Star-Trompeter Güttler bläst zum Meinungsstreit Nobelpreisträger Günter Blobel fordert "Leipzig braucht die Universitätskirche" Dokumentation Paulinerkirche 1240-1968 Ideenwettbewerb 1994 zur Gestaltung des Augustusplatzes Streit um "Installation Paulinerkirche" erhitzt nach wie vor die Gemüter Gedanken von Erich Loest zur Sprengung der Paulinerkirche CDU-Fraktion im Leipziger Stadtrat fordert "Installation lassen, Marx-Relief beseitigen" Kostbarkeiten der Kirche - durch Zivilcourage gerettet Copyright © 1999-2006 sponsored by
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Gedanken von Erich Loest Das war Leipzigs bitterster Tag seit 1945. Die SED mit Paul Fröhlich und Ulbricht im Rücken hatte beschlossen, die Universitätskirche zu vernichten. Der Grund war simpel: Am Karl-Marx-Platz sollte kein Gotteshaus geduldet werden. Die Welt hatte mit anderem zu tun: Aufruhr in Paris, Studentenrevolte in der Bundesrepublik mit Schüssen auf Dutschke, den Reformern von Prag wurden die Halseisen geschmiedet. So blieben die Leipziger mit ihrem Zorn allein. Die Kirche gehörte der Universität, der Senat stimmte dem Mord eindeutig zu. In der Stadtverordnetenversammlung argumentierten SED wie CDU, Kulturbund und Kunstakademie für die Sprengung. In meinem Roman "Völkerschlachtdenkmal" schrieb ich: "Ein einziger nur, Pfarrer Rausch, hatte den Mut gefunden, gegen diese Absicht zu sprechen: Selbst auf dem Roten Platz in Moskau stünde eine Basilika, da werde doch wohl der Marxplatz in Leipzig mit einem Gotteshaus auskommen. Rausch hatte vom Alter der Paulinerkirche gesprochen, dem Rest einer Klosteranlage, noch vor 1240 errichtet, von der Standfigur der Markgrafen Dietzmann, dem geschnitzten Altar; ich hätte gern gewußt, ob seine Stimme fest geklungen hatte wie die Martin Luthers einst drüben in der Pleißenburg, wie die Dimitroffs - es hat schon Männer in Leipzig gegeben. Pfarrer Rausch war unser letzter Held. Alle anderen hoben die Hand. Was wäre geworden, sie hätten dagegengestimmt? Wären sie ins Gefängnis oder ihrer Pfründe verlustig gegangen? Das erstere wohl kaum, das letztere vermutlich. Heute redet man gern in Leipzig: Waren eben wilde Zeiten, Ulbricht und Fröhlich haben die Kirche sprengen lassen. Aber alle Stadtverordneten von 1968 sind schuldig außer Pfarrer Rausch. Vielleicht wird er noch einmal Ehrenbürger? Die evangelische Kirche hat ja keine Heiligen." Die Vorbereitungen wurden mit Hochdruck betrieben und dauerten drei Wochen. Wer an den Absperrungen stehenblieb, wurde abgedrängt. Studenten des Theologischen Seminars setzten sich aufs Pflaster, sie wurden fortgetragen und eingesperrt. Der Zorn derer, die Blumen über den Zaun warfen, galt ebenso denen, die rüde Macht demonstrierten, wie der eigenen Hilflosigkeit. In der Nacht vorher wurde ein Kreis von dreihundert Meter Radius geräumt; Weltkriegsbomben lägen im Boden, sie könnten detonieren. Nur von einer Stelle außerhalb des Sicherheitskreises war die Kirche zu sehen, vom Johannisplatz. Dort drängten sich zwei-, dreitausend. Vom Grassimuseum aus gelangen die besten Fotos. Frisch eingezogene Bereitschaftspolizisten sperrten ab, sie waren hochnervös wie ihre Nachrücker im Herbst 1989. Dort stand auch ich. Ich sah den sonnenerleuchteten Giebel und das Türmchen, das neigte sich ohne Laut für uns, das Dach sackte ein. Staub stieg auf, erst dann drang das Grollen herüber. Nun drängten Menschen nach vorn und drückten gegen die Polizisten. Der vor mir nestelte an seiner Pistolentasche. Ein Schuß, und Panik wäre ausgebrochen. In diesen Tagen spielten Gewandhaus und Theater, Schriftsteller schrieben, Maler malten. Paul Fröhlich, der Sieger, saß einem von ihnen Modell. Die Betriebe strebten Planerfüllung an. Vorwärts und alles vergessen. Fröhlich erlebte den Aufbau des Karl-Marx-Platzes in seinem Sinne nicht mehr. Ulbricht wurde von seinem Nachfolger aufs Abstellgleis geschickt. Die Paulinerkirche sollte vergessen sein: wo auch immer Darstellungen mit dem Platz am Grimmaischen Tor veröffentlicht wurden, mußten sie so beschnitten werden, daß die Kirche jenseits des Randes lag. Die Täter setzten auf Zeit. Wer sie ins Vergessen abdrängen wollte, hoffte auf Gleichgültigkeit, aber er irrte sich in den Leipzigern. Auch ich habe der Barbarei zugeschaut und nichts dagegen getan. Ich wünschte, es wäre anders. Unterdessen wurde Pfarrer Rausch der Stasispitzelei beschuldigt - trat damals als Provokateur auf? So verblaßt selbst dieser seltsame Lichtblick. Von Bernd-Lutz Lange stammt die Erkenntnis: Als die Paulinerkirche in den Staub stürzte, wurde hinter ihr der Turm von St. Nikolai sichtbar. Zwei Jahrzente später rächten die Leipziger von dort aus das Verbrechen. 1990 und ´91 lärmten BILD und MDR von einem Wiederaufbau, beide und ein Förderverein sind inzwischen verstummt. Eine kleine Tafel erinnert an die Schmach vor dreißig Jahren, immerhin. Über ihr prunkt Karl Marx, in dessen Namen die Schande verübt wurde, als tonnenschweres Bronzerelief. Einmal hieß es, man wolle es dort aufstellen, wo die Trümmer der gemordeten Kirche verscharrt sind. Von diesem Plan hat man schon lange nichts mehr gehört. Leipziger Volkszeitung vom 29.
Mai 1998
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