Leipzig braucht die Universitätskirche
zum Wiederaufbau der 1968 gesprengten Paulinerkirche


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Kostbarkeiten der Kirche - durch Zivilcourage gerettet

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Kustodie / Kunstsammlungen der Universität Leipzig

Kunstsammlung und Verwaltung
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Leiter: Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen
Kustos der Kunstsammlungen
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STUDIENSAMMLUNG FÜR DEN HISTORISCHEN
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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 2. Dezember 1998

Kostbarkeiten der Unikirche - 
durch Zivilcourage gerettet

Der 30. Jahrestag der widersinnigen Sprengung der Leipziger Paulinerkirche in diesem Jahr (1998) ist auch Anlaß, die geretteten Kunstschätze aus dem Inneren des Sakralbaus erneut der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ab heute (2. Dezember 1998) können sie im Hörsaalgebäude der Universität besichtigt werden. Und deren Bewahrung vor der Vernichtung ist eine ziemlich abenteuerliche Geschichte.

Wie im Fluge vergingen die fünf Tage für jene, die im Mai 1968 in diesem Zeitrahmen das kunsthistorische Interieur der Paulinerkirche vor dem gleichen Schicksal zu bewahren suchten, welches das sie umhüllende und zur Sprengung freigegebene Gemäuer erwartete. Eine Aufgabe, die niemand vergeben hatte, die gar nicht existieren durfte. Der von der Leipziger Stadtverordnetenversammlung am 23. Mai 1968, dem Tag Christi Himmelfahrt, mit nur einer Gegenstimme gefaßte Beschluß zur Sprengung der Paulinerkirche lehnte ausdrücklich einen Antrag auf Bergung der Kunstschätze des Bauwerkes ab. "Die Stadtverordneten wollten eine tabula rasa schaffen", deutet heute Rainer Behrends, Kustos der Leipziger Universität, die städtische Ablehnung.

Daß das Tabula-rasa-Spiel der Mächtigen letztlich doch nicht ganz aufging, lag an der Entschlossenheit und der Zivilcourage einiger Zeitgenossen sowie in dem die Sprengung begleitenden Chaos begründet. Denn über den gleichen Weg, über den für den Sperrmüll bestimmte Stühle, Bänke und anderes Kirchenmobiliar die dichten Polizeiketten rund um die ehemalige, sich seit 1543 in Universitätsbesitz befindende Dominikanerklosterkirche passierte, konnten auch etliche kunsthistorische Kleinode gerettet werden.
Die Lagerung der über 100 Objekte erfolgte so planlos wie ihre Rettung. Die Stadtoberen, die sich zum Eigentümer einer kirchlichen Staatsimmobilie aufgeschwungen hatten, lagerten diese Objekte, die sie eigentlich gar nicht haben wollten, zunächst im Dimitroffmuseum und verteilten sie dann auf Leipziger Museen. Im Anschluß daran wollten sie die Landeskirche einladen, sich an ihnen nach Bedarf zu bedienen. "Zum Glück konnte das Vorhaben vereitelt werden", erinnert sich Rainer Behrends.

Damit beschränkt sich die Einforderung der Kunstwerke durch die Universität auf Leipziger Einrichtungen, wobei die letzten Objekte erst nach 1989 wieder in deren Besitz gelangten. Dann konnte der langwährende Prozeß der Sicherung der Kunstwerke in Angriff genommen werden. Die wichtigsten Etappen dieses Prozesses markieren die Übernahme besonders kostbarer Stücke in die Obhut der universitären Kunstsammlung, der Vertragsabschluß mit der Landeskirche Sachsen über die sachgemäße Lagerung aller großformatigen Fragmente sowie die Entscheidung, den einstigen Hauptaltar der Paulinerkirche im Chorhaus der Thomaskirche aufzustellen und dort wieder liturgisch zu nutzen. Doch zur Ruhe dürfen die stummen Zeugen eines unfaßbaren Aktes ideologisch verbrämten Kulturbarbarismus noch immer nicht so recht gelangen. Aus Dresden kam ein klares "Nein" auf die Leipziger Anfrage nach Mitteln für eine ständige Ausstellung der Kunstschätze. Diese müssen weiterhin ihr Dasein weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit in den Räumlichkeiten der Kustodie führen.

Die Zukunft der Kunstschätze könnte jedoch anders aussehen, würde die Universität Eigenengagement hinsichtlich einer Dauerausstellung zeigen. Der Anfang dafür scheint im Erdgeschoß des restaurierten Königlichen Palais in der Goethestraße gemacht worden zu sein, in dem seit knapp einem Jahr die Studiensammlung der Universität mit einigen Kunstwerken der Paulinerkirche für die Öffentlichkeit zugänglich untergebracht ist.

Autor: Roger Dietze