Leipzig braucht die Universitätskirche
zum Wiederaufbau der 1968 gesprengten Paulinerkirche

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Neuigkeiten



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Wolfgang Wischer

 

Quelle: http://www.tlz.de/
© Thüringische Landeszeitung - 17. Juli 2010

Klingendes Denkmal für die Universitätskirche

Unter Leitung seines Kantors Georg Christoph Biller erinnert der Thomanerchor Leipzig an die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig 1968 und an deren Wiederaufbau in den Jahren 2005 bis 2009.

Ein Gotteshaus ist wiedererstanden, das schon zu Bachs Zeiten dem berühmten Knabenchor als zweiter Ort seines Wirkens neben der Thomaskirche zur Verfügung stand und dadurch die Verbindung zu den akademischen Kreisen der Stadt unterstrich.

Werke sind zusammengetragen worden, die dort ihre Uraufführung erlebten oder ihrem Gedenken gewidmet sind; die Einspielung geht auf die Jahre 2003 bis 2009 zurück. Mit Johann Sebastian Bach beginnt und endet die CD. Die Motette "Der Geist hilft unser Schwachheit auf" bezaubert durch den klar herausgestellten Aufbau und den vom Gewandhausorchester dezent unterstützten, schwebend hellen Chorklang, wie wir ihn kennen und lieben.

Die Trauerode "Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl" bekommt durch Oboe damore, Viola da Gamba und Laute eine angemessen gedämpfte Atmosphäre, wirkungsvoll bereichert durch Thomanersolisten sowie die in Stil und Gestaltung vorzüglich angepassten Solisten Martin Petzold (Tenor) und Matthias Weichert (Bass). Dazwischen verweisen Widmungswerke wie die auf kompakten Mischklängen beruhende achtstimmige Motette "Wahrlich, ich sage euch" von Heinz Werner Zimmermann und die "Reden Gottes" von Dmitri Terzakis, der einen gesprochenen Hiob-Text durch filigran gearbeitetes Arabeskenwerk hindurchscheinen lässt, auf das anhaltende überregionale Interesse an der alten Musikstadt.

Mit dem 43. Psalm von Mendelssohn Bartholdy und der Choralkantate "O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen" vom kurzzeitigen Universitätsmusikdirektor Max Reger, die streicherbegleitet einen ruhig fließenden Wechsel von Chor- und Gemeindegesang zelebriert, werden auch Persönlichkeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht vergessen - ein Denkmal für die Kontinuität des Musiklebens der Stadt.

Hans-Jürgen Thiers

Quelle: Süddeutsche Zeitung / Juni 2010

Besser singen

Der Leipziger Thomanerchor singt so inspiriert wie lange nicht mehr

H. Mauró

Obwohl auch in Leipzig noch immer historische Gebäude dem Verfall oder den Bauplänen von Investoren preisgegeben werden, leidet man dort noch heute unter einem besonders schwerwiegenden Fall von realsozialistischer Barbarei: der Sprengung der berühmten Universitätskirche St. Pauli aus dem 13. Jahrhundert, an der bis zur Amtszeit Johann Sebastian Bachs auch die Thomaskantoren wirkten.

Der derzeitige Kantor Georg Christoph bemüht sich nun, die demnächst in modernem Gewand wieder errichtete Kirche wenigstens mit historischem Geist zu beleben. Dazu hat er mit seinen Thomanern zwei Kantaten Bachs eingespielt, die einst in der Universitätskirche St. Pauli uraufgeführt wurden sowie eine Motette von Mendelssohn und zeitgenössische Werke von Heinz Werner Zimmermann und Dimitri Terzakis, der ein Stück über die Sprengung von St. Pauli geschrieben hat.

Man spürt in jedem Ton, wie sehr diese Angelegenheit Biller zu Herzen geht und auch für die Zukunft am Herzen liegt.

Der Thomanerchor singt so inspiriert und brillant wie lange nicht mehr, er spielt nach dem Niedergang der Tölzer derzeit neben Hannoveranern und Regensburgern wieder ganz vorne mit, der traditionelle Konkurrent, der Dresdner Kreuzchor, muss da ein bisschen aufholen.“


Jahresgedenken

Mitgliederversammlung des Paulinervereins
am 29. Mai 2010 - 11 Uhr

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gottesdienst

Die Gemeinde der Universität Leipzig erinnert diesen Sonntag, 11.15 Uhr, im Innenhof des neuen Campus am Augustusplatz mit einem Gedenkgottesdienst an die Sprengung der Universitätskirche vor 42 Jahren. Der Erste Universitätsprediger Rüdiger Lux wird die Predigt halten. Die musikalische Leitung des Gottesdienstes liegt in den Händen von Universitätsorganist Daniel Beilschmidt. Bürgerinnen und Bürger Leipzigs sowie Gäste der Stadt sind eingeladen, am Gedenkgottesdienst im Leibnizforum teilzunehmen.

tom

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 31. Mai 2010 (Hauptseite/Lokales - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung

Gedenken an Sprengung der Paulinerkirche

Leipzig (tom). Mit einem Gedenkgottesdienst hat gestern die Gemeinde der Universität an die Sprengung der Unikirche vor 42 Jahren erinnert. "Damals wurde der Alma Mater ihr Herz entrissen", sagte Rüdiger Lux in der Nikolaikirche. Der Uni-Theologe appellierte in seiner Predigt an "Gelassenheit und Gottvertrauen" bei der Vollendung des Aula-Kirche-Baues. Am Vortag hatte die Stiftung Universitätskirche St. Pauli Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) für die Stadt mit der Paulus-Medaille geehrt. Die Kommune stellt 100000 Euro für eine Schwalbennestorgel im Chorraum des Paulinums bereit.

©Leipziger Volkszeitung - Seite 17

"Gelassenheit und Gottvertrauen"

Gedenkgottesdienst für die gesprengte Paulinerkirche mit einer eindrucksvollen Predigt von Rüdiger Lux

"Regen bringt Segen" muss Rüdiger Lux, seines Amtes der Erste Universitätsprediger, zu Beginn des Gedenkgottesdienstes anlässlich des 42. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli sagen. Denn es regnet. Also entschied man sich, die Freiluft-Feier doch lieber im Trockenen durchzuführen. Auch an diesem Sonntag nimmt also die Universitätsgemeinde ihr Asylrecht in der Nikolaikirche in Anspruch. Das ist gute Tradition schon seit 42 Jahren, nachdem die Paulinerkirche am 30. Mai, 10 Uhr, mittels 700 Kilogramm Dynamit in Schutt und Asche gelegt wurde.

Immer dieser 30. Mai regt die Alt-Leipzigerin Marlene Gurgel auf. "Mir zerreißt es immer fast das Herz", sagt die resolute Rentnerin. Den Klappstuhl unterm Arm, kommt sie zum Gottesdienst und ist froh, vor der Gedenkfeier noch schnell einen Blick in den neu entstehenden Aula-Kirche-Bau werfen zu können. Der Bauherr Freistaat Sachsen hat für kurze Zeit die Tore aufgeschlossen und eine von Bauzäunen begrenzte Fläche zum Eintreten frei gegeben.

Dass sich in den vergangenen Monaten am Innenausbau kaum etwas getan hat, ist kein Geheimnis. Marlene Gurgel traut dem Egeraat-Neubau nicht in jedem Fall. Dass es in Leipzig nicht gelang, die verloren gegangene Kirche wieder auferstehen zu lassen, macht sie aber auch sich selbst zum Vorwurf: "Auch ich kam zu spät. Nun müssen wir mit dem leben, was gebaut wird. Hoffentlich wird es nicht zu viel Architek-turkitsch."

Neugierig schaut Martin Oldiges, Vorsitzender der Stiftung Universitätkirche St. Pauli, in einen noch immer kahlen Raum aus Beton. Am Nachmittag zuvor konnte er symbolisch Oberbürgermeister Burkhard Jung für die Stadt Leipzig mit der Paulusmedaille der Stiftung beglücken, denn die Stadt wird 100000 Euro für den Bau einer Schwalbennestorgel für den Chorraum des Paulinums - weitere 100000 Euro stellt der Freistaat zur Verfügung, 50000 Euro wird die Stiftung einwerben - aufbringen. "Die Universität ist zufrieden über diese Lösung", sagt Oldiges. Ein regelrechter Aufruf zu einem neuen Miteinander statt zur Vertiefung noch immer bestehender gegensätzlicher Meinungen ist am Tag des Gedenkens die Predigt von Rüdiger Lux. 1968 sei der Universität mit der Sprengung der Paulinerkirche ihr Herz entrissen worden. Nach schwieriger und langwieriger "Transplantation" beginne es nun wieder zu schlagen. Lux spricht von einem "Gottesgeschenk", dass der Freistaat so einen Bau realisiert: "Manchmal weiß sich eben auch der liebe Gott der Kassen der Steuerzahler zu bedienen." Man solle sich also vor allem freuen. Alle noch offenen und zugegeben nicht einfach zu lösenden Fragen - man denke an die Glaswand, an deren Einbau wohl nicht zu zweifeln ist, und die Kanzel, über deren Rückkehr-Modalitäten noch unterschiedliche Auffassungen bestehen - sollten "mit großer Gelassenheit und Gottvertrauen" gelöst werden. Die Gottesdienstbesucher verlassen die Nikolaikirche. Der Regen hat sich verzogen.
Die Sonne scheint. Mehr Symbolkraft kann nicht sein am Tag des Gedenkens.

Thomas Mayer

© Leipziger Volkszeitung

Standpunkt

Die richtigen Worte

Von Thomas Mayer

"Neues Herz und neuer Geist" - so lautete das Motto der Predigt anlässlich des Gedenkens an die Sprengung der Universitätskirche am gestrigen Sonntag in der Nikolaikirche. Rüdiger Lux, Erster Universitätsprediger der Alma mater, fand zu Gedenken und Blick nach vorn richtige Worte, die es wert sind, als Rundbrief oder Mail an alle, die mit dem Neubau des Aula-Kirche-Hauses befasst sind, versandt zu werden. Lux predigte fern von Zorn und Eifer, nannte Verblendung, Hass und Eifer beim Namen und brachte Verständnis dafür auf, dass doch das Neue nicht selten janusköpfig daher kommt und zum Streit herausfordert.
Das 1968 der Universität entrissene Herz wird transplantiert. Das ist, wie man weiß, eine schwierige (Bau)-Operation, die aber irgendwann erfolgreich beendet sein wird. Bleibt die Aufgabe, auch für einen neuen Geist unter dem neuen Dach zu sorgen. Der liebe Gott selbst, mutmaßt Lux, stelle diese Prüfung. Dürften ansonsten im Dachgeschoss über dem Kirchenraum Mathematiker tätig sein?

eMail: th.mayer@lvz.de


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29./30. Mai 2010 (Lokales - Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung

Aufruf zum Sitzstreik

Vor 42 Jahren protestierte Theologiestudentin Helga Salomon gegen die Sprengung der Paulinerkirche und wurde verhaftet

30. Mai, 1968, 10 Uhr: Die Paulinerkirche fällt in Schutt und Asche.
Foto: Peter Krebs

Am Sonntag vor 42 Jahren wurde die Universitätskirche St. Pauli gesprengt. Dem barbarischen Akt ging ein exakter Plan seitens der SED voraus. Es gab aber auch privaten Protest gegen die Sprengung. Beispielsweise von der damaligen Theologiestudentin Helga Salomon.
Für den DDR-Staat verlief 1968 die Umgestaltung des Karl-Marx-Platzes in einem streng vorgegebenen Zeitrahmen. Anfang Januar begann der städtebauliche Ideenwettbewerb zur Neugestaltung der Karl-Marx-Universität. Im April teilte der Präsident der Bauakademie Walter Ulbrichts Entscheidung als "Empfehlung" mit, die neue Uni vor allem nach den Entwürfen des Architekten Hermann Henselmann, der die Paulinerkirche nicht in sein Vorhaben integriert hatte, zu bauen. Am 7. Mai bestätigte das SED-Politbüro diese Gestaltung. Am 15. Mai legte die SED-Bezirksleitung Leipzig den weiteren Ablauf bis zum Entscheid der Stadtverordneten fest. Politische Vorgabe war dabei eine "einheitliche Stellungnahme". Am 16. Mai kam es zu einer Versammlung der Blockparteien, Parteileitungen und des Senats der Universität. Als einziger votierte Ernst-Heinz Amberg, Dekan der Theologischen Fakultät, dafür, die Kirche zu erhalten. Am 23. Mai beschloss die 15. Stadtverordnetenversammlung den Bau des neuen Universitäts-Komplexes mit nur einer Gegenstimme (Pfarrer Rausch, CDU) und damit die Sprengung der Kirche.

Der 30. Mai 1968 war ein sonniger Tag. Punkt 10 Uhr wurden 700 Kilogramm Dynamit gezündet und damit ein intaktes und Jahrhunderte altes Gotteshaus vernichtet. An diesem Tag saß die 20 Jahre alte Theologiestudentin Helga Salomon, verheiratet Hassenrück, schon in der U-Haft in der Harkortstraße. Sie war am 22. Mai 1968 inhaftiert worden. Helga Hassenrück: "Meine Festnahme geschah am 22. Mai wie aus heiterem Himmel. Die Sonne schien. Ich wollte mit dem Fahrrad zum Studium, als ich auf dem Ring von einem Wartburg gestoppt wurde und man mich bat, einzusteigen. Ich kam in die U-Haft, man warf mir Staatsverleumdung vor."

Die zierliche, doch mutige Studentin hatte bereits vor der Abstimmung zu einer neuen DDR-Verfassung, die am 6. April 1968 stattfand, Flugblätter verteilt, auf denen sie dazu aufforderte, jeder solle doch nach seinem Gewissen mit Ja oder Nein stimmen. Die beabsichtigte Sprengung der Kirche war in den Wochen vor dem 30. Mai das große Dauerthema auch bei den Uni-Theologen. Kaum bekannt ist die Tatsache, dass sich Evangelische und Katholische Studentengemeinde gemeinsam vornahmen, Leipzigs Stadtverordnete zu bewegen, gegen die Sprengung zu stimmen. Wie zu lesen, war das ein hoffnungsloses Unterfangen.

Am Tag vor ihrer Verhaftung hatte die Studentin ihre Kommilitonen dazu aufgerufen, sich am 22. Mai an einem Sitzstreik an der Paulinerkirche zu beteiligen, um damit ein Zeichen gegen die Sprengung zu setzen. "Wahrscheinlich war das der Anlass, mich zu verhaften. Jemand muss mich verpfiffen haben. Bei den Vernehmungen legte man mir dann auch von mir gefertigte Flugblätter vor", erinnert sich Helga Hassenrück. Der Sitzstreik fand dann nur in Ansätzen statt. Die wenigen, die kamen, wurden sofort aufgefordert, den Karl-Marx-Platz zu verlassen.

Sechs Wochen saß die Theologiestudentin im Gefängnis. Ihr wurde der Prozess gemacht, sie wurde exmatrikuliert und zur Bewährung in der sozialistischen Produktion verurteilt. Die junge Frau gab freilich nicht auf, konnte ihr Studium Jahre später wieder aufnehmen und abschließen. Seit 1976 lehrt sie die angehenden Theologen der Universität Griechisch und Latein.

Am Sonntag ist die heute 61-Jährige natürlich Teilnehmerin des Gedenkgottesdienstes auf dem neuen Campus am Augustusplatz. Die Sprengung der Paulinerkirche gehört nun mal wie kaum ein zweites Ereignis zu ihrem Leben. "Die Erinnerung an das, was 1968 geschah, ist ganz tief in mir verwurzelt. Ich weiß noch, wie beim ersten Verhör nach dem 30. Mai mein Gegenüber hämisch grinsend sagte: Jetzt ist sie weg", sagt Helga Hassenrück. Sie spürt noch immer Wut, Verzweiflung, weil es nicht gelang, ein so einmaliges Gotteshaus zu retten. Den jetzt entstehenden Neubau sieht sie eher mit Skepsis und fragt: "Warum war es in Leipzig nicht möglich, das Original wieder aufzubauen?"

Thomas Mayer

Helga Hassenrück: Die Erinnerung an das, was 1968 geschah, ist ganz tief in mir verwurzelt. Ich weiß noch, wie beim ersten Verhör nach dem 30. Mai mein Gegenüber hämisch grinsend sagte: Jetzt ist sie weg.

Helga Hassenrück, Spezialistin für Alte Sprachen an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.
Foto: Armin Kühne