Leipzig braucht die Universitätskirche
zum Wiederaufbau der 1968 gesprengten Paulinerkirche


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Die Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig und ihre Kunstwerke

1240 - 1968

Am 30. Mai 1968 vormittags 11 Uhr verwandelten Sprengsätze die alte Dominikanerklosterkirche, die seit 1543 der Universität zugehörte und ihr als Aula, Gedächtnis- und Begräbnisstätte wie als liturgischer Raum diente, in wenigen Sekunden in einen Trümmerhaufen, der in Windeseile unter ebenso strengen Absperr- und Kontrollmaßnahmen wie während der Vorbereitungen zur Sprengung abgefahren wurde. Alle Spuren des Bauwerks am Standort wurden getilgt und nach der sich anschließenden Zerstörung des kriegsbeschädigten Hauptgebäudes AUGUSTEUM der Universität, das vier Woche später gleichfalls weggesprengt wurde, gähnte dort eine Baugrube für eine sozialistische Universität. Nach 728 Jahren des Bestehens und ständiger Nutzung vernichtete politische Willkür ein Bauwerk höchsten historischen, wie künstlerischen, universitäts- wie stadtgeschichtlichen Ranges. Errichtet als Kirche des Dominikanerordens, dessen erste Mönche im Jahre 1229 nach Leipzig gekommen waren, wo sie 1231 gleich neben dem Grimmaischen Tor längs der Stadtmauer einen großen Bauplatz zur Errichtung von Kloster und Kirche geschenkt erhielten. Die Kirchenweihe fand 1240 statt. Es war eine flachgedeckte dreischiffige Kirche mit einem gewölbten Chor und säulengeschmücktem Hauptportal an der Nordseite, über dem sich die Paulusstatue des 15. Jahrhunderts befand. Von 1471 bis 1521 erfolgten weitgehende spätgotische Um- und Erweitertungsbauten. Es entstand bis 1485 eine dreischiffige gewölbte Hallenkirche mit einem gleichfalls dreischiffigem gewölbten Chorhaus, das zwischen 1517 und 1521 errichtetet wurde. Es mußte 1546 im Zuge der Modernisierung der Leipziger Stadtbefestigung wieder abgetragen werden. Seither war die Kirche nur mit einer schlichten Wand im Osten abgeschlossen. 1539 bei Einführung der Reformation im albertinischen Sachsen wurde auch der Dominikanerkonvent aufgehoben und die gesamte Klosteranlage säkularisiert. Gegen den Einspruch der Stadt Leipzig übereignete Herzog Moritz von Sachsen auf Bitten von Caspar Borner am 28. Juni 1543 der Universität Leipzig die gesamte Klosteranlage. Die Universität erhielt damit ihr Zentrum. Die einstige Klosterkirche wurde am 10. Oktober 1543 Aula der Universität und diente seit dem 12. August 1545 auch den akademischen evangelischen Gottesdiensten. An diesem denkwürdigen Tag predigte hier der große Reformator Dr. Martin Luther.
Erst im Jahre 1710 erhielt die Universität die "königliche Erlaubniß", in der Paulinerkirche einen "regelmäßigen öffentlichen Gottesdienst" einzurichten. Der Königliche Erlaß kam direkt "Von Gottes Gnaden Friedrich Augustus König in Pohlen Hertzog zu Sachßen, Jülich, Cleve, Berg, Engern und Westphalen". Im Jahre 1710 begann dann auch die barocke Umgestaltung der Kirche. Es entstand ein Westportal zum Innenhof des Universitätskomplexes hin. Im Inneren wurden zweigeschossige Emporen eingebaut und 1738 trat an die Stelle der mittelalterlichen Kanzel eine neue, die Valentin Schwarzenberger geschaffen hatte. Auch wurde der Chorraum durch hohe Trennwände neu gegliedert. An den Wänden dieses neuen Altarraumes fanden großformatige Epitaphien des 16. und 17. Jahrhunderts Aufstellung, die zum Gedächtnis einstiger "Bürger" der Universitätskorporation gestiftet worden waren, diente doch die Kirche neben ihren Funktionen als Gottesdienstraum, Aula und Promotionsort für die Theologische, die Juristische und die Medizinische Fakultät bereits seit dem 15. Jahrhundert auch als Begräbnisstätte für Universitätsprofessoren und deren Familien. Während der Völkerschlacht von 1813 wurde die Kirche Lazarett und Gefangenenlager und mußte danach bis 1817 renoviert werden. Nach der Abtragung der Fortifikationen und dem Abbruch des Grimmaischen Tores entstand an deren Stelle ein großer freier Platz, der 1839 "Augustusplatz" benannt wurde. Teile der Klosteranlagen wurden niedergelgt und ein erstes Hauptgebäude mit einer Aula für die Universität durch Albert Geutebrück von 1831 bis 1834 als "Augusteum" errichtet und der bis dahin schmucklose Ostabschluß der Kirche erhielt 1838 eine Fassade im Zeitgeschmack vorgeblendet. Diese mußte 1897 einer aufwendigen neogotischen Fassade weichen, die Arwed Roßbach nach Anregungen der Fassadengestaltung des Domes von Orvieto gestaltete. Auch das Kircheninnere wurde neu gestaltet mit einschiffigen Emporen in barockem Charakter und einer gotisierenden Ausmalung. In dieser Fassung überlebte die Paulinerkirche die Zerstörung nahezu aller Universitätsgebäude längs der Grimmaischen-, der Schiller- und der Universitätsstraße im II. Weltkrieg. Relativ geringe Schäden konnten rasch repariert werden, die verlorene Farbverglasung wurde durch einfaches Glas ersetzt, die 1943 vor dem "totalen" Krieg vorsorglich ausgebaute und gesicherte Ausstattung der Kirche wieder eingebaut. Planungen seit 1948 sollten eine nach einem halben Jahrhundert mehr als überfällige gründliche Innenerneuerung befördern. Doch seit 1955 stellten Vorstellungen für eine sozialistische Umgestaltung des nunmehr "Karl-Marx-Platz" gehießenen Platzraumes vor der Kirche die Existenz von Kirche und Augusteum infrage und seit 1960 wurde deutlich und direkt davon gesprochen, beide Bauwerke zu beseitigen. Neue Vorstöße zur Vernichtung datierten aus den Jahren 1963 bis 1968, obgleich gegenüber der Öffentlichkeit bis 1965 diese dementiert wurden. 
Am 23. Mai 1968, dem Tag der Himmelfahrt Christi, beschloß schließlich die Stadtverordnetenversammlung mit nur einer Ggenstimme die Neugestaltung des Platzes und damit die Vernichtung der Kirche. Als Datum wurde der 30. Mai 1968 festgesetzt.
Damit waren die Dokumentation des Baubestandes ebenso wie bauarchäologische Untersuchungen, etwa auch zur mittelalterlichen Ausmalung der Kirche, unmöglich gemacht. Die Bergung von Kunstwerken war zunächst nicht vorgesehen und erfolgte dann überstürzt und planlos. Allein dazu war Zivilcourage nötig und die Hilfe von Abbruchkräften; sie wollten retten, was sie retten konnten. Zahlreiche Ausstattungsstücke gingen komplett verloren, von anderen konnten nur bescheidene Fragmente geborgen werden. Auch entstanden nicht unerhebliche Schäden durch die Hast und den Druck, unter dem der Ausbau erfolgte, wie auch infolge fehlenden Sachverstandes der Retter.
Die große und nicht nur für die Leipziger Universitätsmusik bedeutende Orgel konnte nicht ausgebaut werden, das Werk ging verloren.
Planlos wie der Ausbau erfolgte auch die anschließende Lagerung der Kunstwerke aus der Kirche. Hatte das Stadtparlament die Vernichtung beschlossen, ohne daß es sich bei dem Bauwerk um eine städtische Immobilie handelte, so betrachtete die Stadt sich auch als Eigentümer der geborgenen Ausstattungsstücke, für deren weitere Erhaltung sie keine Vorkehrungen traf. Erst nach der Einforderung ihres Eigentums durch die Universität konnte der langwährende Prozeß der künftigen Sicherung der Kunstwerke in Angriff genommen werden. Seine wichtigsten Etappen bisher waren die Übernahme besonders kostbarer Stücke in die Obhut der universitären Kunstsammlung, der Vertragsschluß mit der Landeskirche Sachsen über sachgemäße Lagerung aller großformatigen Fragmente und vor allem die Entscheidung, den zu rekonstruierenden einstigen Hauptaltar der Paulinerkirche künftig im Chorhaus der Thomaskirche aufzustellen und dort wieder liturgisch zu nutzen. In der Thomaskirche fanden auch die bronzene Grabtafel der Herzogin Elisabeth von Sachsen (gest. 1484) und die Grabplatte des Ritters Nickel Pflugk (gest. 1482) als Leihgaben der Universität Aufstellung.
Die Bemühungen um die weitere Bewahrung der vor der drohenden Vernichtung geretteten Kunstwerke der Paulinerkirche sind während der letzten 20 Jahren nicht ohne Erfolg geblieben. Davon zeugt nicht nur der wiedererstandene Paulineraltar in der Thomaskirche. Dafür stehen zahlreiche der Kunstwerke in der Ausstellung, so das spätgotische Kruzifx, die Figur des sog.Thomas von Aquino, die Tumbenfigur des Markgrafen Dietrich von Wettin, gen.Diezmann (gest. 1307), die Gemälde der „Böhmischen Tafel" des späten 14. Jahrhunderts oder die Epitaphien Lewe, Goritz, Camerarius u.a. Sie sind zwar für die Zukunft gesichert, während zahlreiche der großformatigen Stein- und Holzwerke sich in keinem guten, eher bedenklichem Zustand befinden. Doch wie sieht die Zukunft der Kunstwerke der einstigen Pauliner-Universitätskirche aus? Wo wird künftig der Raum sein, in dem sie nicht museal als Schaustücke aufgestellt sind, vielmehr ihre Funktion erfüllen als Zeugnisse der Historie der Universität Leipzig und deren bereits durch sechs Jahrhunderte reichenden Traditionen?
Die einst im Kreuzgang an der Südseite der Kirche aufgestellten Grabsteine des 15. bis 18. Jahrhunderts sind heute, soweit überhaupt erhalten, an Wänden des Seminar- und Hörsaalgebäudes angebracht. Dort unterliegen sie zunehmender Bedrohung, nicht allein durch Frabschmiererei, sondern leider auch durch Vandalismus. Für sie muß rasch eine neue Aufstellung gefunden werden bzw. muß am Ort eine Sicherung gegen Beschädigung aller Art getroffen werden. Aber auch die geborgenen hölzernen wie steinernen Bildwerke aus dem Chorraum der Kirche harren überwiegend noch der Sicherung und künftigen Wiederherstellung. Vom Zustand dieser Kunstschätze legt das unrestauriert ausgestellte Epitaph für Daniel Eulenbeck ein beredtes Zeugnis ab. Hier ist Engagement über viele Jahre dringend gefordert.