EINLADUNG ZUM ERSTEN UNIVERSITÄTSGOTTESDIENST IN DER NEUEN UNIVERSITÄTSKIRCHE AM LEIPZIGER AUGUSTUSPLATZ GOTTESDIENST ZUM 2. ADVENT 6. DEZEMBER 2009 11:15 UHR UNIVERSITÄTSKIRCHE ST. PAULI ZU LEIPZIG

Leipzig, im Januar 2010

Verehrte, liebe Freunde der Univcrsitätskirche St. Pauli zu Leipzig,
liebe Mitglieder des Paulinervereins,

seien Sie gegrüßt zum neuen Jahr 2010! Möge darin unser aller Herzenswunsch der Wiedergewinnung der Universitätskirche weiter befördert werden!

Denn im vergangenen Jahr sind wir diesem Ziel ein Stück nähergekommen. Nach jahrelangem Klagen, Bitten, Hoffen, Bangen, Beten und wiederholtem Bedrängen der für den Wiederaufbau Verantwortlichen erlebten wir einen Tag der Freude und Dankbarkeit mit dem Gottesdienst der Universitätsgemeinde am zweiten Advent im Rohbau der neuen Universitätskirche. Der Paulinerverein hatte diesen Gottesdienst zum Abschluss des 600-jährigen Universitätsjubiläums angeregt und in Verhandlungen mit der Bauleitung und der Theologischen Fakultät vorbereitet. Der Termin blieb gefährdet bis zum letzten Augenblick. Die Universitätsleitung verwehrte den Eingang zum Gebäude vom Hof der Universität, konnte aber den Gottesdienst selber nicht verhindern, der dem ausdrücklichen Wunsch der Landesregierung entsprach. Dass diese direkte Unterstützung stattfand, verdankt sich nicht zuletzt Ihren unermüdlichen Interventionen bei dem Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen und bei dessen Finanzminister als dem Bauherrn, die auf diese Weise ein Gespür vermittelt bekamen für die Größe und Bedeutung unseres Anliegens. Dank sei Ihnen dafür!

So fanden wir Eingang vom Augustusplatz her durch eine Nebenpforte über die Baustelle. Bereits eine Stunde vor Beginn wand sich eine Schlange Wartender. Es waren über 1000 Personen, die da im kalten Nieselregen standen mit der hellen Freude in den Gesichtern. 700 von ihnen fanden Einlass, ein großer Teil aber verharrte vor der Kirche und feierte dank einer Übertragung das Geschehen im Inneren mit - tief bewegt, singend, bekennend, betend.

Der Innenraum der Kirche war nackt und kahl. Die Bestuhlung vom Festakt der Universität war abgeräumt worden, so dass die meisten Besucher stehen mussten. Der Raum, in seiner Größe und Gliederung an die alte Kirche erinnernd, entbehrte trotz allem nicht einer gewissen Würde, denn es war am ursprünglichen Ort.

Auf der Linie, die den Altarraum mit dem Kirchenschiff verbindet, hatten Studenten einen Interimsaltar vorbereitet. Und hier ereignete sich, was alle tief ergriff. Den Dienstträgern voran wurde bei deren Einzug in die Kirche das Altarkreuz mit dem Gekreuzigten getragen, das in letzter Minute aus der alten Kirche hatte geborgen werden können. Auf dem Altar wurde es enthüllt und aufgerichtet, mit zwei geretteten Altarleuchtern zu seinen Seiten. Vielen Gottesdienstteilnehmern die vor 41 Jahren dem bösen Geschehen der Vernichtung der Kirche hatten zusehen müssen, rannen die Tränen über das Gesicht - Tränen der Wehmut, des Dankes und der überströmenden Freude. Diese Freude war wie mit Händen zu greifen unter uns und sprach aus den biblischen Lesungen, der Predigt und der Bachkantate „Nun komm der Heiden Heiland", die der Universitätschor sang, mit dem wie für diesen Tag gewählten Bassrezitativ: „ Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen..."

Dieser Friede erfüllte uns noch, als wir sahen, wie nach dem Gottesdienst der Raum wieder in eine Baustelle verwandelt wurde. Wir können nun mit etwas größerer Gelassenheit und einer gewissen Zuversicht dem Fortgang der Bauarbeiten entgegensehen. Keiner wagt freilich zu sagen, wann das Ende derselben sein wird, da immer noch zu viel Unwägbares ansteht: der Streit des insolvent gewordenen Architekten mit dem Bauherrn um Gestaltungsfragen und Urheberrechte und die Umsetzung der Ergebnisse jüngster staatskirchenrechtlicher Forschungsergebnisse zum casus Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig, die deren Widmung als Kirche, akademische Aula und Stätte der Universitätsmusik gerecht werden.

Die Arbeit von Helmut Goerlich und Torsten Schmidt „Res sacrae in den neuen Bundesländern - Rechtsfragen zum Wiederaufbau der Univcrsitätskirche in Leipzig" (Berliner Wissenschaftsverlag ISBN:978-3-8305-1703-0) zeigt erstmals und umfassend den Staats- und kirchenrechtlichen Regelungsrahmen auf, der insbesondere für die Errichtung und künftige Nutzung der Univcrsitätskirche von Bedeutung ist. Das Recht der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli als einer zu Zwecken des kirchlichen Gebrauches gewidmeten Sache (res sacra) besteht bis heute fort. Eine Entwidmung der Universitätskirche hat nie stattgefunden. Die Evangelisch- Lutherische Landeskirche in Sachsen besitzt demnach die öffentlich-rechtliche Sachherrschaft über diesen Bau und kann unter anderem definieren, welche Voraussetzungen sie selbst für eine ungestörte Glaubensbetätigung als erforderlich betrachtet. „Als merkwürdig und unverständlich müssen deshalb die Entscheidungsprozesse in Leipzig um die Errichtung und Ausstattung der künftigen Universitätskirche erscheinen. Dort planen und bauen der Freistaat Sachsen und die Universität Leipzig einen sakralen Raum für den evangelischen Gottesdienst, ohne dass die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, auf deren Selbstvcrständnis es aber letztlich entscheidend ankommt, in die maßgeblichen Entscheidungen einbezogen ist." Die Autoren empfehlen, unter Berücksichtigung des „Prinzips der amicablen Lösung" des Evangelischen Kirchenvertrages Sachsens anstelle von bisher beliebig ausdeutbaren Absichtserklärungen ohne rechtliche Bindungskraft eine endgültige und rechtlich verbindliche Vereinbarung zwischen dem Freistaat Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche über die Ausgestaltung und Nutzung der Univcrsitätskirche zu treffen.

Hinsichtlich der Ausgestaltung des Raumes gibt es nach wie vor nicht akzeptable Baubeschlüsse: Errichtung einer Multifunktionshalle mit Trennwand zwischen Ostchor und Schiff, fehlende Pfeiler im Mittelteil, stattdessen hängende Lichtsäulen, ein „Gewölbe" aus Gips und Plaste. Die Architekturkritik bezeichnet das als Kitsch. Dies darf so nicht gebaut werden. Dieser Raum braucht eine Gestalt, die der Würde und Bedeutung des Ortes und seiner vorhandenen originalen Ausstattung gerecht wird. Der Freistaat und die Evangelische Landeskirche sind in der Verantwortung und Pflicht. Helfen Sie uns, indem Sie dies anmahnen und mit uns einfordern.

Die nächste Zeit wird wichtige Entscheidungen zum Fortgang der Bauarbeiten bringen. Es muss endlich Schluss sein mit unsachgemäßen Lösungen, inkompetenten Entscheidungen und weiteren „Kompromissen". Wir benötigen zur Durchsetzung unserer Ziele zur Rettung der Universitätskirche dringend Unterstützung, sei es durch Spenden oder auch eine Mitgliedschaft im Paulinerverein. Wir danken für die bisherigen Zuwendungen und das Schreiben von Petitionen an den Ministerpräsidenten und an den Landesbischof und möchten Sie ermuntern, dies auch weiterhin zu tun. Noch sind wir nicht am Ziel, doch es gibt eine Hoffnung.

Wenngleich der Weg dahin noch schwierig wird, sollte dennoch am Ende gelten, was der erste Universitätsprediger Professor Rüdiger Lux in seiner Begrüßung am zweiten Advent aus Haggai 2, Vers 9 las: „Es soll die Herrlichkeit dieses letzten Hauses größer werden, denn des ersten gewesen ist, spricht der Herr Zebaoth, und ich will Frieden geben an diesem Ort, spricht der Herr Zebaoth".

So denn weiterhin verbunden in Mut und Gottvertrauen
grüßen Sie Ihre

Prof. Dr. Christoph Michael Haufe     Dr. Ulrich Stötzner


Leipzig, am 6. Dezember 2009

Sehr geehrte Damen und Herren!

Einundvierzig Jahre nach der Sprengung im Jahr 1968 wurde heute der erste Universitätsgottesdienst in der im Bau befindlichen neuen Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig gefeiert. Auf Einladung der Universitätsgemeinde der Universität Leipzig, des Paulinervereins e.V., des Aktionsbündnisses „Neue Universitätskirche St. Pauli“ sowie der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“ fanden sich so viele Menschen am Leipziger Augustusplatz ein, dass schon unmittelbar nach Öffnung der Kirche alle verfügbaren Plätze restlos vergeben waren. Gemeinsam mit der großen Zahl von Bürgerinnen und Bürgern, die über eine Außenübertragung an diesem historischen Gottesdienst teilnahmen, fand heute diejenige Veranstaltung innerhalb der Jubiläumswoche der Universität Leipzig statt, die den mit Abstand größten öffentlichen Zuspruch hatte.

Die Stiftung ist hocherfreut über diese beeindruckende, öffentliche Resonanz. Wir freuen uns, dass mit diesem bewegenden Gottesdienst die Festwoche zum 600. Jubiläum der Universität Leipzig einen würdigen Abschluss und Höhepunkt gefunden hat. Es ist dem Freistaat Sachsen und seiner dankenswerten Überlassung der Universitätskirche St. Pauli an den Paulinerverein e.V. zu verdanken, dass nach dem akademischen Festakt und der Universitätsmusik am 2. Dezember nun auch noch der erste Universitätsgottesdienst innerhalb des Jubiläumsjahres 2009 in der neuen Universitätskirche St. Pauli stattfinden konnte. Mit der Überlassung durch den Freistaat verbunden ist ein deutliches, symbolreiches Zeichen für die historisch gewachsene und künftige Dreifachnutzung der Universitätskirche St. Pauli: akademisch, musikalisch und kirchlich! Die Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“ unterstützt und fördert in ihrer weiteren Arbeit diese Dreifachnutzung.

Die Stiftung dankt der Universitätsgemeinde für die Möglichkeit zur Auszeichnung von Zustiftern und Spendern der Stiftung im Rahmen des heutigen Universitätsgottesdienstes. Die Zustifter und Spender der Stiftung wurden mit der streng limitierten Nachprägung der im Grundstein der alten Universitätskirche gefundenen, bronzenen Bildnismedaille des Apostels Paulus geehrt. Die heutige Widmung von zwei dieser Medaillen für Professor Dr. Ernst-Heinz Amberg und in Gedenken an Dominikanerpater Gordian Landwehr stellt eine besondere Verbeugung vor zwei Persönlichkeiten dar; ihr Wirken in und für die alte Universitätskirche St. Pauli stellt ein bedeutsames Erbe dar für all diejenigen, die heute Verantwortung tragen in der Wiedergewinnung der Universitätskirche St. Pauli als geistig-geistliches Zentrum.

Auf der Homepage der Stiftung stehen Ihnen unter
http://www.stiftung-universitaetskirche.de/akuelle_veranstaltungen.html
viele Bilder und Informationen zum ersten Universitätsgottesdienst in der neuen Universitätskirche St. Pauli zur Verfügung.

Information für Pressevertreter:
Wir bitten um Presseberichterstattung an herausragender Stelle. Gerne können dabei die auf der oben genannten Internetseite veröffentlichten Fotos genutzt werden. Beachten Sie, dass die Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“ die ausschließlichen Bildnutzungsrechte für Druck und Internet besitzt. Bei Verwendung der Photos im Rahmen der Presseberichterstattung bitten wir um ein Belegexemplar sowie Angaben zur Bildquelle in Ihrer Berichterstattung (Foto: Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“). Als gezippte Datei ist ferner in Kürze auch eine große Anzahl von hochauflösenden Bildern des Gottesdienstes über unsere Homepage abrufbar.

Wir weisen darauf hin, dass die unentgeltliche Nutzung der Fotos zu kommerziellen Zwecken nicht gestattet ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dipl.-Kfm. Jost Brüggenwirth
Kuratoriumsvorsitzender
der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
eMAil: info@stiftung-universitaetskirche.de
Internet: www.stiftung-universitaetskirche.de


Das MDR-Magazin "Nah dran" bringt heute abend (17. Dezember 2009 - 22.35 Uhr bis 23.05 Uhr) einen Beitrag über den ersten Gottedienst seit 41 Jahren in der Universitätskirche.

Internet: http://www.mdr.de/nah_dran/6944423.html#absatz8

Wiederholung dieser Sendung: 27.12.2009, 03:20 Uhr


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29. Januar 2010 (Seite 27)
© Leipziger Volkszeitung

Martin denkt an Martin

Von Luther zu Petzoldt - Leipzigs Universitätsgottesdienste im Wandel der Zeiten

Jüngst gab Theologie-Professor Martin Petzoldt sein Amt als Erster Universitätsprediger von Leipzigs Alma mater nach vieljähriger Tätigkeit ab. Ein Gespräch mit ihm.

Von Thomas Mayer

Martin Petzoldt, gebürtig in Chemnitz, aufgewachsen zunächst im Erzgebirge, später Mitglied des Dresdener Kreuzchores, studierte Theologie in Leipzig. 1973 wurde er zum Pfarrer ordiniert, zwei Monate später wurde er Assistent an der Sektion Theologie der Karl-Marx-Universität.
Petzoldt gehörte keiner DDR-Partei an, hatte damit auch weniger Chancen auf die höhere Laufbahn. Sein Lebensentwurf stand also fest: "Als Assistent willst du nicht alt werden, wenn du 40 bist, dann gehst du weg. Zwei Monate vor meinem runden Geburtstag bekam ich 1986 eine Dozentenstelle." Petzoldt musste damit den ungeliebten Posten des Stellvertreters des Sektionsdirektors für Erziehung und Ausbildung übernehmen. Das Amt hatte er noch inne, als die Friedliche Revolution Ereignis wurde und sich bald herausstellte, dass er in der Sektionsleitung der Theologie der einzige nicht Stasibelastete war. Mit Wiedereinführung alter Universitätsstrukturen wurde er mithin Prodekan und bald Dekan. Als 1992 in Sachsen die ersten neuen Professoren berufen wurden, gehörte Petzoldt zu ihnen. Bis heute lehrt er an der Theologischen Fakultät Systematische Theologie, Dogmatik und Ethik, sein sehr spezielles Gebiet, man kann auch Hobby sagen, ist die theologische Bachforschung; sie korrespondiert mit seinem Ehrenamt des Vorsitzenden der Neuen Bachgesellschaft e.V.

Nun kurz vor der Pensionierung stehend, kann Petzoldt auch auf ein reiches Leben als Theologe zurückblicken. Zu seinen nicht zu vergessenden Eindrücken zählt das Jahr 1968 mit der Sprengung der Leipziger Universitätskirche. Petzoldt: "Ich wäre wohl tiefer in die heftigen staatlichen Reaktionen auf die Proteste hinein geraten, hätte ich nicht das Assistenten-Amt gehabt. Es schützte mich, man schützte mich. An jenem 30. Mai brachte ich es nicht übers Herz, auf den Karl-Marx-Platz zu gehen. Ich sah nur diese riesige braune Staubwolke."

Zu den wichtigen Erfahrungen zählt für Petzoldt aber auch die Tätigkeit als Universitätsprediger. Die Stelle ist uralte Tradition. Universitätsprediger, die vom Predigerkonvent jeweils für drei Jahre gewählt werden, gibt es in Leipzig schon mit der Gründung der Alma mater 1409, eine offizielle Bestätigung erfährt das Amt 1419. Petzoldt, von 1996 bis 2009 Erster Universitätsprediger: "Es gibt meines Wissens in ganz Deutschland keine zweite Universität, die so regelmäßig Gottesdienste feiert. Zu Beginn des Bestehens der Leipziger Universität fanden ihre Gottesdienste Woche für Woche statt. Seit 1710 sogar Sonntag für Sonntag und an den kirchlichen Festtagen."

Selbst zu DDR-Zeiten war das so, man habe einfach vergessen, das abzuschaffen. Es gab im Prinzip keine Restriktionen, wenn man auch nicht vom Universitätsgottesdienst, sondern vom Akademischen Gottesdienst sprechen musste. Seit dem Verlust des eigenen Gotteshauses werden die kirchliche Uni-Feierstunden in der Nikolaikirche abgehalten. Zu den fast kuriosen Begebenheiten gehört, dass der sozialistische Staat der Kirchgemeinde St. Nikolai Miete zahlte, damit der Akademische Gottesdienst statt finden konnte. Diese Vereinbarung läuft bis heute. Nun zahlt der Freistaat. Auf die Rückkehr ins neue Haus am Augustusplatz freut sich Petzoldt seit langem. Diese Heimkehr an den alten Ort sei nur die logische Fortsetzung der jahrhundertalten Übung. Das dürfe bei vielen emotionalen Debatten über das neu entstehende Haus nie vergessen werden.
Martin Petzoldt kennt die inneren Besonderheiten "seiner" Gemeinde. Sie hat keinen geografischen Ort als Basis und Mittelpunkt, sondern beruht vor allem auf Interesse. Es gab viele Tiefs vor allem in tiefen DDR-Zeiten, als die Gottesdienste in St. Nikolai oft nicht mehr als zwölf Leute hören wollten. Mit der neuen Zeit setzte der Aufschwung ein. Heute sitzen 50 bis 70 Leute auf den Kirchenbänken, manchmal sind es auch mehr.

Herr Professor kennt auch viele Geschichten, die sich um diese Gottesdienste ranken. Nie vergessen wird er seinen Vorgänger Dedo Müller. 40 bis 50 Minuten währten in der Paulinerkirche seine meist endlosen Predigen, auch trat er mit einem Stapel von Büchern, mit Werken von Rainer Maria Rilke oder Friedrich Nietzsche, auf die Kanzel und bot geistvollste Dinge. Zum unvergessenen menschlichen Interieur gehört Universitätsorganist Robert Köbler, der ein begnadeter Improvisateur war und sich vehement für die Rettung der Kirche einsetzte - wie manch einer damit aber kein Gehör fand.

Ist von der Geschichte der Universitätsgottesdienste die Rede, darf für Martin Petzoldt Martin Luther nie und nimmer unerwähnt bleiben: "Mit der Reformation kam ja das Dominikanerkloster zur Universität, vorher wurden die Gottesdienste auch in St. Nikolai gefeiert. 1543 wurde die Paulinerkirche als Aula in Gebrauch genommen, knapp zwei Jahre später die Kirche mit einer Predigt Luthers als evangelische Universitätskirche eingeweiht. Luther spricht über die Zerstörung Jerusalems. Wenn ich diese Predigt lese, dann läuft es mir kalt den Rücken runter. Was für eine merkwürdige Geschichte mit unserem Wissen um die Zerstörung unseres Gotteshauses im Jahr 1968."

Martin Petzoldt: Luther spricht über die Zerstörung Jerusalems. Wenn ich diese Predigt lese, dann läuft es mir kalt den Rücken runter. Was für eine merkwürdige Geschichte mit unserem Wissen um die Zerstörung unseres Gotteshauses im Jahr 1968.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 7. Januar 2010 (Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung

Interview

"Der Name Paulinum ist eine Verneblung"

Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff über die Universität, seine Gemeinde und Gewalt in Leipzig

Er bleibe beim Namen Universitätskirche, weil dieser sich durchsetzen werde, sagt Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff. Beim Interview auf dem LVZ-Stadtsofa spricht er zudem über seine wachsende Gemeinde, den Neubau der katholischen Kirche und den Zusammenhang zwischen Gewalt und Bildung in der Stadt.

Frage: Im Oktober wurde in der Thomaskirche das Friedensfenster eingeweiht - was waren für Sie die weiteren Höhepunkte des Jahres 2009?
Christian Wolff: Der erste Gottesdienst in der neuen Universitätskirche. Und die Einweihung des Ariowitsch-Hauses im Waldstraßenviertel, wofür sich die Thomaskirche stark engagiert hat. Und: Wir sind eine junge Gemeinde geworden. Es gab 75 Taufen, den Konfirmandenunterricht besuchen über 80 Siebt- und Achtklässler.

Sie sind inzwischen die größte evangelische Gemeinde der Stadt?
Ja. Wir haben heute 4300 Gemeindeglieder. Seit der Vereinigung mit der Lutherkirche 2002 sind 1100 dazugekommen.

Wie die katholische Propsteigemeinde profitieren Sie von den Zuzügen Westdeutscher in das Waldstraßenviertel.
Stimmt. Es gibt dadurch ein strukturelles Wachstum. Trotzdem sind wir eine Minderheitskirche. Diese ist sozial und bildungsmäßig eher in den so genannten oberen Schichten angesiedelt. Der Grund dafür ist einfach: Glaube ohne Bildung ist nicht denkbar.

Die Katholiken bauen eine neue Kirche am Ring. Kein bisschen neidisch?
Nein. Es gibt da kein Konkurrenzdenken. Wir können froh sein, dass es so eine lebendige katholische Gemeinde gibt, von der wir auch lernen können. Außerdem fängt unsere Geschichte ja nicht erst mit Luthers Reformation an, sondern mit der Erschaffung der Welt.

"Erleuchtung der Welt" hieß die Schau zum Uni-Jubiläum, zu der 25\u202F000 Besucher kamen. Avisiert waren 50\u202F000. Sie haben regelmäßig Kritik an der Uni geübt. Ist der Zwist nach dem ersten Gottesdienst im Kirche-Aula-Bau beendet?
Die Verhältnisse haben sich geklärt. Niemand kann auf Dauer gegen die eigene Geschichte leben. Kürzlich sagte mir ein Mitglied der Universitätsleitung: Sie haben mit Herzblut gekämpft. Ich erwiderte: Genau, das ist es, was der Uni fehlt - sie weiß nicht, wofür sie das Gebäude nutzen will. Wir dagegen bauen auf das historisch gewachsene Konzept: Gottesdienste, akademische Veranstaltungen, Universitätsmusik. Ich weiß außerdem nicht, was so schlecht an einem Streit sein soll - er gehört zur Demokratie und zur wissenschaftlichen Arbeit dazu. Wir werden 2010 wieder eine große Leipziger Disputation veranstalten: Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, und Philosoph Eckart Voland, streiten in der Thomaskirche über die Frage: Braucht Bildung Glauben? Wenn die Universitätskirche fertig ist, sollen die Leipziger Disputationen dort veranstaltet werden.

Sie sprechen von Universitätskirche, die Uni vom Paulinum - beide meinen dasselbe Gebäude am Augustusplatz. Ist das nicht verwirrend für die Leipziger und ihre Gäste?
Ich bleibe beim Namen Universitätskirche St. Pauli. Er wird sich durchsetzen. Ein Name ist nicht Schall und Rauch, er gibt den Dingen ein Gesicht und macht sie durchschaubar. Der Name Paulinum ist eine Verneblung. Damit soll das Nachdenken über die Geschichte der 1968 gesprengten Kirche verhindert werden. Ebenso sinnlos ist die Glaswand. Ich denke, sie hat sich aber erledigt. In einem Stück kann sie nicht mehr herein transportiert werden. Außerdem gibt es brandschutztechnische Bedenken.

Zurück zu Ihrer Gemeinde: Was will sie 2010 erreichen?
Der Kirchenvorstand muss nach der Verabschiedung von Peter Amberg für die zweite Pfarrstelle einen Pfarrer wählen. Am 21. März wird das neue Bach-Museum am Thomaskirchhof eröffnet. Und ich hoffe, dass wir mit der Grundschule für das Forum Thomanum beginnen können. Denn Glaube, Musik und Bildung sind für die Kirche eine Einheit. Sie gilt es zu leben.

Bildung bedeutet nicht nur Wissen, sondern auch Ausbildung sozialer Kompetenz. Etliche Jugendliche prügeln sich immer wieder zum Jahreswechsel mit der Polizei, in vielen Fußballstadien wird regelmäßig randaliert. Was hat die Gesellschaft da verpasst?
Randale mit erhöhtem Alkoholspiegel sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Wir können es auf Dauer aber nicht zulassen, dass ein immer größerer Teil der immer weniger werdenden Kinder und Jugendlichen sozial und seelisch verwahrlost. Was machen wir mit ihnen in den nächsten 60 Jahren? Wenn ich eines in unserer Stadt bemängele, dann dies: Es fehlt uns an strategischem Denken und Handeln. Wir sind alle aufgerufen, klare Ziele zu formulieren. Zum Beispiel: Kein Kind verlässt die Schule ohne Abschluss. Jeder hat die Möglichkeit, an der Verwirklichung dieses Zieles mitzuarbeiten - Eltern, Lehrer, Stadträte, Parteien, Kirchgemeinden, Bürger.

Ist Bildung nicht vor allem eine Geldfrage?
Sie ist zunächst keine Geldfrage, sondern eine unseres Menschenbildes. Und so ganz nebenbei: Das, was wir unten an Loslösung von allen Wertvorstellungen beklagen, können wir leider auch in den oberen Etagen unserer Gesellschaft feststellen. Das ist eine der Ursachen für die Krise, in der wir stecken. Ich bin ganz sicher: Wenn wir hier entschlossen handeln, werden wir sehr schnell Erfolge haben.

Interview: Peter Krutsch

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29. Dezember 2009, S. 16
© Leipziger Volkszeitung

Politisch brisante Pervertierung

Zum Beitrag "Weltoffenheit im großen Stil" vom 22. Dezember:

Universitätsprofessor Zöllner spricht in bemerkenswerter Weise aus, was er denkt: Seine Wunschvorstellung ist, das Marx-Relief als "Alleinstellungsmerkmal" und "Touristenattraktion" in die Stadtmitte Leipzigs zurückzuholen und gleichzeitig als eine "in die Zukunft weisende Geste" die soeben erst am 6. Dezember eindrucksvoll mit dem ersten Universitätsgottesdienst wiedergewonnene Universitätskirche St. Pauli auf die Größe und Bedeutung eines multikulturell nutzbaren "Andachtsraumes" zu reduzieren.

Diese Interviewaussagen stellen nicht nur eine politisch brisante Pervertierung des Universitätsjubiläumsmottos "Aus Tradition Grenzen überschreiten" dar. Sie sind offenkundig auch Ausdruck einer weitgehenden Uninformiertheit eines Kunsthistorikers zu rechtlichen Grundlagen des Ortes der Universitätskirche: Professor Goerlich, früherer Dekan der Juristenfakultät der Universität Leipzig, und Rechtsanwalt Torsten Schmidt haben jüngst in einer rechtswissenschaftlichen Arbeit präzise dargelegt, dass das Recht der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli als einer auch zu Zwecken des kirchlichen Gebrauches gewidmeten Sache (res sacra) bis heute fortbesteht - mit entsprechenden Rechten der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche.

Die neuerlichen Interviewaussagen von Professor Zöllner zeigen, dass eine rechtlich bindende Regelung zwischen dem Freistaat Sachsen und der Landeskirche zu offenen Fragen der Innenraumgestaltung und künftigen Nutzung der Universitätskirche St. Pauli schon bald gefunden werden sollte.

Jost Brüggenwirth, 04683 Belgershain, OT Threna

Quelle: http://www.l-iz.de/
© LEIPZIGER INTERNET ZEITUNG - 17.12.2009

Der lange Atem der Geschichte:
Jost Brüggenwirth im Interview zum ersten Gottesdienst im Paulinum

Robert Weigel

Am zweiten Advent fand auf der Universitäts-Baustelle am Augustusplatz erstmals nach über 40 Jahren wieder ein Gottesdienst statt. Anlässlich der Festwoche des 600-jährigen Bestehens der Alma Mater strömten über 700 Menschen in den Rohbau des Paulinums, hunderte weitere verfolgten den Gottesdienst vor der neuen Kirche.

Die Leipziger Internet Zeitung hat beim Kuratoriumsvorsitzenden der Stiftung "Universitätskirche zu St. Pauli" Jost Brüggenwirth nachgefragt, wie er sich die zukünftige Nutzung des Paulinums vorstellt und welche Rolle das schwierige Verhältnis zur Universitätsleitung dabei spielt.

Vor knapp zwei Wochen strömten hunderte Menschen zum ersten Gottesdienst nach über 40 Jahren auf die Uni-Baustelle am Augustusplatz – hat Sie der große Andrang überrascht?

Der große Zuspruch und Andrang hat mich in keiner Weise überrascht. So viele Menschen haben sich über Jahre und Jahrzehnte hinweg auf so vielfältige Weise für die Wiedergewinnung der Universitätskirche St. Pauli eingesetzt, dass die große öffentliche Resonanz anlässlich dieses historischen Universitätsgottesdienstes folgerichtig zu erwarten war. Dieser Tag hat weit über Leipzigs Stadtgrenzen hinaus die ungebrochene Sehnsucht einer großen Zahl von Leipzigerinnen und Leipzigern sichtbar werden lassen.

War es eher die Neugier der Leipziger oder die gerade in der Adventszeit immer wieder beobachtete Besinnung auf christliche Werte, die die Massen ins Paulinum trieb?

Die Menschen wollten nach meiner festen Überzeugung Teil eines historischen Augenblicks sein, in dem der Universität und der Stadt Leipzig das zurückgegeben wurde, was 1968 vernichtet werden sollte: die Universitätskirche St. Pauli, in der Glauben und Vernunft wieder einen gemeinsamen Ort haben. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür gezeigt, dass die wieder aufgenommene, universitätsgottesdienstliche Nutzung am Ort der gesprengten Kirche die eigentliche Geburtsstunde der neuen Universitätskirche St. Pauli darstellt. Wer miterlebt hat, wie Professor Martin Petzoldt das im Mai 1968 von ihm selbst mit Dedo Müller aus der Kirche geborgene Kreuz zu Beginn des Gottesdienstes wieder in die Kirche getragen hat, der wird die Emotionalität und Symbolkraft dieses Augenblicks nie vergessen. Die Botschaft: In dem neuen Raum setzt sich die Geschichte der Universitätskirche St. Pauli fort, die 1968 in einem unvergleichlichen Akt der Kulturbarbarei auf Geheiß der SED vernichtet werden sollte. Dabei entspringt diese Botschaft nicht allein einem christlichen Verständnis, sondern auch einer politischen Sichtweise, die im Ergebnis eine große Anzahl von Menschen, egal ob Christen oder Atheisten, in Leipzig geeint hat.


Erster Gottesdienst in der Kirche - ein volles Gotteshaus.
Foto: Stiftung Universitätskirche zu St. Pauli

Im Vorfeld des Gottesdienstes hatte sich die Universität nicht unbedingt als Förderer der Veranstaltung hervorgetan – ist das Verhältnis zur Uni wirklich so schwierig wie es nach außen hin scheint?

Mir ist wichtig herauszustellen: Der Gottesdienst am vergangenen Sonntag war als Universitätsgottesdienst eine Veranstaltung der Universität. Das Zustandekommen und die Durchführung dieses besonderen Gottesdienstes wären ohne das Engagement der Universitätsgemeinde und der Universitätsmusik unter Leitung von Universitätsdirektor Timm undenkbar gewesen. Insoweit gilt der Dank nicht nur den vielen Förderern außerhalb der Universität wie auch dem Paulinerverein, sondern insbesondere auch vielen Angehörigen der Universität. Auch wenn im Vorfeld dieses Gottesdienstes die uneingeschränkte und tatkräftige Unterstützung durch die Universitätsleitung sicher wichtig und hilfreich gewesen wäre, hoffe ich, dass sich die Universitätsleitung im Blick zurück auf diesen Gottesdienst angesichts der überaus positiven öffentlichen Resonanz noch dankbar äußern wird gegenüber denjenigen, die zum besonderen Gelingen dieses würdigen Abschlusses der Universitätsjubiläumswoche beigetragen haben.

Die Uni nennt ihren neuen Zentralbau im offiziellen Sprachgebrauch gern „Paulinum“. Wie sehr stört Sie die anhaltende Debatte um den Namen des neuen Bauwerks?

Die Verantwortung vor der Geschichte dieses Ortes gebietet es nach meiner festen Überzeugung, dass dieser Raum nur den Namen Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig tragen kann. Die Universitätsleitung hat sich übrigens im Dezember letzten Jahres ihrerseits bereit erklärt, diesen Namen auch für den Teil des Gebäudekomplexes, in dem der Gottesdienst am vergangenen Sonntag stattfand, zu verwenden. Ich wünsche mir, dass dementsprechend der Name auch künftig stärker und durchgängiger zum Ausdruck kommt als dies im Jahr 2009 in den Äußerungen und Veröffentlichungen der jetzigen Universitätsleitung zu erkennen war. Hiervon ganz unbenommen werden Leipzigerinnen und Leipziger im Einklang auch mit der Evangelischen Landeskirche und der Universitätsgemeinde künftig von der Universitätskirche St. Pauli sprechen. Die Stiftung "Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig" schließt sich dem, wie bereits auch aus ihrem Namen hervorgeht, an.

Wie stellt sich Ihre Stiftung die zukünftige Nutzung der Paulinerkirche konkret vor?

Schon jetzt besteht erfreulicherweise eine einvernehmliche Regelung zwischen allen beteiligten Parteien, dass künftig wieder Gottesdienste der Universitätsgemeinde grundsätzlich an allen Sonn- und Feiertagen in der Universitätskirche St. Pauli stattfinden werden. Darüber hinaus ist wichtig: Ein dauerhaft wirksamer Konsens zur Ausgestaltung und Nutzung der Universitätskirche St. Pauli kann nur gemeinsam und im Einklang mit der Freundschaftsklausel des Evangelischen Kirchenvertrages Sachsens zwischen dem Freistaat Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens erreicht werden. Dies erscheint mir nicht nur politisch geboten, sondern angesichts einer erst in diesem Herbst veröffentlichten und durch die Stiftung vorgestellten rechtswissenschaftlichen Arbeit auch rechtlich zwingend: Professor Goerlich, früherer Dekan der Juristenfakultät der Universität Leipzig, und Rechtsanwalt Torsten Schmid legen unter Anwendung des öffentlichen Sachenrechtes und verfassungsrechtlicher Normen in dieser Arbeit präzise dar, dass das Recht der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli als einer zu Zwecken des kirchlichen Gebrauches gewidmeten Sache (res sacra) bis heute fortbesteht. Die Landeskirche besitzt demnach die öffentlich-rechtliche Sachherrschaft über die neue Universitätskirche St. Pauli und kann neben klar definierten Nutzungsrechten u.a. auch festlegen, welche Ausgestaltung des Raumes sie für eine ungestörte Glaubensbetätigung künftig als erforderlich betrachtet.

Es ist kurz vor Weihnachten: Gibt es einen Wunsch, den Sie im Zusammenhang mit dem Neubau hegen?

Mein Wunsch für 2010 ist, dass der von Professor Goerlich und Rechtsanwalt Schmid aufgezeigte Lösungsweg beschritten wird und Vereinbarungen zwischen dem Freistaat Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens zu verlässlichen und rechtlich bindenden Regelungen getroffen werden. Ich hielte es für hilfreich und wünschenswert, wenn unter Berücksichtigung der Ergebnisse der vorliegenden Arbeit die Landeskirche schon jetzt stärker als bisher in die Entscheidungen zur Innengestaltung und künftigen Nutzung der Universitätskirche St. Pauli einbezogen würde: Ein erster Schritt wäre, dass die Landeskirche schon im neuen Jahr mit entscheidendem Stimmrecht in der Baukommission vertreten sein wird, in der sie paradoxerweise bis heute nicht eingebunden ist.

 

Mehr über die „Stiftung Universitätskirche zu St. Pauli“ im Netz: www.stiftung-universitaetskirche.de


"Menschen, Mächte, Krankheiten (man denke nur daran, wie schwer sich viele Menschen damit tun, den Namen von bestimmten Krankheiten auszusprechen) beim Namen nennen - das war und ist immer ein erster Schritt zur Befreiung aus Unmündigkeit. Gott ruft uns beim Namen und befreit uns so aus einer doppelten Namenlosigkeit: wir sind nicht mehr nur nummeriertes Rädchen im Weltgetriebe. Wir werden mit unserem Namen auch für das, was wir tun und lassen, verantwortlich gemacht und können uns nicht mehr in eine Anonymität flüchten, mit der wir uns hinter den Machenschaften von Verführern zu verstecken versuchen, anstatt ihnen zu widerstehen.

Darum sind wir aufgerufen, Dinge beim Namen zu nennen - vor allem die, die wir Menschen am liebsten namenlos lassen wollen und dann mit so plauschigen Begriffen wie „Phänomen" belegen oder wortreich umschreiben, um nur ja nicht zu konkret werden zu müssen.

Es wird niemanden überraschen, dass ich in diesem Zusammenhang und heute und von dieser Stelle aus die Benennung der neuen Universitätskirche anspreche. Dass wir in der Thomaskirche 2008 über ein halbes Jahr das Transparent mit der Forderung die neue Universitätskirche auch so zu benennen, hängen hatten, war weniger ein politischer Protestakt. Vielmehr sollte damit auf die Bedeutung des Namens in der jüdisch-christlichen Glaubenstradition hingewiesen werden: der Name ist Programm. Erst als Gott Mose gegenüber seinen Namen enthüllt, war Mose in der Lage seinem Auftrag nachzukommen. Namenlosigkeit, auch Namenlosigkeit der Universität oder eben des neuen Gebäudes am Augustusplatz ist Ausdruck von nichts sagender Nichtigkeit. Darum ist es von größter Bedeutung, dass wir alle die Namensgebung dieses Gebäudes nicht dem Zufall überlassen und an der Programmatik des Namens mitarbeiten."

Pfr. Christian Wolff in seiner Neujahrspredigt 2010 über Lk 2,11 in der Nikolaikirche zu Leipzig.


Christian Wolff, Pfarrer an der Thomaskirche:
Rundbrief zu Weihnachten und zum Jahreswechsel 2009/2010

(Auszug)

„[...] Das gilt auch für die weiter schwelende Auseinandersetzung um die Universitätskirche St. Pauli. Zwar dachten einige, mit dem sogenannten Kompromiss vom Dezember 2008 sei nun allen Kritikern der Universität Leipzig der Maulkorb umgehängt worden (leider gibt es in den Führungsriegen nicht nur der Universität noch ausreichend autoritär strukturierte Menschen, die auch so handeln). Und tatsächlich: es wurde auch ruhiger. Doch mit dem nahenden Universitätsjubiläum der Universität am 2. Dezember musste die Debatte notwendig neu aufflammen – zumal sich in diesem Jahr Peinlichkeit an Peinlichkeit reihte: beim Gedenken an die Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai 2009 gingen pünktlich zu Beginn der Kundgebung auf der Baustelle am Augustusplatz die Presslufthammer nieder. Nicht ein Dekan oder offizieller Vertreter der Universität war anwesend, geschweige dass auch nur ein Universitätsangehöriger hörbar gegen die bewusste Geschmacklosigkeit der Universitätsleitung protestiert hätte.

Im August wurde die alte Glocke der Universitätskirche klammheimlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den Turm der neuen Universitätskirche gezogen – an jedem anderen Ort ein Anlass für ein Volksfest. Aber die neutralistischen Säkularisten fürchteten sich davor, dass man sich mit einer Glockenweihe zum Kirchencharakter des Neubaus bekennt. Mit allen Tricks versucht man den Namen „Universitätskirche St. Pauli“ im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Gedächtnis der Universität zu streichen. So sollte – am Universitätsmusikdirektor vorbei – das Wort Universitätskirche St. Pauli von den druckenden Plakaten entfernt werden. Und schließlich – sozusagen als „Strafe“ – wurde kein Vertreter der Thmomaskirche, Gründungsort der Universität Leipzig 1409, zum Festakt in der neuen Universitätskirche eingeladen. Stattdessen hat sich der Rektor der Universität immer dann Beschwerde führend an den Landesbischof gewandt, wenn ich mich wieder einmal öffentlich zur Universität geäußert habe – Kindergarten auf einen, dankenswerter Weise Rückendeckung durch den Landesbischof auf der anderen Seite.

Es ist nur schwer nachzuvollziehen, dass eine erdrückende Mehrheit der über 30.000 Universitätsangehörigen das autoritäre sich Abschotten der Universitätsleitung offensichtlich duldet und dass insbesondere die Presse kaum ein kritisches Wort gegenüber dem selbstherrlichen Gebaren des Rektorats verliert.

Doch alles Verschweigen, alle Schikanen und aller Druck, der inneruniversitär ausgeübt wurde, konnte eines nicht verhindern: der erste Universitätsgottesdienst in der neuen Universitätskirche St. Pauli – ein wunderbares Signal und auch ein Triumph über Kleingeisterei, Christenphobie und Entpolitisierung von Bildung im Gewande des Säkularismus.

Ich bin mir inzwischen ganz sicher: in ein paar Jahren werden wir alle Forderungen erfüllt sehen. Die Universitätskirche heißt so, sie wird dreifach genutzt: gottesdienstlich, akademisch, musikalisch, die Glaswand wird nicht eingebaut. Und die Universität wird ein Konzept für eine hochkarätige Veranstaltungsreihe im Umfeld von Glaube und Vernunft entwickelt haben, in der eine der Grundfragen aller Bildung behandelt wird: welche Vorstellung haben wir davon, was aus einem jungen Menschen in der Zeit seines Studiums werden soll?

Und dann wird man sich verwundert die Augen reiben: Wie konnte es möglich sein, dass sich die Universität Leipzig in ihrem Jubiläumsjahr der einmaligen Chance begeben hat, der Welt mit Stolz Großartiges zu präsentieren: die neue Universitätskirche St. Pauli?
[...]“

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Christian Wolff, Pfarrer an der Thomaskirche:
Rundbrief zu Weihnachten und zum Jahreswechsel 2008/2009

„Schon Mitte Januar nahm mich die Auseinandersetzung um die neue Universitätskirche St. Pauli voll in Beschlag. Anlässlich einer Podiumsdiskussion im Zeitgeschichtlichen Forum über die Dimension der Sprengung der Universitätskirche und ihrer Folgen kam es zu einer heftigen Kontroverse zwischen dem Rektor der Universität Leipzig, Franz Häuser, und mir [Chr. Wolff]. Diese entzündete sich vor allem daran, dass die Universität Leipzig versucht, sich buchhalterisch von ihrer eigenen Geschichte abzukoppeln. Das kommt nicht nur in ihrem Vorhaben zum Ausdruck: „wir bauen eine Aula und keine Kirche“, sondern auch in der Rede vom „Sühnebau“ (so der Kunsthistoriker Frank Zöllner) – als ob es eine Strafe ist, dass auf dem Campus die neue Universitätskirche errichtet wird. Solange aber die Universität bei ihrer geschichtslosen Haltung bleibt, wird sie die Debatte nicht los – völlig unabhängig davon, ob die berüchtigte Glaswand gebaut wird oder nicht. Denn während am Augustusplatz tatsächlich eine Kirche in beeindruckender Architektur entsteht, werden die neutralistischen Säkularisten unter den Gebildeten der Universität nicht müde zu erklären: das, was wie eine Kirche aussieht, darf keine sein. Das kommt mir so vor wie jemand, der vor einem Auto steht, aber behauptet: es ist ein Fahrrad. So transzendiert man das Sein zum Schein – eine Umkehrung der Verhältnisse besonderer Art. Doch nicht nur dies bringt die Universität in Erklärungsnöte. Auch ihr Unvermögen, sich der eigenen Geschichte zu stellen und mit einer inhaltlichen Prägung der neu entstehenden Universitätskirche eine Prägung zu verleihen, die einem Wissenschaftsbetrieb gut ansteht, der im nächsten Jahr sein 600-jähriges Jubliäum feiert, offenbart eine Leere, die im krassen Gegensatz zur prachtvollen Hülle steht. Natürlich ist das vielen Universitätsangehörigen bewusst. Darum reagieren sie auch so genervt auf die Debatte und versuchen sich dieser mit dem Hinweis zu entziehen, das „eine durch nichts legitimierte Minderheit“ [...] die Mehrheitsbeschlüsse universitärer Gremien und ihre Autonomie missachte. Wenn es doch so einfach wäre. Die Universitätskirche war aber nie nur ein Gebäude der Universität. Sie war immer ein Ort der freien Kommunikation und des Glaubens für Universität und Stadt. Und als solcher wurde sie 1968 gewaltsam beseitigt. Darum ist unabhängig von den Entscheidungskompetenzen – das äußere und innere Wie der Universitätskirche eine Angelegenheit, die alle Bürgerinnen und Bürger angeht. Hier ist die Debatte nicht nur nötig, sondern geboten. [...]

Wir hatten damals [in Westdeutschland] einen geschönten Blick in Richtung Osten, von der innerdeutschen Grenze bis nach China. Das dürfen wir nicht einfach übergehen – so wie die Leipziger Universität nicht übergehen darf, dass diese Universität in der Nazizeit einer der braunsten, in der DDR-Zeit eine der rötesten war, dass die Beseitigung der Universitätskirche von ihr schon 1960 (!) gefordert wurde und dass der Aufbruch zur Demokratie am 9. Oktober 1989 im wahrsten Sinne des Wortes an der Universität vorbeigegangen ist. Ich kann nur hoffen, dass die Auseinandersetzung um die Unikirche nahtlos übergeht in die kritische Debatte über die Rolle der Universität im 20. Jahrhundert. So bin ich 35 Jahre nach meiner AStA-Zeit in Heidelberg noch einmal Beteiligter an einer universitären Auseinandersetzung, an der offenbar wird, wie sich die politischen Koordinaten nach 1989 verschoben haben. Sicher hätte ich mir damals nicht vorstellen können, heute dafür zu streiten, dass ein Marx-Relief eben nicht aufwendig restauriert und neu aufgestellt gehört, sondern vor sich hin rotten soll. Aber auch dazu konnte sich die Universität nicht verstehen, die in diesem Machwerk genauso wenig ein ideologisches Kampfinstrument zu erkennen vermag, dass 1974 bewusst an die Stelle des Kreuzes der Unikirche gesetzt wurde, wie sie dem Verbrechen der Sprengung und den Verwundungen in der Stadt gerecht wird.“


Quelle: http://www.sonntag-sachsen.de/2009/12/10/gebete-zwischen-rohbeton/
© DER SONNTAG - 10. Dezember 2009

Gebete zwischen Rohbeton

Es ist Sonntagvormittag auf dem Augustusplatz. Der Weihnachtsmarkt hat bereits geöffnet. An seinem Eingang bildet sich eine riesige Schlage. Was gibt es umsonst? Einen Gottesdienst. Dass über 700 Menschen in dieser Schlange dafür anstehen, den ersten Gottesdienst in der noch nicht fertig gestellten Universitätskirche besuchen zu können, bestätigt die Feststellung von Universitätsprediger Rüdiger Lux: Er beschreibt den Gottesdienst als »historisches Ereignis«. 700 Menschen dürfen nach den Sicherheitsauflagen eingelassen werden. Mehr als 100 weitere verfolgen das Ereignis über Lautsprecher draußen im Nieselregen.

41 Jahre nach Sprengung der Paulinerkirche, die 1968 auf Geheiß des SED-Regimes der neuen Karl-Marx-Universität weichen musste, ist bei Kirchenvertretern die Freude über diesen Anlass »riesengroß«, wie der Zweite Universitätsprediger Peter Zimmerling sagt. Dennoch fallen Worte der Kritik an der aktuellen Situation: Landeskirche und Hochschule sind nach wie vor uneins sind über die Ausgestaltung des Raums, der von der Uni als »Paulinum« und absichtlich nicht als »Kirche« bezeichnet wird.

»Wir werden weiter dafür sorgen, dass Altar, Lesepult und Taufstein in dieser Kirche einen Platz finden«, betont Zimmerling in seiner Predigt. Er appelliert aber auch, den Streit, der die »Menschen inner- und außerhalb der Universität entzweit hat«, eines Tages zu überwinden. Die Unikirche soll ein »Ort der Versöhnung« werden, heißt es in den Fürbitten.

Zudem sei eine Kirche in der Universität ein wichtiger Ort, wo die Seele zur Ruhe kommen kann, sagt Zimmerling. »Wir sind keine Kopffüßler«, so der Prediger. Diesem Irrglauben könne man an einer Hochschule leicht erliegen. Auch Landesbischof Jochen Bohl sprach sich wenige Tage zuvor während der Festwoche dafür aus, dass Wissenschaft den Glauben als »kritisches Korrektiv« zurate zieht.

Ob das an der Leipziger Uni gelingt, wird weiter verhandelt. Der Streit um den Bau, der heute nur rohe Betonwände um einen spärlich ausgestatteten, aber als Kirche erkennbaren Raum zeigt, ist nicht beendet. Spärlich war er auch, weil die Uni das Gestühl, das sie zur Feier ihres 600-jährigen Bestehens hinein gestellt hatte, kurz vor dem Gottesdienst wieder herausräumte.

Am kommenden Sonntag kann die Uni-Gemeinde dann wieder sitzen – in der Nikolaikirche. Bevor die Universitätskirche nicht fertig gestellt ist, werden die Hochschul-Gottesdienste wie seit 1968 weiter dort stattfinden – mindestens bis Ende 2010, nach Befürchtung des Universitätspredigers sogar noch länger.

Corinna Buschow

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Zitat: "Spärlich war er auch, weil die Uni das Gestühl, das sie zur Feier ihres 600-jährigen Bestehens hinein gestellt hatte, kurz vor dem Gottesdienst wieder herausräumte."
Darüber hinaus wurde auch die für die 600-Jahrfeier aufwändig gestaltete Wandverkleidung (mit Darstellungen der Epitaphien aus der Universitätskirche) und die Abschottung der Mauerdurchbrüche durch Wärmeschutzplanen entfernt. Es wurde eben wieder ein Rohbau hergerichtet.

So tarnte die Universität Leipzig ihre Baustelle für die 600-Jahrfeier

Blick zur Altarwand mit der Bühne: Vor den Fenstern stehen noch Baugerüste.
Die Betonwände sind mit Papptafeln verkleidet
© BILD Leipzig

Quelle: DIE ZEIT, Nr. 51 v. 10. Dezember 2009, S. 15
© DIE ZEIT, Nr. 51 v. 10. Dezember 2009, S. 15 (ZEIT FÜR SACHSEN)

Gottesdienst im Rohbau: Die Leipziger kamen in Scharen, um das Wiederaufleben ihrer Universitätskirche zu feiern, die 1968 zerstört worden war.

Gibt es was zu feiern?

Jubel und Pfeifkonzerte zum 600. Jubiläum der Universität Leipzig

VON EVELYN FINGER

Leipzig leuchtet. Die berühmte Kirchenmusikerstadt und berüchtigte Kirchensprengmeistermetropole tritt heraus aus der selbstverschuldeten Dunkelheit. Nein, es sind nicht nur die Lichterketten des Weihnachtsmarktes. Es gleißt nicht nur der Herrnhuter Stern in dem Gebäude mit dem Kompromissnamen »Paulinum: Aula/Universitätskirche St. Pauli«. Es leuchtet endlich wieder das Licht der Vernunft, denn die Bauherren haben den umkämpften Gottesdienst doch stattfinden lassen - als politisches Zeichen und Konsequenz der 1989er Revolution, die hier um die Ecke in der Nikolaikirche begann.

Jetzt soll der Abschied von der Diktatur in der Paulinerkirche vollendet werden. Doch bis zuletzt wurde von unerfüllbaren Sicherheitsauflagen für den Rohbau gemunkelt: dass die Bauleitung eine Unterschrift vom Ordnungsamt benötige, die das Ordnungsamt aber nicht erteile, weil es für Baustellen nicht zuständig sei. Die Situation war ein bisschen wie in der Parabel "Vor dem Gesetz" von Franz Kafka. Aber vielleicht hat sich ein Verantwortlicher erinnert, dass sowohl Kafka als auch die Leipziger Universität aus Prag stammen, und wollte nicht zum Gespött der Republik werden.

Am zweiten Adventssonntag sieht die Baustelle schon sehr nach Kirche aus. Außen der spitze Giebel und das Chorfenster zum Augustusplatz. Innen die hohen gotischen Bögen und das tiefe Kirchenschiff. Man muss kein Christ sein, um das Erhabene des Moments zu empfinden. An dieser Stelle stand einst die älteste Universitätskirche Deutschlands, bis die DDR sie im Mai 1968 für ihren sozialistischen Betoncampus zerstörte. Viele Leipziger, die zusahen, und erst recht die wenigen Widerständler sagen heute, dass damit der Sozialismus für sie gestorben war. Jetzt findet endlich ein Akt der Wiedergutmachung statt. Eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes ist die Kirche überfüllt, dreihundert Leute müssen draußen bleiben. Zu denen, die es nach drinnen geschafft haben, gehören ein altes Ehepaar, das 1968 hier den letzten Gottesdienst erlebte, und ein junger Musiker, dessen Vater das letzte Konzert spielte. Wann hat man schon Gelegenheit, selber zu erleben, wie sich der Kreis der Geschichte schließt und historisches Unrecht gesühnt wird? »Dem Gerechten muss das Licht wieder aufgehen«, heißt es in der Bibel Martin Luthers, der die Universitätskirche 1545 weihte.

Dass die Lichtmetaphorik sich dieser Tage aufdrängt, hat mit der reformatorisch-aufklärerischen Tradition dieser Universität zu tun. Erleuchtung der Welt heißt die Ausstellung zum 600. Jubiläum. Der Titel klingt etwas pompös, aber er passt. Denn Sachsen war wirklich an der Erfindung der modernen Wissenschaft beteiligt. 1409 hatten deutsche Professoren und Studenten die Prager Karls-Universität verlassen, weil sie sich dem Diktat des böhmischen Königs nicht beugen wollten, also zogen sie nach Leipzig. Ihre neue Universität, gegründet aus dem Geist des Protests, erlebte ein Jahrhundert später in der Leipziger Disputation von 1519 den großen Konfessionsstreit um Luthers Thesen. Später wurde sie Hochburg der lutherischen Orthodoxie, noch später setzte die Aufklärung sich gegen den Widerstand der Uni-Theologen durch.

Das wichtigste Erbe der Universität ist ihr Widerspruchsgeist

Das Beispiel Leipzig zeigt eindrucksvoll, wie aus der Reformation aufgeklärte Liberalität und aus christlichem Denken befreites Denken entstanden. Die Uni hatte viele herausragende Köpfe. Hier dozierten Gottsched, Lessing, Heisenberg, Mommsen, Bloch. Hier studierten Müntzer, Goethe, Novalis, Nietzsche, Liebknecht. Zur Galionsfigur des Leipziger Idealismus und der sächsischen Vorurteilsfreiheit aber wurde Leibniz mit seiner geschichtsdynamischen Philosophie von der »besten aller möglichen Welten«. Seine Statue ist auch wieder auf den Campus zurückgekehrt. Erhobenen Hauptes, das aufgeschlagene Buch lässig in der Hand, erinnert Leibniz an das wichtigste Erbe der Universität: Immer wenn ihr Widerspruchsgeist wach war, war sie lebendig.

Deshalb müsste die heutige Uni ihren Kritikern dankbar sein, dem Paulinerverein, der den Universitätskirchenneubau erstritt, vor allem aber den Studenten, die seit Monaten gegen Leipzigs Version der Bologna-Katastrophe protestieren. Am Mittwoch voriger Woche haben sie pfeifend und johlend auf dem neuen Campus gestanden, es ist das größte Uni-Umbauprojekt nach der Wiedervereinigung, es kostet gut eine Milliarde Euro und nimmt langsam Gestalt an. Hinter den Studenten erheben sich der weiße Flachbau der Seminarräume und der weinrote Quader des Hörsaalgebäudes. Rechter Hand steht das Schinkeltor. Geradeaus blickt man auf den provisorischen Haupteingang von St. Pauli, wo jetzt, vier Tage vorm Gottesdienst, der weltliche Festakt zum Jubiläum stattfindet. Leider ist zwischen den protestierenden Studenten und den geladenen Gästen, zu denen auch Bundespräsident Horst Köhler gehört, ein Sicherheitszaun.

Jetzt muss ein Pfarrer vormachen, was heute Toleranz bedeutet

Die Studenten fühlen sich ausgesperrt mit ihrer Meinung, dass es hier nichts zu feiern gebe: Geld ist knapp, Lehrkräfte fehlen, in der Ethnologie kommt ein Dozent auf 350 Studierende, Zulassungen zu Zweitfächern werden verlost statt vergeben ... Die Liste der Probleme ist schier endlos, und die Professoren werden schon wissen, warum sie sich unter den Protestrufen wegducken. Nur ein kleiner Herr mit weißer Bürstenfrisur geht schnurstracks auf die Protestierenden zu und spricht eine Viertelstunde mit ihnen. Es ist Christian Führer, der Wendepfarrer, der Ende der sechziger Jahre hier studierte und schon immer der Meinung war, dass Protest sein muss, weil protestare bedeutet, für etwas einzutreten. Er sagt den Studenten, er unterstütze sie, aber es gebe wirklich etwas zu feiern: dass Demonstrieren heute gefahrlos möglich ist.

Im »Paulinum« wird der Festakt dann doch spannend. Denn der Rektor sagt über die wechselvolle Uni-Geschichte: Von Leipzig lernen heiße lernen, mit welchen Traditionen gebrochen werden muss. Das soll zukunftszugewandt klingen, aber man kann das abgewandelte DDR-Propaganda-Zitat auch als kulturbolschewistische Provokation auffassen. Denn die Uni hat sich heftigst gegen die Universitätskirche gesträubt, noch immer plant sie, den altneuen Kirchenraum durch eine Glaswand in Andachtbereich und Aula zu trennen. Jahrhundertelang war hier Kirche und Aula in einem, also Toleranz. Ist damit nun Schluss? Der Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff, jedenfalls, der einer der schärfsten Kritiker der Glaswand ist, wurde zum Festakt nicht eingeladen - obwohl nur einen Tag vorher in seiner Kirche, die 1409 Gründungsort der Uni war, der Rektor eine Rede gehalten hatte. Offenbar müssen Leipzigs weltliche Obrigkeiten von der Kirche Kritikfähigkeit lernen.

Der Studentenrat ist da schon weiter. Sein Sprecher hält beim Festakt eine flammende Rede über jüngste Aufarbeitungsmängel. Er kritisiert, dass die Uni zu unkritisch feiere, sich zum Opfer der Geschichte des 20. Jahrhunderts stilisiere, anstatt ihre Täterrolle während der zwei deutschen Diktaturen zu thematisieren. Tatsächlich war der Nationalsozialismus hier nur allzu willkommen. Und im Jahr 1968 war es die sozialistische Uni selbst, die die Sprengung ihrer wertvollen Kirche betrieb. Doch anstatt sich endlich selbst aufzuklären, lässt die Universität einen ihrer alten DDR-Architekten über ihre DDR-Baugeschichte schreiben. Nebenbei behandelt sie den traditionsreichen Universitätschor respektlos und erschrickt, wenn ein Chormitglied beim Festakt protestiert.

Es ist ja nicht so, als hätte die Universität kein kritisches Potenzial. Bei einem wirtschaftswissenschaftlichen Kongress anlässlich der Festwoche wurde die Ökonomisierung der Universitäten scharf angeprangert. Dass der »wirtschaftende Verstand« die aufgeklärte Vernunft ersetzt, wurde als Gefahr für die gesamte Gesellschaft beschrieben. Warum erforschen nicht die Uni-Historiker mit solchem gesellschaftskritischen Schwung die Geschichte der Kirchensprengung? Nahezu gänzlich im Dunkeln liegt ja noch der Grabraub durch die Stasi, die 1968 die alten Gräber unter St. Pauli plünderte. Wohin die goldenen Rosen und andere wertvolle Grabbeigaben verschwanden, dafür muss es noch lebende Zeugen geben. Leider hat die Uni eilends Beton über den Tatort gegossen. Am vergangenen Sonntag aber hat die ARD in ihrem Leipzig-Tatort einmal kurz in dieses brisante Thema hineingeleuchtet. Da steckt noch ein größerer, ein echter Krimi drin.
Da muss noch viel mehr Licht gemacht werden in Leipzig.

Der Gottesdienst in der Paulinerkirche war immerhin ein Anfang. Nur die Predigt des Universitätspfarrers war etwas verdruckst. Viel Weihnachtliches kam vor, aber kein Wort gegen die Glaswand. Das war schade, weil mit dem Gottesdienst die Kirche buchstäblich auflebte. Seit Herbst 2009 erst ist bekannt, dass St. Pauli niemals entwidmet wurde, dass also die Weihe Luthers noch gilt und nur die Evangelisch-Lutherische Landeskirche hier hätte bauen dürfen. So lautet das Gesetz, die res sacra, die von unserer Verfassung legitimiert ist. An der Universität gibt es darüber keine große Debatte. Wahrscheinlich müssen erst wieder streitbare Leute von außen nachhelfen. Es ist mit der Uni Leipzig momentan wie in Luthers Bauerngleichnis: »Die Welt ist wie ein trunkener Bauer. Hebt man ihn auf einer Seite in den Sattel, fällt er zur andern wieder herab.«


Quelle: http://www.welt.de/
© WELT.de - 8. Dezember 2009, 04:00 Uhr

Gebt uns diesen sakralen Raum zurück!

Von Dankwart Guratzsch

Der erste Gottesdienst im Rohbau der wieder aufgebauten Paulinerkirche in Leipzig geriet zu einer Demonstration

Es sollte "nur" ein Gottesdienst sein, doch es wurde eine Demonstration. Die Leipziger haben ihre Paulinerkirche, die 1968 auf Walter Ulbrichts persönliche Anordnung gesprengt wurde, in einer überwältigenden Feier wieder in Besitz genommen. Für die Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig war es "diejenige Veranstaltung innerhalb der Jubiläumswoche der Universität Leipzig, die den mit Abstand größten öffentlichen Zuspruch hatte". Es war ein Gottesdienst im Rohbau, zwischen nackten Betonwänden, in einem schuhkartonartigen Raum, der bisher nur mit einer Behelfsdecke gedeckt ist. Noch fehlen die gotischen Säulen, das neue der Gotik nachempfundene Kreuzrippengewölbe, die Ausstattungsstücke, der Altar. Die Bauarbeiten ruhen. Das Architekturbüro des Holländers Erik van Egeraat ist pleite. Und wie es weitergeht mit dem Bau, ist zwischen Universität, sächsischer Regierung, Kirche, Studentengemeinde und Stiftung heiß umstritten.

Universitätsrektor Häuser, ein "Wessi" mit 68er-Vergangenheit, wollte und will alles allzu "Kirchliche" aus dem Raum heraushalten und den Neubau als Aula nutzen. Dazu soll eine Trennwand zum Wegsperren des Altars eingezogen werden. Die Säulen will Häuser nach unten kappen, um eine "bessere Sicht" zu erhalten. Die Kirche und zahlreiche Leipziger Bürgervereine bestehen aber darauf, dass diese Eingriffe in das architektonische Konzept, mit dem der Holländer den Zuschlag für den Neubau erhalten hatte, unterbleiben. Und sie fordern, dass die barocke Kanzel (für Häuser ein "Scheißding") wieder hineinkommt.

Auch wenn es in diesem Gottesdienst unausgesprochen blieb: Der riesige Zulauf zur ersten kirchlichen Feier im Nachfolgebau jener Kirche, die die Urzelle der 600 Jahre alten Universität war, wurde zu einem hoch emotionalen Bekenntnis zur Bestimmung dieses Gebäudes als Kirche. "Hätte jemand nach der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli gesagt, auf diesem historischen Grund wird irgendwann wieder ein Gottesdienst stattfinden, dann wäre er für geisteskrank erklärt worden", versuchte Peter Zimmerling, der zweite Universitätsprediger, die für die 700 Menschen in dem unfertigen Raum noch immer kaum fassbare Wiedergeburt des Gebäudes zu würdigen. Um alle unterzubringen, waren sogar aus anderen Kirchen Bänke herangeschafft worden. Doch viele fanden im Innenraum keinen Platz mehr und konnten die Feier nur draußen auf dem Platz über Lautsprecher verfolgen.

Als dann Martin Petzoldt, der emeritierte Theologie-Professor und Erste Universitätsprediger, 41 Jahre nach der Sprengung feierlich das Kruzifix zum provisorischen Altar trägt, läuft vielen in diesem Gottesdienst auf der Baustelle ein Schauer über den Rücken. "Es war der bewegendste Augenblick", gesteht David Timm, der Leiter des Universitätschores. Am 28. Mai 1968, zwei Tage vor der Sprengung, hatte es Petzolds theologischer Lehrer Dedo Müller aus dem todgeweihten Gotteshaus geborgen. Dann stimmt der Chor Mendelsohn-Bartholdys Lobgesang an - zu Ehren jenes Komponisten, der nach seinem Tod hier aufgebahrt war und der den Ehrendoktortitel der Universität trug.

Nur für Momente blitzt in dieser ganz auf Versöhnung der Fronten gestimmten kirchlichen Feier auf, was für Gefühle hier aufgewühlt werden. So wenn es draußen fast zu Tumulten kommt, weil nicht alle eingelassen werden. Und so auch, als sich Martin Oldiges, der Stiftungschef und emeritierte Jurist, symbolisch vor jene Säule stellt, an die dereinst die Kanzel kommen soll: "Das Geld für die Restaurierung ist da." Es klingt wie ein Appell. Doch wird er gehört?

In einem Nachwort zu diesem "historischen" Gottesdienst bemüht sich die Stiftung um "good will" bei der sächsischen Regierung. "Mit der Überlassung durch den Freistaat verbunden ist ein deutliches, symbolreiches Zeichen für die historisch gewachsene und künftige Dreifachnutzung der Universitätskirche St. Pauli: akademisch, musikalisch und kirchlich!" Höchst diplomatisch und versöhnlich gesagt will das nichts anderes heißen, als: Gebt uns diese Kirche als das zurück, was sie immer war!

Dass es im Vorfeld keineswegs nur versöhnlich zuging, bezeugt hingegen Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff: "Ein Skandal sind die Tricks, Schikanen und Drohungen, mit denen die derzeitige Universitätsleitung bis zuletzt versucht hat, den Gottesdienst zu verhindern." target="_blank" Wolff gehört zu denen, die der Paulinerkirche nicht nur mit Worten helfen wollen. Den alten Altar, der heute noch seine Kirche als Leihgabe ziert, will er der Universitätskirche zurückgeben. Solche Hilfe ist unter Deutschlands evangelischen Gemeinden guter alter Brauch. Als die Namensvetterin in Frankfurt am Main, die Paulskirche, nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde, schickten die Leipziger für das neue Dach Nägel, weil sie im zerbombten Deutschland noch Mangelware waren.

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DIE WELT hat zu ihrem Beitrag vom 8. Dezember (http://paulinerkirche.de/erstergottesdienst.htm#welt081209) am 14. Dezember die untenstehenden vier Leserbriefe abgedruckt.

Leipziger Kirchenkampf

Zu: "Gebt uns diesen sakralen Raum zurück"; WELT vom 8.12.2009

Die Auseinandersetzungen um die Leipziger Universitätsaula Paulinum geraten zu einem ewig dauernden Kirchenkampf, der auch die Geschichte der Stadt auf unschöne Weise belastet. Leider sind alle Verantwortlichen für die Gestaltung des Uni-Neubaus an diesem Desaster nicht unschuldig, indem sie ein Projekt hochgelobt haben, das eine Aula sein sollte, aber einer Kirche mehr ähnelt als einem weltlichen Bau.
Und statt einer würdigen Gedenkstätte für die zerstörte Paulinerkirche ist daraus ein großes Kirchenareal geworden, neben dem die Aula als Festsaal der Universität ein recht schmuckloses Schattendasein führen wird, wenn einige Kirchenkrieger ihm dieses Dasein überhaupt noch zubilligen. Ich frage mich: Wo bleibt denn da die Trennung von Staat und Kirche?
Hans Lanzke, Leipzig

Ich freue mich sehr, wenn die WELT aus Leipzig berichtet; der Neubau der Universität am Augustusplatz verspricht, architektonisch spektakulär zu werden. Wohl die meisten Leipziger freuen sich sehr, dass der ästhetische Entwurf an das Schicksal der Universitätskirche gemahnt, ohne sie als Duplikat wiederzuerrichten. Es gibt eine sehr emotional geführte Auseinandersetzung zwischen denjenigen, die den Neubau der Universität vordringlich für Forschung und Lehre nutzen möchten, und einer Minderheit, die eine religiöse Nutzung des Paulinums für dringend erforderlich erachtet. An dieser Stelle darf der Hinweis erlaubt sein, dass in der Leipziger Innenstadt drei evangelische Kirchen existieren, die nicht gerade unter Besucherzulauf stöhnen. Viele Kirchen in der Stadt sind in einem bedauernswerten Zustand, Gemeinden müssen wegen Mitgliedermangel zusammengelegt werden. Offenkundig gewinnen in Leipzig langsam die Agnostiker die Oberhand. Dass Sie unseren tapferen Universitätsrektor Häuser als "Wessi" diffamieren, fällt in Leipzig auf völlig unfruchtbaren Boden: Die Leipziger haben die deutsche Einheit herbeidemonstriert - in dieser Stadt führt eine Auseinanderdividierung von Wessis und Ossis nur noch zu gelangweiltem Gähnen; hier ist wirklich jeder (insbesondere kluge) Kopf sehr willkommen. Dass der Katholik Häuser allerdings einen guten Teil seiner Kraft nicht den dringend notwendigen Korrekturen am Bologna-Prozess widmen kann, da er sich einer kleinen, aber lautstarken Schar evangelischer Eiferer zu erwehren hat, hätte er sich bei Amtsantritt gewiss nicht träumen lassen. Entgegen Ihrer Mitteilung will Professor Häuser den Neubau nicht als Aula vermeintlich umnutzen; vielmehr wurde laut Ausschreibung der Universität eine Aula errichtet, die in ihrer Silhouette an die gesprengte Universitätskirche mahnen soll.
P. Gischke, Leipzig

Kein Wort von der Einmischung einer außenstehenden, von keinem Gremium legitimierten Gruppe, die versucht, den dringend nötigen Neubau der Universität und der darin geplanten Aula zu vereinnahmen und in den Neubau eines Gotteshauses umzumünzen. Sicherlich hat die alte Paulinerkirche ihr erstes Dasein als Kirche gefristet, wurde jedoch dann jahrhundertelang auch und vor allem als Aula der Universität genutzt. Fakt ist, dass die Leipziger genügend Kirchen besitzen, in denen die Gottesdienste stattfinden können. Eine Kirche in der Universität wird aktuell nicht benötigt. Wohl aber ein Versammlungsraum der Universität. Dass darin auch Gottesdienste stattfinden können, ist absolut wünschenswert, doch sicherlich nicht der Hauptzweck des Gebäudes. Eine nicht unerhebliche Anzahl Ewiggestriger versucht aber verzweifelt, genau dies so darzustellen.
Dr. Patrick Stumpp, per E-Mail

Dass im noch nicht fertiggestellten Nachfolgebau der Leipziger Universitätskirche, die im Jahr 1968 auf Geheiß von Ulbrichts SED gesprengt wurde, wieder ein Gottesdienst stattfinden konnte, ist ein schöner Teilerfolg im jahrelangen Ringen um eine Wiedergutmachung der Kulturbarbarei der damaligen SED-Diktatur. Peter Zimmerling, der zweite Universitätsprediger, würdigte in seiner Predigt diesen Erfolg mit den Worten: "Hätte jemand nach der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli gesagt, auf diesem historischen Grund wird irgendwann wieder ein Gottesdienst stattfinden, dann wäre er für geisteskrank erklärt worden." Genau das ist aber geschehen, nachdem sich bereits drei Wochen nach der Kirchensprengung in einer spektakulären Protestaktion in der Leipziger Kongresshalle ein Plakat mit der Forderung nach Wiederaufbau entrollte. Einer der Beteiligten an dieser Aktion, der Physiker Dietrich Koch, wurde ein knappes Jahr später von der Stasi verhaftet. Sie ließ ihn zu zweieinhalb Jahren Haft und anschließender unbefristeter Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt verurteilen, "um die Gesellschaft vor staatsfeindlichen Angriffen zu schützen", wie es in der Urteilsbegründung heißt. Ein besonders bewegender Augenblick des Gottesdienstes war das Hereintragen des aus der alten Kirche geretteten Kruzifixes. Ich hätte mir aber gewünscht, dass dafür jemand ausgewählt worden wäre, der 1968 besonders aktiv gegen die Sprengung protestiert hatte, z. B. der damalige Theologiestudent Nikolaus Krause, der daraufhin in Stasi-Haft kam. Aber so viel Erinnerung an die Schandtaten von 1968 soll wohl beim gegenwärtigen Versöhnungskurs nicht sein.
Dr. habil. Eckhard Koch, Langebrück


Quelle: http://www.bild.de/
© BILD Leipzig - 07.12.2009 - 00:49 UHR

1. GOTTESDIENST NACH DER SPRENGUNG

St. Pauli lebt wieder!

Von JACKIE RICHARD

Ein Halleluja für den Neuanfang: Der erste Gottesdienst nach 41 Jahren ließ die Universitätskirche gestern wieder auferstehen! Es waren Bilder, die für sich sprechen – und den Kirchen-Behinderern in der Uni zu denken geben sollten: Rund 1000 Menschen strömten gestern in den halbfertigen Neubau, nochmal etwa 200 Menschen verfolgten das Großereignis auf einem Monitor auf dem Augustusplatz – es hatten einfach nicht alle reingepasst!

Nur allzu passend erschien da die musikalische Begleitung. Der Universitätschor und das Pauliner Barockensemble spielten die Bach-Kantate „Nun komm, der Heiden Heiland“, in der auch das folgende Bibelwort aus der Johannesoffenbarung rezitiert wird: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an“.

Auch wenn der Altar nur aus einem Tisch improvisiert, das Kreuz aus der Nikolaikirche ausgeliehen war – die Leipziger zeigten, dass sie die am 30. Mai 1968 auf Geheiß Walter Ulbrichts (1893-1973) gesprengte Universitätskirche nicht vergessen haben.

Prediger Prof. Dr. Peter Zimmerling (51) sprach ihnen aus den Herzen: „Wer damals gesagt hätte, dass hier jemals wieder ein Gottesdienst stattfinden würde, wäre für geisteskrank erklärt worden.“

Die gestrige Feier hat trotzdem auch heute noch eine politische Dimension. Die Uni-Leitung wollte den Gottesdienst verhindern, erst der Freistaat als Bauherr sprach ein Machtwort. Dabei ging es nur um eine als zweiter Fluchtweg notwendige Tür, die angeblich nicht geöffnet werden konnte...

Doch für Besinnung ist es nie zu spät: „Hoffen wir, dass diese Kirche ein Ort der Versöhnung wird“, hieß es in der Andacht.Man muss nur wollen.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 7. Dezember 2009
© Leipziger Volkszeitung

Zurück in St. Pauli

Nach 41 Jahren findet an historischer Stelle wieder ein Universitätsgottesdienst statt

Großer Tag gestern am Augustusplatz: Auf der Baustelle des Paulinum wird ein Universitätsgottesdienst gefeiert. 700 Besucher werden eingelassen, hunderte verfolgen draußen über Lautsprecher das historisch zu nennende Ereignis.

Peter Zimmerling, der zweite Universitätsprediger, bringt es in seiner Predigt auf den Punkt: "Hätte jemand nach der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli gesagt, auf diesem historischen Grund wird irgendwann wieder ein Gottesdienst stattfinden, dann wäre er für geisteskrank erklärt worden." Irgendwann ist dieser 6. Dezember und der zweite Advent 2009. Gottlob musste also nur die Zeitdauer einer reichlichen Generation vergehen, bis so ein Traum Wirklichkeit wird.

An die Tage im Mai 1968 kann sich Martin Petzoldt, der gerade emeritierte Theologie-Professor und Erste Universitätsprediger, noch sehr genau erinnern. Als 22-jähriger Student der Theologie hielt er am 21. Mai 1968 die letzte so genannte Seminarpredigt. Petzoldt: "Zwar war die Sprengung da noch nicht verkündet, doch das Ende dieser Kirche schwebte quasi über uns. Die Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes war ja schon publik gemacht geworden, und in den Abbildungen fehlte diese Jahrhunderte alte Kirche." Am 28. Mai, also zwei Tage vor der Vernichtung des Gotteshauses, trug dann Petzoldts Theologie-Lehrvater Professor Dedo Müller das Kruzifix aus der Kirche. 41 Jahre später trägt es zu Beginn des Gottesdienstes Petzoldt zum provisorischen Altar. "Mehr Symbolik kann nicht sein", freut sich der Universitätstheologe. Es ist ein Morgen voller Emotionen, der im künftigen Aula-Kirche-Raum - die Universität sagt dazu Paulinum, für die Theologen und den Paulinerverein ist es der Neubau der Universitätskirche St. Pauli - gut anderthalb Stunden Ereignis wird. Die große Resonanz spricht dabei für sich. "Leipzig ist Leipzig", meint Manfred Rudersdorf, der an der Universität die Verantwortung für die sechsbändige Geschichte der Alma mater trägt. Glücklich, die Ausrichtung des Gottesdienstes realisiert zu haben, ist vor allem der Paulinerverein. Um älteren Menschen Sitzmöglichkeiten zu bieten, wurden sogar tags zuvor aus anderen Leipziger Kirchen Bänke herangeschafft.

Zufrieden ist Martin Oldiges, Vorstand der Stiftung Universitätskirche St. Pauli. Man verfolge das Ziel, dass dieses Haus christlich, künstlerisch und akademisch genutzt werden kann. Der Gottesdienst sende ein eindeutiges Signal. Auch bei weiteren Fragen stehen laut Oldiges die Zeichen eher auf Versöhnung denn Konfrontation. Der emeritierte Jurist stellt sich symbolisch vor jene Säule, an die dereinst die Kanzel kommen wird. Das Geld für die Restaurierung sei da. Ganz vorn im Gottesdienst sitzt Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff. Er hat wohl schon vor Augen, wie der Neubau mit dem Altar der Paulinerkirche, der heute noch als Leihgabe St. Thomas ziert, aussehen wird. Oldiges: "Dass dieser Altar an seinen ursprünglichen Ort zurück kommen wird, ist auch eine schöne Genugtuung dieses besonderen Tages."
Neu im Amt wendet sich der Erste Universitätsprediger Rüdiger Lux an die Gemeinde. Vor 2500 Jahren habe man in Jerusalem den Grundstein für den von den Babyloniern vernichteten Tempel gelegt. Damals habe man noch vor dem Nichts gestanden. "Wir aber sind weiter und können stolz auf den Bau sein. Wenn Sie nach oben sehen, erkennen Sie erste Details davon, wie dieses Haus einmal aussehen wird."

Mit Rührung verlassen nach anderthalb Stunden die 700 Gäste den Gottesdienst. Alle haben vor allem einen Wunsch: Dass zügig und ohne Streit weiter gebaut wird.

Thomas Mayer

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Quelle: http://nachrichten.lvz-online.de/
© LVZ-Online, 06.12.2009, 15:10 Uhr

Rund 700 Menschen besuchen am Sonntag ersten Gottesdienst im Paulinum

Foto: André Kempner
dpa

Sonntag am Augustusplatz: Auf der Baustelle des Paulinum wird ein Universitätsgottesdienst gefeiert. 700 Besucher werden eingelassen, hunderte verfolgen draußen über Lautsprecher das historisch zu nennende Ereignis. Peter Zimmerling, der zweite Universitätsprediger, bringt es in seiner Predigt auf den Punkt: "Hätte jemand nach der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli gesagt, auf diesem historischen Grund wird irgendwann wieder ein Gottesdienst stattfinden, dann wäre er für geisteskrank erklärt worden." Irgendwann ist dieser 6. Dezember und der zweite Advent 2009. Gottlob musste also nur die Zeitdauer einer reichlichen Generation vergehen, bis so ein Traum Wirklichkeit wird.

An die Tage im Mai 1968 kann sich Martin Petzoldt, der gerade emeritierte Theologie-Professor und Erste Universitätsprediger, noch sehr genau erinnern. Als 22-jähriger Student der Theologie hielt er am 21. Mai 1968 die letzte so genannte Seminarpredigt. Petzoldt: "Zwar war die Sprengung da noch nicht verkündet, doch das Ende dieser Kirche schwebte quasi über uns. Die Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes war ja schon publik gemacht geworden, und in den Abbildungen fehlte diese Jahrhunderte alte Kirche." Am 28. Mai, also zwei Tage vor der Vernichtung des Gotteshauses, trug dann Petzoldts Theologie-Lehrvater Professor Dedo Müller das Kruzifix aus der Kirche. 41 Jahre später trägt es zu Beginn des Gottesdienstes Petzoldt zum provisorischen Altar. "Mehr Symbolik kann nicht sein", freut sich der Universitätstheologe.

Es ist ein Morgen voller Emotionen, der im künftigen Aula-Kirche-Raum - die Universität sagt dazu Paulinum, für die Theologen und den Paulinerverein ist es der Neubau der Universitätskirche St. Pauli - gut anderthalb Stunden Ereignis wird. Die große Resonanz spricht dabei für sich. "Leipzig ist Leipzig", meint Manfred Rudersdorf, der an der Universität die Verantwortung für die sechsbändige Geschichte der Alma mater trägt. Glücklich, die Ausrichtung des Gottesdienstes realisiert zu haben, ist vor allem der Paulinerverein. Um älteren Menschen Sitzmöglichkeiten zu bieten, wurden sogar tags zuvor aus anderen Leipziger Kirchen Bänke herangeschafft.

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© neue musikzeitung - 5. Dezember 2009

Alles hat seine Zeit - Das Festkonzert zum Jubiläum der Universität Leipzig

Von Barbara Lieberwirth

Anfang Dezember erreichte die 600-Jahr-Feier der Universität Leipzig in einer offiziellen Feierstunde mit Politprominenz am Vormittag und einem Festkonzert für die Öffentlichkeit am Abend ihren Höhepunkt. Das Jubiläum fand in einem nicht unproblematischen Umfeld statt; prägt doch einerseits die deutsche Hochschullandschaft seit geraumer Zeit eine Studentenschaft, die –eingezwängt in die Bologna-Maschinerie– ihren Unmut lautstark äußert über chronische Unterfinanzierung, schlechte Betreuung und mangelnde Infrastruktur für Lehre und Forschung.

Selbst Bundespräsident Köhler kann sich dem nicht entziehen und mahnt: "Wer im Bund und vor allem in den Ländern geglaubt hat, man könnte das Hochschulwesen kostenneutral umbauen, ja vielleicht sogar durch die Einführung der Bachelor-Studiengänge Geld sparen, der sei daran erinnert: Deutschlands Aufwendungen für den Hochschulbereich sind seit Jahren unterdurchschnittlich." Zum anderen ist der Ort, an dem das Jubiläum stattfand, Streitobjekt Nummer 1 in Leipzig. Seit Jahren debattiert die Universität Leipzig mit dem Paulinerverein und der Stiftung Universitätskirche St. Pauli über Namen und Nutzung des Nachfolgebaus des 1968 gesprengten Gotteshauses. Erst Generalbundesanwältin Monika Harms konnte einen Namens-Kompromiss herbeiführen: „Paulinum - Aula-Universitätskirche St. Pauli“ soll das Gebäude künftig heißen. Da es sich noch in der Bauphase befindet, waren auch die Feierlichkeiten erheblich eingeschränkt. So mussten die seit einem Jahr vorbereiteten VIII. Universitätsmusiktage ersatzlos gestrichen werden, lediglich für den Festakt und die Konzerte am Abend wurde die Baustelle „stubenfein“ hergerichtet. Von Baustellenatmosphäre war nichts zu spüren, für einen Tag wurde ein würdiger Konzertsaal hergezaubert, dessen Unterhalt offenbar so kostspielig war, dass ein Betrieb über mehrere Tage hinweg nicht zu finanzieren gewesen wäre.

Die Leipziger Universitätsmusik gehört seit Mitte des 17. Jahrhunderts, seit Werner Fabricius zum ersten »Director musices Paulini« berufen wurde, zum nicht wegzudenkenden Bestandteil der sächsischen Bildungsstätte. Fabricius’ Nachfolger waren die späteren Universitätsmusikdirektoren Johann Schelle (1679 - 1701), Johann Kuhnau (1701 - 1722), Johann Adam Hiller (1778 - 1785) oder Max Reger (1907 - 1908). Im 20. Jahrhundert übten Hermann Grabner, Friedrich Rabenschlag, Max Pommer und Wolfgang Unger das Amt aus. Auch berühmte Musikstudenten waren an der Leipziger Universität eingeschrieben: Georg Philipp Telemann, Carl Philipp Emanuel Bach, Robert Schumann und Richard Wagner. Johann Sebastian Bach erhielt regelmäßig Kompositionsaufträge und Felix Mendelssohn Bartholdy war Ehrendoktor der Bildungsstätte.

Musik und Universitätsbetrieb sind bis heute eng miteinander verbunden. Dem heutigen Universitätsmusikdirektor David Timm war am 2. Dezember sein Ärger über die geplatzten Universitätsmusiktage nicht anzumerken. Ihm und seinen Ensemblen wurden Höchstleistungen abverlangt: Das Multitalent leitete an diesem Tag eine Uraufführung und eine Sinfonie-Kantate gleich zwei mal. Hinzu kam kurz vor Mitternacht ein fulminantes Jazz-Konzert mit Timms eigenen Arrangements für die LeipzigBigBand, die Vocal Jazz Group tonalrausch und das Pauliner Kammerorchester. Bach und Händel wurden selten so genial adaptiert.

Doch im Mittelpunkt des Abends stand das Festkonzert. Die Programmgestaltung fühlte sich der universitären Tradition verpflichtet. So wurde dem renommierten Leipziger Komponisten Bernd Franke ein Kompositionsauftrag erteilt, der ihm eine tiefe Beschäftigung mit Fragen nach Zeit und Raum, Bestand und Veränderung, Freiheit und Bildung abverlangte. Franke entschied sich schließlich zur Vertonung von Texten, zum einen für einen Ausschnitt aus Shakespeares Hamlet (Akt 2, Szene 2, Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft!…) und zum anderen für das Gedicht „Immerdar“ von Hans-Ulrich Treichel, das der bekannte Schriftsteller und Lyriker eigens für die Komposition schrieb. Treichel war viele Jahre Librettist von Hans-Werner Henze und lehrt seit einiger Zeit am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Zudem diente Bernd Franke das Gedicht „Tempo e tempi“ von Eugenio Montale als Inspiration für das Interludium seiner Komposition „Memoriam – Tempo e tempi” für Chor und Orchester. Die zwei Sätze des Werkes, in denen die beiden Texte verarbeitet wurden, sind in Prolog, Interludium und Epilog eingebettet. Franke nutzt die Raumstruktur, bringt Ferninstrumente wirkungsvoll mit einer Art Echo-Effekt zum Einsatz und unterstreicht im ersten Satz das Schlichte, Liedhafte und Einfache im Gedicht von Treichel. Während im Interludium das Tempo rasant abfällt, verdoppelt es sich im zweiten Satz, der Shakespeare’sche Text wird so zu einer Liebeserklärung an den Menschen. Das zwanzigminütige Werk wird vom Publikum mit reichlich Applaus bedacht.

Der zweite Teil des Abends gehörte Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen Biographie eng mit Leipzig verbunden ist. Die Sinfonie-Kantate "Lobgesang" war einstmals ein Auftragswerk der Stadt Leipzig und wurde 1840 in der Thomaskirche uraufgeführt. Mendelssohn schrieb das Oratorium anlässlich der Feiern zum 400. Jubiläum der Erfindung der Buchdruckerkunst. Dass es jetzt, zur 600-Jahrfeier der Universität Leipzig in der wiedererbauten Universitätskirche erklang, kann kein Zufall sein. Das im Lobgesang verarbeitete Kirchenlied „Nun danket alle Gott“ wird wohl selbst die pragmatischsten unter den Universitätsangehörigen berührt haben. Ob es die Universitätsleitung dazu führt, souveräner mit ihren Wurzeln umzugehen, bleibt dahingestellt.

„Immerdar“
Alles hat seine Zeit,
der Wind, das Laub,
der Schnee und die Krähen,
ein Jegliches hat seine Zeit,
auch das, was geschrieben steht,
auch die Worte, Gebete,
der Schrei, das Gelächter,
auch die Zeit hat ihre Zeit,
der Himmel, die Wolken,
wie alles und alle, jeder und jede,
der Herzschlag, der Atem,
das Schnurren der Katze,
was wächst, was gedeiht,
was stirbt, was verdirbt,
die vor uns waren,
die nach uns kommen,
das Haus, das wir bauen,
der Sturm, der es einreißt,
der Tag, den wir loben,
das Jetzt und das Niemals
hat seine Zeit und auch
das Immerdar.

Hans-Ulrich Treichel (geschrieben im Januar 2009)

Quelle: http://nachrichten.lvz-online.de/
© LVZ-Online, 05.12.2009, 21:30 Uhr

Erster Gottesdienst im Paulinum am Sonntag

Leipzig. Der Paulinerverein lädt am Sonntag 11.15 Uhr zum ersten Gottesdienst im Rohbau des Paulinums auf dem neuen Campus der Universität Leipzig ein. Gestaltet wird die Feier von der Universitätsgemeinde. Für die musikalische Begleitung sorgen der Universitätschor und das Pauliner Barockensemble, die eine Kantate von Johann Sebastian Bach darbieten werden. Das Paulinum ist der Nachfolgebau der 1968 gesprengten Universitätskirche. Es soll neben einer Aula auch einen Andachtsraum beherbergen. Der Paulinerverein setzt sich dafür ein, dass das Paulinum, das von außen an einen Sakralbau erinnert, die Bezeichnung „Universitätskirche“ erhält.

dpa

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 4. Dezember 2009
© Leipziger Volkszeitung

Zum Schluss nur noch Kartoffelsuppe

Uni-Jubiläum: Studentin greift vor Festgästen Rektor an /
Häuser: Einige Chormitglieder haben sich entschuldigt

Den Ausklang der Feierlichkeiten zum 600-jährigen Uni-Jubiläum stellte Mittwochabend ein unspektakuläres, manch einer meint sogar biederes Universitätsfest dar. In Mensa und Hörsaalgebäude verliefen sich einige hundert Gäste, man trug Krawatte, war aber auch in Jeans gut aufgehoben. Professoren wie Studenten – die fast in Überzahl – standen einträchtig Schlange am Büffett, dargereicht vom Studentenwerk. Wer doch lieber wartete, musste allein mit Kartoffelsuppe vorlieb nehmen. Die war aber gut und heiß und erfüllte allemal den Zweck der Sättigung. Schließlich gab es ja Freibier zur Genüge. Den musikalischen Höhepunkt lieferte die vortreffliche Uni-Bigband unter der Leitung von Reiko Brockelt – Beifall hallte durch die Hörsaalgänge.

Guter Laune war an diesem Abend Rektor Franz Häuser. Der vormittägliche Festakt war ja auch, abgesehen von einem nicht vorhersehbaren Auftritt der Chorsängerin Annelie Leinhos (22), eine stimmige Geschichte. In ihren spontanen Wortbeitrag hatte die Studentin Häuser angegriffen, weil die Universitätsleitung auf Grund der baulichen Misere im neu entstehenden Paulinum bis auf zwei Konzerte am Jubiläumstag die sorgfältig vorbereiteten Universitätsmusiktage – unter anderen mit dem Gewandhausorchester und den Thomanern – als Partner abgesagt hatte. Sichtlich davon berührt, hatte Häuser vor seiner Festrede im Paulinum entgegnet: „Es verletzt mich, wie man die Wahrheit umgeht.“ Leinhos hatte vor der Festversammlung Häuser konkret vorgeworfen, auf einen Brief von ihr nicht geantwortet zu haben.

Am Tag danach sagt Häuser zum die Fest-Eintracht störenden Vorfall: „Auf dem Uni-Fest haben sich einige Chormitglieder bei mir entschuldigt. Auch antworte ich schon auf Briefe, aber nicht auf so einen offenen, der die Universität diskreditiert.“ Der Auftritt der Sängerin war nicht mit ihrem Chef, dem Universitätsmusikdirektor David Timm, abgesprochen. Die Rednerin gehörte letzte Woche zu den Rektoratsbesetzern. Die Unileitung hatte übrigens dem Unichor angeboten, beim Universitätsfest aufzutreten. Die Offerte wurde aber aus „akustischen Gründen“ nicht angenommen.

Thomas Mayer

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Quelle: http://www.uni-leipzig.de/unichor/index.php?page=konzerte

Konzertprogramm

Samstag, 5. Dezember 2009, 20 Uhr - ENTFÄLLT!

Paulinum - Aula/Universitätskirche St. Pauli

600 Jahre Universität Leipzig
Händel und Mendelssohn
im Rahmen der VIII. Leipziger Universitätsmusiktage vom 3.- 6.12.2009

MDR SINFONIEORCHESTER
MDR RUNDFUNKCHOR

Leitung: Howard Arman

Georg Friedrich Händel: Ausschnitte aus "Israel in Egypt", "Solomon", "Saul" und "The Messiah"
Felix Mendelssohn Bartholdy: Ausschnitte aus "Elias", "Paulus" u.a.
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Sonntag, 06. Dezember 2009, 11:15 Uhr

Paulinum - Aula/Universitätskirche St. Pauli

600 Jahre Universität Leipzig
Adventsgottesdienst
im Rahmen der VIII. Leipziger Universitätsmusiktage vom 2.- 6.12.2009

Leipziger Universitätschor
Pauliner Barockensemble

Leitung: David Timm

musikalische Ausgestaltung

J.S. Bach, Kantate "Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 61
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Sonntag, 6.Dezember 2009, 20 Uhr - ENTFÄLLT!

Paulinum - Aula/Universitätskirche St. Pauli

600 Jahre Universität Leipzig
J. S. Bach: Weihnachtsoratorium BWV 248 (Kantaten I-III)
Konzert im Rahmen der VIII. Leipziger Universitätsmusiktage

Dorothee Jansen, SopranIngeborg Danz, AltMartin Petzold, TenorPanajotis Iconomou, Bass

Thomanerchor Leipzig
Gewandhausorchester Leipzig

Leitung: Thomaskantor Georg Christoph Biller


Verantwortlich iSdP:
Leipziger Universitätsmusik
Christina Balciunas
unichor@uni-leipzig.de

Quelle: http://www.bundespraesident.de

Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zum 600-jährigen Bestehen der Universität Leipzig

02.12.2009

Leipzig

[Auszug]

- Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort. -

Wir feiern heute den 600. Geburtstag der Universität Leipzig - herzlichen Glückwunsch!

...
Dazu gehört auch die Freiheit und die Zeit, im Studium nicht nur Fakten und Methoden wissenschaftlichen Arbeitens zu erlernen, sondern auch über das "Wozu" nachzudenken: über Sein und Sollen der Wissenschaft. Wissen ohne Verantwortung, Bildung ohne Herzensbildung ist - der Apostel Paulus möge mir die Anlehnung an seinen Korintherbrief vergeben - "hohl und leer, ohne jeden Klang." Geist und Geistlichkeit gehören zusammen - ich finde: hier im Paulinum, wo künftig Aula und Altar unter einem Dach vereint sind, wird dies auf besondere Weise sichtbar.
...


Quelle: DIE ZEIT Nr. 50 v. 3. Dezember 2009, S. 66
© DIE ZEIT

Halleluja! Halleeeeeluja!

Endlich findet im Leipziger Paulinum ein Universitätsgottesdienst statt

Von Evelyn Finger

Die Kirche mag ein Ort der Versöhnung sein, doch sich mit der Kirche zu versöhnen scheint nicht immer leicht. Nach vierzig Jahren Sozialismus hatten die Leipziger jedenfalls ein Problem, man kann es auch schlechtes Gewissen nennen: Kaum einer von ihnen war gegen die Sprengung der ehrwürdigen Universitätskirche St. Pauli aufgestanden. Das berühmte sächsische Bürgertum, das sich auf seine Dickschädeligkeit viel einbildet, hatte 1968 feige geschwiegen, als Walter Ulbricht seine Kirchenfeindlichkeit an einem Kulturdenkmal austobte. Nach der Wende dann hub eine wiederaufbaukritische Uni-Kirchendebatte an, deren Lautstärke noch von der Scham zeugte. Doch nun ist endlich Versöhnung in Sicht. Am kommenden Sonntag findet in dem halb fertigen Neubau an der Stelle der alten Universitätskirche der erste Gottesdienst seit damals statt. »Um wie viel mehr werden wir selig werden, nachdem wir versöhnt sind«, heißt es im Paulusbrief an die Römer, und darum geht es hier im weltlichen Sinn: um Wiedergutmachung durch Gedenken, um Wiederbelebung einer brutal zerstörten Kulturtradition, um Anknüpfung an die große Universitätsgeschichte.

Doch wie friedlich ist die Lage wirklich? Steinig war der Weg bis zum Gottesdienst. So hatte die Universität in den letzten Jahren ihren zentralen Neubau stets nur als Paulinum ausgewiesen, das heißt als Aula mit Andachtsraum, und nicht auch als Universitätskirche (ZEIT Nr. 23/08). Nach langem Streit erst fiel der Beschluss, in einer Festwoche zum 600-jährigen Bestehen der Universität im Dezember 2009 auch einen Gottesdienst im Paulinum stattfinden zu lassen. Doch kurzfristig wurde das Programm der Festwoche zu­sam­men­ge­stri­chen, und die Uni beeilte sich, den für den 6. Dezember geplanten Universitätsgottesdienst in die Nikolaikirche zu verlegen. Warum? Aus finanziellen und »technisch-organisatorischen« Gründen, hieß es. Doch schon im Oktober hatte die Uni die Rückkehr der originalen Kirchenglocke an den Ursprungsort nachgerade verheimlicht. Man ließ sie bei Nacht und Nebel liefern, obwohl doch in Dresden die Heimkunft der Frauenkirchenglocke für ein Großereignis mit Zehntausenden Besuchern gut gewesen war. Gibt es in Leipzig kein Traditionsbewusstsein, oder will man es bloß nicht mobilisieren? Passt Kirche nicht in die stromlinienförmige Uni der Gegenwart? Die Leipziger Unfähigkeit zu feiern fiel zuletzt auch dem Freistaat Sachsen auf. Und so ermöglichte er als Bauherr des Paulinums in letzter Minute doch noch den Gottesdienst am Sonntag. Der Freistaat immerhin sah die politische Dimension des Kirchentermins.

Drei große historische Symbolbaustellen hat Nachwendedeutschland: Im Vergleich zum Berliner Stadtschloss und zu der Dresdner Frauenkirche war die Leipziger Paulinerkirche das kleinere Problem. Hier konnte nie der Vorwurf einer selbstgefälligen Geschichtsklitterung verfangen – dass wir etwa als Nation zum Preußenkult zurückkehren oder ein Mahnmal des Zweiten Weltkrieges beseitigen wollten. Weil das Betontrumm der Karl-Marx-Uni so hässlich war, wurde man nach 1989 rasch über den Abriss einig. Nur die Kirche wollte man an dieser Stelle nicht wiederhaben und warf sich in die Brust wie der letzte Verteidiger einer Trennung von Kirche und Staat – die aber nie in Gefahr war.

Dass Leipzig weiter auf dem säkularistischen Sonderweg ist, diesen Verdacht legte die letzte Verhinderungsaktion nahe: Die Universitätsleitung wollte den erforderlichen zweiten Fluchtweg für den Gottesdienst nicht genehmigen, das heißt schlicht, eine Tür zum Uni-Gelände nicht öffnen. Aber dann besann sie sich. Vielleicht auch, weil sie sich vor Protesten während ihres weltlichen Festaktes fürchtete, der am Mittwoch im Universitätskirchenraum stattfand. Nicht dass Leipziger Protestanten wieder friedliche Revolution machten! Wollen wir also hoffen und auch ein bisschen beten, dass der Gottesdienst stattfindet. Die ARD bringt am Sonntag jedenfalls einen Tatort, in dem die Kirchensprengung Thema ist.“


Quelle: http://www.mdr.de/
© MDR.de - Thementag | MDR FIGARO | 02.12. 2009

Endlich ein Amen!

von Siegfried Stadler

Im "Paulinum" am Leipziger Augustusplatz, entworfen vom niederländischen Architekten Erick van Egeraat, sollen Glaube und Welt unter einem Dach zusammenfinden, statt sich wie bisher in den Haaren zu liegen. Das Gebäude soll, wenn es mal fertig ist, der traditionsreichen Hochschule als "geistlich-geistiges Zentrum" dienen.

Die Leipziger Universität feiert ihr 600-jähriges Bestehen – auf einer Baustelle. Denn der neue Campus im Zentrum der Stadt wurde nicht rechtzeitig fertig. Auch nicht sein Prachtstück, das künftig auf allen Postkarten zu sehen sein wird: eine überdimensionierte Kirche, die aber keine Kirche ist. Im neuen "Paulinum" sollen Glaube und Welt künftig unter einem Dach zusammenfinden. Anstatt sich, wie bisher, in den Haaren zu liegen.

Leipzigs Universität ist die zweitälteste Deutschlands. War aber die erste mit einer eigenen Universitätskirche. Kein geringerer als Martin Luther hat sie geweiht. Und kein Schlimmerer als Walter Ulbricht ließ sie in die Luft jagen. Nun ist sie wiedererstanden – beziehungsweise wiedererschienen. Denn das, was zum Schaustück des neuen Campus wird, wächst in moderner Formensprache höher in den Himmel, als sintemal das eher bescheidene, gotische Gotteshaus.

    "Manche haben gesagt: Das war eine Kirche, und jetzt ist es eine Kathedrale. Ich würde es eher so verstehen, dass die Dachstruktur den Eindruck erweckt, dass die Universität sich schützend über diesen Raum stellt."

    Franz Häuser, Rektor der Universität Leipzig

Nur: Was ist das für ein Raum? Mehr Kirche geht schon fast gar nicht mehr – von außen. Doch drinnen soll sie zu zwei Dritteln eine weltliche Aula sein.

    "Ich sage an dieser Stelle immer: Es wurde keine Aula gesprengt, sondern die Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig. Und unsere Mitglieder haben sich deshalb hier zusammengefunden und engagiert, um in etwa wiederzubekommen, was ihnen 1968 genommen wurde."

    Ulrich Stötzner, Paulinerverein

Der Paulinerverein kämpfte unermüdlich für den Wiederaufbau von Sankt Pauli. Doch anders als die Dresdner, die sich für ihre Frauenkirche ins Zeug legten, lehnten Leipziger das für ihre Unikirche ab. Gerade einmal 50.000 Euro kamen an Spenden zusammen, und das Ganze, wie es jetzt da steht, kostet 50 Millionen. Es ist genau das, was sich die Universität von Anfang an wünschte: eine repräsentative Aula – in Erinnerung an die Kirche. Alles, was 1968 an sakraler Kunst gerettet wurde, kehrt wieder zurück. Allerdings hinter eine Glaswand.

    "Wir brauchen die Glaswand, um eben in diesem Andachtsraum ein museal verträgliches Klima zu gewährleisten. Die Sachen sind stark geschädigt und keine Restaurierung der Welt kann das vollkommen rückgängig machen."

    Rudolf Hiller von Gaertringen, Kustos der Universität Leipzig

Rudolf Hiller von Gaertringen muss das stets und ständig wiederholen. Denn um die Glaswand, die Kirchen- und Aulateil trennt, entbrannte ein erbitterter Streit. Wie auch um echte oder nur imaginierte Kirchensäulen. Um Architektur ging es dabei aber nur nebenher. Es ging ums Prinzip, wie auch Unirektor Häuser mit Verweis auf den Geldgeber erklärt:

    "Der Staat ist kein Kirchenbauer. Also bin ich nach meinem Rechtsverständnis der Meinung, dass die Legitimation für unserer Andachtsteil der Tatsache geschuldet ist, dass wir eine Theologische Fakultät haben."

    Franz Häuser, Rektor der Universität Leipzig

"Andachtsteil" – schärfster Protest! Es kam zum Thesenanschlag, bei dem sich der Pfarrer der Thomaskirche zum Luther machte. Die Evangelische Studentengemeinde protestierte unter der Losung: "Was ist das für eine Uni, die ihre Christen in eine Glasvitrine sperrt?" Allerdings kann die Glaswand im Bedarfsfall ja auch geöffnet werden.

    "Dass ich mich dadurch ausgesperrt fühle, kann ich nicht sagen. Das muss nicht nur zu Konflikten führen, sondern das kann auch zu einer Bereicherung führen. Wir haben die Erscheinung, nicht nur in den neuen Bundesländern, sondern auch in den alten – sogenannte City-Kirchen, für die es eine solche Mischnutzung gibt."

    Rüdiger Lux, Professor an der Theologischen Fakultät und neugewählter Universitätsprediger

City-Kirche – dieser Name ist bislang noch gar nicht gefallen. Offiziell heißt das Ganze "Paulinum" mit dem Untertitel: Aula der Universität /Schrägstrich/ Universitätskirche. Für die Leipziger, ist sich der Theologe Rüdiger Lux sicher, wird das ohne Schrägstrich schlicht und ergreifend ihre neue Universitätskirche St. Pauli sein.

    "Dass diese Paulinerkirche gleichzeitig auch Aula ist, das ist nicht nur akzeptiert, sondern ausdrücklich von uns erwünscht. Wir möchten, dass dieser Raum wirklich ein Raum des Dialogs wird zwischen Wissenschaft und Religion und Kultur – mit einer großen Ausstrahlung in die Leipziger Öffentlichkeit hinein und darüber hinaus."

    Rüdiger Lux, Professor an der Theologischen Fakultät und neugewählter Universitätsprediger

Könnte man dazu, nach all den Streitereien der letzten Jahre, nicht einfach mal "Amen" sagen? Nicht zur Trennung, sondern zur Bereicherung von Kirche und Welt im neuen "Paulinum" zu Leipzig.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 2. Dezember 2009
© Leipziger Volkszeitung - 2. Dezember 2009

Jubiläum mit Baustellen

Universität Leipzig begeht heute ihr 600-jähriges Bestehen / Bundespräsident Köhler erwartet

Leipzig. Die Universität Leipzig feiert heute ihr 600-jähriges Bestehen. Zum Festakt des noch im Bau befindlichen Paulinums auf dem neuen Campus werden 800 Gäste erwartet, darunter Bundespräsident Horst Köhler.

Von Thomas Mayer

"Es könnte so schön sein ..." erklang es einst in einem in bundesdeutschen Wirtschaftswunderzeiten gedrehten Film. Träumte dabei der sogenannte kleine Mann von seinem Häuschen mit Garten, so träumen Leipzigs Studierende und Lehrende derzeit von einem fertigen neuen Gebäude am Augustusplatz. Der spektakuläre Nachfolgebau für die am 30. Mai 1968 von Ulbricht & Co. gesprengte Universitätskirche St. Pauli sollte heute geweiht werden. Doch der Verzug am vom niederländischen Architekten Erick van Egeraat entworfenen Bau ist erheblich.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Van Egeraat selbst ging Anfang dieses Jahres pleite, ein neues Architektenteam musste eingreifen, zu allem Überfluss klagt der Niederländer nun wegen Verletzung seines Urheberrechts. Wann der Bau fertig sein wird, steht nicht fest, und in welche Millionenhöhen er noch schießen wird - mittlerweile kostet der gesamte Campus am Augustusplatz statt der ursprünglich berechneten 140 Millionen fast 200 Millionen Euro - ist nicht absehbar.

Der Festakt findet also auf der Baustelle statt. Die Universität selbst wollte dafür ins vorsorglich angemietete Gewandhaus umziehen, doch der Freistaat als Bauherr und Geldgeber beharrte auf der Feier im Provisorium. Der lang geplante festliche Ball, der von der Uni zu finanzieren gewesen wäre, wurde abgesagt. In bescheidenerer Art gibt es dafür ein Universitätsfest - mit Kartoffelsuppe heißt es.

Das Paulinum als greif- und sichtbare Baustelle ist nicht das einzige Jubiläums-Ärgernis. Noch immer nicht ausgestanden ist ein Ideologiestreit um die künftige Nutzung des nun Paulinum genannten Hauses. Für die Uni-Leitung ist es, auch weil es mit Hochschulbaugeldern errichtet wird, vor allem eine Aula mit einem Gottesdienstraum. Für den hiesigen und lange Zeit höchst streitbaren Paulinerverein, der sich sich einst den originalen Wiederaufbau des gesprengten Gotteshauses auf die Fahnen geschrieben hatte, soll es aber mindestens gleichberechtigt eine Kirche sein. Der erste - und zugleich auch wieder letzte - Universitätsgottesdienst am zweiten Advent findet genau wie die Jubelfeier zwischen Rohbauwänden und Gerüsten statt. Die Zustimmung dazu erteilte der Freistaat, was nicht unbedingt auf die Zustimmung der Leipziger Uni-Leitung stieß, hatten die doch schon einige der fürs fertige Paulinum geplanten kulturellen Veranstaltungen mit dem Verweis auf das im Bau befindliche Haus abgesagt. Und es gibt eine weitere Uni-Baustelle.

Die heftigen Studentenproteste der jüngsten Tage legen offen, dass auch in Leipzig die Studienbedingungen alles andere als optimal sind. Studiosi besetzten sogar das Rektorat. Der Rektor machte gute Miene zum bösen Spiel, verzichtete mit Blick auf das Jubelfest auf die Durchsetzung seines Hausrechtes.

Vor 100 Jahren, als Leipzigs Alma mater 500 Jahre alt wurde, feierte sie sich mit einem Umzug durch die Stadt. Damals gehörte sie zu den renommiertesten Bildungseinrichtungen in deutschen Landen. So ein Standing wieder zu erreichen, ist ein Traum des demnächst aus dem Amt scheidenden Rektors Franz Häuser, der froh sein dürfte, wenn das Jubiläum, das man in Leipzig seit Monaten feiert, Geschichte ist.

In Leipzig lässt sich wie zu lesen trefflich streiten um universitäre Dinge. Ein Trost ist es, dass Streit und Protest dieser Uni quasi in die Wiege gelegt wurden. Ihre Entstehung ist deutschen Studenten aus Prag zu verdanken, die vor 600 Jahren im Zorn die Moldaustadt verließen, nachdem Abstimmungsregeln zur Ausrichtung der dortigen Hochschule zu ihren Ungunsten verändert worden waren. Die Studiosi zogen im Mai 1409 aus Prag aus und landeten in Leipzig. Am 9. September 1409 erteilte Papst Alexander V. in einer aus Pisa datierten Bulle die Genehmigung zur Errichtung der Universität Leipzig. Heute vor 600 Jahren wurde sie mit der Wahl ihres ersten Rektors Johannes von Münsterberg im Resektorium der Augustiner Chorherren zu St. Thomas feierlich eröffnet.

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Premiere im Paulinum – Gottesdienst im Stehen

700 Plätze auf Baustelle, aber keine Sitzgelegenheiten

Gestern war ökumenischer Gottesdienst am Gründungsort der Universität in der Thomaskirche – am Sonntag um 11.15 Uhr beginnt der erste im Rohbau des Paulinums. So heißt der Neubau am Augustusplatz, der deutlich an einen Sakralbau erinnert, und neben der Aula der Hochschule auch einen Kirchenraum beherbergt. Der Nachfolgebau für die 1968 gesprengte Universitätskirche St. Pauli wird von vielen Leipzigern auch so genannt.

Organisator des Gottesdienstes ist der Paulinerverein, der sich für die Erinnerung an die 1968 gesprengte Kirche St. Pauli einsetzt. Aber auch die Gemeinde der Universität Leipzig, das Aktionsbündnis Neue Universitätskirche St. Pauli und die gleichnamige Stiftung laden dazu ein. „Dies wird ein Baustellen-Gottesdienst ohne Sitzgelegenheiten, mit einer Baustellenheizung und -beleuchtung“, kündigte Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins, gestern an. Der Freistaat Sachsen als Bauherr des neuen Campus habe dem Verein den Rohbau vorübergehend überlassen. Dieser will einen Altar und ein Lese-Pult in den Raum schaffen, der 700 Menschen Platz bietet. Akustisch wird die Veranstaltung „nach draußen übertragen“, hieß es. Universitätschor sowie Pauliner-Barockensemble gestalten sie musikalisch.

Die ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Rainer Fornahl und Gunter Weißgerber haben derweil der Universität vorgeworfen, den Gottesdienst zu blockieren (die LVZ berichtete). Das wies der Erste Universitätsprediger Rüdiger Lux gestern zurück. „Am Zustandekommen dieses Gottesdienstes haben viele mitgewirkt“, erklärte er und verwies auf Irritationen. Der Vertrag über die Überlassung des Rohbaus sei zwischen dem Staatsbetrieb SIB und dem Paulinerverein abgeschlossen worden. Deshalb bedurfte es der Klärung schwieriger technischer und rechtlicher Fragen, die die Mitwirkung der Universität erforderlich machten. Die notwendigen Gespräche „endeten mit einem konstruktiven Ergebnis im beiderseitigen Einvernehmen“. Doch im Hintergrund schwelt der Streit offenbar weiter.

Auch Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff begrüßte, dass der Gottesdienst nun „eine Veranstaltung der Universität Leipzig“ werde. „Damit wird eine Tradition aufgegriffen, dass die Universitätskirche auch künftig dreifach genutzt wird: akademisch, gottesdienstlich und musikalisch.“ Gleichzeitig kritisierte er scharf, dass kein Vertreter seiner Gemeinde zum Festakt am heutigen Mittwoch eingeladen sei. Universitätsprediger Rüdiger Lux bezeichnete dies als „bedauerlichen Fehler“. Der Kirchenvorstand der Thomaskirche gab eine Erklärung ab: „Offensichtlich ist es für die derzeitige Leitung der Universität Leipzig nur schwer zu ertragen, dass Bürger unserer Stadt und Institutionen, die sich der Universität verbunden fühlen, den kritischen Dialog mit ihr nicht nur einklagen, sondern auch praktizieren“, heißt es darin.

Die Stiftung Universitätskirche hat fürs Jubiläum eine bronzene Bildnismedaille des Apostels Paulus nachprägen lassen. Sie ist auf 250 Exemplare limitiert und bestimmt für Stifter, die sie mit 500 Euro oder mehr unterstützen.

Mathias Orbeck

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Quelle: http://www.bild.de/
© BILD Leipzig - 02.12.2009 - 01:19 UHR

HEUTE FESTAKT ZUM 600. GRÜNDUNGSJUBILÄUM

So tarnt die Uni ihre Baustelle

Von MARTINA KURTZ

Sitzprobe auf der Jubiläums-Baustelle. Wo Leipzigs Universität heute mit 800 Gästen ihren 600. Gründungstag feiert, hämmerten gestern noch die Handwerker. Seit knapp zwei Wochen putzen sie die halbfertige Universitätskirche zum Festsaal heraus.

Blick zur Altarwand mit der Bühne: Vor den Fenstern stehen noch Baugerüste.
Die Betonwände sind mit Papptafeln verkleidet
© BILD Leipzig

Auch Uni-Rektor Prof. Franz Häuser (64) schaute schnell mal vorbei und stellte strahlend fest: „Ist doch schön hier!“ In Anbetracht der Umstände vielleicht... Die Stühle für die Ehrengäste sind schon aufgereiht, die Halle wohlige 23 Grad warm – dank Baustellenheizung. Die Ehrengäste, darunter Bundespräsident Horst Köhler (66), schreiten heute über weichen grauen Fußbodenbelag, vorbei an Papptafeln mit großformatigen Fotos von sieben Grabplatten, die einst die Paulinerkirche zu Ehren der verstorbenen Uni-Größen schmückten. Eine beleuchtete Säule und ein angedeutetes weißes Stück Kreuzgewölbe an der 16 Meter hohen Decke sollen ihnen zeigen, wie die Uni-Kirche einmal aussehen soll, wenn sie fertig ist.

Die leere Nische für die Orgel ist durch ein großes Uni-Plakat verdeckt. Und vor der künftigen Altarwand ist eine Bühne aufgebaut. Universitätsmusikdirektor David Timm (40) hat hier bereits die ersten Festkonzertproben geleitet. Mit der Akustik ist er hochzufrieden: „Ein satter Klang!“

Zum ersten Mal seit der Sprengung von St. Pauli vor 41 Jahren lässt er heute auch ein Musikstück an einer transportablen Orgel spielen. Damit nicht nur die begrenzte Zahl der VIPs das Werk von Mendelssohn hört, wird die Feier auch in zwei Hörsäle mit Platz für noch mal 1000 Geburtstagsgäste übertragen.

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Zu kritisch? Thomaspfarrer nicht eingeladen

Braucht die Uni womöglich Nachhilfe in der eigenen Geschichte? Könnte man vermuten, schließlich sind heute zum Geburtstags-Festakt weder Pfarrer Christian Wolff (60) noch ein anderer Vertreter der Thomaskirche eingeladen. Dabei wurde die Gründungsurkunde der Alma Mater am 2. Dezember 1409 im damaligen Thomaskloster unterzeichnet. Pfarrer Wolff hat eine Idee, warum der Termin in seinem Kalender freiblieb: „Offensichtlich kann Uni-Rektor Häuser nicht mit Kritik an seinem Stil umgehen. Aber bei uns steht er trotzdem auf der VIP-Liste.“ Über den Umgang mit St. Pauli kam es zwischen beiden häufiger zum Streit.

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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 1. Dezember 2009
© Leipziger Volkszeitung - 30.11.2009, 15:16 Uhr

Festakt auf der Baustelle: 600 Jahre Universität

Leipzig. Mit einem Festakt auf der Baustelle feiert Deutschlands zweitälteste Universität in Leipzig am Mittwoch ihr 600-jähriges Bestehen. Dazu werden unter anderen Bundespräsident Horst Köhler und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) erwartet. Gefeiert wird im Paulinum auf dem neuen Campus. Der Nachfolgebau der 1968 gesprengten Universitätskirche ist allerdings wegen Bauverzugs bei weitem noch nicht fertiggestellt. Das Paulinum, dessen Äußeres stark an einen Sakralbau erinnert, wird künftig Aula und Andachtsraum beherbergen.

Köhler und die anderen Gäste werden aber nicht in Gummistiefeln kommen müssen. Der Sprecher der Universität, Tobias Höhn, erklärte, die Baustelle des Paulinums werde extra hergerichtet. Ein Fußboden werde ausgelegt und die Räumlichkeiten werden beheizt. Eigentlich sollte das Paulinum schon zum Uni-Jubiläum fertig sein. Die Fertigstellung verzögert sich aber um ein Jahr. Unter anderem hatte der holländische Architekt Erick van Egeraat Insolvenz angemeldet.

Deshalb werden Aula und Andachtsraum auch nicht durch die umstrittene Plexiglasscheibe getrennt. Universität und evangelische Kirche hatten monatelang um diese Glaswand gestritten. Während die Hochschule das Paulinum als reine Aula ansieht, wollten Kirchenvertreter an Traditionen anknüpfen und lehnten eine bauliche Trennung zum Andachtsraum ab. Ihre Montage ist nun für Januar geplant.

Trotz des Bauverzugs soll der Festakt die 600-jährige Geschichte der zweitältesten Universität Deutschlands im Dauerbetrieb glanzvoll würdigen. Köhler wird eine Ansprache halten. Universitätsrektor Franz Häuser hat seine Rede mit dem Leitspruch der Universität „Aus Tradition Grenzen überschreiten“ überschrieben. An Sachsens größter Hochschule studieren rund 30 000 Studenten an 14 Fakultäten.

Kultureller Höhepunkt der Veranstaltung soll die Darbietung des Stückes „Memoriam - Tempo e tempi“, komponiert von Bernd Franke, sein. Der Literaturprofessor Hans-Ulrich Treichel hat dazu passend das Gedicht „Immerdar“ geschrieben. Die Auftragswerke knüpfen an die Tradition Johann Sebastian Bachs an, der für Universität mehrfach komponiert hat. Der Universitätschor, der Chor der Oper Leipzig und das Mendelssohnorchester werden die Aufführung gestalten.

„Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden“, erklärte Uni-Sprecher Höhn, warum der Festakt nicht von der Baustelle etwa in das benachbarte Gewandhaus verlegt wurde. Es breche schließlich ein neues Jahrhundert in der Geschichte der Universität an, „und wir wollen zeigen, wohin die Reise geht.“ Außerdem könnten die Gäste auf diese Weise bereits einen ersten Eindruck von den Räumlichkeiten im Paulinum bekommen.

Am Abend feiern Gäste, Mitarbeiter der Universität und Studenten zusammen in dem neuen Hörsaalgebäude und der darin befindlichen Mensa auf dem Campus am Augustusplatz in ungezwungener Atmosphäre. Im Paulinum werden zwei Konzerte gespielt.

mro/dpa

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SPD-Politiker: Rektorat will ersten Gottesdienst im Paulinum verhindern

Kurz vor dem Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 600-jährigen Universitätsjubiliäum üben die früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Rainer Fornahl und Gunter Weißgerber massiv Kritik an der Uni-Leitung unter Rektor Franz Häuser. Sie werfen ihr „Ignoranz und Arroganz“ vor. „Bei der neuen Universitätskirche handelt es sich um ein Gebäude, von dem sich die Universitätsleitung seit Jahren genauso distanziert, wie sie mit der Universitätsgeschichte im Positiven wie im Negativen nichts zu tun haben will“, schrieben sie an Bundespräsident Horst Köhler, der morgen zum Festakt erwartet wird. Einem von Generalbundesanwältin Monika Harms vermittelten Kompromiss zufolge soll der Nachfolgebau des 1968 gesprengten Gotteshauses Paulinum genannt werden und den Untertitel Aula-Universitätskirche St. Pauli tragen. Dort sollen Uni-Gottesdienste stattfinden und die alte Kanzel soll wieder aufgestellt werden.

„Das Rektorat hintertreibt all dies auf eine nicht hinnehmbare Weise“, kritisieren Fornahl und Weißgerber. So spreche die Uni-Führung nur noch von einem „Raum für Gottesdienste“. Zudem lege das Rektorat der Kirchgemeinde, der Theologischen Fakultät, dem Aktionsbündnis Neue Universitätskirche St. Pauli, dem Paulinerverein und der Stiftung Universitätskirche St. Pauli „alle Steine in den Weg“, um den ersten Universitätskirchengottesdienst am 6. Dezember zu verhindern.

K. S.

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Brief von Rainer Fornahl und Gunter Weißgerber an Bundespräsident Köhler zum Uni-Neubau

Herrn
Bundespräsidenten Dr. Horst Köhler

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

am 2. Dezember 2009 findet in Leipzig der Festakt zur Feier des 600. Jahrestages der Gründung der Universität Leipzig statt.

Sie werden dieser Feier durch Anwesenheit und Festrede bundespolitischen Glanz verleihen.

Der Freistaat Sachsen hat mit Blick auf das Jubiläum und die Bedeutung der Universität Leipzig für die deutsche Wissenschaft den Bau eines neuen Universitäts- Campus am Leipziger Augustusplatz beschlossen, der nach Entwürfen des Architekten van Eggerath errichtet wird.

Ursprünglich sollte der Campus-Komplex rechtzeitig zum 2. Dezember fertig gestellt sein und der 600-Jahr-Feier den rechten würdigen Rahmen geben.

Nun muss, was nicht nur die Leipziger sehr bedauern, auf einer Baustelle gefeiert werden, weil sich die Vollendung aus vielerlei Gründen erheblich verzögert hat.

Einer der ganz wesentlichen Gründe ist die Haltung der Universitätsleitung mit Rektor Häuser an der Spitze zur neuen Universitätskirche St. Pauli und der daraus entstandene Streit um die Einbeziehung der Kirche in den Campus und deren Status als Gotteshaus.

Darüber in großer Sorge, wenden wir uns als langjährige Mitglieder des Deutschen Bundestages und Leipziger Wahlkreisabgeordnete und insbesondere auch als Mitglieder des Aktionsbündnisses „Neue Universitätskirche St. Pauli“ an Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident. Sie sollen wissen, in welcher Atmosphäre hinsichtlich der Universitätskirche der Festakt stattfindet.

Bei der neuen Universitätskirche handelt es sich um ein Gebäude, von dem sich die Universitätsleitung seit Jahren genauso distanziert, wie sie mit der Universitätsgeschichte im Positiven wie im Negativen nichts zu tun haben will.

Ein auf die dankenswerte Vermittlung von Generalbundesanwältin Harms zustande gekommener Kompromiss hat zum Inhalt, dass der Nachfolgebau des 1968 auf Geheiß rer DDR-Kommunisten unter Ulbricht gesprengten Gotteshauses den Namen „Paulinum“ und den Untertitel „Aula-Universitätskirche St. Pauli“ tragen soll.

Weiterhin sollen regelmäßige Universitätsgottesdienste zu den üblichen Zeiten stattfinden und die 1968 von mutigen Leipzigern gerettete Kanzel wieder aufgestellt werden.

Das Rektorat hintertreibt all dies auf eine nicht hinnehmbare Weise. Man spricht nur noch von einem „Raum für Gottesdienste“ und von „historischen Zitaten“, mit denen an die 1968 gesprengte Kirche erinnert werden soll.

Man wischt mit einem Federstrich die jahrelangen Vorbereitungen für eine glanzvolle Universitätsmusik mit dem Leipziger Universitätschor unter Leitung des famosen Universitätsmusikdirektors Timm vom Tisch.

Man legt der Universitätsgemeinde, der Theologischen Fakultät der Universität, dem Aktions- Bündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“, dem Paulinerverein e.V. und der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli“ alle Steine in den Weg, um den für den 6. Dezember 2009 vorgesehenen ersten Universitätskirchen-Gottesdienst auf der Baustelle der Universitätskirche zu verhindern.

Der Finanzminister des Freistaates Sachsen, Herr Prof. Unland hat anlässlich des Richtfestes Für den neuen Universitätscampus mit Universitätskirche die Einheit von Geistigem und Geistlichem als herausragende Besonderheit in der 600-jährigen Geschichte der Universität, ausgenommen die Zeit der beiden deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert, betont. Recht hat der Finanzminister, stößt aber nur auf Ignoranz und Arroganz der Universitätsleitung.

Dies Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, auf dem Wege zum Festakt mitzuteilen, war uns mit Blick auf die Universität und die Stadt Leipzig Pflicht und Bedürfnis.

Mit freundlichen Grüßen

Rainer Fornahl      Gunter Weißgerber

Den Brief finden Sie auch im Internet unter www.lvz-online.de/download (PDF, 27 kB).


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 19. November 2009
© Leipziger Volkszeitung

Universität

Erster Gottesdienst in Kirche-Aula-Bau

Der erste Universitätsgottesdienst im Nachfolgebau der einstigen Universitätskirche St. Pauli nach deren Sprengung 1968 findet am 6. Dezember ab 11.15 Uhr statt. Die Predigt hält Peter Zimmerling, es musizieren der Universitätschor und das Pauliner Barockensemble unter der Leitung von Universitätsmusikdirektor David Timm. Das Aktionsbündnis Neue Universitätskirche St. Pauli begrüße, dass der Freistaat als Bauherr zum zweiten Advent das derzeit entstehende Kirche-Aula-Gebäude der gottesdienstlichen Nutzung überlässt, sagte Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff als Sprecher des Aktionsbündnisses. Letzteres gehe davon aus, dass die Uni den Zugang über den Innenhof ermögliche.

kru

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* Ersttagsbrief: Paulinerkirche und Botanischer Garten Leipzig [1992]

 

www.paulinerkirche.de