschließen.
Schwabe vermutet hinter dem Zerlegen wohl eh die einsetzende Entsorgung: „Alles Quatsch, dass so ein Teil nicht insgesamt abgebaut werden kann. 33 Tonnen sind für einen richtigen Kran kein Problem.“ – „Will noch jemand was sagen?“, fragt Moderator Wolfgang Hocquél, seines Zeichens Denkmalpfleger, nach fast zwei Rede-Stunden. Keiner will.
Thomas Mayer
STANDPUNKT
Was tun!
Von THOMAS MAYER
Was tun? Die Wort-Anleihe bei einst so aktuellen Klassikern sei gestattet. Schließlich geht es ja um ein Werk, bei dem Karl Marx eine deutlich sichtbare Rolle spielt. Er, mittendrin in der sozialistischen Gesellschaft. Da aber dieser Aufbruch bekanntlich nicht von Dauer war, steht Leipzig vor der eingangs gestellten Frage.
Fest steht: Das Marx-Relief ist ein Kunstwerk. Es muss erhalten werden. Es passt aber nicht ins unmittelbare Umfeld der bis 2009 neu entstehenden alten Universität. Selbige will das Thema mit Anstand und ohne Bilderstürmerei lösen. Sie fühlt sich derzeit von der Stadt im Stich gelassen. Für eine, sagen wir mal, polemische Lösung, wie sie Erich Loest will, ist die Universität nicht zu haben. Der Streit schwelt weiter. Und das im Jahr 2006. Das ist kein Ruhmesblatt für diese Stadt.
Das Problem mit Marx lässt sich nicht aussitzen. Also: Was tun! Mein Vorschlag: Das Relief ins Umfeld des Bildermuseums. Platz ist dort mangels fehlender Eckbebauungen genug. Und Kunst ist es ja auch. Meines Erachtens sogar mehr als die Neonlichtzündkerze innen drin.
Kommentar zu den Beiträgen in der "LVZ" und der "Bild" vom 21.06.2006 über das Relief am Haupteingang der Leipziger Universität
Der Riesenwirbel, den die Leitung der Leipziger Universität um das von Kunstexperten umstrittene und von der Bevölkerung ungeliebte Relief am Augustusplatz inszeniert, wirft für den erstaunten Beobachter eine Menge Fragen auf.
- Hat ausgerechnet dieses "Kunstwerk" es verdient, aus der großen Menge der Objekte, über die die Universität verfügt, in so exponierter Weise hervorgehoben zu werden, um trotz des Widerstandes der Stadt im öffentlichen Raum der Allgemeinheit wieder aufgedrängt zu werden?
- Wo bleiben vergleichbare Aktivitäten der Universitätsleitung, in denen für die Erhaltung und Restaurierung der unumstrittenen wertvollen Objekte, die aus der Universitätskirche geborgen wurden, geworben wird und über eine von der Allgemeinheit akzeptierte Präsentation öffentlich diskutiert wird?
- Warum verzichtet die Universität auf die würdige Aufstellung ihrer wertvollsten Kunstgegenstände in der zukünftigen Kirche/Aula (oder Aula/Kirche, oder gar Aula solo), indem diese als nicht terminierte Leihgaben aus dem Bereich der Uni verbannt werden oder jedem Kunstsinn widersprechend auf die gesamte Universität verteilt werden sollen?
Die Universität setzt offenbar Prioritäten, die mit ihrer jetzigen Leitungsstruktur zusammenhängen.
Ein Grund für die Chance einer Fehlentwicklung 16 Jahre nach dem Ende der DDR dürfte darin zu finden sein, dass das verantwortliche Gremium mehrheitlich aus Personen besteht, die keinen einzigen Tag in der kommunistischen Diktatur verbringen mussten und im Westen Deutschlands alle Möglichkeiten einer freiheitlich orientierten Staatsordnung nutzen konnten, um ihre Karriere zu begründen. Ich glaube nicht, dass einer von ihnen sich der Mühe unterzog, die im Jahre 1969 bestätigte Konzeption für das "Kunstwerk" einmal durchzulesen. Dann müssten sie erkennen, dass das Auftragswerk, das zwar kurz "Aufbruch" genannt wurde, als Symbol für die Allmacht der Partei stehen sollte und dieser Aufgabe durchaus gerecht wurde. (Sonst hätten die Künstler weder Auszeichnung noch materiellen Lohn erhalten.) Damit steht das Werk aber heutzutage gerade deshalb als Ausdruck der Unterdrückung und Bevormundung der Bevölkerung der DDR und taugt eben nicht zur Aufstellung im öffentlichen Raum, es sei denn der Eigentümer bekennt sich nach wie vor zur ursprünglichen Idee des Kunstwerkes, die – wie kaum bei einem anderen Auftragswerk – detailliert schriftlich festgehalten wurde. Das "Kunstwerk" gehört (falls nach Renovierung der bedeutenden Kunstwerke aus der Universitätskirche noch genügend finanzielle Mittel vorhanden wären) in ein Museum oder ein abgeschlossenes Gelände, wo der interessierte Betrachter nach Entrichten eines angemessenen Eintritts seinem Bedürfnis nachgehen könnte, das Werk zu betrachten.
Ich frage mich außerdem, warum die Universität eben das Unternehmen mit der Demontage beauftragt, das Anfang der 70er Jahre den Aufbau durchführte. Nach 1990 waren die Abbaukosten von dieser Firma sehr hoch eingeschätzt worden. (Während meiner früheren Tätigkeit an der Universität war ich verpflichtet, mindestens 3 Angebote von verschiedenen Firmen einzuholen, bevor ein Vertrag fixiert werden konnte.)
Manfred Wurlitzer
ehem. wiss. Mitarbeiter an der
Universität Leipzig
__________________
Anhang:
Auszug aus der "bestätigten Konzeption" von 1969:
Hauptgebäude – Eingang (Außenfläche)
Thema: Leninismus – der Marxismus unserer Epoche
Politisch-ideologische Vorgabe:
Durch eine oder mehrere sozialistische Menschengruppen ist auszudrücken:
- das von kapitalistischer Ausbeutung befreite Volk der DDR ist unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei, der SED, die geschichtsbildende Kraft in der Epoche des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus;
- unter Führung der Partei hat sich der Mensch seine Umwelt erobert und gestaltet sie schöpferisch, die sozialistische Gemeinschaft der Menschen beherrscht Wissenschaft und Technik;
- die Arbeiterklasse und ihre Verbündetengestalten die Zukunft der Menschheit – den Sozialismus – Kommunismus;
- Das Werden und Wachsen des ersten sozialistischen Staates in Deutschland ist ein Sieg des Marxismus-Leninismus, der Arbeiterklasse und ihrer Partei. Im Osten Deutschlands, im Heimatland von Marx und Engels, vom Nazijoch durch die Sowjetunion befreit und von ihr geschützt, wurden die Lehren von Marx, Engels und Lenin verwirklicht: Die Arbeiterklasse schuf ihre einheitliche Partei, eignete sich den Marxismus-Leninismus an und machte ihn zum wissenschaftlichen Fundament ihrer Führung der Gesellschaft, der Gestaltung des entfalteten Systems des Sozialismus.
- Die Lehren des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion und in den anderen sozialistischen Ländern gehören "zum Bestandteil des wissenschaftlichen Sozialismus unserer Zeit. Es gibt nur einen Sozialismus; Marx und Engels haben seinen Entwurf im Kommunistischen Manifest gezeichnet, Lenin hat ihn mit seinem theoretischen und praktischen Wirken gestaltet, die Völker der sozialistischen Länder haben ihn mit ihren Erfahrungen so bereichert, daß er zur unbesiegbarenKraft der Veränderung und Vermenschlichung dieser Erde geworden ist." (Einheit 9/10/69)
Über dem Eingang des Hauptgebäudes ist eine Fläche als Bildträger vorgegeben. Sie ist Teil der Gliederungsstruktur des Baukörpers. Von der östlichen Seite des Karl-Marx-Platzes aus hat sie ihren Hauptsichtbereich. Diese Fläche soll als optisch repräsentativer Schwerpunkt gestaltet werden und Träger der ideologischen Hauptkomponente der bildkünstlerischen Aussage des Ensembles sein."
Leipzig, im November 2005
Bemerkungen zum Relief am Augustusplatz
Manfred Wurlitzer
Das ungeliebte Relief am Augustusplatz steht nun schon 32 Jahre: genau die erste Halbperiode entfällt auf die Endphase der DDR, aber ebenso lange blieb es unangetastet in der neuen Bundesrepublik. Relativiert wurde allerdings die Aussagekraft dieses "Kunstwerkes" durch die "Pauliner Installation", die seit dem 30. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche an diese erinnert und auch daran, dass der Altar der Paulinerkirche mit den um 1500 entstandenen, altehrwürdigen Kunstwerken etwa an der gleichen Stelle stand. Als eine logische Konsequenz der friedlichen Revolution erhielt der Platz wieder seinen historisch begründeten Namen und nach langen, kontroversen Diskussionen auch die Universität. Mancher Vertreter der Universität konnte wohl eine solche Wandlung nur schwer verkraften. So lässt ein bestelltes Gutachten, das von Prof. Topfstedt an den damaligen Rektor H. Hennig im Jahre 1990 übergeben wurde, bereits ahnen, dass die fällige Erneuerung der Führungsschicht an der Leipziger Universität große Schwierigkeiten bereiten würde. In dem Schriftstück heißt es: "...Es würde gegen jede Gesetzlichkeit verstoßen, wollte man das Relief aus dem Denkmalensemble des Karl-Marx-Platzes einfach eliminieren...Die Demontage des Bronzewerkes wäre ein schwerwiegender Eingriff in dieses historische Ambiente, desgleichen die Umbenennung von Universität und Platz." (Topfstedt ist Mitglied der Kunstkommission der Universität, die über die Gestaltung des neuen Kirche-Aula-Gebäudes und die Zukunft des Kunstgutes der Universität, also auch der geborgenen Kunstschätze aus der Paulinerkirche gegenwärtig die wesentlichen Entscheidungen vorbereitet.)
Die Universitätsleitung hat seit dem Bestehen der "Installation" viele Versuche unternommen, diese zu beseitigen. Sie scheiterte aber am erklärten Willen Leipziger Stadträte und vieler engagierter Leipziger Bürger.
Zurzeit betreibt die Universität einen hohen Aufwand zur Erhaltung und Wiederaufstellung des Reliefs (das klugerweise "Aufbruch" genannt wurde). Es war als Ergebnis eines Wettbewerbs mit der thematischen Vorgabe: "Leninismus – der Marxismus unserer Epoche" entstanden. Die Sieger des Wettbewerbs und Schöpfer des Werkes, F. Rudigkeit, R. Kurth und K. Schwabe, hatten in der Universitätszeitung 1971 ihr Modell kommentiert und waren sicher, mit diesem die Vorgaben in die Tat umgesetzt zu haben.1
Dazu gab es eine "politisch-ideologische Konzeption für die bildkünstlerische Gestaltung" aus der bereits hervorgeht, dass das geforderte Werk auf die Verherrlichung der herrschenden Partei ausgerichtet sein soll. Danach sei der Grundgedanke, "bildkünstlerisch und architektonisch die Entwicklung der sozialistischen Menschengemeinschaft wiederzugeben, wobei die herrschende Arbeiterklasse und ihre marxistisch-leninistische Partei als Träger der Geschichte und Erbe des Kommunistischen Manifestes und aller fortschrittlicher Traditionen der Entwicklung der Menschheit in den Mittelpunkt der figürlichen Gestaltung" zu rücken ist. Das "Kunstwerk" sollte damit keineswegs primär eine Reverenz vor der Person von Karl Marx beinhalten, sondern ein Symbol für das herrschende Systems stalinistischer Prägung bedeuten. Das wurde offenbar erreicht, denn als ein solches wurde und wird es heute noch von der Leipziger Bevölkerung empfunden. Diese Tatsache ist auch durch Umdeutungsversuche nachfolgender Generationen nicht zu tilgen. Für den umstrittenen Gegenstand sollte daher ein neutraler Aufstellungs- und Repräsentationsort, beispielsweise ein städtisches Museum, gefunden werden, wo es zusammen mit ähnlichen problembehafteten Objekten2 in einer abgeschlossenen Umgebung gezeigt und kommentiert werden kann.
Die Universitätsleitung engagiert sich gegenwärtig für die Aufstellung in ihrem Bereich, dem Zielort der Initiatoren von 1973, nach dem Rat der genannten universitätsinternen Kunstkommission. Sollte dies realisiert werden, identifiziert sie sich automatisch mit dem ursprünglich vorgesehenen Sinn dieses Werkes. Dann bliebe als "Schadensbegrenzung" nur zu hoffen, dass der Wunsch des Studentenrates berücksichtigt wird, die Plastik in den Innenhof der Universität anzuordnen. Dann würde ihr Anblick den Passanten, deren Weg am innerstädtischen Campus vorbeiführt, erspart und nicht in impertinenter Weise aufgedrängt, wie es in den zurückliegenden 32 Jahren der Fall war. Wird das Werk wieder weithin sichtbar aufgestellt, dann bliebe die Vision des Rektors der Universität Leipzig, Winkler, weiter wirksam, die er am 05. Oktober 1974 zur Enthüllung des Reliefs beschwor: "Es (das Relief) erinnert nicht nur die täglich daran vorbeischreitenden Wissenschaftler der Karl-Marx-Universität an den Auftrag, den ihnen die Arbeiterklasse und ihre Partei zur Erfüllung übertragen hat, sondern es wirkt hinein in die Weite des Raumes, des Karl-Marx-Platzes. Von diesem Platz will es in seiner Größe erlebt werden. ... Ich bin gewiss, dass die Bürger dieser Stadt dieses Werk als das Ihre aufnehmen werden..."
Diese Bürger haben im Herbst 1989 unmissverständlich ihre Absage an solche Bevormundungen gegeben und den Weg frei gemacht für eine Neugestaltung nach ihrem Willen.
________________________
1 Universitätszeitung vom 15.10.1971 Nr. 34, 15. JG. S. 6
2 beispielsweise mit dem Wandbild "Arbeiterklasse und Intelligenz" aus der ehemaligen Rektoretage
______________________
Lesen Sie auch die Erklärung der Arbeitsgemeinschaft Wiederaufbau zum Abbau der Installation Paulinerkirche
Quelle: http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/8042.htm
Wohin mit dem marxistisch-leninistischen Propagandarelief?
Geschrieben von Koch, Dr. Dietrich am 08. Juli 2006 12:28:30:
Wohin mit dem marxistisch-leninistischen Propagandarelief?
Der Karl-Marx-Platz heißt wieder Augustusplatz, die Karl-Marx-Unversität hat ihren Namen abgelegt, aber was soll mit dem Relief „Aufbruch“ werden? Daß es auch einen Marxkopf enthält, macht es noch nicht zu einem Denkmal für Karl Marx. Vielmehr ist sein Thema gemäß der „bestätigten Konzeption“ von 1969 „Leninismus – der Marxismus unserer Epoche“ und: „Das von kapitalistischer Ausbeutung befreite Volk der DDR ist unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei, der SED, die geschichtsbildende Kraft in der Epoche des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus.“ Aber diese DDR ist samt dem Marxismus-Leninismus auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Wozu brauchen wir noch die Lobhudelei auf diese DDR und ihre marxistisch-leninistische Partei SED? Die Mehrheit der Bevölkerung will solche öffentlichen Lobessprüche jedenfalls nicht. Auf ein paar Gestrige kann es da nicht ankommen.
Über den Standort heißt es in der Konzeption von 1969: „Über dem Eingang des Hauptgebäudes ist eine Fläche als Bildträger vorgegeben. Sie ist Teil der Gliederungsstruktur des Baukörpers. Von der östlichen Seite des Karl-Marx-Platzes aus hat sie ihren Hauptsichtbereich. Diese Fläche soll als optisch repräsentativer Schwerpunkt gestaltet werden und Träger der ideologischen Hauptkomponente der bildkünstlerischen Aussage des Ensembles sein.“ Aber diesen Standort gibt es bald nicht mehr. Wozu brauchen wir noch diese „Hauptkomponenete der bildkünstlerischen Aussage“? Formal handelt es sich beim Objekt sicher um ein Kunstwerk, freilich wohl eher um ein künstlerisch minderwertiges Propagandawerk. Aber diese Propaganda ist heute obsolet geworden.
Das Werk hing außen an der Stelle, wo im Inneren die Universitätskirche war mit dem Paulineraltar. Diese Kirche kommt irgendwie wieder. Für den „Aufbruch“ ist da kein Platz mehr.
„Es gehört zur Geschichte“, heißt es zur Rechtfertigung einer weiteren „würdigen“ Aufstellung. Aber das kann kein Argument sein. Denn zur Geschichte gehört alles, was mal war. Und wir lassen auch keine nazionalsozialistischen Propagandawerke mehr im öffentlichen Raum stehen. Auch sie gehören zur Geschichte – aber eben nicht zu derem wertvollen Teil, auf den wir stolz sind. Ebensowenig gehört das „Relief“ zum wertvollen Teil der Geschichte. Es ist Ausdruck einer Diktatur, die wir endlich los sind. Was also macht man mit dem Relief? Allenfalls kann ich es mir in einer musealen Umgebung vorstellen. Das Zeitgeschichtliche Museum in der Grimmaischen Straße käme infrage. Aber da ist das Relief wohl zu groß. Vielleicht könnte man einen Teil davon dort aufstellen – weil es doch zur Geschichte gehört.
Lesen Sie auch:
Kulturkampf in Leipzig
LVZ - Sonnabend / Sonntag, 24./25. Juni 2006
Noch eine Idee: Marx als Puzzle
Hans-Werner Schmidt will das Relief nicht am Bildermuseum haben, sondern in Teilen in der Stadt verteilen
Was tun mit dem Marx-Relief, das nur noch für wenige Wochen am Augustusplatz präsent ist? Schriftsteller Erich Loest denkt bekanntlich darüber nach, es zu kaufen. Die Universität, Besitzer des 33 Tonnen schweren Reliefs namens Aufbruch, hält das für eine absurde Idee. Kunstgut werde nicht veräußert, so Rektor Franz Häuser. In wenigen Wochen beginnt jedenfalls der Abbau, der ohne das Zerlegen in mehrere Teile nicht möglich ist. Das Kunstwerk, das vor über 30 Jahren die Leipziger Künstler Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kuhrt als sozialistisches Auftragswerk schufen, wird eingelagert an einem sicheren, heißt "unbekannten Ort". Das Künstler-Trio argwöhnt dabei, dass ihre Bronze wohl nie wieder ans Licht der Öffentlichkeit kommen wird. Warum sie also nicht im Umfeld des Bildermuseums aufstellen?, so ein Vorstoß zur weiteren Verwendung. Hans-Werner Schmidt, Direktor des Hauses, ist gar nicht begeistert von dieser Idee. Wenn schon Kunst, dann eine andere, meint er. So will er lieber das Wagner-Monument aus dem Klingerhain herbeischaffen. Auch sprechen Feuerwehrzone, Grünflächen und Platz für die künftige Bebauungen nicht dafür, das Museumsumfeld zu einem Skulpturenpark zu machen. Da würde Marx, monumental wie er nun mal in seinen Ausmaßen ist, nur im Wege stehen. Schmidt ist zudem nicht gerade vom Kunstwert des Kunstwerkes überzeugt. "Der riesige Marx-Kopf, der in Chemnitz steht, scheint mir da von anderen Qualität zu sein. Er ist in seiner Kompaktheit nicht mit dem Leipziger Relief zu vergleichen." Heißt wiederum nicht, dass Schmidt auf einmal den "Nischel", wie der Marx aus der ehemaligen Karl-Marx-Stadt im Volksmund genannt wird, haben will. Für Leipzigs mehr oder auch weniger geliebtes Marx-Denkmal hat der Museumschef indes eine neue Idee: Da es schon zerlegt werden muss, könnte das doch auch kleinteiliger geschehen. Marx wird quasi zum Puzzle und an ganz verschiedenen Stellen der Stadt aufgestellt. Das wäre ein Symbol für einen gescheiterten Gesellschaftsentwurf. Jeder kann sich das Kunstwerk so zusammensetzen, wie er es will, oder wie er die vergangene Zeit erlebte. Das könnte zur geistigen Auseinandersetzung beitragen." Schmidt verteidigt auch die jüngst in dieser Zeitung in Frage gestellte Neonlichtzündkerze, die einen Teil des Foyers des neuen Bildermuseums ziert. Die Zündkerze immer, Marx nimmer, lautet da der Tenor. Denn im Museum, da zündet es, es ist ein Haus mit Signalwirkung. Im Herbst soll übrigens die lange überfällige Glasfassade ans Haus kommen.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 11. Februar 2006 (Printausgabe)
Marx-Relief hängt noch zur Fußball-Weltmeisterschaft
Gutachten: Portal ist ungefährlich für die Statik des Universitätshauptgebäudes / Standortfrage weiter offen
Eigentlich solltes es in diesen Tagen abgebaut werden. Doch jetzt bleibt das Karl-Marx-Relief am Hauptgebäude der Universität am Augustusplatz erst mal hängen.
Mehr noch: Die Besucher der Fußball-Weltmeisterschaft werden es sogar so sehen wie zu DDR-Zeiten – unverstellt, weil die Installation der Paulinerkirche davor bereits demontiert wurde.
Bis Oktober bleibt das Relief dran. Wo der 38 Tonnen schwere Bronze-Koloss zukünftig aufgestellt werden soll, ist weiter offen. Nach einem jetzt bekannt gewordenen Bau-Gutachten der Sächsischen Immobilien- und Baumanagement (SIB) zum Campus-Neubau gefährdet das umstrittene Propaganda-Kunstwerk am Uni-Hauptgebäude nicht die Statik des Gebäudes und damit die Sicherheit der Bauarbeiten, bestätigte Monika Dunkel, Sprecherin des sächsischen Finanzministeriums. „Politisch und inhaltlich wollen wir uns aber nicht in die Debatte um das Relief einmischen.“ Universität und Stadt müssten eine gemeinsame Lösung finden. „Wir geben bloß das Geld“, so die Sprecherin. Uni-Rektor Franz Häuser bestätigte gestern definitiv: „Das Relief bleibt jetzt doch so lange hängen, wie es vom Bauablauf her möglich ist, also bis Oktober.“ Dann beginnt die so genannte vierte Phase des Campus-Neubaus, in deren Verlauf das gesamte Universitätshauptgebäude abgerissen wird. Der Grund, es – wie bisher angekündigt – vorzeitig abnehmen zu müssen, sei durch das Gutachten entfallen. Die Pauliner-Installation war schon im Januar entfernt worden. Nach seiner Demontage soll der von Frank Ruddigkeit, Rolf Kuhrt und Klaus Schwabe geschaffene „Aufbruch“ erst zwischengelagert und dann neu aufgestellt werden. Die Uni hält als Standort für das Portal weiterhin an der Rückseite der Moritzbastei in Richtung Universitätsstraße fest, wie auch im Kunstkonzept steht. „Das wäre eine vernünftig abwägende Lösung, die der neuen künstlerischen Bedeutung des Reliefs entspricht.“
Auf das Verhalten der Stadt ist Häuser nicht gut zu sprechen. Nach enger Absprache mit dem Kulturbeigeordneten Georg Girardet sei er zuversichtlich gewesen, dass eine zügige Lösung gefunden werden könnte. Nur aus der Zeitung habe er von der Idee eines Bürgerforums zur Entscheidungsfindung über das Symbol der Leipziger Uni zu DDR-Zeiten erfahren.
„Ein Oberbürgermeister ist auch dazu da, mal etwas Kritisches zu lösen“, sendet er Tiefensee noch einen Abschiedsgruß hinterher. „Ich erwarte, dass sich die neue Stadtregierung dann endlich dazu positioniert“, so der Rektor.
Auch für das zweite Stück DDR-Propaganda-Kunst, das im Hauptgebäude angebrachte Bild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ von Werner Tübke muss eine Zwischenlösung gefunden werden. Das 26 Meter lange Bild soll in der Zwi- schenzeit im Bildermuseum ausgestellt werden, so der Rektor. Später soll das Bild im neuen Campus seinen neuen Platz bekommen.
Marc-Christian Ollrog
Lesen Sie auch:
Anfrage des DSU-Stadtrates Karl-Heinz Obser an den Oberbürgermeister der Stadt Leipzig zur Ratsversammlung am 22. März 2006
Position der Stadt Leipzig zum zukünftigen Standort des Propaganda-Kunstwerks am Universitätshauptgebäude ("Karl-Marx-Relief")
Quelle: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/505395/
DeutschlandRadio, 29.05.2006 · 14:35 Uhr
Leipziger Uni ohne "Marx"
Uni-Neubau sieht keinen Platz für sozialistischen Wandschmuck
Von Stephan Witschas
Der Campus der Uni Leipzig soll umgestaltet werden. Dann muss auch Karl Marx umziehen, der auf einem von mehreren DDR-Künstlern gestalteten Relief das Hauptgebäude ziert. Doch wohin mit der sozialistischen Kunst?
Frank Ruddigkeit: Wenn zum Beispiel das Studium und die Orientierung auf eine Philosophie hin - nämlich die des Herrn Marx - eine Ideologie ist… Ich mein, das war eine materialistische Ideologie, wie wir sie jetzt viel deutlicher zu spüren kriegen… Sollten wir damals Herrn Blüm da rein setzen?
Norbert Blüm, damals Hauptgeschäftsführer der Sozialausschüsse der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, hätte sicher nichts gegen ein Denkmal mit seinem Konterfei vor der Leipziger Uni gehabt. Aber heute sieht man eben nicht ihn vor dem Hauptgebäude am Augustusplatz, sondern Karl Marx. 16 Jahre lang bis zum Mauerfall war das so. Genau wie in den mehr als 16 Jahren danach auf dem Boden der wiedervereinigten Bundesrepublik. Leipziger Studenten über sozialistische Kunst auf dem Präsentierteller der Stadt.
Ich denke es könnte eher weg, weil es ganz einfach ein Zeichen aus der kommunistischen Zeit hier war. Und es sieht einfach auch nicht so schön aus.
Es ist schon da, seit ich lebe und seit ich denken kann. Aber, ich weiß nicht, so viel verbinden tue ich jetzt nicht damit.
Also verbinden tue ich damit auf jeden Fall die Uni in Leipzig, aber so richtig mit Verstand und Muße habe ich das noch nicht betrachtet.
Mit dem DDR-Erbe müssen sich Stadt und Uni nun aber intensiv auseinandersetzen. Der Campus-Neubau rückt näher. Aber ein neuer Standort für das Relief ist noch nicht gefunden. An Ort und Stelle hat es jedenfalls bald keinen Platz mehr. Zweifel am Standort des Marx-Reliefs hat Uni-Rektor Franz Häuser aber schon seit seinem ersten Leipzig-Besuch Anfang der Neunziger.
Ich bin zum Hochhaus gegangen. Und da ist natürlich mein Blick auf dieses Werk gefallen und es hat mich etwas bedrückt. Es ist recht monumental und ich hatte so nicht das Gefühl, dass es irgendwie ne verbindende Aussage trifft.
Auf der Suche nach einer verbindenden Aussage müssen sich Universität und Stadt einig werden. Das Marx-Relief habe zwar zeithistorisch-dokumentarische Funktion, dürfe aber nicht mehr an der Spitze der Uni stehen, ist man sich einig. Die sozialistische Phase der Leipziger Alma Mater wolle man dennoch nicht verbannen. Die notwendige Auseinandersetzung mit der Geschichte unterstreicht Leipzigs Kulturdezernent Georg Girardet:
Natürlich ist das ein Relief, das auch propagandistischen Zwecken gedient hat, aber andererseits ist es auch ein Kunstwerk. Und insoweit, denke ich, muss man damit auch respektvoll umgehen. Und ein Kunstwerk ist auch zu betrachten, etwas unabhängig von dem historischen Zusammenhang, in dem es entstanden ist.
Das Denkmal solle nun seine Geschichte in der Nähe des heutigen Standorts fortsetzen. Das kann sich zumindest der Leipziger Rektor vorstellen. Im Gespräch ist eine Grünfläche in der Nähe von Deutschlands größtem Studentenclub - der Moritzbastei. Doch einen Konsens darüber gibt es zwischen Stadt und Uni noch nicht. In der Verbannung verschwinden dürfe der bronzene Kapitalismus-Kritiker und das ihm gewidmete Relief jedenfalls nicht. Und deshalb hat Künstler Frank Ruddigkeit seinen ganz eigenwilligen Standpunkt zur Diskussion um den neuen Standort.
Es ist eine der wichtigsten Figuren der Zeitgeschichte des vorletzten Jahrhunderts. Und da geht keiner dran vorbei.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 14.02.2006 (Printausgabe)
Gestern am Telefon
Marx und die Demokratie
Sauer aufgestoßen ist am Wochenende Dirk-Michael Leistner die Nachricht in der LVZ, dass das Karl-Marx-Relief nun doch noch bis Oktober am Hauptgebäude der Leipziger Universität hängen bleibt. „Zur Fußballweltmeisterschaft werden dann vom Augustusplatz, dem Platz der friedlichen Revolution, auf dem tausende Menschen 1989 demokratische Grundrechte erkämpft haben, Bilder mit diesem Propagandawerk in alle Welt ausgestrahlt. Ich schäme mich für meine Heimatstadt“, sagte der 38-Jährige. Die Bronzeplastik müsse „schnellstens weg“, forderte auch Elisabeth Illert. Die 82-Jährige konnte sich noch daran erinnern, wie der 32 Tonnen schwere Koloss installiert wurde. „Aber Marx’ Zeiten sind vorbei. Im Bildermuseum wird sich doch für das Relief irgendwo ein Platz finden. Dort können es sich diejenigen, denen es gefällt, dann anschauen.“
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 3. Juli 2006 (Printausgabe)
LESERBRIEFE
Marx-Relief bewegt weiter
Zu den Beiträgen „Noch eine Idee: Marx als Puzzle“ vom 24. Juni und „Streit ums Marx-Relief“ vom 21. Juni:
Möge das Wunschbild des Herrn Loest, das Marx-Relief auf einen Schutthaufen abzuladen, nicht noch Realisierer finden. Das Kunstwerk sollte einen würdigen Platz erhalten. Es gehört zur Geschichte Leipzigs ebenso wie die zeitweilig nach Karl Marx benannte Leipziger Universität.
Es entspricht sicher nicht dem Willen der Leipziger, dass ihnen ein entstelltes, verzerrtes und verfälschtes Geschichtsbild ihrer Stadt vermittelt und aufgebürdet wird.
Hans Hoffmann, 04107 Leipzig
Ein Gespenst geht um in Leipzig: Karl Marx. Lange schon hatte man nichts mehr von ihm gehört. Nun ist er also wieder da, und man weiß nicht so recht, wohin mit ihm, damit er am wenigsten stört. Manche wollen ihn entsorgen auf dem Ablageplatz der Geschichte, und der Herr über Trillerpfeifen, Zündkerzen und „Kopf“bälle möchte ihn gar durch die Schrotmühle drehen, wie weiland Max und Moritz, sicher ist sicher. Die Stadt hält sich bedeckt, die Dreckarbeit lässt man gern andere machen.
Herbert Kästner, 04103 Leipzig
Es gibt gute Gründe zu überlegen, ob das sogenannte Marx-Relief im Innenhof der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle nicht einen sinnvollen Platz erhielte. Es wäre interessant zu erfahren, was die Künstler Rolf Kuhrt, Frank Ruddigkeit und Klaus Schwabe selbst davon hielten.
Heinz Fischer, 04289 Leipzig
Es gab schon viel Streit um das Marx-Relief, aber bis zum heutigen Tag ging es immer wieder als Sieger hervor. Vielleicht überlebte es auch Dank der Universität, die es unter ihre Fittiche genommen hatte?
Ich bin zwar kein Kunsthistoriker, fest steht, dass dieses Relief ein Kunstwerk ist! Und so sollte es behandelt werden.
Das Relief heißt „Aufbruch“, wieso soll es dann irgendwo in der Versenkung verschwinden? Aufbruch, das ist doch Erneuerung zu etwas Gutem und Neuem. Mein Vorschlag wäre: es vor dem Eingang der Neuen Messe aufzustellen.
Ingrid Diebler, 04205 Leipzig
Es geht ein Gespenst um in Leipzig, aus Bronze und Taubendreck. Noch schauerlicher aber sind die Ideen, wie man damit umgehen soll: Auseinandersägen, einmotten, vergessen. Das ausgerechnet der Leiter des Museums der bildenden Künste zu Leipzig auf den Gedanken kommt, den „Aufbruch“ in handliche Häppchen zu zerlegen, ist noch viel erschreckender. Soll ein Museum nicht bewahren, anstatt zu zerstören? Wo bleibt die Generation der Unbefangenen, die den alten Herren ihre Ängste austreibt, bevor diese alle Brücken zu einer vergangenen Zeit niedergerissen haben?
Christian Kummich, 04277 Leipzig
aus dem Diskussionsforum der Leipziger Volkszeitung
Der neue Uni-Campus in Leipzig
Thema: Installation Paulinerkirche - Marx-Relief
Datum: 11.02.2006 09:22 Uhr
Autor: Claudia Lange aus Leipzig
Beitrag: Erst zwingt die Unileitung den Paulinerverein, die Installation Paulinerkirche zu entfernen, weil ja sonst nicht gebaut werden könnte und das Marx-Relief nicht entfernt werden könnte, und gleichzeitig gibt sie ein Gutachten (aus Steuergeldern bezahlt!) in Auftrag (siehe LVZ von heute), damit dieses Marx-Relief weiterhin hängen bleiben kann.
Das gibt tolle Bilder zur WM!
Danke Rektor Häuser!
Weiter so!
Wie wäre es mit einer Umbenennung in KMU?
Thema: Marx-Relief umgehend vergolden!
Datum: 13.02.2006 07:04 Uhr
Autor: Kniesche aus Leipzig
Beitrag: Zusätzlich sollte der Herr Häuser ein aus Steuermitteln bezahltes Gutachten in Auftrag geben, inwieweit eine Umbenennung in Karl-Marx-Platz zur WM möglich ist!
Quelle: http://www.lvz-online.de/lvz-heute/11405.html
© Leipziger Volkszeitung vom Freitag, 11. November 2005
Possenspiel um Karl-Marx-Relief
Fragt die Stadt, sagt die Uni. Fragt die Uni, sagt die Stadt. Was wird nun mit Marx, fragt sich der Bürger: Die Diskussion um den neuen Standort des Karl-Marx-Reliefs, das im Zuge des Campus-Umbaus abmontiert wird, entwickelt sich zum Possenspiel. Galt in der vergangenen Woche noch der Park an der Rückseite der Moritzbastei als Favorit, erscheint nun wieder alles offen. Pressesprecherin Kerstin Kirmes sagte gestern: "Eine Präferenz ist noch keine Entscheidung. Wir sind nicht unter Zeitdruck."
Erst einmal stehe der Campus-Neubau an. Dieser dauert nach Plänen der Uni bis kurz vor den Feiern zum 600-jährigen Uni-Jubiläum, betrifft aber den Standort hinter der Moritzbastei gar nicht. Verschwindet das Relief also für dreieinhalb Jahre ohne Not in der Versenkung und wird erst 2009 neu aufgestellt? "Das hätte eine gewisse Logik", antwortet Kerstin Kirmes. "Man könnte ja zuerst ein Bürgerkolloquium veranstalten und dort zu einer Entscheidung kommen", brachte sie eine neue Variante zur Entscheidungsfindung ins Spiel. Das Motto scheint klar: Zeit gewinnen. Die Stadt fühle sich der Uni im Geiste verbunden und wolle gemäß "guter Leipziger Praxis" gemeinsam mit der Uni nach der besten Lösung für den "Zankapfel" suchen. Wann das Relief abgebaut und wieder aufgebaut würde, entscheide die Universität.
Die wiederum spielt den Ball sofort weiter. "Nein, nein", sagt Uni-Pressesprecher Volker Schulte. Nicht die Uni sei streng genommen Bauherr, sondern der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB). Dort werde über den Termin des Abbaus, die Reinigung und Zwischenlagerung entschieden.
Wolfgang Trommer, SIB-Niederlassungsleiter in Leipzig, sagt: "Je nach Wetterlage wird das Relief zwischen Ende Januar und Anfang Februar abmontiert." Der genaue Zeitpunkt sei abhängig vom Fortschritt der Bauarbeiten am Campus. Erst müsse die Pauliner-Installation abgenommen werden, danach werde der "Aufbruch" zwischengelagert. "Wir befürchten Vandalismus wie am Schinkel-Tor und möchten den Ort deshalb nicht öffentlich bekannt geben", so Trommer. Den Auftrag zur Wiederaufstellung gebe die Uni, so Trommer. Der Freistaat, entgegnet dagegen Schulte. Möglicherweise könne das Relief auch früher aufgestellt werden, so der Uni-Sprecher.
Derweil protestiert der StudentInnenrat (StuRa) mit einem oberhalb der 33-Tonnen-Bronze angebrachten Transparent gegen die "verstärkten Rufe nach einer originalgetreuen Pauliner-Kirche". So erklärt StuRa-Sprecher Hannes Delto das Transparent mit der Aufschrift "Leipzig ist nicht Dresden. Gott sei Dank". "Wir brauchen keine Kirchenadaption", so Delto, "sondern eine vielseitig verwendbare Aula." Viele Bürger empfinden den Spruch indes als Provokation. Für den 74-jährigen Siegfried Hoyer aus Gohlis ist das Plakat ein "Skandal": "Die ganze Welt ist doch begeistert von der neuen Frauenkirche."
Marc-Christian Ollrog
____________________________
Lesen Sie auch: "Leipzig ist nicht Dresden"
Quelle: http://www.lvz-online.de/lvz-heute/11759.html
© Leipziger Volkszeitung vom Freitag, 18. November 2005
Marx-Relief: Künstler melden sich zu Wort
In die Debatte um den neuen Standort des Karl-Marx-Portals "Aufbruch" vom Universitätshauptgebäude schalten sich die Künstler ein. In einem Brief an Uni-Rektor Franz Häuser fordern Rolf Kuhrt, Frank Ruddigkeit und Klaus Schwabe, die den Bronze-Koloss zwischen 1970 und 1973 schufen, eine Entscheidung über die Zukunft des Reliefs, bevor es Anfang 2006 im Zuge des Campus-Umbaus abgenommen wird. Gegen den von Stadtsprecherin Kerstin Kirmes ins Gespräch gebrachte Bürgerentscheid laufen die Künstler Sturm.
"Die Zeit des Konjunktivs ist vorbei", sagt Rolf Kuhrt, "es muss endlich eine Entscheidung her. Wir müssen einen Vertrag kriegen. Wir lassen nicht zu, dass das Relief abgehängt wird, bevor klar ist, wohin es kommt", so der Bildhauer aus dem mecklenburgischen Güstrow. "Dass die Stadt das Thema noch weiter aussitzt, lassen wir nicht zu." Kollege Klaus Schwabe schimpft: "Wir werden nicht informiert, erfahren alles nur aus der Zeitung." Das Gespräch mit Uni-Rektor Franz Häuser sei drei Monate her.
Die Standortfrage ist für die Künstler noch nicht geklärt. "Wir bestehen nicht auf der Moritzbastei", sagt Kuhrt, "sind für andere Möglichkeiten offen". "Die Innenhoflösung ist für mich noch nicht vom Tisch. Dass es allein aus statischen Gründen nicht gehen soll, ist dummes Gerede", sagt Schwabe. Notfalls könne man es in mehreren Teilen aufstellen.
Gegen ein Einmotten setzt sich Kuhrt, Initiator des Briefes, jedenfalls vehement zur Wehr: "Ab dem Moment des Abhängens wächst das Gras des Vergessens darüber." Ähnlich äußert sich Ruddigkeit: "Wenn es erst weg ist, tauchen schnell findige Anwälte auf, die dafür sorgen, dass das auch so bleibt." "Man stelle sich vor, Rom wäre nach jedem Papstwechsel besenrein übergeben worden. Dann stünden da nur Hundehütten." Noch heute ist er "stolz, das Relief gemacht zu haben. Wer hätte das damals abgelehnt? Wir müssen uns zur Vergangenheit bekennen", so Schwabe.
Dass ein Bürgerentscheid keine gute Lösung ist, sind sich alle einig. Rainer Schade, Professor an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, wo auch Ruddigkeit 30 Jahre lang lehrte, sagt: "In der Kunst kann es keine Demokratie geben", so Schade. "Nichts Großes würde entstehen, wenn jeder mitreden würde." Das Relief gefällt Schade "nicht besonders"."Beachtliche Details, insgesamt aber zu platt, zu martialisch und zu agitatorisch", urteilt er. Ein Abreißen sei aber grundfalsch: "Da wird nur ein Ersatzpopanz aufgebaut und alle toben sich daran aus." Der Standort Moritzbastei sei eine gute Lösung: "Etwas versteckt gelegen und dennoch zugänglich", meint Schade.
Eine Neuaufstellung müsste von einer aufwändigen Fundamentierung begleitet werden. Das Denkmal müsse auf einen Sockel gestellt werden, damit die Perspektive stimmt. Dass das Relief bei einer bodennahen Aufstellung Vandalismus-Attacken zum Opfer fallen könnte, stört Kuhrt nicht. "Damit muss man leben." Dadurch werde ein Kunstwerk nicht beleidigt, sondern belebt. "Man kann keinen Stacheldraht darum ziehen."
Die juristischen Möglichkeiten der Künstler, erfolgreich gegen die Abbau-Pläne vorzugehen, erscheinen indes gering. In mehreren Fällen wurden Werke schon gegen den Willen derKünstler entfernt. Derweil macht Uni-Sprecher Volker Schulte zarte Andeutungen: "Von uns aus könnte das Relief schon im Frühjahr wieder aufgestellt werden."
Marc-Christian Ollrog
Quelle: http://www.lvz-online.de/lvz-heute/11760.html
© Leipziger Volkszeitung vom Freitag, 18. November 2005
Hintergrund: Als Honecker das Audimax kippte
Frank Ruddigkeit, Rolf Kuhrt und Klaus Schwabe waren die Gewinner einer Ausschreibung zur Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes Ende der 60er Jahre, bei der sich auch Bernhard Heisig und Willi Sitte beteiligt hatten. "Der Auftrag lautete: Ein Monument für die Karl-Marx-Universität zu schaffen", sagt Rolf Kuhrt.
"Außer Marx sind noch Afrikaner und Südamerikaner als Figuren dargestellt. Wir wollten eine allgemeine Aufbruchstimmung abbilden." Im Rückblick sehen die Bildhauer die DDR-Zeit mit gemischten Gefühlen. "Wir mussten ewig unseren Entwurf nachbessern, waren zu jung und zu dumm, uns gegen die ständige Einflussnahme zu wehren", erinnert sich Klaus Schwabe. "Uns fehlte die Hausmacht." Mehrfach änderte das Politbüro die Pläne für den Ausbau des Karl-Marx-Platzes. Zuerst sollte für den Platz eine Personengruppe gestaltet werden, erinnert sich Schwabe. Damals war auch noch ein Auditorium Maximum geplant. Als Honecker 1971 dann Ulbricht stürzte, kippte er das Audimax und baute stattdessen das Gewandhaus. Danach war klar, dass Marx als Relief gestaltet werden würde. Damals war noch ein Rektoratsgebäude geplant, das wie eine aufgezogene Schublade auf dem Hauptgebäude stehen sollte. Auch diese Idee verwarfen die Planer. Zwischen 1968 und 1975 entstand der Campus der Karl-Marx-Universität samt seinen Symbolen: dem Uni-Riesen als Sinnbild sozialistischen Fortschrittsglaubens und dem kolossalen Karl-Marx-Relief.
mco
Quelle: http://www.lvz-online.de/lvz-heute/10720.html
© Leipziger Volkszeitung vom Mittwoch, 2. November 2005
"Aufbruch" im Aufbruch
Karl Marx muss umziehen. Das 33 Tonnen schwere Bronze-Relief, das seit 1973 am Universitätshauptgebäude am Augustusplatz prangt, wird derzeit vom (Tauben-)Dreck gesäubert und für seinen Transport vorbereitet. Dazu muss die 14 Meter breite und sieben Meter hohe, von Ruddigkeit, Kuhrt und Schwabe geschaffene Plastik in drei Teile zersägt werden.
Einen konkreten Termin für den Abbau im Zuge des Campus-Neubaus gebe es noch nicht, heißt es aus dem Rektorat der Uni.
In technischer Hinsicht ist der Abbau eine Herausforderung. "Als komplette Einheit kann der Koloss höchstens 500 Meter am Stück transportiert werden", sagt der Kustos der Universität, Rudolf Hiller von Gaertringen. Das Kunstwerk der DDR-Propaganda mit dem Titel "Aufbruch" soll nach einer Zwischenlagerung in Regie des Staatsbetriebes Sächsischen Immobilien- und Baumanagement an einem noch nicht festgelegten neuen Standort aufgestellt werden. Die Uni bevorzugt einen Platz in der Nähe der Moritzbastei, wo die Plastik als "Stachel im Fleisch" an die DDR-Zeit erinnern könnte, so Hiller. Die Verhandlungen zwischen Stadt und Universität laufen noch.
Derweil protestiert der Studentenrat der Universität Leipzig (StuRa) gegen die schlechten Studienbedingungen an der Alma Mater. "Bildung finanzieren, statt Marx demontieren", steht auf einem in der Nacht zum Dienstag am "Nischel"-Baugerüst angebrachten Transparent. "Der Freistaat leistet sich zwar einen enorm teuren Campus-Neubau, vernachlässigt dabei aber den aktuellen Lehrbetrieb. Was nützt uns ein toller Campus, wenn alle Seminare überfüllt sind und es kaum Bücher in den Bibliotheken gibt", klagt StuRa-Sprecher Hannes Delto. "Wir sind für den Neubau, aber Priorität hat für uns der Lehrbetrieb an der Uni", so der Sprecher. Bis 2009 entsteht für 150 Millionen Euro ein neuer zentraler Campus.
Marc-Christian Ollrog
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 10. April 20086
© Leipziger Volkszeitung
Linke: Marx-Relief zurück zum Augustusplatz
In der Partei Die Linke gibt es offenbar Bestrebungen, das Marx-Relief zurück an den Augustusplatz zu bringen und vor der dort entstehenden Paulineraula zu installieren. Die Idee von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), das Bronzemonument in Verbindung mit einem stilisierten Giebel der Paulinerkirche auf dem Sportcampus an der Jahnallee aufzustellen, sei zwar „bedenkenswert. Trotzdem stellt sich dann die Frage“, so Linkspartei-Stadtrat Siegfried Schlegel, „ob es nicht besser wäre, das Marx-Relief statt mit einer kulissenhaften Paulinerkircheninstallation besser mit dem neuen Original zu kombinieren.“ Die Fassadengestaltung der Paulineraula nehme bewusst Bezug zur Kirche. Schlegel: „Es entstünde wirklich Kunst statt provinzieller Kitsch.“
Jung hatte eine Symbiose aus Relief und Kirche am Wochenende als Reaktion auf einen offenen Brief fünf namhafter Leipziger um Ex-Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer vorgeschlagen. Die Prominenten warten derzeit noch auf ein Gespräch mit dem Oberbürgermeister.
DSU-Stadtrat Karl-Heinz Obser verfasste unterdessen eine Resolution, in der die Ratsversammlung „öffentlich ihr Bedauern“ über die Zerstörung der Unikirche zum Ausdruck bringt. Die Sprengung war am 23. Mai 1968 von allen Fraktionen bei nur einer Stimmenthaltung besiegelt worden. Mit der Entschließung, die dem Stadtrat am Mittwoch vorliegt, soll sich die Stadt zudem verpflichten, die Restaurierung und weitere Suche nach wichtigen verschollenen Kirchenobjekten zu unterstützten.
K. S.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 5. Juli 2006
© Leipziger Volkszeitung
Marx-Relief
Linkspartei fordert „exponierte Stelle“
Wohin mit dem Marx-Relief? Für die Linkspartei ist das Ziel klar: Das Bronzekunstwerk am Augustusplatz mit dem Titel „Aufbruch“, das wegen des Neubaus des Unicampus’ abgebaut wird, soll „dauerhaft und an exponierter Stelle im Stadtbild“ integriert werden. Das sagte der kulturpolitische Sprecher der Linkspartei im Stadtrat, Volker Külow. Seine Fraktion fordert Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) jetzt auf, mit Universität und Kultusministerium in Verhandlungen zu treten sowie einen Künstler- und Architektenwettbewerb zur Aufstellung des Reliefs und zur Ausarbeitung eines Standort- und Nutzungskonzeptes auszuloben. Über den Antrag wird auf der Ratssitzung am 19. Juli entschieden.
K. S.
_________________
Marx-Relief „Aufbruch“: Linke.PDS fordert Künstler- und Architektenwettbewerb
geschrieben von: Ralf Julke am Dienstag, 04. Juli 2006
„Die gegenwärtig wieder auflebende Debatte um das Karl-Marx-Relief „Aufbruch“ und seinen endgültigen Standort nach dem Campus-Neubau der Universität Leipzig macht den hohen Stellenwert des Kunstwerkes im öffentlichen Bewusstsein deutlich, der neben ästhetischen und politischen Aspekten auch auf der enormen städtebaulichen Bedeutung des Kunstwerkes beruht“, sagt Volker Külow, kulturpolitischer Sprecher der PDS-Fraktion im Leipziger Stadtrat.
Bislang ist noch nicht geklärt, wo das massive Bronzerelief, das seit 1974 über dem Haupteingang zum Seminargebäude der Universität trohnt, im neuen Campus der Uni seinen Platz finden soll.
„Um auch künftig diesen geschichtlichen Abschnitt und das damit verbundene Erbe jenseits nostalgischer Verklärung noch Bilderstürmerei kritisch reflektieren zu können, ist eine dauerhafte und exponierte Integration des Reliefs in das Leipziger Stadtbild nach unserer Auffassung unverzichtbar“, sagt Külow. „Um die dabei entstehenden Probleme und Kontroversen angemessen lösen zu können, ist nach Auffassung vieler Fachleute, die sich unlängst bei einer von der Kulturstiftung Leipzig veranstaltete Podiumsdiskussion geäußert haben, ein begrenzter Künstler- und Architektenwettbewerb die geeignete Form.“
Grund genug für die PDS, für das Relief künftig einen exponierten Standort im Stadtbild zu finden. In früheren Planungen zum Kunstbestand der Universität war als Ort der Aufstellung für das Monumental-Werk die Frontseite zur Moritzbastei vorgesehen, ein Ort, den Verfechter einer exponierten Aufstellung als zu abseitig deklarieren. „Der Umgang mit dem Relief ist zweifellos ein Prüfstein für den Umgang der Stadt Leipzig und der Leipziger Universität mit ihrer jüngeren Vergangenheit und mit der architektonischen und bildkünstlerischen Hinterlassenschaft der DDR“, meint Külow.
Und deutet damit zumindest eine noch völlig offene Diskussion an, denn die hinterlassene DDR-Kunst ist kein homogener Block. Während das von Werner Tübke für die Universität Leipzig geschaffene Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ auch die internationale Fachwelt durch künstlerische Meisterschaft überzeugt, tendiert das von Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kurth geschaffene Bronzerelief „Aufbruch“ sehr sichtbar in die sozialistische Ikonografie, ohne durch eine besondere künstlerische Lösung zu überzeugen.
Mit der neuen baulichen Lösung für den Uni-Campus ist es noch viel schwerer zu vereinbaren als die Wieder-Integration der Roßbachschen Fassade der ehemaligen Paulinerkirche. Nicht zu vergessen ist, dass der 50-Tonner auch als sichtbarer Stil-Bruch im damaligen Karl-Marx-Platz-Ambiente gedacht war und sich nicht „einfach einfügt“.
Die Fraktion Linke.PDS hat auf ihrer letzten Sitzung einstimmig beschlossen, einen Antrag in den Stadtrat einzubringen, der nach Verhandlungen der Stadt Leipzig mit der Universität Leipzig und dem Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) dazu führen soll, das Relief künftig dauerhaft und an exponierter Stelle im Stadtbild der Leipzigs zu integrieren. Im Findungsprozess über einen begrenzten Künstler- und Architektenwettbewerb sollen auch die drei Künstler zu Wort kommen.
Beteiligen Sie sich an der Diskussion!
Hinweise:
- historische Zitate
- Zeitschiene zur Schuldfrage
- Abstimmungsverhalten im Leipziger Stadtrat im Jahr 2003
- die Tage vor der Sprengung Berichte eines Augenzeugen
- Historische Schuld der Universität Leipzig in den 60er Jahren
- Warum stellt man sich nicht der Geschichte?
- Zeitschiene zur Aufhellung der Schuldfrage der Akteure der Kirchensprengung
- Agenten bevorzugten Universität Leipzig als Tauchstation
- "Nicht 21. Jahrhundert, sondern Nationalsozialismus"
|