Star-Trompeter Güttler bläst zum Meinungsstreit Nobelpreisträger Günter Blobel fordert "Leipzig braucht die Universitätskirche" Dokumentation Paulinerkirche 1240-1968 Ideenwettbewerb 1994 zur Gestaltung des Augustusplatzes Streit um "Installation Paulinerkirche" erhitzt nach wie vor die Gemüter Die Sprengung - der Protest Gedanken von Erich Loest zur Sprengung der Paulinerkirche CDU-Fraktion im Leipziger Stadtrat fordert "Installation lassen, Marx-Relief beseitigen" Kostbarkeiten der Kirche - durch Zivilcourage gerettet Copyright © 1999-2006 sponsored by
|
Der wenig erinnerte Widerstand Leipziger Studenten Dr. Dietrich Koch Stefan Welzk Die Sprengung - der Protest! (Stefan Welzk ist heute Referent für Wirtschaft, Technik und Verkehr im Ministerium für Bundesangelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein in Bonn) (Harald Fritzsch ist heute Professor für Theoretische Physik der Technischen Universität München) Die Stadt kochte. Den Karl-Marx-Platz durchschnitt ein frisch gestrichener Metallgitterzaun. Wer ihn berührte, wer an ihn gedrängt wurde, war mit klebrigen Flecken rostroter Ölfarbe gekennzeichnet. Dahinter liefen Polizisten mit Schäferhunden an kurzer straffer Leine Patrouille. Ungewöhnliche Arbeiten in provozierender Offenheit boten sich den Blicken dar: Lange Bohrer, wie man sie von Bildern aus Steinbrüchen kennt, trieben Sprenglöcher in eine unversehrte gotische Kirche. Davor klumpte Bevölkerung zusammen, immer wieder auf tarngrüne LKW's verladen und abgefahren ins Präsidium in der Dimitroffstraße und im Schnellverfahren zu irgendwas verurteilt. Von den Hochhäusern ringsum hielten Kameras die Gesichter von Empörten fest, für Verfahren und Akten. Zunächst hatte man Agitatoren auf den Karl-Marx-Platz entsandt, die den fassungslosen Bürgern Vernunft und Notwendigkeit der Sprengungen dartun sollten. Doch die bemitleidenswerten Gestalten gingen hilflos und peinlich unter, wurden zu Kondensationspunkten und Katalysatoren, um Protest und Wut zu artikulieren. Es gab Gerüchte, die stimmen mochten oder auch nicht: Oistrach und Menuhin hätten beim Staatsratsvorsitzenden protestiert, der Papst und der Bundespräsident desgleichen. Denn die große altehrwürdige Universitätskirche war nicht nur eine der wenigen Baulichkeiten von kulturhistorischem Wert, die den Dauerbombardements der Jahre 43/45 entgangen war. Bereits Bach hatte hier gewirkt und Kompositionen eigens für die Aufführung in diesem Hause geschaffen (so die Motette "Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf"). Die von Katholiken und Protestanten gemeinsam geführte Kirche war ein kultureller Mittelpunkt der Stadt, mit ihrer klaren angenehmen Akustik hochgeschätzter Konzertraum und Heimstatt des reputablen Universitätschores. Hierher wurden wir im Kunstgeschichtsunterricht der Oberschule geführt, um an Raum, Säulenführung und Wandmalereien den Sinn zu bilden. Doch nicht nur die Wandmalereien seien mit in die Luft geflogen, sondern viele der Kunstwerke, und nur ein paar der Orgelpfeifen habe ein Beherzter, wenn auch verbeult noch retten können. Die Kirche habe keine Gelegenheit zur Entweihung bekommen. Die Trümmer der Kirche seien weit raus aus der Stadt gekarrt, die Trümmer des Augusteums, der im Krieg halbausgebrannten und zeitgleich mitgesprengten Universität darüber gekippt worden, das Ganze bewacht von behundeter Polizei, damit niemand sich Steinbrocken als Reliquien klaube. Es blieb im Dunkeln, was das Motiv für dieses kulturrevolutionäre Berserkertum des Staatsratsvorsitzenden war, der persönlich die Triebkraft hinter all dem sei. Im gequälten China stieg und fiel in diesen Jahren das Fieber der Kulturrevolution, angeheizt von der Gattin des Großen Steuermannes, jenes "Leuchtturms des Weltgeistes" (so Giscard d'Estaign) und ihre inspirative Kraft schien bis zur Elbe und Pleiße hin auszustrahlen. Oder waren es die keineswegs lammfrommen Predigten des Dominikanerpaters Gordian, die es dem Alt-Leipziger Ulbricht eingaben, hier ein Exempel zu statuieren. Ging es darum, auch im Deutschen denen, deren Herz und Sinn an anderem hing als an Parteitagskultur, in demütigender Öffentlichkeit ihre Ohnmacht vorzuführen? Ein sinnvolles Verhalten wußte niemand. Um meine Fassungslosigkeit irgendwie zu entladen, hatte ich ein Plakat gemalt mit den grellroten Worten: "AUCH SPRENGEN!", wollte es zunächst am Alten Rathaus anbringen, war aber dann mit der zusammengerollten Pappe zur Thomaskirche gefahren und hatte sie nachmittags und unbehelligt von den umstehenden Passanten an die Pforte genagelt. Doch dieser Protest war auf eine gar nicht gegebene Sensibilität hin kalkuliert: Mir wurde später vermittelt, das Plakat habe bei den Stasi-Größen zustimmendes Grinsen ausgelöst. Doch daß dieser verstiegene Sarkasmus neben dem lag, was sowohl Macht als auch Ohnmächtige jetzt brauchten, hatte ich unmittelbar empfunden. Eine klare, unübersehbare und unmißverständliche Aktion tat not. Zufall und Unsensibilität gaben es, daß die Sprengung zwei Wochen vor dem Internationalen Bachwettbewerb durchgeführt wurde, zu dem in mehrjährigem Abstand die Bachstadt einlud, wohlfrequentiert und stets von unbestreitbarer Qualität, ein "Kultur-Ereignis" ersten Ranges, dessen sich der prestigesüchtige Staat gern annahm. Ein Teil des Orgelwettbewerbs und auch andere Konzerte des Festivals pflegten stets in der nun nicht mehr verfügbaren Universitätskirche stattzuflnden. Harald Fritzsch, ein hochbegabter Physikstudent, den ich als Hilfsassistent zu betreuen gehabt hatte, wollte per Hand während eines Konzertes in der Thomaskirche ein Plakat entrollen. Mich faszinierten der Mut und die Tatkraft, mir mißfielen zwei Momente - das unnötige Personenopfer und die Belastung der Kirche. Wir einigten uns rasch, statt dessen ein möglichst großes Transparent auf der Bühne der Leipziger Kongreßhalle sich entrollen zu lassen, per Zeitzünder zum Abschlußkonzert nebst Preisträgerauszeichnung des Bachfestivals, wo Rundfunk und Fernsehen, Minister, Presse und was auch immer man sich wünschen konnte, dabeisein würden. Die politische Vernunft, die seit Jahren gegen jede Flugblatt-Verzettelung und sonstige Romantik der Resistance sprach - daß man mit solcherlei Selbstbefriedigung der Stasi diene, weil man ihr damit die ersehnte Rechtfertigung liefere für ihre Existenz und die weitere Wucherung des Überwachungsapparates - hier galt sie nicht mehr. Der Staat hatte Grenzen verletzt und neue Freiräume totalitärer Machtausübung angetestet. Was immer an restaurationsfähigen gotischen oder barocken Ruinen bislang planiert worden war - die Sprengung einer großen unversehrten gotischen Baulichkeit im Herzen der Messestadt war der Versuch, das auch in dieser Ordnung irgendwie gegebene Gleichgewicht zwischen Obrigkeitsgewalt und Untertanenduldung signifikant zu verschieben. Die Partei mußte erfahren, daß sie mit dem Zugriff auf Methoden spätmaoistischer Barbarei Reaktionen hervorrief und Gegenkräfte aufstachelte, mit denen sie es bislang nicht zutun hatte, und es sollten auf diese Weise Auseinandersetzungen in der Führungsclique über die Vernunft solchen Vorgehens ausgelöst werden. Ich kaufte das größte grellgelbe Tuch, was zu bekommen war, in einem Fachgeschäft für Fahnen in Potsdam, einen Wecker in Berlin am Alex und schwarze Farbe sonstwo, um die Ermittlungen zu erschweren. Mein Kollege Rudolf Treumann vom Geomagnetischen Institut Potsdam der Akademie derWissenschaften, ein begabter Grafiker und Musiker, reagierte auf mein Ansinnen, das Plakat zu malen, mit deutlich entsetztem Gesicht, stimmte jedoch sofort zu. Minutiös übertrug er die Konturen, die Rosette und die Türmchen der alten Bettelmönchskirche von einer grafischen Vorlage auf das etwa vier mal zweieinhalb Meter große Tuch, auf dem Teppich meiner Potsdamer "Bude", deren Wirtin nichts sah oder sehen wollte. Rudolf war wohl der einzige, der das Risiko voll empfand, und er selbst trug zugleich das größte Risiko. Er wollte nicht fliehen aus Ostdeutschland. Er war als einziger von uns verheiratet, hatte zwei kleine Kinder, würde folglich auf Dauer den Ermittlungen ausgesetzt sein, und er war gut genug informiert über das Instrumentarium gegenüber politischen Langstraflern - Druck auf Scheidung, Zwangsadoption der Kinder, Verbringung in Heime und was sonst in solchen Fällen noch praktiziert wurde. Doch Schweigsamkeit und Glück haben ihn geschützt, selbst als um 1972 viele unserer Freunde als "Staatsfeindliche Gruppe" zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden - bis zur späten Flucht im Jahre 78. Neben die Kirche malte er das Jahr 1240, das als deren Entstehung galt, das Jahr 1968 mit großem schwarzen Kreuz und darunter in monumentalen Lettern: , In meiner Leipziger Wohnung schraubten wir Tuch, Hölzer und Wecker zusammen wie eine Schul-Landkarte, die sich per Zeitzünder entrollen würde, und zogen damit am nächsten Vormittag zur Kongreßhalle. Harald sondierte und schob draußen Wache, um im Fall meiner Festnahme andere zu warnen und Schaden zu begrenzen. Die Bühne war voll mit Menschen. Orchesterdiener, Feuerwehr, Fernsehmonteure und Rundfunkleute - einer mehr fiel nicht auf. Mit einem freundlichen "Gestatten Sie mal, bitte !", schob ich mich durch zur Feuerleiter. Oben auf dem Schnürboden lag fußhoch der Dreck, und bei jeder Beweung schwebten die Staubwolken herunter auf die weiße Dekoration mit ihrer Goldaufschrift, welche die obere Bühnenhälfte füllte und die beim Anbinden des Transparentes ins Schweben geriet, just als das Fernsehen seine Kameras auf dieselbe einjustierte. Irgendwann hing das Transparent, mußte wieder abgeschnitten werden, weil es mit dem Rücken zum Saal angebracht war, hing schließlich endgültig, und verdreckt wie ein Minenarbeiter kletterte ich die Leiter runter, schob mich durch die verwunderten Bühnenarbeiter und hetzte von dannen. Die Wirkung ist von anderen beschrieben worden, die im Saal waren, und sie ließ nichts zu wünschen übrig. Das Glück war mit uns. Zufällig entrollte sich das Transparent am Abend in der günstigsten Sekunde, als der letzte Festredner sich verneigte. Und als Stasi-Chargen, die sich aus der Umgebung der Minister gelöst, den Schnürboden erklommen und das Tuch gegriffen und aufgerollt hatten, entglitt es ihnen und entrollte sich erneut. Mitglieder des Chores, der hinter der Bühne wartete, erzählten von der stammelnden Fassungslosigkeit der Offiziellen, die hinter die Kulissen getaumelt kamen. Die großformatigen Recherchen ließen auf kochende Wut auf höchster politischer Ebene schließen. Lehrkörper und Studentenschaft der Hochschule für Grafik und Buchkunst wurden Mann für Mann vernommen, desgleichen die der Kirchenmusikschule im benachbarten Halle, so die Gerüchte. Doch ich war weder Musiker noch Grafiker noch Christ. Zwei Wochen später fuhr ich mit Harald zum Zelturlaub nach Bulgarien, und nach zwei Trainingswochen durchquerten wir mit seinem Faltboot das Schwarze Meer Richtung Türkei. ,,WIR FORDERN WIEDERAUFBAU!": Wir forderten
Unmögliches - so glaubten wir damals - praktisch und politisch jenseits
aller Chancen. Die uns selbst absurd erscheinende Losung war gewählt
worden, damit fühlbar werde, daß etwas Unwiederbringliches zerstört
worden ist. Doch diese Kirche ist zu innig verbunden mit der Identität
dieser Stadt, und die Buch-, Messe- und Musikstadt mit der ihr notorisch
innewohnenden Unruhe, ist zu innig verbunden mit der politischen und Geistesgeschichte
Deutschlands. So war es kein Zufall, daß hier im Jahre '68 jenes
Exempel statuiert wurde, noch daß hier die Montags-Demos des Jahres
'89 vor Kimme und Korn der aufgefahrenen angstschlotternden Truppen dem
Regime das Genick gebrochen haben. Leipzig hat ein Recht auf die Wiedererstehung
dieses Symbols seiner Identität, auf diesen Triumph über Jahrzehnte
von Demütigung, Siechtum und Verfall. Niemand wird die Brösel
der gotischen Pfeiler unter den Schutthalden herauspinseln und wieder zusammenkitten.
Doch es kommt nicht auf die Identität des Steines an, sondern auf
die der Form, der Struktur, und die ist restaurierbar, solange Dokumente
und Erinnerung noch Genauigkeit ermöglichen.
|