Quelle: http://terra-x.zdf.de/ZDFforum/

Unaufgeklärte nationale Kulturverbrechen - Leipziger Paulinerkirche

* von: Wieland Zumpe
* Erstellt am: 06.09.09, 22:53
* 130 mal gelesen

Der größte Kunstraub der DDR war neben vielen anderen definitiv nicht der des "Sophienschatzes", sondern die Beraubung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli am Wochenende vor ihrer Sprengung im Mai 1968.

http://www.paulinerkirche.org/graeber.htm


Pin Am Abend des 6. Dezember, dem Tag, an dem nach über einundvierzig Jahren der erste Universitätsgottesdienst wieder an seinem über Jahrhunderte angestammten Ort stattfinden wird, sendete die ARD einen Tatort (Tatort Leipzig: Im Schutt der Paulinerkirche), der sich sowohl mit der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli als auch mit dem damit verbundenen Kunstraub beschäftigte.


Quelle: http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=3647927&pg=1

FLUCHT und AUSREISE
Diskussionsforum - 06.12.2009 16:41

Zum Thema PAULINERKIRCHE sandte Wieland ZUMPE aus Leipzig heute eine Mail mit folgendem Inhalt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

um es gleich vorwegzunehmen: Auch wenn dieser mdr-Tatort sicherlich wieder Geschichte nur anklingen lassen kann, wird ein Millionenpublikum andeutungsweise mit der Realität vertraut gemacht, daß (Brandenburg läßt derzeit grüßen) DDR-Staatsverbrechen von ihren Nutznießern in Form von SED-, HV A-, B-, KGB- und weiteren Kaderchargen ungewendet und neu vernetzt unterdrückt, totgeschwiegen, geklittert und auf Kosten der Steuerzahlen geschönt werden.

Nur so werden die Skandale wie um die Leipziger Olympiabewerbung, den Leipziger City-Tunnel und jetzt um den "Verbrecher-Campus" für die Universität Leipzig verständlich.

Während vor hundert Jahren die Feier ein Ereignis mit den Bürgern war, kamen am 2.12.2009 die Gäste abgeschottet und von hohem Sicherheitsaufgebot begleitet über den Hintereingang.

Während im Neuen Gewandhaus unter besten Veranstaltungsbedingungen 1900 Menschen gemeinsam diesem Tag hätten gedenken können, wurden hunderttausende Euro allein dafür verpulvert, abgeschirmt einen pompösen Kraftakt zu zelebrieren.

Statt sich auf die Universität mit ihrer einmaligen Bau-, Geistes- und Kulturgeschichte zu besinnen, erlebt der Steuerzahler die Frucht von Geschichtsfälschung und -klitterung.

Von Martin Luther selbst im Jahre 1545 als erste deutsche Universitätskirche geweiht, worin er in seiner Predigt das treffend als "Mördergrube" beschreibt, was derzeit entsteht, erlebt der Betrachter nun die Tristesse eines monströsen Konglomerates.

Und im Innern eröffnet sich eine Fabrikhalle, von denen es zweifellos schönere und preiswertere gibt. Denn was sieht man auf den bunten Bildern des 2.12.2009?

  • eine Frontalausrichtung des Betonraumes wie in den Lossow-Plänen aus Zeiten des Nationalsozialismus 1936/37
  • überdimensionierte Epitaphienabbildungen auf Pappe in ebensolcher Anbringung gemäß Lossow
  • ein durchgehendes penetrantes, kitschiges Blau- und Rotlichtmilieu
  • eine Decke wie bei einem Bunker
  • eine Diskobühne mit Scheinwerferladen
  • Glasfirlefanz an einer Betonsäule gleich einem Lego-Baukasten...

Was man nicht erahnen kann, sind indes laute Lüfter und die geplante Aquarium-Glaswand sowie eine ganze Reihe weitererUnannehmlichkeiten und böser Überraschungen, die zwangsläufig folgen werden u.a. für den gesamten erhaltenen Bestand der Paulinerkirche.

Alles in allem realisiert sich gerade der Kitsch, die Attrappen- und Pseudokultur o.g. Spitzel, Fälscher und Fürsprecher eines neobolschewistischen Mobs, den sie ihren vermeintlichen "Gegnern" in der Diskussion um den spendenmittelfinanzierten Wiederaufbau vorwarfen.

Die Perversion des Einsatzes von Steuergeldern geht unter Herrn OBM Burkhard JUNG sogar so weit, daß Mittel des Konjunkturpaketes II nicht etwa genutzt werden sollen, um nationale Kulturschätze aus der Etzoldschen Sandgrube zu bergen, sondern diesen Ort der Schande zu hübschen und Verbrechen zu klittern.

Was fehlt, ist somit weiter die Aufarbeitung zweier deutscher Diktaturen in Leipzig einschließlich Stasi-Überprüfungen u.a. an der Universität und die Schließung des Nachholbedarfs an damit verbundener unterdrückter Bildung. Was bleibt, ist weiterhin langfristig die Forderung nach dem originalgetreuen Wiederaufbau. Erste Spenden dafür sind unter dem Stichwort 5 Euro für St. Pauli bereits eingegangen:

Betreff: Paulinerkirche
Wieland Zumpe
Deutsche Bank BLZ: 860 700 24
Konto-Nr.: 1323 955 60

Der eigentliche Skandal des 2.12.2009 ist, daß unweit des Leipziger Stadtzentrums anonym verscharrt und in Kindersärgen die sterblichen Überreste derjenigen gepfercht sind, die die Universität erst zu Ruhm und Ehren brachten.

Aber darüber mehr nach der Ausstrahlung des Filmes.

Mit freundlichen Grüßen

Wieland Zumpe
Philipp-Rosenthal-Straße 21
04103 Leipzig

ausführlichere Informationen: www.paulinerkirche.org

Siehe hierzu auch:
KOCH, Dr. Dietrich:
"Die Sprengung der Leipziger Universitätskirche"

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Sehr geehrter Herr ...,

auch wenn es „nur“ ein dokumentarisch ausgerichteter Kriminalfilm war, fordert dieser einige Ergänzungen. Genau 20 Jahre, nachdem sich Herr Dr. Schalck in die Obhut Westberliner Behörden begab, ist das „Milliardengeschäft“ der 1968 in Profilierung befindlichen Kommerziellen Koordinierung bis heute nicht aufgeklärt, und sicherlich können einige Zeugen (insbesondere aus dem Berliner Raum) ihr Schweigen – wie im Film geschehen – beenden.

Denn der generalstabsmäßig organisierten Geheimaktion des MfS entging nichts. Da wurden die geraubten Grabbeigaben bereits in der Paulinerkirche namentlich registriert und verpackt. Und Hehler und Käufer haben Belege für ihre Geschäfte. Keiner der Lieferwagen bot die Möglichkeit, etwas zu entwenden. Und kein Leipziger Kunsthändler hätte je den Grabschmuck in Augenschein nehmen können, geschweige denn zur Messe damit Geschäfte gemacht.

Die Frage, warum diese Verbrechen der Aufklärung harren, beantwortet der Film mit brennender Aktualität in dem Satz der Seilschaften des Kunsthändlers Kleeberg (für Hauptabteilung Aufklärung des MfS einschließlich Militärspionage) und des ehemaligen Kripobeamten Zirner (für MfS): „Du warst dabei. Du mußt Dich drum kümmern.“ Bis heute – 2009 –, heißt die notwendige Ergänzung zu diesem Satz.

Wenn eine Universität ihre Geschichte unterdrückt, ist das kein Werk eines Einzelnen. Wenn Rektor Häuser seine Amtsvorgänger bzw. hochgestellte Juristen, die in der Paulinerkirche begraben waren (ein ganz kleiner Beleg ist unten angeführt), verleugnet und stattdessen vorsätzlich auf den ehemaligen und in der Tiefe unter der Bodenplatte noch immer vorhandenen Gräbern Geschichtsfälschung mit einem „Paulinum“ betreibt und möglichst noch Bankette veranstalten will (die Grundplatte der SED-Bauten wurde nicht entfernt, andere Teile des historischen Bodens wurden einfach mit Beton zugegossen), stellen sich grundlegende ethische Fragen.

Denn natürlich ist auch mehr bekannt, als aus meinen bisher veröffentlichten Quellen entnommen werden konnte. Das betrifft insbesondere den Verbleib der sterblichen Überreste von über 800 namhaften Persönlichkeiten, insbesondere der Universität.

Aus diesem Grunde bitte ich Zeitzeugen, nicht länger Schweigeverpflichtungen über eigenes Leben und die eigene Verantwortung zu stellen. Das gegenwärtig entstehende Monstrum ist der beste Beleg, daß die Fortsetzung von Kulturbarbarei nur weiteren Schaden verursacht.

Mit freundlichen Grüßen

Wieland Zumpe

http://www.paulinerkirche.org
http://www.paulinerkirche.org/graeber.htm

Anschrift: Wieland Zumpe , Philipp-Rosenthal-Straße 21 , 04103 Leipzig

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einige Belege, siehe jeweilige Schlüsselseiten


Quelle: http://www.bild.de/
© BILD Leipzig - 05.12.2009 - 12:40 UHR

"FALSCHES LEBEN"

Die Wahrheit über den neuen Pauliner-Tatort

Die Sprengung der Uni-Kirche als Thema für einen Sonntags-Krimi? In BILD erklären die TV-Produzenten, warum sie diesen Film unbedingt machen mussten

Von PETRA GEBAUER

Ein TATORT aus Leipzig geht immer unter die Haut. Doch diesmal wird´s extra spannend: In „Falsches Leben“ (morgen 20.15 Uhr, ARD) führen die Ermittlungen der Kommissare Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke) tief in die Vergangenheit zurück: bis zur Sprengung der Paulinerkirche im Mai 1968.

BILD sprach mit TATORT-Produzent, Jan Kruse (40) und Redakteur Sven Döbler (47).

BILD: Wie kamen Sie auf die Paulinerkirche?

Döbler: „Kepplers Pensionswirt Schmitz ist bei unseren Zuschauern sehr beliebt. Deshalb wollten wir für ihn eine Geschichte entwickeln. Da er ein alter Leipziger ist und die Ereignisse um die Paulinerkirche die Menschen immer noch sehr bewegen, kamen wir auf die Idee, unsere Geschichte damit zu verbinden.“

BILD: Wie wurde die Idee zur Story?

Döbler: „In Dokumentationen über die Kirche wurden verschwundene Grabbeigaben erwähnt. Auch soll sich eine Studentin kurz vor der Sprengung in die Kirche geschlichen haben. Sie ist bis heute verschwunden...“

BILD: Welche Quellen nutzten Sie?

Kruse: „Es gibt Bücher und Dokumentationen über Augusteum und Unikirche. Und das Universitätsarchiv hat uns sehr unterstützt.“

BILD: Konnten Sie Recherche-Material direkt im Film verwenden?

Kruse: „Ja. Es gibt Originalaufnahmen, die nie gezeigt wurden. Die Zuschauer bekommen sie in Kepplers Pension kurz zu sehen.“

BILD: Hat jemand von Ihnen eine Beziehung zur Paulinerkirche?

Döbler: „Ich bin Leipziger. Beim Studium an der Karl-Marx-Uni sah ich die Glocke im Innenhof... Als ich meiner Familie von dem TATORT erzählte, erzählte mein Vater plötzlich, dass er in der Nacht vor der Sprengung dienstlich in Leipzig war. Er wohnte im Hotel Deutschland, direkt gegenüber. Am nächsten Tag sah er die Kirche zusammenkrachen. Er hatte noch nie darüber gesprochen...“

BILD: Gab´s Probleme beim Dreh?

Kruse: „Kurz vor Drehbeginn kam der Frost, die offenen Stellen am Rohbau wurden mit Brettern zugenagelt. Das Gebäude sah täglich anders aus. Zudem wurde der Mendebrunnen renoviert und auch die Eisbahn auf dem Augustusplatz stand uns zeitweilig im Weg.“

BILD: Was hat Sie beeindruckt?

Kruse: „Wir durften in der Kustodie filmen. Quasi ein Heiligtum. Dort werden die geretteten Kunstwerke aus der Kirche aufbewahrt. Wir konnten die originalen Epitaphe filmen.“

BILD: Der TATORT läuft zeitnah zum Universitätsjubiläum...

Döbler: „Das war unser ausdrücklicher Wunsch. Der Dreh musste pünktlich abgeschlossen sein.“

BILD: Wird das Thema Paulinerkirche in der ARD funktionieren?

Kruse: „Ja. Wir wollen zeigen, dass Leute für etwas gekämpft haben. Im Film schlagen wir anhand des Jugendzentrums eine Brücke in die Gegenwart. Wir setzen auf lokale Themen – das Authentische macht den Leipziger Tatort ja aus.“


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 23. April 2009 (Seite 18)
© LVZ-Online, 23.04.2009, 14:40 Uhr

Monika Harms spendet für Grabdenkmal-Restaurierung

Leipzig. Generalbundesanwältin Monika Harms (62) unterstützt mit ihrem Mann die Restaurierung eines Grabdenkmals aus der Leipziger Paulinerkirche. Mit der großzügigen Spende des Ehepaars sei es nun möglich, die von Käfern verursachten Schäden an dem Epitaph aus dem 18. Jahrhundert zu beseitigen, teilte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz am Donnerstag in Leipzig mit. Das 1768 weitgehend aus Holz gefertigte Grabdenkmal erinnert an den Juristen Ferdinand August Hommel (1697-1765), der 1739/40 Rektor der Leipziger Uni war. Wie viel Harms spendete, wurde nicht bekanntgegeben.

In der 1968 auf Geheiß der DDR-Oberen gesprengten Paulinerkirche befanden sich dutzende Denkmäler aus Stein, Holz oder Metall, die an Verstorbene erinnern. 40 dieser Epitaphien wurden vor der Sprengung aus dem Gotteshaus gerettet und lagerten dann über Jahrzehnte in Depots. Die meisten erlitten dadurch schwere Schäden. Die Restaurierung der Werke aus dem 16. bis 18. Jahrhundert kostet etwa 600 000 Euro, für einen Teil der Summe werden noch Spender gesucht.

dpa

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung - Dienstag, 8. Januar 2008
© Mitteldeutsche Zeitung

Totentanz im Kirchenschiff

Vor 40 Jahren wurde die Leipziger Uni-Kirche gesprengt - Von den dort beigesetzten Toten fehlt jede Spur

Kunst und Gebeine: Vor ihrer Sprengung im Mai 1968 wurde die Paulinerkirche geräumt - eine barbarische Aktion. Ein Augenzeuge blickt zurück.

Von unserem Redakteur Alexander Schierholz

Leipzig/MZ. Die Erinnerungen an jene Tage und Nächte im Mai 1968 muss Winfried Krause nicht mühsam hervorkramen. Sie verfolgen ihn regelmäßig in seinen Träumen. „Immer wieder sehe ich die Toten vor mir“, sagt er in die Stille seines Wohnzimmers. „Und gestunken hat es, ganz furchtbar gestunken.“ Es ist der 23. Mai 1968, als der damals 26-Jährige von seinem Betrieb abkommandiert wird zu einem Sondereinsatz: Die Uni-Kirche St. Pauli muss geräumt werden, wenige Tage später soll sie gesprengt werden. In Bussen mit verhangenen Scheiben werden rund 30 Arbeiter aus ganz Leipzig in eine Baracke im Süden der Stadt gebracht. Sie werden fotografiert und ärztlich untersucht. Sie erhalten Sonderausweise, die sie später wieder abgeben müssen. Sie werden vergattert zu schweigen - sonst droht Gefängnis. Und sie erhalten gutes Geld - zehn Mark pro Stunde. „Normal waren 1,65“, sagt Krause.

Einen Tag lang räumen die Männer, begleitet von Aufpassern der Stasi, das Gestühl, Epithaphien und Kruzifixe aus der Paulinerkirche. Am zweiten Tag, einem Sonnabend, müssen sie zunächst weiße Kindersärge in die Kirche schaffen. Eine neue Situation: Von Toten ist bisher nicht die Rede gewesen. Steinmetze haben die Grüfte unter dem Fußboden geöffnet. Verwesungsgestank liegt in der Luft.

Was Krause dann berichtet, klingt wie ein Albtraum: Unten in den Grüften klauben Männer Knochen, Kleiderreste und Grabschmuck aus den Sarkophagen, stopfen sie in die Särge. Oben nageln Krause und andere die Deckel drauf, zwei Nägel rechts, zwei links, der Tischler weiß es noch genau. „Wenn Knochen überstanden, hab’ ich sie wieder reingeschoben.“ Bevor sie die Särge verschließen, geben sie den Schmuck an Aufpasser ab. Krause erinnert sich an „goldene Rosen“, große verzierte Teller, darauf eingraviert Name, Geburts- und Sterbedatum des Verstorbenen. Es ist ine bestialische Arbeit im Akkord. „Ich habe bestimmt 400 Särge zugenagelt“, sagt Krause. Das wäre die Hälfte der nach Expertenschätzungen in der Uni-Kirche Beige setzten. Über Jahrhunderte diente St. Pauli als Begräbnisstätte für Universitäts-Angehörige, für Professoren und Honoratioren.

Der Bericht des Winfried Krause klingt unglaublich. „Aber vieles spricht dafür, dass er stimmt“, sagt Manfred Wurlitzer. Der Physikdozent im Ruhestand gehört dem Paulinerverein an, der sich jahrelang vergeblich für den Wiederaufbau der Kirche eingesetzt hat. Als Wurlitzer vor einigen Jahren die Geschichte erstmals hört, beginnt er in Archiven zu forschen. Er stößt unter anderem auf eine Notiz, aus der hervorgeht, dass Krause bei „Abbrucharbeiten“ in der Paulinerkirche beschäftigt war. Er spricht mit anderen Zeitzeugen, die sich heute aber nicht öffentlich äußern wollen. Die Männer berichten übereinstimmend von Details, von denen sie kaum wissen könnten, wären sie nicht dabei gewesen im Mai 1968. Einige Schilderungen hat Wurlitzer in Archiven belegt gefunden. Etwa die dreistöckigen Grüfte, an die Krause sich erinnert. Oder die Legende von der Grabanlage, die für die Toten aus der Kirche auf dem Leipziger Südfriedhof errichtet werden sollte - so war es den Männern erzählt worden.

Doch auf dem Friedhof sind die sterblichen Überreste nach Auskunft der Stadt nicht beigesetzt.
Wo sind sie dann?
Mit den Trümmern der Kirche in einer Sandgrube abgekippt?
Warum wurden nur zwei Gräber, darunter das des Philosophen Christian Fürchtegott Gellert, umgebettet?
Nur einige der Fragen, die noch offen sind.
Eine weitere: Wo ist der Grabschmuck? Seine Spur hat sich verloren, während andere Kunstgegenstände aus St. Pauli geborgen wurden - wenn auch längst nicht alle.

Fest steht: Partei- und Staatsführung haben es eilig. Die Sprengung der Kirche ist lange geplant, die Menschen wissen das. „Es kamen täglich Leute auf den Augustusplatz“, erinnert sich Wurlitzer, „viele Studenten protestierten mit Eingaben.“ Man wollte offenbar verhindern, dass der Widerstand noch zunimmt, deshalb die überstürzte Räumung. „Das war Angst vor der Öffentlichkeit“, sagt der 73-Jährige. Hinweise von Fachleuten, die fachgerechte Bergung der Kunstschätze und die Exhumierung brauchten mehr Zeit, werden deshalb in den Wind geschlagen.

Für Tobias Hollitzer „ein Skandal“. „Das war alles andere als ein würdiger Umgang mit einem religiös-gesellschaftlichen Ort und mit Toten“, sagt der Leiter des Leipziger Stasi-Museums. Weil es keine Spuren mehr gebe, gebe es keine Möglichkeit der Auseinandersetzung. So bleiben den Zeitzeugen nur ihre Erinnerungen - und ihre Träume.

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UNIVERSITÄTS-KIRCHE

Den SED-Planern ein Dorn im Auge

Errichtet als Kirche des Dominikanerordens im 13. Jahrhundert wurde die Leipziger Paulinerkirche am Augustusplatz 1545 von Martin Luther zur evangelischen Universitäts - Kirche geweiht. Sie diente als Promotionsort, Aula und Begräbnisstätte für Professoren und deren Familien. Auf Geheiß der SED-Machthaber wurde das Gotteshaus am 30. Mai 1968 gesprengt, wenig später auch das nahe Uni -Gebäude Augusteum. Beide passten nicht ins Bild der SED-Planer zur Umgestaltung des Leipziger Zenrums und der 1953 in Karl -Marx-Universität umbenannten Hochschule.

Mittlerweile sind die nach 1968 errichteten Uni-Gebäude abgerissen, bis 2009 - zum 600-jährigen Bestehen der Hochschule - entsteht am Augustusplatz ein neuer Campus.
Nach langem Streit steht fest: Die Paulinerkirche wird nicht wieder aufgebaut. Die neue Pauliner-Aula, entworfen von dem niederländischen Star-Architekten Erick von Egeraat, greift aber die Kirchensilhouette auf.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 25. Oktober 2007 (Seite 22)
© Leipziger Volkszeitung

„Eine Kulturschande ersten Ranges“

Wissenschaftler erforscht geheime SED-Aktion in der Paulinerkirche

Im Jahr 1968 exhumierte die SED heimlich aus der Paulinerkirche mehrere hundert Leichen und brachte sie mitsamt Grabbeigaben an einen unbekannten Ort. Es klingt nach Verschwörungstheorie, was in den Tagen vor der Sprengung der Kirche am 30. Mai 1968 vonstatten gegangen sein soll. Durch einen Zeitzeugen erfuhr der Leipziger Physiker Manfred Wurlitzer rund 35 Jahre später von diesen Vorgängen. Nach eingehender Recherche kommt er zu dem Schluss: „Vieles deutet darauf hin, dass sich die SED-Führung damals tatsächlich eines solchen Vergehens schuldig machte.“

Der Anruf kam im Jahr 2002. Ein gewisser Winfried Krause wollte mit Wurlitzer, damals stellvertretender Vorsitzender des Paulinervereins, sprechen. Sein Bericht war aufrüttelnd: Krause erzählte von einer Geheimaktion im Mai 1968, an der er als Hilfsarbeiter teilgenommen habe. Wie in Wurlitzers noch nicht veröffentlichtem Forschungsbericht zu lesen ist, erzählt Krause, er sei am 22. Mai 1968 für einen Sondereinsatz angeworben worden. Ein Bus habe ihn zu einer Baracke gebracht, in der er einen Ausweis für die Zone 3, den Zutritt zur Paulinerkirche, erhalten habe. Zudem habe er eine Schweigeverpflichtung unterschreiben müssen. Am 24. Mai hätten die Demontagen von Kunstwerken in der Kirche begonnen - und die Bodenbohrungen, weil im Untergrund Grüfte vermutet wurden. „Immer drei Löcher gleichzeitig. Dann kamen Gase raus“, berichtete Krause. Seine Aufgabe sei es gewesen, die zuvor angelieferten Kindersärge zu verschließen, in welche die aufgefundenen Leichen gelegt wurden.

„Ich wollte die Geschichte genau recherchieren, bevor ich sie veröffentliche“, sagt Wurlitzer. Über Jahre wälzte er Archivunterlagen, unter anderem über IM „Steinbach“, der jahrelang im Büro des Chefarchitekten tätig war. Der Kontakt mit weiteren Zeitzeugen überzeugte den Wissenschaftler schließlich, dass die Aktion stattgefunden habe. Auch wenn sie bisher nur von Krause in dieser Ausführlichkeit bestätigt wurde. Wurlitzer versuchte auch, an die damaligen Verantwortlichen heranzukommen. Diese Bemühungen hätten jedoch keine Früchte getragen, sagt er. Mittlerweile sieht sich Wurlitzer an seinen Grenzen: „Jetzt wäre Forschung von institutioneller Seite wünschenswert.“ Vor allem bezüglich der Frage, wo die sterblichen Überreste aus der Paulinerkirche jetzt sind. „Sie sollten auf den Südfriedhof kommen. Dort sind sie aber nachweislich nicht“, sagt Wurlitzer. Zudem würde er gerne wissen, was mit den Grabbeigaben geschah. Dass es keine gegeben haben soll, hält er für unwahrscheinlich. Weil die Vorbereitungen so schnell stattfanden, glaubt Wurlitzer, dass die Verantwortlichen sich bewusst waren, eine „Kulturschande ersten Ranges“ zu begehen. Dennoch wurde die Paulinerkirche gesprengt.

Mit seiner Arbeit möchte Wurlitzer nach eigener Aussage vor allem erinnern. An ein totalitäres System, das im rechtsfreien Raum agierte. Was ihn aktuell beschäftigt, ist die archäologische Betreuung der Baustelle am Augustusplatz. Er hätte sich die Einplanung einer gründlichen Ausgrabung gewünscht.

Jennifer Fraczek

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26.11.2007 - MDR-Info: "Archäologen und die Paulinerkirche"

MDR-Info bringt am heutigen Tag wiederholt einen Beitrag zu den gravierenden archäologischen Versäumnissen am Augustusplatz.

Internet: http://www.mdr.de/mdr-info/5038345.html

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Quelle: http://www.mdr.de/mdr-info/5038345.html
© MDR-info | 26.11.2007

Hörer machen Programm

Archäologen und die Paulinerkirche

Die Sprengung der Leipziger Paulinerkirche 1968 ist ein bitteres Kapitel der Geschichte. Unser Hörer Robert Kluge aus Leipzig hat uns auf Gerüchte aufmerksam gemacht, wonach die Archäologen nicht genug Zeit hatten, vor einem Neubau auf dem Gelände ordentlich zu graben.
Elisabeth Ihme hat sich erkundigt.

Zur Erinnerung: Hunderte Tote sollen unter St. Pauli die letzte Ruhe gefunden haben. Von dreistöckigen Grüften mit den Gebeinen von Martin Luthers Sohn, verstorbenen Universitätsrektoren und wertvollen Grabbeigaben ist die Rede. Es gibt einen Zeitzeugen, den heute 65jährigen Winfried Krause. Er hat die Kirche vor der Sprengung 1968 mit ausgeräumt. In einer Geheimaktion wurden die Grüfte aufgebrochen. Krause spricht von Ringen und Goldschmuck:

    "Jede Tote hatte auf ihrem Brustkorb – wie ein Tortenteller so groß – eine Rose. Also es sah wie eine Rose aus. In der Mitte war der Name und was sie war, als was sie gestorben ist. Und ich habe ja immer gesucht. Ich dachte im Museum oder irgendwo würde ich so was wieder finden."
    Winfried Krause, Augenzeuge

In den 70er Jahren wurde auf dem Kirchengrund die Universität errichtet. Derzeit entsteht hier ein neues Uni-Gebäude. Bei den Grabungen dafür wurden aber weder Schätze noch Grüfte gefunden. Das hat den Paulinerverein stutzig gemacht. Der Verein hatte sich für den Wiederaufbau der Kirche eingesetzt, den Kampf aber verloren. Nun wirft er den Archäologen Halbherzigkeit vor: sie hätten nicht tief genug gegraben. Manfred Wurlitzer vom Paulinerverein:

    "Jetzt hätte man nun, um diese Sache nachzuholen, für eine wissenschaftliche Aufarbeitung meiner Meinung nach alles entfernen müssen, was die DDR da drauf gebaut hat. Also alle Betonteile und so weiter, und dann hätte man erst sehen können, was an Resten noch übrig wäre, was die Archäologen untersuchen könnten."
    Manfred Wurlitzer, Paulinerverein

Unseren Leipziger Hörer hat das erschüttert. Wurde tatsächlich die Chance verpasst, einen handfesten Beweis für die Reichtümer der Paulinerkirche zu finden? Christoph Heiermann, Sprecher des Landesamtes für Archäologie versteht diese Rüge nicht.

    "Nein, das ist völlig unmöglich. Wir haben mit dem Bauträger eine ganz enge Kooperation gehabt. Immer wurde uns erlaubt, an den Punkten, an denen gebaut wurde, unsere Beobachtungen zu machen und unsere Dokumentationen durchzuführen."
    Christoph Heiermann, Sprecher Landesamt für Archäologie

Das Thema ist emotional geladen. Die Archäologen haben Vertreter des Paulinervereins zu Führungen auf dem Grabungsgelände geladen. Doch bislang ließen sie sich nicht von den Forschern überzeugen. Fakt ist: Was sich genau unter der vernichteten Paulinerkirche befand und wohin die Kunstschätze verschwanden, weiß bislang niemand sicher. Unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen gibt es bislang nicht.

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Lesen Sie hierzu:
Leipzigs unheimliche Baugrube


Anfrage an den Oberbürgermeister
zur Ratsversammlung am 14.11.2007

Die Anfrage stellt
Karl-Heinz Obser
DSU-Stadtrat

Aufklärung des Verbleibes von sterblichen Überresten und Grabbeigaben aus der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli - Mitverantwortung und Mitwirkungspflichten der Stadt Leipzig

Die Anfrage nimmmt Bezug auf aktuelle Medienberichte.

  1. Wie stellt sich für die Stadtverwaltung ihre Mitverantwortung zur restlosen Aufklärung des Verbleibes einer Vielzahl von sterblichen Überresten, z.T. prominenter Toter dar, die bis Mai 1968 in der Universitätskirche St. Pauli bestattet waren und einschließlich wertvoller Grabbeigaben an bis heute unbekannte Örtlichkeiten verbracht wurden?
  2. Welche Unterstützung zu weiteren notwendigen Recherchen, z.B. durch zur Verfügungstellung von Unterlagen oder finanzielle Beteiligung an noch zu initiierenden Forschungsvorgaben, einschließlich eigener Durchführung von Untersuchungen hält die Stadtverwaltung für denkbar.

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In der Ratsversammlung am 14. November 2007 konnte diese Anfrage aus Zeitgründen nicht mehr beantwortet werden.
Es wurde festgelegt, daß der Einreicher eine schriftliche Antwort des Dezernates Kultur bekommt.

Antwort

Zunächst möchte ich den - allerdings sehr kargen - Kenntnisstand in dieser Angelegenheit kurz schildern. Am 23. Mai 1968 stimmten die Leipziger Stadtverordneten der Sprengung der Universitätskirche zu. Bereits am 30. Mai 1968 wurde die Kirche gesprengt.

Nur eine knappe Woche blieb also damals, um Kunstgegenstände. Epitaphe und andere Kostbarkeiten aus der Kirche zu entfernen.

In der Universitätskirche gab es auch zahlreiche Grabstätten; auch sie wurden aus der Kirche entfernt. Alles geschah unter strengster Geheimhaltung.

Leider kennen wir zur Zeit nur den Verbleib von zwei Gräbern.

So sind die Gebeine von Christian Fürchtegott Geliert noch rechtzeitig geborgen und am 2. August 1968 auf dem Südfriedhof beigesetzt worden. Die Grabstätte ist mit der originalen barocken Grabplatte der Gebrüder Gellert vom Alten Johannisfriedhof gekennzeichnet. Die fachgerechte Überarbeitung und Sicherung der Grabplatte ist im Auftrag der Stadt (Kulturamt) vorgenommen worden. Die Grabstätte wird von der Stadt erhalten und gepflegt.

Außerdem sind die Gebeine von drei Verstorbenen der Familie Schmid/Lochius aus der Gruft Nr. 5 der Paulinerkirche geborgen worden. Sie wurden am 1. August 1968 auf dem Südfriedhof beigesetzt. Auch diese Grabstätte wird von der Stadt erhalten und gepflegt.

In Zeitungsberichten war die Rede davon, dass es rund 800 Grabstätten in der Universitätskirche gab. Ob diese Zahl stimmt und was mit den Gräbern geschah, weiß niemand genau. Ein Zeuge berichtet, dass die Gebeine in Kindersärge gebettet und dann weggefahren wurden.

Es ist nach der derzeitigen Sach- und Aktenlage auszuschließen, dass weitere Gebeine aus der Universitätskirche auf dem Südfriedhof beigesetzt wurden. Für den Verbleib der anderen Grabstätten gibt es unterschiedliche Thesen, aber keine gesicherten Erkenntnisse. So heißt es unter anderem, dass der Schutt der Paulinerkirche - und mit ihm die Gebeine - in die Etzoldschen Sandgrube gebracht wurden. Außerdem werden der Alte sowie der Neue Johannisfriedhof genannt.

Zwischen der Abteilung Friedhöfe im Grünflächenamt der Stadt und dem Paulinerverein besteht ein ständiger Kontakt, um gegebenenfalls neuen Erkenntnissen nachgehen zu können. Mitglieder des Paulinervereins wurden aktiv bei Recherchen unterstützt. Ohne diese Unterstützung wäre z.B. die Publikation von Dr. Manfred Wurlitzer und Herrn Wieland Zumpe über „Zerstörte Grabstätten der Leipziger Universitätskirche nach Berichten von Zeitzeugen" (Erscheinungsjahr: 2005) nicht möglich gewesen.

Die Anfrage von Herrn Obser haben wir zudem zum Anlass genommen, das Landesamt für Archäologie, das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen und das Evangelisch- Lutherische Landeskirchenamt um Unterstützung zu bitten.

Sobald hier die Antworten vorliegen, möchte ich zu einem Gespräch an meinem Tisch einladen, um dieses Thema und den Umgang damit sorgfältig zu erörtern und dann auch die Rolle zu definieren, die die Stadt in diesem Prozess sinnvoller Weise übernehmen kann.

Dr. Girardet
Beigeordneter für Kultur

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Lesen Sie:
Liste der Gräber


Quelle: http://mephisto976.uni-leipzig.de/artikel,23942.html
© mephisto 97.6: 1. November 2007

Geschrieben von jscha am 01.11.07 um 12:41:53

Wie kommen die Knochen in die Baugrube...?

Eine riesengroße Baustelle - diesen Eindruck gewinnt man, wenn man derzeit durch die Leipziger Innenstadt schlendert. Überall wird gebaut - und eine Baustelle sorgt besonders für Ärger und Diskussionen: Der Neubau der Universität am Augustusplatz.
Bis 1968 stand dort die Paulinerkirche. Das Gotteshaus wurde auf Geheiß der SED-Führung gesprengt. Viele Leipziger beklagen noch heute, dass die Kirche aus dem 13. Jahrhundert zerstört wurde. Manche fordern sogar einen originalgetreuen Wiederaufbau. Losgelöst von dem Streit Wiederaufbau oder nicht, kamen diesen Sommer unheimliche Dinge ans Licht. Dort, wo die Paulinerkirche einst stand, fanden Archäologen Menschenknochen.

Sabine Schön berichtet

Wie kommen Knochen in die Baugrube der Universität Leipzig? Um diese Frage zu beantworten, muss man weit zurück blicken. Zu den Knochenfunden gibt es viele Spekulationen. Einige vermuten die Gebeine stammen aus der Gruft der Paulinerkirche. Sie stand auf dem heutigen Universitätsgelände, bis die SED-Führung sie 1968 sprengen ließ. Das Landesamt für Archäologie hat die Knochenfunde untersucht. Der Sprecher Christoph Heiermann erklärt, dass die Knochenfunde aus der Zeit vor 1400 stammen.

Auch wenn die Knochen nicht von St. Pauli stammen – das Thema Paulinerkirche und deren Sprengung beschäftigt immer noch viele. Was genau im Mai 1968 geschah, ist bis heute unklar. Aber es gibt Augenzeugen. Einer davon ist Winfried Krause. Er musste damals bei der Räumung der Kirche helfen. Genauer er musste Leichen und Skelette aus der Gruft der Kirche schaffen. Ein sogenannter Sondereinsatz, der sehr gut bezahlt war.

Schreckliche Tage waren es bis zur Sprengung, erinnert sich Krause. Immer wieder wurden Särge geöffnet, Grabbeigaben entwendet und Kunstschätze schnell aus der Kirche geschafft. Die Arbeit war körperlich, aber auch emotional sehr belastend. Selbst heute noch ist Winfried Krause sehr davon betroffen und kann sich nur schlecht zurück halten.

Lange Zeit dachte niemand an die Toten, die bis 1968 in St. Pauli begraben waren. Nicht so Manfred Wurlitzer. Er ist Mitglied des Paulinervereins, der das Andenken an die Kirche wach halten will. An die These der 800 Begrabenen in St. Pauli glaubt auch Wurlitzer. Viele der Beigesetzten waren frühere Universitätsprofessoren. Seit Jahren befasst sich Wurlitzer mit der Zeit rund um die Sprengung der Kirche. Er ist sich sicher, dass die Aussagen der Zeitzeugen wahr sind.

Es ist also wahrscheinlich, dass es kostbare Grabbeigaben gab. Doch wo diese sich befinden, weiß niemand. Dieses Thema wird die Leipziger wohl noch lange beschäftigen. Ein großer Teil ihrer Geschichte wurde mit der Sprengung der Paulinerkirche zerstört. Wurlitzer hätte sich gewünscht, dass das Landesamt für Archäologie den Baugrund am Augustusplatz ausführlicher untersucht hätte. Doch dessen Sprecher betont, dass alles ordnungsgemäß bearbeitet wurde und hält weitere Untersuchungen für unnötig.


Quelle: http://www.mdr.de/artour/4892035.html
© artour | MDR FERNSEHEN | 11.10.2007 | 22:05 Uhr

Wie die SED die Totenruhe störte

Über die Entsorgung der Gebeine aus der Paulinerkirche

Mit der Sprengung der Leipziger Paulinerkirche 1968 hat die SED offensichtlich einen viel größeren Frevel begangen als bisher öffentlich diskutiert wurde. Nicht nur, dass sie mit Dynamit ein Gotteshaus aus Leipzigs Mitte verschwinden ließ - auch die in der Kirche bestatteten Gebeine unzähliger Toter hat die Partei offenbar entsorgen lassen.

Von den Toten fehlt jede Spur

"Im Jahre 1964 schätzte Prof. Dr. Hans Nadler, Architekt und Denkmalpfleger, die Zahl der in der Leipziger Universitätskirche St. Pauli begrabenen Persönlichkeiten auf ca. 800. Otto von Münsterberg, der erste Rektor der Universität, wurde 1416 im Untergrund der Kirche beigesetzt wie viele Professoren, sächsische Fürsten, Adlige, Bürgermeister und verdiente Bürger."(Quelle: Grit Hartmann, Berliner Zeitung) Unter ihnen auch die Leiche von Paul Luther, dem Sohn des Wittenberger Reformators. Die genaue Zahl der Gebeine, die in der Kirche am Leipziger Augustusplatz begraben lagen, kann man aber nicht benennen. Bis heute fehlt jede Spur der Toten. Offiziell wurden damals alle Toten aus der Kirche auf den Südfriedhof umgebettet. Dort findet sich heute zumindest ein Grab des Fabeldichters Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769), der nach seinem Tod in der Paulinerkirche beigesetzt worden war. "Sonst ist niemand hierher umgebettet worden", so der Leiter des Friedhofs, Albrecht Graichen.

Der wichtigste Zeitzeuge heißt Winfried Krause. Er meldete sich bereits im Jahr 2002 beim Paulinerverein und erzählte die unglaubliche Geschichte einer Barbarei. Um die letzten Tage vor der Sprengung 1968 ging es, als die Kunstschätze eilig aus der hermetisch abgeriegelten Kirche geschafft wurden, vor allem Epitaphien, die steinernen Grabplatten an den Wänden, und Gemälde. Er sei dabei gewesen, erzählte Krause, als Hilfsarbeiter. Und den 25. Mai, den Sonnabend, den habe er nie vergessen: An einem einzigen, vierzehn Stunden dauernden Arbeitstag wurden alle auffindbaren Grabstellen geöffnet, wertvolle Grabbeigaben eingesammelt und die Gebeine der Toten in Kindersärgen verstaut. "Die kommen auf den Südfriedhof" hieß es. Aber dort kamen sie niemals an. Was also geschah wirklich am 25. Mai 1968?


Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/magazin/690459-1.html
© Berliner Zeitung, 29.09.2007

Zone drei gesprengt

Das Geheimnis der Gebeine von St. Pauli.
Auf den Spuren einer barbarischen Mission

Grit Hartmann

Sprengung Es sind Menschenknochen gefunden worden diesen Sommer mitten in Leipzig, Schädel und Skelettteile. Als "Wunder von St. Pauli" waren sie gut für ein paar Schlagzeilen. Zuerst fragte ein Nachfahr des Reformators Martin Luther, ob es sich um die Gebeine des Luther-Sohns Paul handeln könnte, eines Mediziners und Alchemisten, verstorben im Jahr 1593. Ein Professor der Berliner Charité bot daraufhin an, das über einen DNA-Test herauszufinden. Dann kam ein Archäologe zu Wort, der fand, man müsse "den alten Krempel nicht mehr aufrollen". Seither sind die Knochen wieder aus den Nachrichten verschwunden.

Das liegt am Fundort: Die Gebeine kamen bei Ausschachtungen am Leipziger Augustusplatz ans Licht. Der Freistaat Sachsen, der hier die neue Universität baut, ist schon in Verzug. Bis 2009, zum 600. Gründungsjubiläum von Deutschlands zweitältester Uni, soll ein Gebäude des holländischen Architekten Erik van Egeraat stehen, ein seltsamer Zwitter, genannt Pauliner-Aula. Dort, wo erst vor Monaten ein Zweckbau des sozialistischen Studienbetriebs abgerissen wurde. Dort, wo zuvor mehr als 700 Jahre St. Pauli gestanden hatte, die Paulinerkirche, als Klosterkirche errichtet, später als Universitätskirche und Aula genutzt, mehrfach umgebaut, aber fast unverändert im spätgotischen Innern, mit einem Sternennetzgewölbe, so schön, sagen die Chronisten, wie es nur wenige gab in Deutschland. 1968 ließ die SED mit dem kriegsbeschädigten Augusteum, dem Hauptgebäude der Alma Mater, auch die intakte Kirche sprengen - ein Gotteshaus passte nicht zur Universität mit dem Namen Karl Marx und nicht auf den gleichnamigen Platz mit dem neuen Universitätshochhaus, Symbol für eine unentwegt emporstrebende Gesellschaft.

Die Zerstörung wurde in den Beschlüssen "Abtragung von Altbausubstanz" genannt, in so hartnäckiger Wiederholung, als müsse die Sprache endgültig einebnen, was am 30. Mai 1968 in einer Staubwolke versank. "Kulturbarbarei" lautet heute die feststehende Formel. Auch sie könnte Einebnung sein, denn womöglich hat eine ganz andere Barbarei stattgefunden. In Internetforen kursieren Andeutungen über ein Verbrechen, das "schwerwiegendste in der Geschichte der Universität Leipzig", über einen "Wissenschaftsfrevel", einen "Wirtschaftskrimi", über "Staatskriminalität".

Das hat mit den neuen Knochenfunden zu tun. Sie erinnern daran, dass St. Pauli bis ins späte 18. Jahrhundert Begräbnisstätte war. Otto von Münsterberg, der erste Rektor der Universität, wurde 1416 im Untergrund der Kirche beigesetzt wie viele Professoren, wie sächsische Fürsten, Adlige, Bürgermeister und verdiente Bürger, auch der Arzt Paul Luther, der Sohn des Reformators. Ein Historiker hat eine Liste ins Web gesetzt, zusammengestellt aus alten Büchern, mit Hunderten Namen. Die Toten sind verschwunden. Wann und wohin, das hat offiziell nie interessiert.

Der Wissenschaftler und der Zeuge – Manfred Wurlitzer (l.) und Winfried Krause (r.)
Wurlitzer und KrauseManfred Wurlitzer hält sich lieber raus aus dem zornigen Wirbel um die Knochen. Mit einer Arbeit zur "magnetischen Nachwirkung von Mangan-Zink-Ferriten" hat der heute 73-Jährige einst an der Universität promoviert. Den sachlichen Ton des Physikers hält er auch in seinen Briefen. Im August, nachdem die Gebeine auftauchten, schrieb Wurlitzer an den Ministerialrat Rainer Büchsenstein, den Leiter des Sächsischen Landesamtes für Archäologie, das die Knochen aus der Baugrube verwahrt: ". erlaube ich mir, Ihnen als Anlage einige Informationen über Vorgänge aus dem Jahr 1968 zuzusenden, die bisher in der Öffentlichkeit kaum bekannt geworden sind". Die Anlage meint Wurlitzers 150 Seiten starke Schrift "Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig. Kulturelle Schätze im Visier der Staatssicherheit". Das ist ein sehr nüchterner Titel angesichts des Inhalts. Wenn stimmt, was Wurlitzer recherchiert hat in Archiven, vor allem aber im Gespräch mit Zeitzeugen, dann sind auch die aufgeregten Postings in den Webforen noch untertrieben.

Der wichtigste Zeitzeuge heißt Winfried Krause. Er meldete sich im Jahr 2002 beim Paulinerverein, der sich vergeblich für den Wiederaufbau von St. Pauli einsetzte. Ein Kulturkampf, schrieben Zeitungen. Verloren haben ihn die, die in einer auferstandenen Kirche ein Symbol des Scheiterns der SED gesehen hätten. Vereinsvize Wurlitzer nahm Winfried Krauses Bericht am Telefon entgegen. Um die letzten Tage vor der Sprengung 1968 ging es, als die Kunstschätze eilig aus der hermetisch abgeriegelten Kirche geschafft wurden, vor allem Epitaphien, die steinernen Grabplatten an den Wänden, und Gemälde. Er sei dabei gewesen, erzählte Krause, als Hilfsarbeiter, und den 25. Mai, den Sonnabend, den habe er nie vergessen. Wurlitzer hat der Schilderung erst nicht ganz glauben können. Denn wäre es wahr, was Krause über diesen Tag erzählt, war er an einer geheimen Aktion beteiligt, über die eine Elite von SED-Funktionären bis heute eisern schweigt, wie man nur schweigt, wenn die Überzeugung, dass nicht existiert, worüber nicht gesprochen wird, überlebensnotwendig ist. Weil sich in einem einzigen, vierzehn Stunden dauernden Arbeitstag, in dieser Geschichte aus dem Abgrund von St. Pauli - sie handelt von 800 Toten, geschändet und verschwunden, von kostbaren Grabbeigaben, geraubt und verramscht - etwas verdichten würde, zum apokalyptischen Endbild, mitten im 68er Frühling.
Manfred Wurlitzer würde so nicht formulieren. Er spricht von einer verordneten Schweigeverpflichtung, der nach 1990 eine Schweigevereinbarung gefolgt sei. Er stieß auf Dokumente, die Krauses Bericht widersprechen, und auf andere, die ihn stützen. Er hat Experten befragt: "Der Wahrheitsgehalt des Zeitzeugenberichtes Krause muss hoch eingeschätzt werden", notierte Wurlitzer beispielsweise aus dem Telefonat mit dem inzwischen verstorbenen Landesdenkmalpfleger und DDR-Nationalpreisträger Hans Nadler, "da dieser Details der geheimen Aktion beschreibt, wie sie ein Arbeiter niemals erfinden kann".
Winfried Krause sitzt in seinem Haus bei Leipzig in Arbeitshose und Unterhemd am Tisch und sprudelt los. Wie er angerufen hat, "gleich nach der Wende", in der Nikolaikirche, um nach den goldenen Rosen zu fragen. Weil es doch hätte sein können, dass man da etwas wisse: "So ein herrliches Ding, so eine Rose, würde ich zu gern noch mal in der Hand halten." Herrlich war vieles für den damals 25-Jährigen bei dem viertägigen Sondereinsatz, für den er am 23. Mai 1968 rekrutiert wurde, an Himmelfahrt, die das erste Mal kein christlicher Feiertag sein durfte. "Herrlich" war die Verpflegung und "herrlich" der Stundenlohn: "10 Mark statt 1,45 normal!" Krause war als Hilfsarbeiter im Leipziger Baukombinat beschäftigt, als am Nachmittag ein von innen verhängter grüner Kleinbus im Betrieb vorfuhr und der Meister sagte: "Krause, Sie haben doch Zeit!"

Im Rathaus vollzogen am selben Tag die Stadtverordneten den längst gefallenen geheimen Politbüro-Beschluss zur Sprengung von St. Pauli nach. In der überfüllten Kirche hielten die Studentengemeinden und die katholische Probstei-Gemeinde den letzten Gottesdienst ab. Am Abend würde der alte Musikdirektor Friedrich Rabenschlag, der noch einmal in St. Pauli die Orgel gespielt hatte wie vor ihm Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy und Max Reger, weinend vor dem Altar stehen.
Winfried Krause wurde in eine Baracke in Leipzig-Probstheida gefahren. Er wurde untersucht und gefragt, ob er Wunden hat wegen der Infektionsgefahr. Er wurde fotografiert. Er bekam einen grünen Ausweis: "Für die Zone Drei." So erfuhr er seinen Auftrag: Zone Drei hieß ab sofort das Kircheninnere. Krause sollte St. Pauli ausräumen.
Drei Monate waren ursprünglich in SED-Papieren für Bergungsarbeiten veranschlagt. Erst an diesem Tag, am 23. Mai, teilte Bezirksparteichef Paul Fröhlich in einer internen Besprechung mit, die Sache werde in fünf Tagen erledigt, damit "das Spektakel vorbei ist", bevor die Proteste größer würden. Dutzende Schreiben waren an SED-Chef Walter Ulbricht und die Leipziger Obrigkeit gegangen. In den Folgetagen, als mit dem Beschluss der Stadtverordneten der Zerstörungsplan bekannt wurde, notierte die Staatssicherheit "demonstratives Ablegen von Blumen". Sie erfasste täglich 300 bis 400 zumeist still protestierende Bürger am gesperrten Augustusplatz. Manfred Wurlitzer war Assistent an der Physik-Fakultät und blieb lieber weg: "Ich hatte zwei kleine Kinder." Erst spät, nach 1990, als der parteilose Wissenschaftler in die Personalkommission der Universität berufen wurde und Akten über die 68er Vorgänge las, erfuhr er Genaues über die Verhaftungen, auch unter Studenten.
Mit Protest von Winfried Krause war damals nicht zu rechnen. Er war das, was die DDR unter einem "Bürger zweiter Klasse" verstand, in Kinderheimen aufgewachsen, der Vater im Westen. Er war noch nicht einmal 18, als er wegen "staatsfeindlicher Hetze und Propaganda" ins Gefängnis ging. Krause schlug sich durch als Rangierer und Heizer, verdiente nebenbei, indem er Antennen fürs Westfernsehen auf die Dächer setzte. Er sei "von westlicher Unkultur verblendet", heißt es in seiner Stasi-Akte und "in ein geregeltes Leben zurückzuführen". Einen wie Krause nennen die Sachsen "fischelant". Zu DDR-Zeiten genügte das, ihm die Bürgerrechte zu entziehen: Krause war ohne Personalausweis und musste sich wöchentlich beim Rat der Stadt, Abteilung Inneres, melden, ein Häftling auf Urlaub. Wurlitzer sagt: "Ideal für eine solche Geheimaktion, denn Herr Krause stand unter Kontrolle und war erpressbar."
Winfried Krause unterschrieb eine Schweigeverpflichtung: "Wir wurden geschult, dass keiner wissen darf, was wir gemacht haben. Sollte irgendwer Äußerungen verbreiten, so wird das streng geahndet, und die Mitteilungen werden als Lügen richtig gestellt."
Am Morgen des 24. Mai 1968 wurde Krause im Polizeibus zum Einsatz gefahren. Ein halbes Dutzend Steinmetze demontierte Epitaphien von den Kirchenwänden. Für Hilfsarbeiten eingeteilt waren ebenso viele Männer, jeder begleitet von einem Aufpasser: "Einer von der Staatssicherheit, der überwachte jeden Handgriff." Krause räumte die Kanzlei aus, alte Bibeln, Gesangbücher, den Messwein. Er baute die Orgel ab, vorsichtig zunächst, bis es hieß: "Die ist Schrott, die geht mit in die Luft." Er riss Holzbänke aus dem Mittelschiff und aus der Empore. Krause entdeckte ein beschriftetes Brett, ein bei früheren Umbauarbeiten beschäftigter Tischler hatte darauf seinen Namen und den Stundenlohn notiert. Wurlitzer hat das Protokoll über den Fund im Universitätsarchiv aufgespürt: "Am 25. 5. 1968 brachte mir der Arbeiter Wienfried Krauße, der bei den Abbrucharbeiten beschäftigt war, ein Brett aus der Holzfüllung der Wandverkleidung unter der Professorenempore."
Krause sagt aber, er habe das Brett am 24. Mai entdeckt. Das ist wichtig, denn am 25. geschah, was bis heute beschwiegen wird. Die Arbeiter, sie mussten während dieser Tage in der Baracke übernachten, betraten um sechs Uhr morgens die Kirche. Krause wunderte sich über den Lärm - ein Seitenportal wurde eingeschlagen. Er wurde aber gleich wieder hinausgeschickt. "Das war ja der größte Clou", beschreibt er seine Verblüffung: Särge waren in die Kirche zu holen und zu stapeln, nachts waren sie in die Sperrzone gefahren worden, 800 weiße Kindersärge. "Holt noch mal tief Luft", habe einer der Aufpasser gewarnt. Dann kam die Maschine zum Einsatz, für die das Portal verbreitert worden war, "groß wie ein kleiner Kran" sagt Krause, mit Bohrern und Krallen. Die Bohrer fraßen die ersten Löcher durch die steinernen Platten des Kirchenbodens. "Immer drei auf einmal", sagt Krause. Zischend entwichen Gase: "Bestialisch stank das, bestialisch." Die Krallen hoben die Platten an, Grabplatten, die Reliefs hatten nach unten gezeigt. Dann wurden Löcher gebohrt durch das bröckelnde Mauerwerk darunter, einen knappen Meter im Durchmesser. Dann Scheinwerfer aufgestellt, "damit die da unten Licht hatten", sagt Krause. Dann eine Leiter in den Abgrund gelassen, in die Hohlräume, in die gewölbten Grüfte. "Sauber gemauert, mit Ziegeln", sagt Krause. In jeder Gruft ein Regal aus steinernen Platten, drei übereinander, auf jeder Platte ein Toter, auf jedem Toten "dieses herrliche Ding", eine goldene Rose. Zwei Männer mit Gasmasken stiegen hinab. Einer reichte die Rosen hoch und den Schmuck: "Jedes Stück einzeln, auch Ketten. Manchmal nur kleine Dinger. Ich nehme an, das waren Zähne. Oder Ringe. Ich kann's nicht sagen. Es standen mehrere Männer drum herum. Die Wertgegenstände wurden gesichert. Einer führte Buch, schrieb alles auf." Nur einmal habe er, wiederholt Krause, eine Rose in die Hand nehmen dürfen.
Kann sein, Krause spricht so ausführlich von den Rosen, handtellergroß, in Form einer aufgeblätterten Blüte, mit eingraviertem Namen, Geburts- und Sterbedatum, weil all das schwer zu ertragen war. Krause hatte die Sargunterteile in die Grüfte zu geben. Der zweite Mann unten schob dann die Toten aus den Regalen in den Sarg. "So", sagt Krause mit einer wischenden Bewegung seines Unterarms über den Tisch. "Dann Sarg hoch. Ich oben die Kleider noch richtig rein gestopft. Das waren Gewänder! Herrlich bunt!" Manchmal ragten Knochen aus dem Sargunterteil. Krause schob sie rein. Krause nagelte den Deckel auf: "Auf jeder Seite zwei Nägel." Den ganzen Tag, vierzehn Stunden im Akkord.
Wie Krause das erzählt, klingt es fast banal - wie immer, wenn eine gut organisierte Maschinerie reibungslos läuft, entpersonalisiert, Namen wurden nicht genannt: "Nee, keiner, der dabei war, hat sich vorgestellt." Krause behauptet aber, er habe Alexander Schalck-Golodkowski nach der Wende im Fernsehen wiedererkannt, jenen Stasi-Oberst und Chef der berüchtigten KoKo, der 1967 gegründeten Kommerziellen Koordinierung, die verdeckt Wertvolles gegen Westgeld verschacherte und so die Zahlungsfähigkeit des wirtschaftlich maroden SED-Regimes sichern sollte. "Der war da, das war der Oberaufpasser." Schalck ließ eine Anfrage aus dem Paulinerverein unbeantwortet. Belege für seine Anwesenheit in St. Pauli gibt es nicht.
Manfred Wurlitzer hat andere Belege zusammengetragen. Nachdem er sich Gedanken gemacht hat von der Sorte, die wie jedes grundsätzliche Nachdenken in der Frage gründen, was fehlt. "Man muss kein Christ sein", sagt er, "um darauf zu kommen, dass in früheren Zeiten über die Umbettung der Toten berichtet worden wäre, wäre der Untergrund von St. Pauli je angetastet worden." Mehrmals, zuletzt im 19. Jahrhundert, wurden Teile der Kirche umgestaltet, aber eine solche Zeremonie hält keine einzige Chronik fest. Stattdessen bezeichnet ein vertrauliches Gutachten von SED-Funktionären die Grabstätten 1964 als "nicht erhaltenswert" - die Toten seien keine "progressiven Humanisten". Über die "etwa 800 anzunehmenden Gräber" heißt es: "Die bis in die Hunderte gehenden Gebeine befinden sich auf der gesamten Fläche des Bodens des heutigen Kirchenschiffs verteilt. Darüber befinden sich die Steinplatten, die heute als Fußboden dienen, in Wirklichkeit aber die Grabplatten sind, deren Inschriften umgedreht nach unten gerichtet wurden." Krause habe das genau beschrieben, aber jenes Dokument, meint Wurlitzer, auch wenn es Ende der 90er in einem Fachbuch abgedruckt war, bestimmt nicht gelesen.
Ein anderes Schreiben, das wie Krause dreistöckige Grüfte erwähnt, ist unveröffentlicht. Manfred Wurlitzer fand den undatierten Bericht aus dem VEB Bestattungs- und Friedhofswesen im Stadtarchiv: "Es wird beim Objekt vermutet, dass sich unter ihm drei Gewölbe übereinander befinden, die alle mit Särgen besetzt sind." Der Bericht teilt die anfänglichen Pläne mit: "Die Leichen bekannter Personen von geschichtlicher Bedeutung werden in Einzelsärge gebettet. Diese Särge werden in einer Gemeinschaftsanlage auf dem Hauptfriedhof in Einzelgräbern bestattet. Alle anderen Gebeine werden in Sammelsärgen geborgen, diese nach dem Krematorium auf dem Hauptfriedhof überführt, dort eingeäschert und die Urnen gleichfalls in vorgenannter Gemeinschaftsanlage mit beigesetzt. Diese Anlage erhält einen Gedenkstein."
Aus der Stasiunterlagenbehörde stammt der Bericht des Inoffiziellen Mitarbeiters "Steinbach", beschäftigt im Büro des Stadtarchitekten. Er informierte am 29. April 1968, "zum Bergen der Kunstgegenstände und Exhumierungen" stünden vier Wochen zur Verfügung. "Er selbst schätzt jedoch ein, dass die Bergungsarbeiten mindestens acht Wochen und die Exhumierungen vier Monate in Anspruch nehmen."
Schließlich traf Wurlitzer die Kunsthistorikerin Elisabeth Hütter, 1968 beim Institut für Denkmalpflege in Dresden angestellt. Hütter berichtete von verzweifelten Appellen der Denkmalschützer für den Erhalt der Kirche, dann von Versuchen, die Kunstschätze von St. Pauli fachgerecht bergen und den Untergrund untersuchen zu dürfen. Mit Institutsdirektor Hans Nadler, mit Hilfe seines Nationalpreisträger-Ausweises, verschaffte sie sich am 27. Mai Zutritt zur Kirche. Bevor sie hinausgeworfen wurde, sah Hütter Löcher im Boden des Mittelschiffes, offene Grüfte, unterirdische Gewölbebogen. Die Särge waren da längst abtransportiert. "Es hieß, die gehen auf den Südfriedhof", sagt Krause. Wurlitzer, der sich am liebsten an das hält, was vorliegt, hat selbstverständlich nach den Toten geforscht: "Keine Spur, gar nichts."
Die verbreitete Legende sagt, es gab keine Toten unterm Mittelschiff, keine einzige Gruft, nur einige unterm Kreuzgang und den Seitenschiffen. Unter den kleinen Kapellen, aus deren Überresten auch diesen Sommer noch Knochen zum Vorschein kamen. Manfred Wurlitzer glaubt das nicht. Er glaubt inzwischen an die Geheimaktion und daran, dass von Hunderten Toten unterm Hauptschiff nichts bleiben durfte, weil sonst nach den Grabbeigaben gefragt worden wäre. Dieser Raub sei der Schlüssel: "Man wusste von der Sophienkirche, welche Schätze unter St. Pauli liegen können." Die Ruine der Dresdner Sophienkirche war 1962 abgetragen worden. Niemand dachte daran, dass sie 200 Jahre lang Begräbnisstätte für den Adel und das reiche Bürgertum der Stadt war. Erst beim Ausheben der Baugrube für die Zwingergaststätte stießen Baggerfahrer auf Grabkammern mit kostbaren Beigaben - die Königskette einer Bogenschützengesellschaft, Ketten mit Kruzifixen, Ringe, Armbänder, Manschettenknöpfe.
Acht Wochen vor der Sprengung von St. Pauli, am 29. März 1968, protokollierte die Stasi sorgfältig das Gespräch eines Informanten mit Denkmalpfleger Hans Nadler und dessen Hinweis auf die Sophienkirche: "Unter dieser Kirche lagerten auch sterbliche Überreste. Da diese nicht vorher geborgen wurden, wurden diese mit dem Bagger ausgegraben. Die zuschauende Menge war darüber sehr empört. Anschließend kam es zu diplomatischen Verwicklungen mit Dänemark, weil die sterblichen Überreste einer dänischen Persönlichkeit mit am Bagger hingen."
Krause erzählt von Ausländern in der Kirche an jenem Sonnabend: "Es ging darum, dass dort Urverwandte begraben waren. Man wollte keine Schwierigkeiten." Womöglich zog die SED solcherart Schlüsse aus den Dresdner Vorfällen. 1990 berichtete der frühere Universitätsrektor Ernst Werner von einer "Intervention des schwedischen Königshauses" zugunsten der Paulinerkirche bei Walter Ulbricht. Ein Dutzend Schweden, bei Leipzig gefallen während des Dreißigjährigen Krieges, war in St. Pauli beigesetzt.
Wurlitzer geht nicht so weit, direkte Parallelen zu ziehen zwischen Krauses Angaben über Devisenbeschaffer Schalck und dem späteren Weg des Sophienschatzes. Die Dresdner Preziosen im Wert von einer Million Euro verschwanden 1977 bei einem der spektakulärsten Kunstdiebstähle in der DDR. 1999 tauchten 38 Stücke bei einem norwegischen Kunsthändler wieder auf. Die Staatsanwaltschaft wies den Verdacht zurück, der Raub sei vom KoKo-Imperium gesteuert worden: "Wir haben Stasi-Unterlagen geprüft und keinen Hinweis darauf gefunden." Das Magazin Stern zitierte einen ehemaligen Schalck-Mitarbeiter: "Natürlich ist der Diebstahl von uns organisiert worden."
Vorgänge wie dieser haben dem akkuraten Naturwissenschaftler Wurlitzer jedoch die Verwunderung darüber genommen, dass keine Akten existieren über den Leipziger Grabraub. Im Juni 1968 aber trat eine geänderte "Verordnung zum Schutze des deutschen Kunstbesitzes" in Kraft - sie erlaubte die Ausfuhr von Kunst mit "besonderer historischer Bedeutung" aus der DDR. Am 30. Mai 1968 um 9.58 Uhr wurde St. Pauli mit Hilfe von 750 Kilo Dynamit in 700 Bohrlöchern zerstört. Jenseits der weiträumigen Absperrung beobachteten Tausende Leipziger, wie der Dachreiter des spätgotischen Gotteshauses kippte. Es wird berichtet, dass viele weinten. In den Folgetagen räumten Baggerfahrer die Trümmer ab. Einer schickte im Jahr 2003 seinen Bericht an den Paulinerverein: "Aus den Grüften unter der Kirche kommen immer wieder menschliche Knochen und Schädel zum Vorschein. Es ist nicht möglich, auch nur einen der schönen handgestrichenen, teils bemalten Mauersteine aufzuheben, sofort ist Polizei zur Stelle. Es darf nichts angefasst werden, alles wandert auf die Schuttautos."
Die Fahrt geht nach Leipzig-Probstheida. Die Trümmer von St. Pauli werden in eine bewachte Grube gekippt, in die Etzoldsche Sandgrube. Aus der überwachsenen Halde wurde zu DDR-Zeiten der Freizeitpark Südost. So heißt das Gelände noch immer. Was dort begraben liegt, hat weder die Universität, noch die Stadt Leipzig, noch den Freistaat Sachsen interessiert. So, wie keiner Interesse hat an den Gebeinen, die diesen Sommer aus dem Untergrund kamen. So, wie keine Institution oder Behörde sich für Krauses Bericht in Wurlitzers Broschüre interessiert. Es sei denn, man hält die Reaktion des Ministerialrats Büchsenstein für angemessen: Das Material werde der Bibliothek übergeben, schrieb Sachsens oberster Denkmalpfleger.
Vielleicht muss Winfried Krauses Geschichte nur deshalb erzählt werden, weil sie noch nie erzählt worden ist. Wenn sie aber wahr ist, restauriert sich im Neubau dieser Tage, dessen Fassade an St. Pauli erinnern soll, ein blinder Fleck in der Zeit: der hohe Raum des gewaltigen Kirchenschiffs, seit dem Abend des 25. Mai 1968 reduziert auf eine schäbige, erdnahe Grotte, auf 260 Löcher im Boden, auf zerschlagene Grabplatten an den Wänden, auf den Gestank von Leichengasen, auf eine monströse Schändung. Wenn sie wahr ist, erzählt sie nicht nur von 800 Toten, sondern von der anhaltenden Dominanz der Lüge um eine Utopie, von verlorener Geschichte und von verlorener Identität.
Für Winfried Krause verhält es sich einfacher. Wenigstens ein Foto hätte er gern, von einer dieser ungewöhnlichen Grabbeigaben, "von so einem herrlichen Ding", von einer goldenen Rose aus St. Pauli. Es war der heilige Dominikus, der den Rosen zur christlichen Symbolik verhalf. Die Mutter Gottes, Maria, erschien ihm mit Rosen. Kurz nach seinem Tod wurde St. Pauli im Jahr 1240 als Klosterkirche des Dominikanerordens gegründet.

Wenn die Geschichte wahr ist, erzählt sie nicht nur von 800 Toten, sondern von der anhaltenden Dominanz der Lüge, von verlorener Geschichte und verlorener Identität.

vor der Sprengung nach der Sprengung
Das Leipziger Zentrum vor und nach der Sprengung.

[Bilder: Berliner Zeitung]

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Für mich ergeben sich folgende Fragen:

  • Sind wirklich die Gebeine aller 800 beigesetzten Persönlichkeiten geborgen wurden?
  • Wo sind die Särge abgeblieben, wenn sie eben nicht auf dem Südfriedhof angekommen sind?
  • Was ist mit den Grabbeigaben, insbesondere den goldenen Rosen passiert? Wo befinden sich diese heute?
Wolfgang Wischer

Quelle: © Leipziger Internet Zeitung

Paulinerkirche-Nachspiel: Wer spricht denn noch über Räumaktionen?

Leipzig aktuell veröffentlicht von Ralf Julke am 18. Okt 2007

3. Bauabschnitt heißt jener Teil des Uni-Campus, der seit dem Sommer an der Grimmaischen Straße hochgezogen wird. Aber 2008 soll er fertig sein - mit Ladenfläche und der üblichen Discounter-Büro-Architektur. Die Eile hat zwei Gründe: den Jubiläumstermin 2009. Und jene obskuren Funde im Boden, die als "Wunder von St. Pauli" kurz durch die Blätter huschten und dann schnellstmöglich wieder verschwanden. Zugescharrt wie etwas, was nie wieder ans Tageslicht sollte.

Warum das so ist, darüber schrieb vor Kurzem Grit Hartmann in einem zweiseitigen Bericht in der "Berliner Zeitung". Es ist eine Spurensuche nach dem, was da um den 25. Mai 1968 herum in "Zone 3" geschah, dem Sperrbezirk, der um die Paulinerkirche gezogen wurde, um die Vorbereitungen für die Sprengung zu sichern. Dazu gehörte auch die Beräumung der Kirche, die Sicherstellung von Epitaphen und Kunstwerken. Einiges davon soll künftig wieder zu sehen sein im neuen "Paulinum", wie die Uni den Aula-Kirche-Zweckraum nennen möchte, der bis 2009 dort stehen soll, wo einst die Paulinerkirche stand.

Aber es ging auch um die Räumung der Katakomben unterhalb der Kirche. Wenn man diversen Berichten glaubt: dreistöckige Katakomben, die über Jahrhunderte als Begräbnisstätte dienten. Für das Leipziger Bürgertum. Hier ließ sich bestatten, wer Rang und Namen hatte - Bürgermeister, Rektoren, Kaufleute, reiche Witwen, Ärzte, Offiziere. 800 Persönlichkeiten, so schätze Dr. Hans Nadler 1964, lagen unter dem Kirchenboden begraben.

Grit Hartmann lässt einen der Augenzeugen jener Geheimaktion zu Wort kommen: den damaligen Hilfsarbeiter Winfried Krause. Er berichtet nicht nur von der Beräumung des Kirchenraums, sondern auch vom gewaltsamen Öffnen der Gruft und dem "Einsammeln" der Leichen, die unberührt in den Tiefen der Kirchen gelegen hatten. Mit Ornat und Grabbeigaben. Was der Schlüssel sein könnte für die seinerzeitige Geheimaktion und das heutige Schweigen. Denn wer reich war in Städten Mitteldeutschlands, der ließ sich auch reich begraben. Mit Schmuck und Orden.

Selbst die Dominikaner, die zuvor hier wirkten, wurden - wie es scheint - alle mit einer goldenen Rose bestattet. Die Krause noch sah. Aufgetaucht sind die Fundstücke aus den Katakomben bis heute nicht. Und die Vermutung ist nahe liegend, dass hier eine der frühen Aktionen des KoKo-Imperiums des Alexander Schalck-Golodkowski stattfand: Eine "Kunstbeute", die dem gerade Kirchen sprengenden Regime auch noch schöne Devisen einbrachte. Was dann eigentlich der Augenblick wäre, auf die Suche zu gehen. Würde es denn Listen und Verzeichnisse geben.

Doch es gibt keine Akten über die Geheimaktion. Es gibt nur die Hinweise darauf, dass ein Großteil der Toten umgebettet wurden auf den Südfriedhof. Und viele Namenlose eingeäschert wurden. Nicht alle Grabplatten wurden geborgen. Einige wurden mit dem Sprengschutt der Kirche in die Etzoldtsche Sandgrube nach Probtstheida verfrachtet. Das Bild, das sich zeichnet über die sechs Tage vor dem 30. Mai 1968 ist das Bild einer im großen Stil angelegten Plünderung, bei der die angestellten Handlanger zum Schweigen verdonnert wurden und über die die Verantwortlichen ein großes Schweigen legten.

Wieviele Millionen spielten die Grabbeigaben aus der Paulinerkirche ein? In welchen Kunst-Kanälen verschwanden die Funde? - Betroffen macht nicht nur die Mitglieder des Paulinervereins, wie fast 40 Jahre danach noch immer über das Thema geschwiegen wird. Und so ganz aus der Welt ist auch der Gedanke nicht, dass die Nicht-Erkundung des Baugrundes am Augustusplatz hier ebenfalls seine Wurzeln hat, dass ein paar Leute noch immer ein Interesse daran haben, dass über die Plünderung im Mai 1968 nichts ans Licht der Öffentlichkeit kommt. Nicht einmal die Fundamentreste der Kirche, die alles überlebt hat - die Säkularisierung des Klosters, Kriege und immer neue Umbauten. Also sparte man die archäologische Erkundung der Campus-Baustelle fast völlig ein, trieb Beton durch die Fundstellen und begann eiligst mit Bauabschnitt Nummer 3. Wer wird da noch nach Plünderungen im Jahr 1968 fragen?

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www.paulinerkirche.org/graeber.htm [1]


BILD Leipzig vom 29. September 2007 (Seite 3)

Zeitzeuge enthüllt nach 39 Jahren

Das Totengeheimnis von St. Pauli

Leipzig - Die Sprengung der Paulinerkirche bewegt noch heute die Gemüter in Leipzig. Jetzt, nach 39 Jahren, könnte der Frevel noch eine weitere, ungeheuerliche Dimension bekommen. Denn der Vernichtung von St. Pauli soll ein Grabraub in großem Stil vorausgegangen sein.
Zeitzeuge Winfried Krause (64) berichtet heute in der „Berliner Zeitung" von 800 Toten, die er im Mai 1968 als Hilfsarbeiter eines geheimen Räumtrupps mit ausgegraben habe.
Am dritten Tag des Sondereinsatzes hätten plötzlich 800 weiße Kindersärge in der abgesperrten Kirche gestanden, dann sei der Boden mit schwerem Gerät geöffnet worden.
„Bestfolisch stank das, bestialisch", erinnert er sich. Unterirdische Grüfte seien zum Vorschein gekommen. „Sauber gemauert, mit Ziegeln." Und in jeder Gruft habe auf drei steinernen Platten übereinander je ein Toter gelegen.
Krause habe die Unterteile der Kindersärge in die Grüfte hinunterreichen müssen, wo dann Männer in Gasmasken die sterblichen Überreste hineingelegt hätten. Oben habe er die Särge dann zugenagelt. Den ganzen Tag sei es so gegangen, vierzehn Stunden im Akkord.
Dabei wurden angeblich auch Grabbeigaben, u.a. goldene Rosen, abtransportiert - der wahre Anlass dieser Geheimaktion?
Seine Geschichte erzählte Krause bereits 2002 erstmals dem damaligen Paulinervereins-Vize, Dr. Manfred Wurlitzer (73). Der forschte seitdem nach und ist sich heute sicher: "Der Wahrheitsgehalt des Zeitzeugenberichts muss als hoch eingeschätzt werden."
Aber wo sind dann die Gebeine abgeblieben? "Es hieß, sie gehen aut den Südfriedhof", so Krause. Wurlitzer hats überprüft: „Keine Spur, gar nichts."
Er fordert nun, die ganze Wahrheit über die Toten von St. Pauli herauszufinden. „Bevor auch der letzte Zeitzeuge gestorben ist."


Quelle: http://www.heldenstadt.de/?p=324 [1. Oktober 2007]

Spuren einer barbarischen Mission: Die Gebeine von St. Pauli

Es sind Menschenknochen gefunden worden diesen Sommer mitten in Leipzig, Schädel und Skelettteile. Als “Wunder von St. Pauli” waren sie gut für ein paar Schlagzeilen. Zuerst fragte ein Nachfahr des Reformators Martin Luther, ob es sich um die Gebeine des Luther-Sohns Paul handeln könnte, eines Mediziners und Alchemisten, verstorben im Jahr 1593. Ein Professor der Berliner Charité bot daraufhin an, das über einen DNA-Test herauszufinden. Dann kam ein Archäologe zu Wort, der fand, man müsse “den alten Krempel nicht mehr aufrollen”. Seither sind die Knochen wieder aus den Nachrichten verschwunden.

So beginnt Grit Hartmann ihren Beitrag “Zone drei gesprengt” in der Berliner Zeitung vom 29. September. Grund ihres Textes ist die aktuelle Debatte um archäologische Funde am neu zu errichtenden Campus. Aber sie schreibt vor allem über das, was vor der Sprengung der Paulinerkirche 1968 möglicherweise passiert war. Es geht um Grabschändung, es geht um goldene Rosen - nein, es geht vor allem um den Umgang mit dem, womit man in Leipzig immer ein Problem zu haben scheint: der eigenen Geschichte nämlich. Wie häufig wurden steinerne Zeugen einer älteren Zeit in Leipzig einfach zerstört oder verschleppt und auf eine Halde geschoben? Die Paulinerkirche ist nur ein Beispiel. Aber ein gutes. Durch die Augen des Arbeiters Winfried Krause, der wohl bei der Plünderung/Bergung des Inneren der Universitätskirche 1968 dabei war, sehen wir eine Geschichte, die uns den Atem stocken lässt.

Wer nach der Lektüre des gut geschriebenen Textes von Grit Hartmann weiter auf dem Laufenden bleiben möchte, findet Kommentare zum aktuellen Geschehen auf der Campus-Baustelle beim Paulinerverein.
(via Paco)

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Lesen Sie auch:


Quelle: http://www.lizzy-online.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=10257
© Leipziger Internet-Zeitung, Reformationstag 2007

veröffentlicht von: Ralf Julke am Dienstag, 30. Oktober 2007

Leipziger Zeitreise: Tetzel, der Mann, der Luther zum Handeln zwang

Einige feiern Halloween. Ist ein schönes Fest für Kinder. Für besonders hartgesottene Kinder. Aber darüber wird gern vergessen, dass der Reformationstag selbst eine durchaus festliche Wucht hat. Nicht nur, weil der Wittenberger Theologieprofessor Dr. Martin Luther am Tag vor Allerheiligen 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg nagelte. Besonderer Angriffspunkt seiner Thesen war ein Leipziger Mönch.

Sein Name: Johann Tetzel, geboren 1465 in Pirna. Mit 24 Jahren trat er in das Dimonikanerkloster St. Pauli ein, nachdem er zuvor fünf Jahre lang Theologie an der Uni Leipzig studiert hatte. Was ihn niemals berühmt gemacht hätte. Die Berühmtheit erlangte er auch noch nicht ab 1502, als er begann, als Ablasshändler durch die Lande zu ziehen. Seine erste Ablasspredigt in Leipzig hielt er wohl am 1. Januar 1506. Ab 1509 wurde er zum Sinnbild eine gierig gewordenen Kirche, denn zuvor war der finanzielle Ablass in der katholischen Kirche nur für lässliche Sünden möglich gewesen - und auch da nie ohne "tätige Reue".

Aber das änderte sich 1506. Da wurde nämlich in Rom der Grundstein gelegt für den Petersdom. Papst Julius II. wollte mit dem "Super-Bauwerk" dem Glanz der Christenheit die Krone aufsetzen - konnte sie aber nicht bezahlen. Neben dem "Peterspfennig", der europaweit gesammelt wurde, gingen fortan auch Ablassprediger auf Tour, die nun auch schwere Sünden gegen eine vorgegebene Entgeld-Liste "vergaben". Selbst für Mord und Kirchenraub konnte man sich jetzt für 8 bzw. 9 Dukaten freikaufen.

Tetzel ging ab 1509 für den Erzbischof Albrecht von Brandenburg als "inquisitor haereticae pravitatis" auf Sammelreise. Der hatte sich bei den Fuggern hoch verschuldet, weil er auch noch die Bistümer Mainz und Magdeburg gekauft hatte. Die Hälfte dessen, was Tetzel einsammelte, ging als Schuldentilgung direkt an die Fugger. Und die stellten, damit das auch geschah, gleich noch einen Wächter neben die Tetzeltruhe. Das sündengeplagte Volk konnte also eigenen Auges sehen, wie sehr seine Kirche vom Weg des Glaubens und der Armut abgekommen war.

Es dauerte trotzdem erstaunliche elf Jahre, bis in Wittenberg ein 34jähriger Professor der Theologie dem Mumm hatte, das Offensichtliche in Thesen zu fassen und zur Disputatiun an die Kirchentür zu schlagen. Bekanntlich mit dem Erfolg, dass er zwar zu Disputationen eingeladen wurde, am Ende aber als "Ketzer" um sein Leben fürchten und untertauchen musste. So gesehen ist nicht der Wittenberger Theologie schuld an der Kirchenspaltung, sondern ein prestigeversessener Papst.

Der Petersdom wurde trotzdem gebaut und gilt heute nicht nur als Wallfahrtsort der Christenheit, sondern auch als eines der existierenden Weltwunder. Der luthersche Thesenanschlag führte mit ungebremster Wucht zu Entstehung der protestantischen Kirche. Obwohl Tetzel 1518 in Frankfurt an der Oder noch seinen Doktortitel erwarb, lebte er bis 1519 zurückgezogen im Dominikanerkloster in Leipzig. Luther schrieb ihm sogar noch einen Trostbrief, wohl wissend, wer eigentlich die Drahtzieher des europaweiten Ablasshandels waren.

Gestorben ist Tetzel am 4. Juli 1519. Schreibt jedenfalls Otto Werner Förster in seinen "Leipziger Kulturköpfen". Wikipedia schlägt den 11. August 1519 als Sterbedatum vor. Begraben wurde er im Chorhaupt der Paulinerkirche. Und da wird's spannend. Denn das wurde während der Schmalkaldischen Kriege 1546 abgetragen. Das heißt: Sein Leichnam könnte noch immer dort liegen, ein paar Meter unterm Pflaster des Augustusplatzes. Damit fällt sein "Fall" nicht ganz in das aktuelle Thema der Plünderung der Kellergewölbe der Paulinerkirche. Aber auch diesen Abschnitt hätte man bei umsichtiger Planung archäologisch erschließen können.

Aber irgendwie ist der Freistaat ganz und gar mit der Gründung eines prestigeträchtigen Hauses der Archäologie in Chemnitz beschäftigt. Da fällt ein bisschen wissenschaftliche (und wissentliche) Unterlassung in Leipzig nicht so auf. Falls Tetzel wirklich noch da liegt, kann er ja als Geist umgehen ab 2009 oder 2010 in der neuen Aula der Uni Leipzig, die da gebaut werden soll, wo bis 1968 die Paulinerkirche stand. Wenn man dann unverhofft die Dukaten klimpern hört, ist es der kleine Mönch aus Pirna. Dann sammelt er wieder. Und jede Sünde hat ihren Preis.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 5. Juli 2006
© Leipziger Volkszeitung

Uni will ihren berühmten Gellert nicht zurück

Paulinerverein schlägt Dichtergrab in neuer Kirche am Augustusplatz vor / Kein Interesse von Alma mater und Stadt

Die Diskussion um das Grab des berühmten Leipziger Dichters und Gelehrten Christian Fürchtegott Gellert (1715 – 1769) geht weiter. Nachdem in einer amtlichen Bekanntmachung der Stadt von der Einebnung der Ruhestätte auf dem Südfriedhof die Rede gewesen war (die LVZ berichtete), das Grünflächenamt jedoch Entwarnung gegeben und das Ganze als reinen verwaltungstechnischen Akt interpretiert hatte, meldet sich nun der Paulinerverein zu Wort. Sein Vorschlag: Gellerts Gebeine sollten in der neuen Universitätskirche St. Pauli ihre letzte Ruhestätte finden. „Wir gehen davon aus, dass Gellert in die wieder errichtete Unikirche am Augustusplatz kommt. Denn vor ihrer Sprengung im Jahr 1968 lag er ja auch dort“, so Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins.

Die sterblichen Überreste des zu seiner Zeit überaus erfolgreichen Autors haben bereits vier Stationen hinter sich. Gellert starb viel betrauert, die Beisetzung fand auf dem Johannisfriedhof statt. 1790 wurden seine Gebeine an die Seite Johann Sebastian Bachs in die Johanniskirche umgebettet. Sein Sarkopharg blieb bei der Bombardierung 1943 unversehrt, kam 1949 in die Unikirche und 1968 auf den Südfriedhof. „Nur dieser Sarkopharg und zwei weitere konnten gerettet werden, hunderte wurden dagegen zerstört“, weiß Stötzner. „Der einstige Professor gehört einfach in die Uni. Die hätte sich schon längst um ihn kümmern müssen.“

Gellerts Vorlesungen in Leipzig waren bei der Studentenschaft sehr beliebt. Von 1751 bis zu seinem Tod arbeitete er als außerordentlicher Professor für Poesie, Beredsamkeit und Moral. Doch heute sieht man in der Alma mater die Sache Gellert-Grab ziemlich gelassen. Cornelia Junge, Sammlungskonservatorin der Kustodie, hält eine Beisetzung innerhalb des Universitätskomplexes für ausgeschlossen. „Wir haben Mühe, unseren eigenen Bestand in das neue Objekt hineinzubekommen.“ Würde der Dichter in die Paulinerkirche geholt, müssten auch alle anderen Persönlichkeiten der Universitätsgeschichte, die ebenfalls auf dem Südfriedhof liegen, umgebettet werden.
„Außerdem hat die Stadt für das Gellert-Grab die Verantwortung übernommen.“ Die Uni habe mit Gellert „direkt nichts zu tun“, er sei damals nur in die Alma mater umgelagert worden. Die Pflege des Grabes betreibe ja die Stadt.
Aus dem Kulturamt heißt es wiederum, Gellert sei Sache der Uni. Eine konkrete Stellungnahme zum Thema Umbettung war gestern trotz mehrerer Nachfragen nicht zu bekommen.

Neben Paulinerkirche oder Südfriedhof gibt es aber seit dem gestrigen Abend noch eine dritte Alternative: Der Landkreis Delitzsch bietet an, den Dichter in Schönwölkau zu betten. Gellert war Stammgast des Grafen von Vizthum, der das dortige Schloss bewohnte. Landrat Michael Czupalla: „Falls man sich in Leipzig nicht einigen kann – bei uns ist Gellert willkommen. Er würde ein repräsentatives Grab erhalten.“ Gemeinsam mit dem Muldentalkreis und der Sparkasse Leipzig vergibt Delitzsch alljährlich eine Auszeichnung für Künstler, den Gellertpreis.

Peter Krutsch

STANDPUNKT

Richtiger Vorschlag

Von PETER KRUTSCH

Die Verehrung und Liebe, welche Gellert von allen jungen Leuten genoss, war außerordentlich“, schreibt Goethe über seinen Lehrer. Ein beliebter Professor also. Damals zumindest.
Christian Fürchtegott Gellert gehört neben Gottsched zu den literarischen Häuptern der Aufklärung vor Lessing. Sein Briefroman „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“ gilt als erster bürgerlicher Roman Deutschlands. Der Leipziger Poet hat Geschichte geschrieben.

Deshalb ist der Vorschlag des Paulinervereins, Gellert in die Unikirche zu bringen, richtig. Er gehört ins Zentrum. Dort hat er gewirkt. Dort wertet er Uni und Innenstadt auf. Gellert ist wie Bach ein touristisches Zugpferd. Ein kleineres zwar, aber immerhin. Ihn trotz Neubau der Paulinerkirche weiterhin auf dem Südfriedhof zu platzieren, wäre eine vertane Chance.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 4. Juli 2006
© Leipziger Volkszeitung

Aufregung um Gellert-Grab

Stadt kündigt Einebnung der Dichter-Ruhestätte an und sorgt damit für Irritationen

Wolfgang Gey traut seinen Augen nicht. Als der historisch und literarisch interessierte Rentner am Wochenende das Leipziger Amtsblatt liest, stößt er bei den Bekanntmachungen auf Seite 13 unter der Überschrift „Einebnung und Beräumung von Grabstätten“ auch auf das Grab eines berühmten Dichters: Christian Fürchtegott Gellert. Als Nutzungsende ist dort der 8. 9. 2006 vermerkt. Zu Beginn der Übersicht, in der auch Gellerts Name auftaucht, heißt es: „Das Grünflächenamt Abteilung Friedhöfe, gibt bekannt, dass nachfolgend aufgeführte Grabstätten, deren Nutzungsrecht bis zum 31.12.2005 verfallen war, drei Monate nach dieser öffentlichen Bekanntmachung von der Friedhofsverwaltung eingezogen, eingeebnet und beräumt werden.“ Gey ist außer sich: „Ein Husarenstück, das Dichter-Grab einfach aufzugeben. Kennt denn die Stadt Leipzig Gellert nicht mehr?“

Der Fabeldichter und Aufklärer Christian Fürchtegott Gellert (1715 – 1769) hielt in Leipzig Vorlesungen über Poesie, Beredsamkeit und Moral, 1751 wurde er zum außerordentlichen Professor für Philosophie ernannt und war seitdem als Hochschullehrer tätig. Seine Vorlesungen über Moral erregten bei den Zeitgenossen großes Aufsehen. Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, der bei Gellert Unterricht hatte, bezeichnete dessen Morallehre als „Fundament der deutschen sittlichen Kultur“. Was zudem selten ist: Der literarische Lehrer war nicht nur in akademischen Kreisen eine Größe, sondern auch ein Bestseller-Autor seiner Zeit. Sein Briefroman über „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“ (1747/48) verkaufte sich wie geschnitten Brot.

Gellert stammt aus Hainichen. Gey auch. Aber der Steinmetz und Maurer kennt den Dichter nicht nur wegen der gemeinsamen Heimat. 1968 schloss er als junger Brigadier des Leipziger Baukombinats die Tür der Universitätskirche, bevor sie gesprengt wurde. Im Kreuzgang des Gotteshauses waren die Gebeine des Poeten beerdigt. Gey hatte den Auftrag, die Grabplatte aufzuhebeln und mit seinen Kollegen die sterblichen Überreste zu retten. „Gellert fand dann auf dem Südfriedhof seine Ruhe. Aber die wird nun wohl gestört“, sagt Gey. Nachdem er die Bekanntmachung der Stadt Leipzig gelesen hat, greift er sofort zum Hörer, informiert Freunde, Bekannte – und die LVZ.
Um Friedhofsfragen kümmert sich das Grünflächenamt. Albrecht Greichen, zuständiger Abteilungsleiter, begründet die Veröffentlichung mit einem verwaltungstechnischen Akt. Alle Gräber, deren Nutzungszeit abgelaufen ist, würden bekannt gegeben, damit die Bürger bescheid wissen und eventuell reagieren können. „Auch die Ruhestätten von Persönlichkeiten sind dabei. Um die kümmert sich, wie im Fall Gellert, die Stadt. Natürlich bleibt sein Grab erhalten.“ Die Veröffentlichung zeige nur an, dass Gräber eingeebnet werden könnten, nicht müssten. Die Verlautbarung im Amtsblatt klinge aber ganz anders, so Gey, der darin eine „Diskriminierung des Toten“ sieht. „Ich weiß außerdem nicht, warum die Stadt die Bürger mit solchen Unklarheiten so verärgern muss. “

Peter Krutsch

Christian Fürchtegott Gellert wurde heute vor 291 Jahren in Hainichen geboren.

Bekanntmachung im Leipziger Amts-Blatt Nr. 13 vom 1. Juli 2006
Ruhestätte Südfriedhof:
Grabname: 1 Erbbegräbnis 21
Nutzungsende: 08.09.2005
- v.d. Brincken, Pauline Selma Marie
- v.d. Brincken, Leon
- Gellert, Christian Fürchtegott

STANDPUNKT

Taktlos

Von KAI-UWE BRANDT

„Es ist mit unseren Urteilen wie mit unseren Uhren. Keine geht mit der anderen vollkommen gleich, und jeder glaubt doch der seinigen“, schrieb Christian Fürchtegott Gellert. Als hätte er schon zu Lebzeiten geahnt, was nach seinem Tode passieren könnte. Denn die Uhren des Grünflächenamtes ticken wirklich anders. Eben verwaltungstechnisch!

Zumindest soll aus Sicht der Friedhofsabteilung gerade ein verwaltungstechnischer Akt schuld am Missverständnis sein, dem Wolfgang Gey auf den Leim ging. Gey klebt nämlich an der Historie und an Gellert insbesonders. Seine Befürchtung – schwarz auf weiß im Leipziger Amtsblatt niedergeschrieben – des Dichters Grab werde demnächst geebnet, erweist sich bei näherer Betrachtung als behördliche Unruh. Eine Taktlosigkeit, die wohl eher den Namen Posse tragen müsste und wieder einmal beweist, ganz so nah sind sich Ämter und Bürger nicht.
Wenn es für Leipziger fünf vor zwölf schlägt, muss die Rathausuhr noch lange keine Eile haben. Gellert allerdings hatte auch hierfür den richtigen Spruch parat: „Ein kleiner Feind, dies lerne fein, will durch Geduld ermüdet sein.“


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 6. Juli 2006
© Leipziger Volkszeitung

Gestern am Telefon

Gellert und ...

Den Vorschlag des Paulinervereins, das Grab Gellerts in die Universitätskirche umzubetten, kann Thomas Pohlmann nur voll und ganz unterstützen. „Das wäre ein Symbol und eine Wiedergutmachung für die vielen zerstörten Grabstätten, die es einst in der berühmten Kirche gab“, sagte der Leipziger Germanist. Über die Ignoranz der Uni und der Stadt Leipzig könne er sich nur wundern. „In den Amtsstuben muss man wohl noch das Bewusstsein schärfen, welche bedeutenden Leute in Leipzig gelebt und gelehrt haben“, kritisierte er.
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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 7. Juli 2006

Gestern am Telefon

Gellert und ...

Dass weder Uni noch Stadt sich für das Grab von Christoph Fürchtegott Gellert zuständig fühlen, entsetzte gestern mehrere Leser. „Die Unikirche war ein bedeutender Begräbnisort, über 800 Gelehrte lagen dort begraben“, wusste Martin Heiser aus der Südvorstadt. Gellerts Grab sei als einziges namentlich auf den Südfriedhof überführt worden. „Warum sollte man ihn nicht in die neue Kirche umbetten?“ Gellert sei ein Dichter der gesamten Nation gewesen, selbst Goethe habe ihm zu Füßen gesessen, ergänzte Angelika Schmieder aus dem Waldstraßenviertel. „Stadt und Uni haben die Verpflichtung zur Wiedergutmachung, schließlich wollen sie ein geistig-geistliches Zentrum errichten.“
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Kerstin Decker

 

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 6. Juli 2006
© Leipziger Volkszeitung

Gellert-Grab

Girardet lehnt Umbettung ab

Leipzigs Bürgermeister Georg Girardet sieht keine Notwendigkeit, die sterblichen Überreste des Dichters Johann Fürchtegott Gellert umzubetten. Der Paulinerverin hatte vorgeschlagen, das Grab des berühmten Poeten vom Südfriedhof in die neue Universitätskirche zu verlagern (die LVZ berichtete).
„Der Neubau am Augustusplatz ist ja ein sehr weltlicher. Die wieder aufgebaute Unikirche wird ziemlich profan. Ich glaube nicht, dass das der geeignete Platz für den Dichter wäre“, sagte Girardet gestern.
Der Paulinerverein plädiert für eine Umbettung, da Gellert einst in der Unikirche lag. 1968 wurde sie gesprengt und der Sarkopharg auf den Südfriedhof gebracht.

kru

Quelle: http://www.lvz-online.de/lvz-heute/4554.html

© Leipziger Volkszeitung vom Mittwoch, 27. Juli 2005

Gellerts Gebeine und das Phantom einer Frau

"9.58 Uhr habe ich die Kirche zugeschlossen", erinnert sich Wolfgang Gey. Der Steinmetz und Maurer des Leipziger Baukombinats war damit der letzte Mann, der die am 30. Mai 1968 wenig später gesprengte Universitätskirche verließ. "Als letzte Tat haben wir die Dieselameise mit den Arbeitsgeräten beladen", weiß Gey, 68 Jahre alt, in Knautkleeberg zu Hause. 37 Jahre nach jenem Ereignis redet er nun erstmals öffentlich über die Geschehnisse von damals. Warum erst jetzt? "Während der DDR-Zeit war ich zum Stillschweigen verpflichtet worden, später wurde ich ja nicht gefragt."Zur Sprengung fällt Gey ad hoc ein:"Es gab eine Staubwolke, wie ich sie nie wieder gesehen habe. Beim Zusammensturz habe ich mich wie im Krieg gefühlt. Es war ein Kriegsakt. So schnell wie die Kirche in Trümmern lag, stürzten Bauten auch im Krieg ein."

Gey, der einst junge Brigadier, der die Steinkunstwerke zu entfernen hatte, heute: "Einer musste es ja machen, und das war eben ich. Der Kombinatsdirektor bekam von SED-Bezirkschef Paul Fröhlich den Auftrag, den Kirchenabriss vorzubereiten. Für unsere Arbeit blieben nicht mal vier Tage. Wir hatten zu tun wie der Leipziger Rat. Was unsere Vorfahren in Jahrhunderten aufgebaut hatten, rissen wir in wenigen Stunden ab. Am 29. Mai, also einen Tag vor der Sprengung, kam ein Barkas an die Kirche gefahren. Er war mit 750 Kilo Dynamit beladen."

Die Männer des Baukombinats, am Anfang waren es 15, am Tag der Sprengung noch fünf, mussten beim Verschließen der Sprenglöcher mit Ton helfen. Über 1400 Drähte sorgten für die Verbindung der zerstörerischen Ladung, die 10 Uhr Sprengmeister Findeisen zündete. Um das Gotteshaus hatten die Bauleute zuvor noch bis zu drei Meter Kiefernstämme, so genannte Faschinen, gestellt, um die Staubwolke zu dämpfen, was aber angesichts der mittelalterlichen Baustoffe in einer Mischung von Kalk und Quark ein aussichtsloses Unterfangen darstellte.

Gey, in Hainichen geboren, kümmerte sich auch um seinen "Landsmann Gellert" (1715-1769). Des Schriftstellers und Liederdichters Gebeine waren im Kreuzgang der Kirche beerdigt:"Ich hebelte die Platte hoch, und mein Gellert konnte gerettet werden. Da hab' ich mich aber stark gefühlt. Seither hat er seine endgültig letzte Ruhestätte auf dem Südfriedhof. Dort wird ihn keiner mehr ausbuddeln."

Der Steinmetz weiß detailliert über jene Tage Bescheid, obwohl er offiziell kein Bautagebuch führen durfte. Glaubhaft erscheint selbst jene Geschichte, mit der Uni-Kirche habe sich eine junge Frau aus Protest in die Luft sprengen wollen. "Ich sah sie einen Tag vor der Sprengung ins Gotteshaus huschen. Sie wurde entdeckt und abgeführt. Später habe ich erfahren, dass es eine Studentin war, die daraufhin geext wurde. Mehr ist mir nicht bekannt." Als Gey die Kirche abschloss, war in ihr unter anderem das Gestühl und größte Teile der Orgel verblieben.

Bleibt die spannende Frage: Gab es die junge Frau? Gey ist felsenfest überzeugt: "Ja, ich weiß es hundertprozentig. Meine Leute waren doch die einzigen, die sie gesehen haben. Ihretwegen hat man sogar die Wachposten ausgewechselt." Diese Erinnerung muss dennoch Gerücht bleiben. Denn die Beweise fehlen. Das bestätigt auch Universitätsarchivar Gerald Wiemers, der gerade dabei ist, eine Unterschriftenliste von 101 Studenten zu rekonstruieren. Im April 1968 hatten vor allem angehende Theologen mit einem Aufruf versucht, die Sprengung verhindern zu können. Einer der Unterzeichner war Steffen Heitmann, Ex-Justizminister Sachsens, heute für die CDU im sächsischen Landtag. Repressalien hatte Heitmann wegen seiner Unterschrift nicht erlitten. Es waren wohl zu viele, als dass die Staatsmacht hätte reagieren können. Heitmann erinnert sich an den letzten Gottesdienst in der Paulinerkirche mit Prediger Wagner. Dabei zu erfahren, "dass wir nichts erreichen können, das war schon ein Gefühl tiefer Hilflosigkeit".

Fast vier Jahrzehnte nach dem für Leipzig dramatischen Ereignis ist Wolfgang Gey in Gedanken zurück in jenen Tagen. Vorwürfe, nichts gegen den Beschluss der Partei unternommen zu haben, weist er von sich:"Widerstand? Wenn wir es nicht getan hätten, dann hätten sie andere, nicht so sensibel vorgehende Leute geholt. Ich bin überzeugt, dass wir in jenen Tagen richtig gehandelt haben. Die geretteten Kunstwerke, die demnächst in einem neuen Bau integriert werden, sprechen doch eindeutig dafür. Ich hätte auch noch gern die Roßbachsche Fassade abgebaut. Doch wir hatten keine Zeit."

Mit seinen Erfahrungen ist Gey heute erstaunt über die "allgemeine Gleichgültigkeit" in Leipzig: "Immer wieder werden hier wertvolle Zeugnisse der Baugeschichte abgerissen - Goldschmidthaus, Kleine Funkenburg, Eckhaus am Felsenkeller. Ich halte das für größten Frevel. Eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit ist dringend geboten."

Thomas Mayer

Lesen Sie hierzu:
- Zerstörte Grabstätten der Universitätskirche
- Grabstätten berühmter Persönlichkeiten
- Vergraben und vergessen - Eine Broschüre befasst sich mit den zerstörten Gräbern in der Paulinerkirche

- Dramatische Häuserabrisse in Leipzig


aus einem Diskussionsforum:

Quelle: http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/7989.htm
Geschrieben von Koch, Dr. Dietrich am 05. Juli 2006 09:08:31:

Gedächtnisstätte für Gellert

Leipziger Volkszeitung vom 5. Juli 2006

Uni will ihren berühmten Gellert nicht zurück Paulinerverein schlägt Dichtergrab in neuer Kirche am Augustusplatz vor / Kein Interesse von Alma mater und Stadt Die Diskussion um das Grab des berühmten Leipziger Dichters und Gelehrten Christian Fürchtegott Gellert (1715 – 1769) geht weiter. Nachdem in einer amtlichen Bekanntmachung der Stadt von der Einebnung der Ruhestätte auf dem Südfriedhof die Rede gewesen war (die LVZ berichtete), das Grünflächenamt jedoch Entwarnung gegeben und das Ganze als reinen verwaltungstechnischen Akt interpretiert hatte, meldet sich nun der Paulinerverein zu Wort. Sein Vorschlag: Gellerts Gebeine sollten in der neuen Universitätskirche St. Pauli ihre letzte Ruhestätte finden. „Wir gehen davon aus, dass Gellert in die wieder errichtete Unikirche am Augustusplatz kommt. Denn vor ihrer Sprengung im Jahr 1968 lag er ja auch dort“, so Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins.

Dazu heißt es in „Kulturkampf in Leipzig“, S. 104 f.:

„Zwei allegorische Marmorfiguren vom Denkmal Christian Fürchtegott Gellerts (1715-1769) von Friedrich Samuel Schlegel (1773) gehörten zum Denkmal in der Johanniskirche (Eigentum der Landeskirche). Nach der Zerstörung von deren Schiff im Zweiten Weltkrieg waren sie in die Universitätskirche gebracht worden und befanden sich bis 1968 im Aufgangsbereich zur Orgelempore. Sie kamen 1968 ins Depot, während sich das feuervergoldete Relief des Dichters im Archiv der Nikolaikirche befindet. Die Sitzfiguren könnten in eine Gedächtnisstätte für Gellert und die anderen 800 Toten aus den Grüften der Universitätskirche integriert werden.“

Quelle: http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/8000.htm
Geschrieben von Dieter Hilbert am 05. Juli 2006 17:45:31:

Ja, da wäre doch das beste, ganz in dem Sinne, wie es die beiden Mitglieder des Paulinervereins in ihrer Dokumentation - mit Vorschlägen - "Kulturkampf in Leipzig" vorgeschlagen haben, zu verfahren. Der Paulinerverein kann sich glücklich schätzen, so fachkompetente, ideenreiche und lösungsorientierte Mitglieder zu haben. Der Vorstand brauchte also nur auf diese Publikation zurückzugreifen. Wie gut, auch wenn die Aufkündigung des Grabes eher ein Zufall war, der den Vorstand diese Idee noch einmal in die öffentliche Diskussion einbringen ließ.

Arme Universität, gesitig verarmte Universität, daß die an das alles nicht einmal denkt. Offensichtlich Leerstelle im Nutzungskonzept! Und nicht die Spur eines Gedankens an Wiedergutmachung.


aus dem Diskussionsforum der Leipziger Volkszeitung

Thema: Prima Beitrag vom Brigadier !
Datum: 28.07.2005 09:30 Uhr
Autor: Klaus Röder (k.roeder@t-online.de) aus Leipzig
Beitrag: Was sagt der ehemalige Kombinatsdirektor des WbK ? Baukombinat wurde es später. Der Gen. Kombinatsdirektor ist in den siebziger Jahren zu hohen akademischen Ehren gekommen, er wurde Prof. 1990 hat er dann sogar OBM Lehmann- Grube beraten. Was sagt Prof.Dr. sc. Roland Hofmann zum Ablauf der Sprengung und dem Raustragen von Studenten ?


Lesen Sie auch die Stellungnahme der katholischen und evangelischen Studentengemeinden Leipzig

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Lesen Sie auch:
- historische Zitate
- Zeitschiene zur Schuldfrage
- Abstimmungsverhalten im Leipziger Stadtrat im Jahr 2003
- die Tage vor der Sprengung Berichte eines Augenzeugen

- Historische Schuld der Universität Leipzig in den 60er Jahren
- Warum stellt man sich nicht der Geschichte?

 

 

www.paulinerkirche.de