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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 20. April 2010 (Lokales - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung
Interview
Eine ehrenwerte Gesellschaft
Leipziger Bürger pflegen die Stadtkultur und bauen auf Baumeister Lotter
Das Logo des Vereins zeigt einen bärtigen Alten. Selbiger ist Hieronymus Lotter, achtmaliger Leipziger Bürgermeister und Baumeister der Renaissance. Ein heutiger Sachwalter dieses Altvorderen heißt Ulrich Becker (72). Selbst Architekt, freilich einer im Unruhestand, wurde er jüngst zum Vorsitzenden der Lotter-Gesellschaft bestellt.
Frage: Lotter und Leipzig - warum muss man die Liaison loben?
Ulrich Becker: Nach Lotters Plänen und unter seiner Leitung entstand 1556/57 das prächtige Alte Rathaus am Markt. Der Bürgerbau gehört zu den schönsten Rathäusern Deutschlands.
Seit wann ist Leipzig Ihr Lebensmittelpunkt?
Seit 1992. Ich wollte eigentlich in Bayern das ländliche Leben pflegen, doch als die Mauer fiel, war diese Lebensplanung obsolet. Ich sagte mir: Das, was jetzt passiert, kann doch nicht an dir vorbeigehen.
Warum ausgerechnet Leipzig?
Leipzig strahlt aus, seine unglaublich reiche Geschichte, seine Urbanität zogen mich an. Auch gibt es eine Anekdote, die meine besondere Beziehung zu dieser Stadt dokumentiert: Mein Vater war Strafanwalt im Ruhrgebiet und hatte einen Prozess in Leipzig. Meine Mutter kam mit, ich war sozusagen gerade schwanger und somit schon zu frühster Zeit in Leipzig.
Was trieb Architekt Becker in L.E.?
Sanierung, Sanierung, Bürgerhäuser, Bürgerhäuser, das Vorhandene so zu erhalten und so zu gestalten, dass in den Historismus-Häusern Menschen niveauvoll leben können. Egal, welche historistische Straße man in Leipzig entlang geht, immer sieht man ein anderes Haus, und doch ist das, was man sieht, ein einziger Klang.
Was ist für Sie Architektur?
Ein-, nicht Unterordnung. Das haben die vor uns sehr gut gekonnt.
Welcher aktuelle Bau in Leipzig freut Sie besonders?
Natürlich Erick van Egeraats Uni-Bau am Augustusplatz. Vor Jahren war ich im Vorstand des Paulinervereins tätig, wir erreichten es, dass mit einem zweiten Architektenwettbewerb dieser besondere Bau und keine Nullachtfünftzehn-Architektur entstehen konnte. Das hat viel Kraft gekostet, weil es in Stadt, Land und Uni nicht wenige Gegner gab. Nun finde ich es hervorragend, wie alles gekommen ist.
Welches Bauvorhaben Leipzigs regt Sie auf?
Der Brühl ist eine Katastrophe. Am meisten stört mich die Tatsache, dass ein ganzes Stadtviertel von einer Firma so wie auf der grünen Wiese gebaut werden kann. Drei Eingänge kommen rein, die abends verschlossen werden, und das Viertel ist tot damit. Der Fehler für die Entwicklung liegt bei der Stadt.
Würden Sie Lotters Rathausbau in seiner Eigenheit und Schönheit mit van Egeraats Paulinum vergleichen?
Mit Sicherheit. Freilich hat sich damals, es gab bekanntlich noch keine Demokratie und auch nur wenige gebildete Leute, die Stadtbevölkerung nicht eingemischt. Lotter war aber ein gebildeter Kaufmann und ein Weltbürger der Renaissancezeit. Leipzig stand damals im Mittelpunkt des damaligen Europas und brauchte ein herausragendes Rathaus. Zu diesem gab Lotter die Anregung, er war aber nicht sein Architekt. Wer es zeichnete, ist nicht belegt.
Lotter zu ehren ist legitim?
Er war ein großer Bürger dieser Stadt. Die seinen Namen tragende Gesellschaft hat sich die Förderung des Stadtgeschichtlichen Museums zur obersten Aufgabe gestellt. 1999 gab es 21 Gründungsmitglieder, heute zählen wir 160 Seelen. Unsere Gesellschaft - auf diesen Titel legen wir wert, ohne elitär sein zu wollen! - finanziert Publikationen, die Restaurierung eines Bildes oder einer Kommode und unterstützt museale Neuerwerbungen.
Nun ist die Lotter-Gesellschaft nicht so populär und präsent wie beispielsweise der Förderverein Völkerschlachtdenkmal. Welche Strategie verfolgen Sie?
Mit einem Verein, der ein europäisches Friedensdenkmal zum Thema hat, wollen wir uns nicht messen. Wir wollen aber Leute ansprechen, die Lust haben, Stadtkultur zu bewahren und zu fördern. Dafür gibt es jeden ersten Montag im Monat unseren Lottertisch. Er ist auch gemeinsames Essen und Biertrinken, was aber immer unter einem konkreten Thema steht.
War Lotter ein sympathischer Herr?
Weiß ich nicht, sein langer Bart muss wohl Eindruck hinterlassen haben.
Einst wollten Sie aufs Land fliehen. Lotter tat das ebenso. Wie kam es?
Er baute bekanntlich die Augustusburg und muss dabei am Erzgebirge so viel Gefallen gefunden haben, dass er sich für den Rest seines Lebens von 1566 bis 1580 in Geyer niederließ und mit dem Lotterhof ein stattliches Herrenhaus errichtete, das nun restauriert werden muss. Unsere Gesellschaft will das Vorhaben, für das es vor Ort engagierte Leute gibt, unterstützen.
Interview: Thomas Mayer
Internet: www.lotter-gesellschaft.de
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